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Vor 30 Jahren: Namibia wird unabhängig


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 161/2020 vom 01.03.2020
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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 161/2020

Die Unabhängigkeit Namibias im März 1990 - damals im medialen Schatten der dramatischen Entwicklungen 1989 / 1990 in Europa - markierte im Süden Afrikas das Ende der Dekolonisation, die über Jahrzehnte Entwicklungen in der Region geprägt hatte. Am 21. März 1990 hatten sich in Windhoek, der beschaulichen Hauptstadt der letzten Kolonie in Afrika, 20 Staatschefs, zahlreiche Außenminister und andere ausländische Politiker zu den Unabhängigkeitsfeiern versammelt. Die besondere, auch überregionale Bedeutung dieses Ereignisses war der Dauer des namibischen Befreiungskampfes sowie seiner internationalen ...

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... Implikationen und ihrer regionalen Ausstrahlung geschuldet.

Erst in der Endphase des kolonialen Wettstreites um Afrika hatte Deutschland 1884 Namibia als „Schutzgebiet“ besetzt. Gegen die Kolonialherrschaft in „Deutsch-Südwestafrika“ gab es von Anfang an Widerstand, der 1904 bis 1908 im Krieg der Herero und Nama seinen Höhepunkt fand und vom deutschen Kolonialregime mit brutaler Gewalt bis hin zum Völkermord unterdrückt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Südwestafrika 1920 als Mandatsgebiet des Völkerbundes unter südafrikanische Verwaltung. 1946 lehnte Südafrika die Übernahme der Mandatshoheit durch die Vereinten Nationen ab und setzte die Okkupation Namibias illegal fort, selbst als ihm 1966 das Mandat entzogen wurde. Die UNO bekräftigte ihre Verantwortung für Namibia mit der Einsetzung eines Namibia-Rates und eines UN-Kommissars. In Namibia selbst wuchs jedoch der Widerstand gegen die Okkupation. Als wichtigste von mehreren Befreiungsorganisationen wurde die 1960 gegründete South West Africa People‘s Organisation (SWAPO), die seit 1966 neben dem politischen auch einen bewaffneten Kampf führte, von der UNO als authentische Vertreterin des namibischen Volkes anerkannt und erfuhr im Befreiungskampf breite internationale Solidarität.

Der Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreiches beschleunigte Mitte der 1970er-Jahre den Dekolonisationsprozess im südlichen Afrika. Mosambik, Angola und später Simbabwe errangen ihre Unabhängigkeit. Auch deshalb initiierten westliche Staaten 1978 einen UN-Unabhängigkeitsplan für Namibia mit einer UN-Unterstützungseinheit für die Übergangszeit (UNTAG), dessen Implementierung aber von Südafrika lange blockiert wurde. Erst das veränderte Kräfteverhältnis in der Region und das Interesse der Supermächte am Abbau regionaler Konflikte ermöglichten 1989 / 1990 die Verwirklichung des Plans. Im Rahmen der Unterstützung für UNTAG, die damals größte derartige UN-Operation, engagierten sich auch beide deutsche Staaten. Sie errichteten diplomatische Beobachtermissionen in Windhoek und entsandten unter anderem Polizeibeobachter für die UNTAG. Die DDR transportierte namibische Flüchtlinge in ihr Heimatland und unterstützte deren Integration.

Unabhängigkeit

Die Wahlen im November 1989 gewann die SWAPO mit absoluter Mehrheit.

Die einstimmig angenommene Verfassung mit wesentlichen Grundrechten, die nicht eingeschränkt werden können, mit Gewaltenteilung, Pluralismus und freier Meinungsäußerung fand große internationale Anerkennung. Namibia zählt zu den afrikanischen Staaten mit hohen demokratischen Standards, unabhängigen Gerichten, einem Mehrparteiensystem, regelmäßigen freien Wahlen sowie Presse- und Meinungsfreiheit. Angesichts der Geschichte Namibias, des Befreiungskampfes und latenter ethnischer Probleme wurde eine Versöhnungspolitik proklamiert. Es blieben Herausforderungen wie extreme soziale Ungleichheit, politische und sozioökonomische Konflikte wie die Landfrage, Arbeitslosigkeit und Korruption, ergänzt durch postkoloniale Erscheinungen wie Amtsmissbrauch, Nepotismus und Ineffizienz im öffentlichen Dienst. Trotz ungünstiger naturräumlicher und klimatischer Gegebenheiten und der zeitweiligen Einmischung in Konflikte in Angola und Kongo bewahrte Namibia eine relative Stabilität, die auch separatistische Unruhen in der Region Zambezi (der sogenannte Caprivi-Zipfel) überstand. Eine jüngste Wirtschaftskrise wurde durch anhaltende Dürreperioden beeinflusst. Namibia bleibt trotz Erfolge in der Armutsbekämpfung weiterhin weltweit einer der Staaten mit den größten Einkommensunterschieden.

