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Von Weite und Freiheit


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 100/2021 vom 13.09.2021

REISE Binnentörn in Brandenburg

Artikelbild für den Artikel "Von Weite und Freiheit" aus der Ausgabe 100/2021 von segeln. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Glücklich, wer ein Schwertboot sein Eigen nennt ? flexibler Tiefgang erweitert den Aktionsradius

Urlaub zu Hause, die zweite. In diesem Jahr fehlt die Zeit, das Boot auf die Ostsee zu bringen und zurückzuholen. Also wieder Brandenburg, diesmal westlich von Berlin. Das bedeutet: Ferien auf der Havel. Schon auf dem Berliner Stadtgebiet bildet die Havel Seen und Ausbuchtungen. Deren Kette setzt sich über Potsdam und Werder fort. Nördlich von Plaue wird der Fluss schmaler und die Seen werden spärlicher. An Häfen herrscht kein Mangel, aber dazwischen liegen viele freie Strecken, und Flöße und Boote verteilen sich einigermaßen.

Vom Liegeplatz im Osten Berlins führen zwei Wege zur Havel: Die Spree durch die Innenstadt und der Teltowkanal im Süden. Wir entscheiden uns für letzteren und erleben wider Erwarten dort schon das erste Abenteuer: Die bei Elwis gelisteten Sportbootliegestellen existieren nicht mehr, dafür gibt es Häfen, die nicht vermerkt sind, aber voll. Wir ...

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... wundern uns. Am Ende machen wir nach Betriebsschluss im Wartebereich der Schleuse Kleinmachnow fest und warten auf die erste Schleusung am nächsten Morgen.

So früh wollten wir im Urlaub eigentlich nicht aufstehen – aber es hilft ja nichts. Bevor wir uns in Richtung Brandenburg aufmachen, biegen wir nach rechts ab in den Griebnitzkanal zum Wannsee. Der Abschnitt zwischen Wannsee und Spandau zählt zu den beliebten Naherholungszielen der Hauptstadt, und am Sonntag ist besonders viel los. Wir legen eine Badepause in der Lieper Bucht ein, und als die Tagesausflügler langsam den Rückweg antreten, machen wir uns auf den Weg Richtung Potsdam.

Dort befindet sich in der Meierei am Jungfernsee eine Brauerei mit Biergarten und Restaurant, wo wir einkehren wollen. Wieder wundern wir uns, denn obwohl sie nicht eingetragen ist, befindet sich eine Bucht weiter eine Sportbootliegestelle, wo wir festmachen. Ein Bier später und ein paar Meter weiter beginnt dann schon die Ruhe: Die Berufsschifffahrt nutzt ab Jungfernsee Richtung Westen den Sacrow-Paretzer Kanal – auf dem Lehnitzsee und dem Krampnitzsee dagegen herrscht Nachtfahrverbot.

Der Tag endet mit einem Gewitter, und der nächste Tag beginnt mit einem. In einer Böe slippt der Anker und bleibt an etwas hängen, das wir später als alte Rohrleitung identifizieren. Nachdem wir uns beim Tauchen Hände und Füße an den Muscheln aufgeschnitten haben, gelingt es uns schließlich unter Motor, den Anker freizubekommen. Merke: Auch in idyllischen Binnenrevieren immer Arbeitshandschuhe an Bord haben. Mit dem geretteten Anker machen wir uns auf die weitere Reise.

Sportboote können anstelle des Sacrow-Paretzer Kanals die Potsdamer Havel nutzen. Dieser Weg führt vorbei an der Heilandskirche und mit Blick auf das Schloss auf der Pfaueninsel unter der geschichtsträchtigen Glienicker Brücke hindurch. Der Tiefe See sowie die Neue Fahrt liegen nah am Potsdamer Zentrum – falls man einen Abstecher in die Stadt machen möchte. Wir fahren aber lieber weiter auf den Templiner See, schon deutlich grüner, bevor der Schwielowsee den südlichen Scheitelpunkt der Potsdamer Havel markiert.

