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VORWÄRTS, MARSCH!: DIE AUSBILDUNG DES AKADEMISCHEN REITPFERDES


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 30/2018 vom 10.08.2018

„Alles Zirkus? Dressieren kontra Dressur“ lautet das Thema dieser Ausgabe der FEINEN HILFEN. Gerade in der Welt der Reiterei gibt es viele spartenunabhängige Vorurteile, Missverständnisse und Irrwege. So wird den Interessenten der akademischen Reitkunst nach Bent Branderup häufig von anderen Reitern vorgeworfen, zu verhalten und zu viel im Schritt zu arbeiten. Aber stimmt das wirklich? Marius Schneider und Stefanie Niggemeier klären im folgenden Text auf: über das Vorwärts, wie es in der Praxis umgesetzt werden sollte und über sinnvolle Trainingseinheiten, die die Tragkraft des Pferdes stärken.

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Marius Schneider auf Lusitanohengst Orfeu …


Foto: Gabriele Metz

„Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade.“ Dieser berühmte Satz Gustav Steinbrechts ist einer der wichtigsten Gedanken in der Ausbildung des Pferdes. Aber wie kann man ihn in die Praxis umsetzen? Die akademische Reitkunst bietet dem Reiter einen sinnvollen Trainingsaufbau, um das Vorwärts im Sinne Steinbrechts im Pferd zu erarbeiten und zu etablieren.
Zuerst einmal muss man näher darauf eingehen, was Steinbrecht unter diesem Vorwärts versteht: „Unter diesem Vorwärtsreiten verstehe ich nicht ein Vorwärtstreiben des Pferdes in möglichst eiligen und gestreckten Gangarten“, führt er aus. Das Bestreben der Hinterfüße, die Last immer und stets vorwärts transportieren zu wollen, das sei es, was mit Vorwärts gemeint sei, erklärt Steinbrecht weiter. Bei Vorwärts kann es sich also nicht um „fleißig“ im Sinne von Tempo handeln, sondern vielmehr muss die Bewegungsrichtung der Hinterfüße immer unter den Leib des Pferdes in Richtung Schwerpunkt im Sinne von „in allen Gelenken der Hinterhand tätig“ beobachtet werden. Das Pferd, von Natur aus eher ein Lauftier als ein Tragtier, muss erst lernen, einen Reiter in Balance zu tragen, damit es gesund auch unter dem Sattel gearbeitet werden kann. Sein Körper ist eigentlich nicht für das Reiten geschaffen, wird doch der gesamte Brustkorb lediglich an beweglichen Strukturen aufgehängt, die ihn an Ort und Stelle halten. Diese Strukturen sind jedoch vor allem beim jungen Pferd schnell strapaziert und können, wie ein Gummiband, regelrecht ausleiern.
Jedem Statiker oder Brückenkonstrukteur würde womöglich mulmig, wenn das größte Gewicht ausgerechnet an der schwächsten Stelle die größte Belastung verursacht, was genau dann der Fall ist, wenn der Reiter auf dem Rücken des Pferdes Platz nimmt. Die einzige Möglichkeit, der „Konstruktion“ Pferd und dem Reiter Stabilität zu verschaffen, sind die möglichst weit nach vorne tretenden Hinterbeine. Hinterbeine, die vorwärts gearbeitet werden.
Dies ist eines der Hauptziele in der „Akademischen Reitkunst“: Erschaffen von Tragkraft durch ein Vorwärtsarbeiten der Hinterbeine bei gleichzeitigem Stabilisieren des Rückens und Entlasten der Vorhand. Das jedoch ist für das junge Pferd nicht so einfach machbar.
Weil nämlich das junge oder jung in Ausbildung befindliche Pferd nicht von Natur aus in der Lage ist, beide Hinterbeine gleich weit nach vorne zu bringen, handelt es sich um einen Schulungsprozess, dem man sorgfältige Aufmerksamkeit widmen muss. Pferde haben ebenso wie wir Menschen eine natürliche Händigkeit, sind Rechts-oder Linkshänder. Genau wie uns fällt ihnen Bewegung auf der anderen Hand schwerer, für sie ist es, als sollten wir plötzlich mit der anderen Hand malen oder schreiben. Das ist gar nicht so einfach, wie man einfach selber ausprobieren kann. Dazu kommt, dass viele Pferde eine natürliche Schiefe haben, die im Laufe der Ausbildung mehr und mehr behoben werden muss. In manchen Fällen ist die natürliche Schiefe sehr extrem ausgefallen, was die Bewältigung von Aufgaben eines Reitpferdes noch mehr erschwert. Hier kommt der Begriff „Geraderichten“ ins Spiel.

