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„Vor meinem größten Spiel schaute ich eine Giraffen-Doku“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 49/2022 vom 07.12.2022

MEDIEN NEWS

Artikelbild für den Artikel "„Vor meinem größten Spiel schaute ich eine Giraffen-Doku“" aus der Ausgabe 49/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 49/2022

Für ZDF-Kommentator Béla Réthy ist Katar die zehnte Weltmeisterschaft, über die der gebürtige Wiener im TV berichtet

SPORT BILD: Herr Réthy, die WM in Katar ist Ihre zehnte und letzte WM für das ZDF. Dann geht es in den Ruhestand. Wo steht sie im Vergleich?

BÉLA RÉTHY (65): Da habe ich gemischte Gefühle. Eigentlich rangiert sie eher hinten, weil ich eine WM lieber in einem Landmit echter Fankultur erlebe. Allerdings ist es auch meine letzte WM. Dadurch steigt ein wenig das Level wegen der Abschiedsemotionen. Katar ist mein „Last Dance“, wie bei Michael Jordan.

„Der Klobürsten-Spruch über Valderrama wäre heute nicht mehr möglich“

Welche WM steht bei Ihnen ganz oben?

Die erste WM 1986 in Mexiko war ein Rausch mit geiler Atmosphäre. Da ging ein Kindheitstraum in Erfüllung.

Im Finale sagte Kommentator Rolf Kramer live: „73. Minute, sagt mir Béla Réthy an.“

Das war meine erste Live-Erwähnung bei einer WM. Da saß ich neben ihm als Assistent. Sonst machte ich Berichte in Guadalajara, wo die Mannschaften in ...

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... unserem Hotel wohnten. Die Marokkaner bekamen nach ihrem überraschenden Achtelfinal-Einzug einen Anruf von König Hassan II. Da war aber keine Kamera dabei. Also fragte ich den Pressesprecher, wie wir das lösen könnten. Der sagt: Kein Problem, wir rufen den König noch einmal an. Also versammelte sich das ganze Team für mich in der Telefonzentrale.

Früher war man näher dran …

Auch beim brasilianischen Star Zico. Der hatte 1986 Knieprobleme. Also fuhr ich zum Training und fragte den Pressesprecher: Wie geht es Zico? Der schickte mich ins Gym. Ich solle ihn selber fragen. Zico wunderte sich, dass ich Portugiesisch konnte und sprach 15 Minuten mit mir.

Sie wuchsen in Brasilien auf. Wie wurden Sie überhaupt WM-Reporter?

Dazu machte mich 1994 der damalige ZDF-Sportchef Karl Senne, der kürzlich leider verstarb. Das musste ich mir vorher aber verdienen.

Womit?

Ich kommentierte alles Mögliche: Frauenfußball mit der WM 1991 in China, Tourenwagen, Wasserball bei Olympia. Mein erster Live-Fußballeinsatz im ZDF war das U16-Spiel Deutschland gegen Nordirland (3:0; d. Red.) in der EM-Qualifikation – am 14. März 1991 an der Hafenstraße in Essen. Aus dem Team wurde Cars- ten Jancker, der damals schon 1,90 war, sogar Nationalspieler. Die DVD bekam ich von der Redaktion zum 50. Geburtstag. Das erste WM-Spiel war 1994 Schweiz gegen USA.

Sie kommentierten bei Welt- und Europameisterschaften sechs Finals. Welches steht ganz oben?

Das erste bei der EM 1996. Mit Bierhoffs Golden Goal zum EM-Titel. Da diese Regel neu war, erstarrten alle kurz, und ich mit. Du fragst dich: Das ist jetzt vorbei, oder? Dadurch gab es eine leichte Verzögerung im Jubel. Aber dann kam es raus: „Deutschland ist Europameister!“

Wie nervös waren Sie vor dem Endspiel?

Ich erfuhr erst wenige Tage vorher, dass ich es mache. Dann ging mein Laptop mit allen Notizen kaputt. Also schrieben mein Kollege Martin Schneider und ich alle Infos, die uns noch einfielen, auf einen etwas fettigen Pizza-Karton. Um runterzukommen, saß ich im Hotelzimmer und guckte eine BBC-Doku über ganz entspannte Giraffen in der Serengeti. Ich dachte: Wenn das Finale gut geht, kann dir nicht mehr viel passieren im Leben.

Machen Sie heute die Notizen handschriftlich?

Immer noch am Laptop, aber ich drucke alles regelmäßig aus. Ich habe sogar immer einen kleinen Reisedrucker dabei, sogar jetzt in Katar. Papier kann nicht abstürzen.

Bei der EM 2008 erlebten Sie eine weitere Extremsituation. Bildausfall beim Halbfinale Deutschland gegen die Türkei. Sie wurden zum Radioreporter.

Mein Assistent Martin, sonst der größte Stoiker, wurde plötzlich unruhig und informierte mich, dass schon seit Minuten kein Bild zu sehen war. Ich redete also ins Dunkel. Das ZDF blendete dann ein großes Bild von mir ein. Das sah man überall in Deutschland auf riesigen Public-Viewing-Bildwänden – und alles, weil in Wien im Sendezentrum der Uefa der Blitz eingeschlagen war. Ein Kollege zog dann das Schweizer TV-Bild auf den Sender, allerdings mit Ton-Bild-Zeitversatz im Kommentar. Ich sagte schon „Tor Klose“, doch die Flanke war noch sechs Sekunden in der Luft.