Der Durchgangsverkehr spielt sich im Norden des Sees ab. Im Süden dagegen liegen nur vereinzelt Flöße und Hausboote am Ufer, wenige Sportboote sind unterwegs. Später zeigt nur der Lichtschein am nordöstlichen Nachthimmel die Nähe der Großstädte. Am nächsten Morgen haben wir wieder einmal Spaß mit einer Sportbootliegestelle: angeblich befindet sich eine vor der Baumgartenbrücke – Fehlanzeige. Es geht weiter vorbei an Werder. Die sehenswerte Altstadt des Städtchens befindet sich auf einer Insel in der Havel.

Werder ist außerdem ein Wassersportzentrum mit Marinas, Floßstationen und Werften. Fischer Berner am Großen Zernsee lockt mit einem Anleger und einer Fischsuppe mit lokalem Fisch. Nördlich beginnt die Flusshavel. Bis zur Einmündung des Sacrow-Paretzer Kanals gibt es darauf keine Berufsschifffahrt bis auf Ausflugsdampfer. Ankerbuchten verschiedener Größen verteilen sich an beiden Ufern. Wir liegen unter einem weiten Himmel hinter Pappeln und Erlen. Allein sind wir nicht, aber die Boote und Flöße verteilen sich.

Die Gegend ist jetzt dünner besiedelt und die Natur hat mehr Raum. Große Trupps von Gänsen schnattern auf den Wasserflächen, und im Schilf lauert ein Silberreiher. Am nächsten Tag geht es weiter, vorbei an dem alten Örtchen Ketzin. Ab hier wird es erst richtig spannend. Bis Brandenburg mäandert die Havel durch Auwaldreste. Die künstliche Fahrrinne für die Berufsschifffahrt verläuft in der Mitte und lässt Flussinseln entstehen. Die Altarme sind flach und verkrautet, aber mit wenig Tiefgang gut zu befahren.

Man kann dort in kleinen Ausbuchtungen liegen oder an kleinen Strandabschnitten. Von den Berufsschiffen hört man höchstens etwas Getucker. Ab und zu kommt jemand auf einem SUP oder mit einem Kajak vorbei. Am nächsten Morgen beobachten wir zwei Eisvögel bei der Jagd. Im Grunde könnte man Tage nur auf dem Abschnitt zwischen Ketzin und Brandenburg verbringen, von Flussinsel zu Flussinsel verholen und sich frei wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn fühlen. Nur ab und zu will ein Betretungsverbot beachtet werden.

Brandenburg an der Havel lässt sich auf zwei Wegen durchqueren. Die Berufsschifffahrt nimmt den Silokanal im Norden. Sportboote mit geringer Durchfahrtshöhe und wenig Tiefgang können den Stadtkanal befahren. Westlich von Brandenburg liegt wieder eine größere zusammenhängende Wasserfläche aus Breitlingsee, Plauer See und Möserscher See. An den Inseln und Halbinseln dazwischen finden sich viele geschützte Ecken. Wir legen uns in eine Bucht an der Insel Kiehnwerder.

Am nächsten Tag steuern wir Plaue an. Die Karten warnen zu Recht vor Untiefen im Plauer See. Wer nicht ortskundig ist, sollte sich auf alle Fälle an die Tonnen halten. Wir stecken mehrfach fest und beobachten immer wieder Wassersportler, denen es auch so geht. Aber der Weg nach Plaue lohnt sich: die eingetragene Sportbootliegestelle existiert tatsächlich – und erlaubt uns einen Spaziergang zum renovierungsbedürftigen Schloss und zum Fischer Betge im Ortsteil Margaretenhof am gegenüberliegenden Ufer.

Die Berufsschiffahrt fährt bei Plaue weiter Richtung Westen auf den Wendsee und ab dort auf dem Elbe-Havel-Kanal. Die Havel führt weiter nach Norden, bis sie bei Havelberg in die Elbe mündet. Bei Pritzerbe beginnt der Sternenpark Westhavelland, eine der dunkelsten Regionen Deutschlands. Aber auch vorher schon lässt sich der Nachthimmel hervorragend beobachten. Zu beiden Seiten liegen noch Seen. Manche sind gesperrt, zum Teil lohnen sich Abstecher, wie auf dem Hohennauener See.