Balance in der Bewegung

Zusätzlich zu der mangelnden natürlichen Fähigkeit, beide Hinterbeine gleich vorwärts zu bringen, ist das Pferd auch in der Vorhand nicht geradegerichtet und beide Schultern müssen zuerst frei gearbeitet, „entbunden“ werden. „Unter Gleichgewicht des Pferdes versteht man die richtige, gleichmäßige Verteilung des Körpergewichts auf die vier Füße“, führt Steinbrecht also aus. Allerdings ist es zusätzlich zur Händigkeit oder zu den einfach nur bevorzugten Beinen zur Balancefindung eine Tatsache, dass die Vorhand mit Hals und Kopf des Pferdes und dem daraus resultierenden großen Gewicht rund 60 Prozent des Gesamtgewichtes ausmacht und das Pferd so gewichtsmäßig auf die Vorhand bringt. Das Problem ist hier nicht die Natur des Pferdes, sondern eben die neue „Aufgabe Reiten“: Damit die Bewegung für das Pferd möglichst verschleißfrei, ökonomisch und leicht ist, muss sie störungsfrei sein. Das ist sie jedoch nur, wenn sie in Balance ist. Balancieren ist das Training des Gleichgewichtes und muss im Laufe der Ausbildung erarbeitet werden. Um eine gleichmäßige Verteilung des Körpergewichtes zu erreichen, muss das Pferd vermehrt in seiner lateralen und längslaufenden Balance geschult werden. Bei der lateralen Balance handelt es sich um die seitliche Gleichgewichtsverteilung, bei der das Pferd lernt, die eigene Körpermasse auf die jeweiligen rechten und linken Vorderund Hinterbeine gleichmäßig zu verteilen. Durch das Zentrieren der Körpermasse wird ein schwankender Gang oder ein Hineinfallen in Wendungen verhindert. Beim Training der längslaufenden Balance wird ein Ausrichten der Körpermasse zwischen der Vorhand und der Hinterhand des Pferdes erarbeitet. In der Regel wird die Balance in der Bewegung geschult, bei dem ein Scheinlot gesucht wird, das aus Schwerkraft und Fliehkraft resultiert. Die Akademische Reitkunst arbeitet zusätzlich auch im Stillstand. Dabei wird der Körper des Pferdes lateral und/oder längslaufend über der Standfläche ausgerichtet. Was im Stehen erst einmal verstanden und jederzeit ausführbar ist, wird sich in der Bewegung wesentlich einfacher abrufen lassen. Statisch gesehen ist ein Pferdekörper im Gleichgewicht, wenn sich alle äußeren Kräfte gegenseitig aufheben. Dabei ist zu beachten, dass Reiter und Pferd immer als geschlossenes System zu sehen sind, die sich gemeinsam bewegen müssen. Nur in Balance ist eine gesunde dreidimensionale Bewegung möglich, die notwendig ist, um einen Rückengänger auszubilden. Von Holleuffer, der in seiner „Bearbeitung des Reit-und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ (Hannover, 1882) diese Begriffe prägte, definiert auch den Begriff Schwung: die dreidimensionale Bewegungsfähigkeit der Wirbelsäule, ihre „Schwingungen, ausgehend von den Hinterbeinen“. Schwung ist ein weiteres großes Ziel in der Ausbildung des akademischen Pferdes.

… und auf dem fünfjährigen Knabstrupperhengst „Titzian aus der schützenden Hand“. Hier im Renvers.


Foto: Carina Dörfler

Das Geheimnis einer guten Figur

Eine gute Möglichkeit, um einerseits zu überprüfen, was es unter Balance versteht und mit welchem Bein das Pferd wann Last tragen will, andererseits aber auch dem Pferd neue Vorschläge zu machen, wie es seine Bewegungskompetenz erweitern kann, aber auch welche Hilfen des Reiters es schon annehmen wird, ist die Arbeit auf verschiedenen Hufschlagfiguren. Um zu wissen, welche Hufschlagfigur wann in der Ausbildung des Pferdes interessant und effektiv ist, muss man zuerst einmal verstehen, was sie dem Pferd beibringen soll und was man über das Verständnis des Pferdes von der bisherigen Ausbildung in Erfahrung bringen kann. Arbeit auf verschiedenen Bahnfiguren hat also einerseits den Vorteil, dass eine vorsichtige Gymnastizierung erreicht werden kann, andererseits soll aber auch ein Hilfenverständnis von Pferd und Reiter entwickelt werden, das eine feine, exakte Kommunikation ermöglicht. Das Erarbeiten dieser Kommunikation, dieses Hilfenverständnisses ist ein weiteres Ziel in der akademischen Reitkunst, das dazu führen soll, dass das Pferd nicht eine Lektion oder einen bestimmten Übungsablauf an einer bestimmen Stelle erinnert, sondern so zwischen den Hilfen steht, dass es jederzeit in Form, Rahmen und Linienführung veränderbar ist: Das akademisch geschulte Pferd lernt Hilfen statt Lektionen.

