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VON ZIELEN UND ZWEIFELN


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 13.02.2019

Wie leicht wir Projekte aufgeben und zu Neuem aufbrechen, hängt auch mit unserem Alter zusammen


Artikelbild für den Artikel "VON ZIELEN UND ZWEIFELN" aus der Ausgabe 3/2019 von Psychologie Heute. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 3/2019

Kinder und Jugendliche

Ein Kind lässt Pläne und Aktivitäten oft nach kurzer Zeit wieder fallen: In einem Monat buddelt es stundenlang im Garten, um sich auf eine Karriere als Paläontologe vorzubereiten. Im nächsten wendet es sich stattdessen dem Schlagzeugspielen zu oder beschließt, Bloggerin zu werden.

In jungen Jahren fällt dieZielablösung in der Regel leichter, so Veronika Brandstätter, denn man hat noch nicht die Verpflichtungen, die ein Erwachsener berücksichtigen muss. Außerdem stehen einem auch mehr ...

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In jungen Jahren fällt dieZielablösung in der Regel leichter, so Veronika Brandstätter, denn man hat noch nicht die Verpflichtungen, die ein Erwachsener berücksichtigen muss. Außerdem stehen einem auch mehr Alternativen offen, weil man noch jung genug ist und Zeit hat, um theoretisch alles zu lernen.

Projekte anzufangen und sie wieder aufzugeben spielt im Kinder- und Jugendalter aber auch eine besondere Rolle für die Entwicklung. Das Überangebot an Aktivitäten und Hobbys könne zwar dazu führen, dass junge Menschen rastlos vom einen zum anderen wechselten – aus Angst etwas zu verpassen –, kritisiert die Psychologin. „Aber generell ist Experimentieren für sie wichtig, um die Welt zu entdecken, Wissen und Erfahrungen zu sammeln, soziale Netze zu knüpfen und auch herauszufinden, was ihnen liegt.“

Auf diese Weise kann Aufgeben sogar längerfristig dasDurchhaltevermögen stärken , wie Angela Duckworth (University of Pennsylvania ) erläutert: Durch spielerische Beschäftigung und Ausprobieren könnten echtes Interesse und sogar Leidenschaft entstehen – zentrale Voraussetzungen für spätere Zielstrebigkeit: „Kinder arbeiten nicht hart für etwas, das ihnen egal ist.“ Je älter ein Kind werde, desto wichtiger sei, dass es an einer Sache dranbleibe, damit es erlebe, dass man durch Erfahrung besser wird und Rückschläge überwinden kann. Doch auch für ältere Jungen und Mädchen sei Aufhören manchmal die richtige Wahl, um Neues auszuprobieren und etwas zu finden, das sie wirklich lieben.

Junge Erwachsene

Im Alter zwischen 18 und 25 geht es darum, die eigene Identität in den verschiedensten Bereichen zu formen, erklärt Brandstätter: „Man muss herausfinden, was einen beruflich interessiert und wie man zukünftig seinen Lebensunterhalt verdienen will. Man bildet auch eine politische Werthaltung und einen Lebensstil heraus. Man steht vielleicht kurz davor, eine Lebenspartnerschaft einzugehen. Sich persönliche Ziele zu setzen und sich wieder von ihnen zu lösen kann man in der Phase deremerging adulthood als eineForm der Identitätsfindung interpretieren. Man erforscht verschiedene mögliche Selbst und probiert sie aus.“

Einerseits legt man sich in diesen wichtigen Entwicklungsjahren auf bestimmte Dinge fest; andererseits können ernsthafte Zweifel an den eigenen Zielen und Plänen aufkommen: Ist das Studienfach wirklich das richtige für mich? Will ich mit dem jetzigen Freund, der derzeitigen Freundin alt werden? „Eine solche Phase des Haderns ist nicht angenehm“, so Brandstätter. „In einer Handlungskrise, wie wir das nennen, können starke negative Emotionen auftreten, man fühlt sich häufig auch körperlich nicht gut, und die Leistungsfähigkeit kann leiden. Aber so unangenehm das ist, es führt auch dazu, dass man seinen Blick öffnet, anderen Möglichkeiten aufgeschlossener gegenübersteht, sorgfältiger abwägt und sich ein klareres Bild seinerPräferenzen und Optionen bildet – und am Ende oft ein Ziel findet, das besser zu einem passt.“

Weil junge Erwachsene in der Identitätsfindung sind, tritt dieser positive Effekt der Handlungskrise bei ihnen offenbar besonders stark hervor. So zeigte sich in einer Längsschnittstudie mit 207 Studenten von durchschnittlich 21 Jahren: Je schwerwiegender eine Krise war, die ein junger Mensch bei der Aufgabe eines Ziels im Bereich Beruf, Liebe, Familie, Gesundheit oder Freizeitaktivitäten durchgemacht hatte, als desto wichtiger und identitätsstiftender bewertete er das neue Ziel, auf das er im Laufe der Krise umgeschwenkt war, und desto sicherer war er, dass er damit die richtige Wahl getroffen hatte. „Persönliche Ziele sind Ausdruck der Persönlichkeit eines Menschen“, erläutert Brandstätter. „Die hoheEntscheidungssicherheit bei diesen Probanden weist also darauf hin, dass sich ihre Identität stabilisiert hat.“

Loslassen im Alter

Im Alter ist Aufgeben aus anderen Gründen wichtig. Wenn Augen und Ohren weniger gut wahrnehmen, die Muskeln schwächer werden oder das Gedächtnis nachlässt, können Projekte und Aktivitäten, die man bislang mit Begeisterung verfolgt hat,zunehmend schwieriger oder gar unmöglich werden. Für den einen ist es die stundenlange Gartenarbeit, für einen anderen das Skilaufen oder Klavierspielen. Wer trotz Funktionseinschränkungen Ziele, die eigentlich nicht mehr erreichbar sind, weiterverfolgt, erläutern Carsten Wrosch (Concordia University , Montreal) und Kollegen, muss mit ständigen Frustrationen und Misserfolgen umgehen und kann dann zunehmend unter Stimmungsproblemen leiden – bis hin zu einer Depression.

Dies bestätigt auch eine empirische Untersuchung der Forscher. In einer Längsschnittstudie befragten sie 135 Kanadier im Alter zwischen 64 und 90 Jahren (Durchschnitt: 72), inwieweit es ihnen schwerfalle, nicht mehr über ein wichtiges Ziel, das sie aufgeben mussten, nachzudenken. Es zeigte sich, dass diejenigen, die sich mit demLoslassen schwertaten, während der sechsjährigen Studienlaufzeit mit zunehmenden Funktionseinschränkungen mehr depressive Symptome entwickelten. Bei Senioren dagegen, die sich leichter von Zielen distanzierten, ging der Anstieg von mentalen und körperlichen Zipperlein nicht mit mehr Stimmungsproblemen einher. Bessere Stimmung wiederum war mit einer geringeren Anfälligkeit für akute Krankheiten verbunden, wie eine Nachfolgestudie von Wrosch und der Psychologin Joelle Jobin zeigt. So erkrankten Senioren, die von sich sagten, sie trennten sich eher leicht von Zielen, signifikant weniger häufig an grippalen Infekten als Senioren mitBeharrungstendenzen . Dies galt insbesondere für die besonders alten Teilnehmer der untersuchten Gruppe. Natürlich ist es wichtig, im Alter aktiv zu bleiben und weiter gewisse Herausforderungen zu suchen, aber starr an alten Zielen festzuhalten ist, wie Wroschs Arbeiten zeigen, kontraproduktiv.