Analog zu anderen afrikanischen Befreiungsbewegungen an der Macht kam es auch hier seit dem Wahlsieg der SWAPO 1989 zu einer postkolonialen politischen Einparteiendominanz. Konkurrierende traditionelle Parteien und Neugründungen waren wenig erfolgreich. Die Präsidentschaftswahlen im November 2019 gewann der amtierende Präsident Hage Geingob mit 56,3 Prozent. Bei den gleichzeitigen Parlamentswahlen verlor die SWAPO (zuvor 80 Prozent) deutlich an Boden, sie verfehlte mit 65,5 Prozent knapp die Zweidrittelmehrheit.

Internationale Dimension

Grafitto vor einem Wahllokal in Windhoek


H.-G. Schleiche

Namibias Befreiungskampf war mit anderen in der Region verbunden und erhielt durch die Verantwortung der Vereinten Nationen und weltweite Solidarität eine besondere internationale Aufmerksamkeit, von der Namibia profitierte. Die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten 1990 reflektierten das Stimmungsbild am Ende des Kalten Krieges, der in Afrika über eine Süddimension verfügt hatte. Das Finale der Dekolonisation unmittelbar vor den Toren Apartheid-Südafrikas war zutiefst symbolisch. Als im überfüllten Stadion in Windhoek Südafrikas Flagge eingeholt und die Namibias aufgezogen wurde, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Präsidenten beider Länder, Frederik Willem de Klerk und Sam Nujoma, sowie UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar, der Namibias Staatsoberhaupt vereidigte. Umjubelter Ehrengast war Nelson Mandela mit seinem ersten internationalen Auftritt wenige Wochen nach der Freilassung aus langjähriger Haft. Namibias Unabhängigkeit am 21. März 1990, dem Internationalen Tag gegen Rassendiskriminierung, signalisierte den Anbruch einer Zeitenwende im südlichen Afrika - eine letzte Bastion im einst mächtigen kolonial-rassistischen „weißen Block“ im Süden Afrikas war gefallen.

Damit war auch das Ende der Apartheid in Südafrika absehbar. Dessen Regierung erkannte die Zeichen der Zeit und demonstrierte am Ende des Unabhängigkeitsprozesses ihre Kooperationsbereitschaft, auch um aus der internationalen Isolation herauszukommen. Immerhin gab es in Windhoek ein Treffen des Vorsitzenden der Organisation Afrikanischer Staaten (OAU) mit Südafrikas Staatsoberhaupt de Klerk.

Deutschland und Namibia

Windhoek war im März 1990 Schauplatz weiterer Begegnungen. Vertreter der Großmächte und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sprachen erneut über die deutsche Frage. Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse meinte nach seinem Gespräch mit Genscher, man habe sich aufeinander zubewegt. Zwei-plus-Vier-Gespräche gab es in Windhoek jedoch nicht - nur drei Tage zuvor war die DDR-Regierung abgewählt, eine neue noch nicht konstituiert worden. Die DDR war bei den namibischen Feierlichkeiten nur durch Staatssekretär Werner Fleck vertreten. Dieser wurde protokollarisch mit allen Ehren behandelt, von Präsident Nujoma empfangen und vereinbarte mit Außenminister Theo Ben Gurirab die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Die DDR eröffnete in Windhoek am 21. März 1990 ihre weltweit letzte Botschaft.

In Namibia gab es zunächst angesichts langjähriger enger Beziehungen der SWAPO zur DDR einerseits und einer vom Bundestag im April 1989 proklamierten besonderen Verantwortung der BRD für Namibia andererseits hohe Erwartungen an künftige Beziehungen zu beiden Staaten - es wurde sogar über einen „deutsch-deutschen Wettbewerb“ im unabhängigen Namibia spekuliert. Dazu kam es mit dem Ende der DDR nicht mehr.

Deutschland und Namibia entwickelten eine vielfältige und durchaus erfolgreiche Zusammenarbeit. Schwierigkeiten gab es beim Umgang mit der gemeinsamen Geschichte. Es brauchte Jahre bis zur Anerkennung des Völkermords durch Deutschland. Lange stand eine offizielle deutsche Entschuldigung aus, Verhandlungen über Entschädigungen zogen sich in die Länge. Das 30-jährige Jubiläum der Unabhängigkeit Namibias weckte diesbezüglich erneut Erwartungen.

Dr. Hans-Georg Schleicher

geb. 1943, Botschafter a.D., Historiker, Forschungen zur deutschen Afrika-politik und zum südlichen Afrika

hgschlei@t-online.de