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Vorschau des Monats: DRACULA (Vorschau)


Blu-ray Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 12.02.2021

So viele „Dracula“-Umsetzungen hat es schon gegeben und die Vielzahl an entsprechenden Filmen und Serien scheint bereits den letzten Tropfen Blut aus dem Vampir-Genre gelutscht zu haben. Was also können die „Sherlock“-Showrunner Steven Moff at und Mark Gatiss dem noch hinzufügen? Eine ganze M2enge …


Artikelbild für den Artikel "Vorschau des Monats: DRACULA (Vorschau)" aus der Ausgabe 1/2021 von Blu-ray Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blu-ray Magazin, Ausgabe 1/2021

Bilder: Polyband

Horror-Serie

Die freche, moderne und temporeiche Erzählweise der Serie „Sherlock“ holte den schon sehr häufig bemühten Meisterdetektiv ins 21. Jahrhundert und entlockte dem Deerstalker-Träger ganz neue Facetten, ohne dessen literarische Ursprünge zu vernachlässigen. Daher erhofften sich Fans ...

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... der Serie logischerweise genau das gleiche Vorgehen bei Moff ats und Gatiss’ neuestem Projekt, dem Dreiteiler zu „Dracula“. Und sie wurden nicht enttäuscht. Dass auch hier moderne Denkweisen im Mittelpunkt stehen, beweist die smarte, holländische Nonne Agatha (Dolly Wells), die dem ausgemergelten, der Gefangenschaft Draculas entkommenen Jonathan Harker (John Heffernan) noch vor dem blutgetränkten Vorspann sehr direkte und unangenehme Fragen stellt, so als sei sie die Vorfahrin eines gewissen Mr. Holmes: Hatten Sie Sex mit Graf Dracula?

Interview mit einem Vampir?

Ihre Frage ist berechtigt, denn irgendwie wurde Harker mit einer Krankheit infiziert und das sexuelle Interesse des Grafen für beide Geschlechter ist allgemein bekannt. Die gespitzten Holzpflöcke in ihrer Tasche zeigen, dass sie bereits mit dem Konzept und einigen Regeln des Vampirismus vertraut ist. Für 1897 scheint Schwester Agatha ihrer Zeit gedanklich weit voraus, äußert sie doch jederzeit spitzfindige Nackenschläge gegen die eingeschränkten Selbstverwirklichungsmöglichkeiten der Frauen und praktiziert streng wissenschaftliche Methoden. Auch mit dem Glauben hadert sie, was für eine kirchliche Ermittlerin ungewöhnlich ist. Dennoch bleibt sie allen Möglichkeiten gegenüber offen. Obwohl Harker einen dicken Erlebnisbericht verfasst hat, besteht die Schwester auf eine ungeschönte Schilderung seiner Gefangenschaft bis ins kleinste Detail. Geduldig hören sie und ihre ominöse „Anstandsdame“ der Geschichte zu, während Harker eine Fliege unters Augenlid krabbelt …

Ich trinke keinen Wein

Die erste rund 90minütige Episode lässt sich als Neuinterpretation des Hauptparts von Bram Stokers „Dracula“ schauen. Hier wie dort folgen die Zuschauer den Ausführungen Harkers, der das unheimliche, labyrinthartige Schloss Draculas erkundet, als wäre er der Protagonist aus Franz Kafkas „Das Schloss“. Wie dieser entfernt sich Harker immer weiter vom Ziel, je mehr er versucht, sich diesem zu nähern. Sein erstes treffen mit dem Grafen entspricht fast eins zu eins dem Roman bzw. der bekannten Francis-Ford-Coppola-Verfilmung von 1992 mit Gary Oldman in der Hauptrolle. Harker sitzt an der Bankett-Tafel, spricht mit dem sehr alten Grafen über Rotwein, den der Spitzzähnige natürlich nicht trinkt, und wundert sich über die seltsam widersprüchlichen Ausführungen seines Gastgebers. Je länger der Anwalt dort bleibt, desto mehr Jugend saugt ihm der Graf aus und desto besser ist dessen englische Aussprache – schließlich will er ja ein Grundstück in England erwerben. Es gibt die drei Briefe an Harkers Verlobte Mina (Morfydd Clark) und auch mit dem Konzept der Bräute des Grafen macht sich der Mann vertraut. Wobei sich der Begriff „Braut“ hier wie oben bereits erwähnt geschlechtsunspezifisch verhält. Immer wieder stoppt Zuhörerin Agatha die Binnenhandlung, wenn sie über bestimmte Begriffe und doppeldeutige Formulierungen Draculas stolpert. „Die Menschen hier haben keinen Geschmack“ zum Beispiel, was bedeuten könnte, dass sie entweder anspruchslos sind oder im wahrsten Sinne des Wortes ein zu fades Aroma besitzen. Oder auch „Ich nehme Sie in mich auf“, was der gute Gastgeber gewiss nur in Zusammenhang mit der Sprache und den kulturellen Eigenheiten des Briten gemeint hat …