Ihr Wahnsinnsspiel war das deutsche 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014.

Darauf werde ich am meisten angesprochen. Das hat den größten Eindruck hinterlassen, weil die Brasilianer so vernichtet wurden. Eine Hamburger Künstleragentur hat mir ein Poster erstellt, auf dem in kleinen Buchstaben mein gesamter Kommentar abgedruckt ist. Oben stehen die Torschützen in Gold. Das hängt noch im Mainzer ZDF-Büro, bald in meinem Flur.

Warum wollten Sie eigentlich Fußball-Kommentator werden?

Ich jobbte 1978 im ZDF-Archiv. Da bereitete sich die Redaktion auf die WM in Argentinien vor. Damals dachte ich nur: Wäre es geil, bei so etwas dabei zu sein. Damals wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Praktikum machen wolle. Der erste kleine Minischritt.

Das ist Belá Réthy

Béla Réthy ist seit 1987 ZDF-Redakteur, seit 1991 Live-Fußball-Kommentator. Er war bei zehn Weltmeisterschaften im Einsatz, kommentierte die WM-Endspiele 2002, 2010 und 2018 sowie die EM-Finals 1996, 2004 und 2012. Dazu war er bei sieben Champions-League-Endspielen am Mikrofon. Sein erster Bundesliga-Einsatz war am 21. April 1984 bei Bochum gegen Stuttgart für das „Aktuelle Sportstudio“

Wie hielten Sie 35 Jahre ZDF durch?

Auch durch meine Nervenstärke. Das lernst du bei Zweitliga-Berichten aus Meppen, wo du kurz nach Abpfiff im Führerhaus eines LKW auf einem unscharfen Schwarz-weiß-Monitor live in die Sendung einen Beitrag babbelst. Der liebe Gott hat mir immer ein Verb geschenkt. So bekam ich auch unter Druck die Sätze noch in vernünftigem Deutsch zu Ende.

Was werden Sie vermissen?

Das gemeinsame Lachen und Arbeiten mit den Kollegen. Das Teamgefühl!

Und was nicht?

Die Kälte des modernen Fußballs. Daher ist es auch ein guter Moment, um aufzuhören. Katar ist eine WM, bei der offen über die Korruption bei der Vergabe geredet wird. Die Brutalität des Geldes sorgt für Entfremdung. Auch dem Social-Media-Schwachsinn werde ich nicht nachtrauern.

Ihr berühmtester Spruch ist: „Das da vorn, was aussieht wie eine Klobürste, ist Valderrama“ (Kolumbiens Kapitän Carlos Valderrama; d. Red.). Könnte man den heute noch bringen?

Nein, das wäre heute nicht mehr möglich und war auch damals in der Spontaneität schon grenzwertig.

Das ZDF überträgt ein Halbfinale, das höchstwahrscheinlich Ihr letzter Einsatz wird – vielleicht sogar an Ihrem 66. Geburtstag am 14. Dezember. Haben Sie sich schon überlegt, was Sie sagen werden?

Das persönliche Finale am Geburtstag wäre die Pointe für die Karriere. Ich werde mir nichts aufschreiben, weil ich ein ganz schlechter Vorleser bin. Daher werde ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich weiß noch nicht, was ich sagen werde.

Was machen Sie ab Januar?

Ich bleibe mein Leben lang Fußball-Fan und werde sicher ins Stadion gehen. In der 3. Liga, oder werde die Frankfurter Eintracht, mit der ich privat sympathisiere, vielleicht in der Champions League nach Neapel begleiten. Die neue Freizeit nutze ich auch für meinen 15 Monate alten Enkel Jonathan. Ein großesGeschenk! Ich werde meine Terminlosigkeit genießen. Ich tauche bestimmt immer wieder mal auf. Wie ein Leistungssportler muss ich ja abtrainieren …

Réthys beste Sprüche

„Waleri Lobanowski hat sich bewegt! Wir schreiben die 14. Spielminute!“

(über de n stoischen Trainer der Sowjetunion)

„Das war ein freundschaftliches Anknabbern“

(über einen ungeahndeten Biss von Antonio Rüdiger gegen Paul Pogba bei der EM 2021)

„Man kann hier im Sommer nicht mal spazieren gehen – es sei denn, man mag seinen Hund nicht“

(über das heiße Wetter in Katar)

„Das ist hier alles keine Zeitlupe, das sind reale Bilder“

(über das deutsche Spiel gegen Südkorea bei der WM 2018) i st Valderrama“

„Das da vorn, was aussieht wie eine Klobürste, ist Valderrama“

„Auch in dieser Szene beweist der Schalker seine Schusskraft, nutzt die gesamte Höhe des Platzes“

(über einen hohen Ball vom Ex-Schalker Jörg Böhme)

„Der Typ ist so quirlig, der geht nach dir in die Drehtür und kommt vor dir wieder raus“

(über Spaniens David Villa)

„Wir haben jetzt das Bild vom Schweizer Fernsehen übernommen. Dadurch sieht das Spiel der Deutschen aber auch nicht besser aus“

(über das deutsche EM-Spiel 2008 gegen die Türkei, als das ZDF einen Bildausfall hatte)