Wir kehren allerdings um, weil die Woche zu Ende geht. Vom Plauer See aus geht es weiter auf den Möserschen See, der sogar noch mehr Untiefen zu bieten hat. Am Ende fahren wir auf der südlich gelegenen Insel Kälberwerder ans Ufer. Am nächsten Tag machen wir wieder in Brandenburg fest. Was bleibt? Die Havel ist ein absolut lohnendes Ziel für einen Urlaub zu Hause. Das haben zwar auch schon andere entdeckt, aber zwischen den Brennpunkten auf der Route bleibt genug Raum, um Weite und Freiheit zu erfahren.

Text: Jan Maas

Revierinfos

Revier

Dahme (Langer See), Teltowkanal und mittlere Havel bis zum Plauer See

Karten

Berlin & Märkische Gewässer. Binnenband 1 (Nautische Veröffentlichungen, 2021, Papier und mit eigener App 34,80 Euro), Berlin und Brandenburg. Binnenkarten Atlas 3 (Kartenwerft, 2020, Papier und mit eigener App 39,90 Euro), Von der Elbe zur Oder. Deutsche Binnenwasserstraßen 4 (Delius Klasing, 2017, Papier und mit eigener App 49,90 Euro)

Revierinformationen

Elwis, ansonsten bieten zum Beispiel die NV Charts für ihre Kunden einen Revierservice mit aktuellen Meldungen im Internet oder direkt in ihrer App.

Wind

Hauptwindrichtung West, aber durch die vielen Flussseen chronisch unstet – mit Ablenkungen, Abdeckungen, Kapeffekten und Düsen muss man hier umgehen wollen. Für die zahlreichen lokalen Effekte am besten alte Hasen fragen oder beobachten. Für Segler lohnt es sich, die Strecke von West nach Ost zu befahren.

Wetterberichte

Die App Warnwetter des DWD liefert eine gute und praxistaugliche Mischung aus Wetterlage und Vorhersage für die grobe Planung.

Slippen/Kranen

Die Reviere sind reich an Vereinen und Marinas mit Slippanlagen und Kränen.

Beste Zeit

Normalerweise die Berliner und Brandenburger Sommerferien, wenn viele Menschen verreist sind. In Zeiten von Covid-19 vielleicht besser die Ferienzeiten und Wochenenden meiden.

Essen und Trinken

Lokale Brauereien mit Biergärten sind zum Beispiel die Meierei am Jungfernsee in Potsdam und die Braumanufaktur Forsthaus Templin am Templiner See. Frischen, geräucherten und zubereiteten Fisch gibt es zum Beispiel bei der Havelfischerei Betge in Margaretenhof in Plaue.

Tipps

Die untere Havel zwischen Plaue und Havelberg gehört zu den dunkelsten Regionen Deutschland. Infos über Beobachtungsplätze und vieles mehr finden Sterngucker auf sternenpark-westhavelland.de.

Ausrüstung

Ein Klappmast ist von Vorteil. Bei den ortsansässigen Seglern kann man sich in dieser Hinsicht einige Ideen abgucken. Manche Systeme arbeiten federgestützt, so dass der Mast vor der Brücke mit einer Hand gelegt und dahinter wieder gestellt werden kann.

Führerscheine

In Berlin wird der Sportbootführerschein Binnen auch für Kleinfahrzeuge unter Segeln verlangt. Bestimmte Abschnitte des Reviers, die von der Berufsschifffahrt kaum genutzt werden, dürfen mit Motorbooten bis 15 Metern Länge, 12 km/h Geschwindigkeit und zwölf Personen ohne Führerschein mit der sogenannten Charterbescheinigung befahren werden. Sie sind auf den Karten markiert.