Regeln der Bestie

Obwohl hier so vieles bekannt ist, entdeckt der Zuschauer Dracula auf diese wissenschaftlich analytische Weise noch einmal komplett neu. Es wird klar, dass es feste Regeln gibt, wie etwa dass der Graf keine Spiegel mag, er nur dann Türschwellen übertreten kann, wenn er hineingebeten wird, er auf Kreuze allergisch reagiert und Sonnenlicht tunlichst meidet. Die Kruzifix-Regel scheint nicht ganz so gut zu funktionieren wie gedacht, aber im Großen und Ganzen verhält sich der Nachtwandler genauso, wie man es von ihm erwartet. Diese Regeln sind das zentrale Element der Serie, denn Agatha gibt sich nicht damit zufrieden, sie einfach nur zu kennen. Sie will wie als Psychologin die Ursachen dafür kennenlernen und experimentiert ohne Angst und Zurückhaltung. Und da kommt langsam die Neuerung in das Geschehen. Während die Menschen des 19. Jahrhunderts keinerlei Fragen stellen, sich stattdessen lieber in ihren Glauben flüchten und den Schrecken als solchen akzeptieren, bohrt Agatha immer weiter, weil sie verstehen und etwas verändern möchte.

Schwester Agatha (D. Wells) mischt das Geschehen mit ihrer modernen, intelligenten Art gehörig auf


Blut ist Leben

Auch die zweite Folge hält sich strukturell an die Vorlage, nur mit dem Unterschied, dass hier die Überfahrt nach London näher beleuchtet wird. Bestand die Kulisse der ersten Folge aus Klosterund Schlossmauern, findet die weitere Handlung auf dem Schiff Richtung neuer Welt statt. Man kennt das ja aus anderen Horror-Filmen wie z. B. „Alien“: In dem begrenzten Raum eines Schiffes befindet sich ein Monster, das die gesamte Besatzung bedroht und davon abgehalten werden muss, die Erde bzw. das Festland zu erreichen. Viele neue Charaktere und das klaustrophobische Horror-Szenario erwecken den Eindruck, dass es sich um die Kinofortsetzung des ersten „Dracula“- Films handelt.
Episode drei ist dann folgerichtig der Abschluss des Ganzen; ein Finale, das ebenfalls vor neuer Kulisse spielt. Wer Bram Stokers Vorlage kennt, weiß, dass Dracula in London eintreffen und die Pest über die Stadt bringen wird. Im Grunde setzt dies die Serie ähnlich um, allerdings unter einem ganz anderen Blickwinkel als jemals zuvor. Und der hat es wirklich in sich. Lassen Sie sich überraschen, welche Wendung Sie dort erwarten wird. Nicht jedem wird die abschließende Folge gefallen, da hier alles auf den Kopf gestellt wird. 90 Minuten erscheinen zu wenig, als dass Dracula in seiner neuen Umgebung sämtliche Spielarten erfahren kann. Einige gezeigte Kapitel, wie beispielsweise die Liaison mit einer jungen Frau, könnten daher als Verschwendung wertvoller Erzählzeit angesehen werden. Doch ist gerade diese seltsame Konfrontation mit einer neuen Denkweise in unseren Augen besonders interessant, da sie den Perspektivwechsel zum „besonderen Alltäglichen“ vervollkommnet.

Völlig entkräftet und ausgemergelt berichtet Jonathan Harker von seiner Begegnung mit Dracula


Ach wenn die Passagiere dieser „Kreuzfahrt“ nur wüssten, welch düsterer Gast unter ihnen lauert


Arschloch mit Manieren

Gespielt wird der berühmte Fürst der Dunkelheit von dem Dänen Claes Bang, den der ein oder andere vielleicht in der bekannten Krimi-Serie „Die Brücke“ als zwielichtigen Gigolo oder in „The Square“ als verzweifelten Ausstellungsleiter kennengelernt hat. Sein Gesicht ist mindestens ebenso markant wie jene physiognomische Hügellandschaft von Mads Mikkelsen, was den Effekt hat, dass der Zuschauer ohne Probleme Parallelen zwischen dem Serien-Dracula und dem Serien-Hannibal ziehen kann. Beide sind moderne Serienkiller und Gourmets, immer auf der Suche nach neuen Aromen und Erfahrungen. Beide verbergen ihre skrupellose Bestie hinter der aristokratischen Maske namens Manieren. Und sie betrachten ihre Opfer als Freiwild, das nur in den seltensten Fällen soziales Interesse in ihnen weckt. Ihre Verfolger sind mehr von ihnen fasziniert, als dass sie sich abgestoßen oder verängstigt fühlen würden. Sie sind diabolische Verführer, strategisch vorgehende Feldherren und Narzisten, deren einzige Schwäche die süffisante Selbstdarstellung ist.
All das verkörpert Claes Bang mit Bravours. Je nach Lichteinfall und Gemütszustand nimmt der Däne die Ausstrahlung eines Marlon Brando in seinen besten Jahren an oder er trägt den Zylinder wie der wunderbare Jeremy Brett in seiner Rolle als „Sherlock Holmes“. Faucht er mit nach hinten gegelten, glatten Haaren und blutroten Augen in die Kamera, ist seine Ähnlichkeit zu Christopher Lees Dracula unverkennbar. Diese Ähnlichkeit nutzten die Serienschöpfer für visuelle Verbeugungen vor den Klassikern des Genres, die die gesprochenen Zitate hervorragend ergänzen.
Und wer jetzt glaubt, dass eine „Dracula“-Serie der BBC nicht gruselig sein kann, wird eines Besseren belehrt. Wunderschöne analoge Effekte lassen zusammengefaltete Untote ruckartig ihren Särgen entsteigen, verwandeln einen schwarzen Wolf auf widerlich schleimige Weise in einen Mann und zeigen, was passiert, wenn der berühmteste aller Vampire mit einem Baby spielt: „Johnny, hier ist kein Baby!“ So ist „Dracula“ ohne Frage blutig und makaber, bleibt aber innerhalb der FSK-16-Grenzen. Skurrile Gedankenexperimente wie selbstmordgefährdete Untote tragen dabei eher zur humorvollen Unterhaltung bei, anstatt den Splatter-Faktor nach oben zu treiben. Selbst wenn es sich dabei tendenziell um sehr tragische Charaktere handelt.

Rein wissenschaftliches Interesse?

Als grandioses Gegengewicht zum antagonistischen Hauptcharakter der Serie trumpft die Britin Dolly Wells als Schwester Agatha auf. Ihre ungestüme, intelligente Art bringt frischen Wind und sorgt für die meisten Schmunzler. An dieser Stelle sei auch die gute Synchronisation gelobt, die aufgrund der vielen Wortspiele und des holländischen Akzents sicherlich eine Herausforderung war. Das intellektuelle Kräftemessen zwischen Agatha und dem 500 Jahre alten Vampir könnte kaum unterhaltsamer sein, da es sich nicht auf die reine körperliche Auseinandersetzung mit Holzpflock und Schneidezahn beschränkt. Sie begreifen das Blut als wichtigsten Geschichten-Erzähler und sind sich in ihrem Zynismus ähnlicher, als sie es zugeben wollen. Die geschliffenen Dialoge der Serien-Charaktere tragen sehr zum hohen Erzähltempo bei und heben sich enorm von den häufig pathetischen Dialogen und langsamen Handlungsentfaltungen anderer Vampir-Formate ab. So zählt der gewitzte Vampir-König wieder zu den cooleren Filmhelden und lässt trotz des handlungsabschließenden Finales auf mehr hoffen. Die Modernisierung des klassischen Stoffs ist Moff at und Gatiss wie auch schon bei „Jekyll“ und „Sherlock“ absolut gelungen.
Da die Blu-ray-Veröffentlichung der Miniserie aus produktions- und absatztechnischen Gründen kurzfristig vom 26. Februar auf den 26. März verschoben wurde, erreichte uns die Scheibe leider nicht rechtzeitig für einen technischen Test in dieser Ausgabe. Deshalb ist der ursprünglich geplante „Test des Monats“ diesmal eine ausführliche „Vorschau des Monats“, in der wir neben der inhaltlichen Kritik zumindest auch eine Übersicht über Ausstattung geben können. Der Bonusteil umfasst leider nur 20 Minuten Behind-The Scenes- Material und es gibt einen Audiokommentar zur viel diskutierten dritten Episode.


Bilder: © veleri_kz/stock.adobe.com, Polyband