Werfen wir einen Blick in die Geschichte der Reitkunst, dann beginnen wir mit den Lehren der ersten Ritterakademie der Renaissance, gegründet 1532 in Neapel von Frederico Grisone. In seiner „Gli ordini di Cavalcare“ erklärt er verschiedene Hufschlagfiguren und ihren Nutzen für das Pferd. Gerade das junge Pferd führt er behutsam auf verschiedenen Linien unter dem Sattel. Er arbeitete in Ermangelung eines festen Reitplatzes auf dem frisch gepflügten Feld, das im Herbst abgeerntet worden war. Was er besonders betont: Das Laufen auf der Kreisbahn ist für das Pferd nicht natürlich und gilt laut Grisone sogar als Strafe, weil es das Pferd vom freien Lauf abhält. Grisone bemüht sich hier um einen Kompromiss mit dem Pferd, indem er die vom Pferd bevorzugte und natürliche gerade Linie mit dem Abwenden auf die Kreisbahn abwechselt. Diese Hufschlagfigur nennt er den Repellon oder Repulon. Der größte Vorteil dieser Arbeit liegt darin, dass das Pferd vorsichtig in einem Moment auf dem einen Hinterbein gymnastiziert wird, dieses Bein dann entlastet wird, indem das zweite Bein wieder hinzugefügt wird und bevor das Pferd aus der Balance kommt und seinem eigenen Gleichgewicht auf der Geraden hinterherläuft, wie es nur passieren muss, wenn das noch nicht geradegerichtete Pferd auf der geraden Linie zu früh geritten wird.

Der Prozess des „Wendigmachens“

Überhaupt ist dieser Prozess des „Wendigmachens“ eines der Ziele des Renaissance-Reiters, ist doch Wendigkeit ein altes Wort für Versammlung: das Verlagern von Gewicht von der Vorhand auf die Hinterhand bei gleichzeitiger Tätigkeit aller Gelenke der Hinterbeine. Wir sehen Variationen dieser Arbeit dann bei vielen anderen Reitmeistern. Pignatelli, Schüler Grisones, gibt in seiner Ritterakademie sein Wissen weiter an seine eigenen Schüler, darunter so berühmte Reitmeister wie Salomon de la Broue, Antoine de la Baume Pluvinel, de la Noue und auch Löhneysen. Letztere kopieren das Wissen und Können Grisones und Pignatellis. Große Linien, abgewechselt mit großen und immer wieder auch kleineren Wendungen, werden in Schritt, Trab und Galopp geritten. Hinzu kommt bei de la Noue und natürlich Pluvinel dann die Arbeit auf der Reitbahn um den Einzelpilaren herum. Um aber den Einzelpilaren effektiv nutzen zu können, muss das Pferd in enger Kreisbahn in der Lage sein, bei jedem Schritt die Schultern auf die Hüfte abzuwenden, während der Vorgriff des Hinterbeins immer in der Lage sein muss, das Gewicht des Pferdes auch aufzunehmen. Dieser Prozess findet gleichzeitig statt.

Auf allen Vieren im Kreis herum

Würde man also jetzt schon zu Beginn der Ausbildung vom jungen Pferd verlangen, beide Hinterfüße von Anfang an nach vorne unter den Leib zu bringen, wie es ja schließlich notwendig ist, um gesund tragen zu können und Schwung zu entwickeln, dann würde dieser Wunsch das Pferd überfordern, weil es noch nicht in der Lage ist, ihn aufgrund von Schiefe und Händigkeit auszuführen. Hier handelt es sich also um eine Zielsetzung, ein Endprodukt. Will man dem Pferd diesen Wunsch mittels Hilfen vermitteln, ist es klug, zuerst mit einem Hinterbein zu beginnen, um das Pferd in seinem natürlichen Balancegefühl nicht von Anfang an allzu sehr zu stören und Gelenke vorsichtig in Tätigkeit zu bringen, ihnen das Lastaufnehmen durch Biegen zu erklären. Zusätzlich wollen wir aber auch die Vorhand des Pferdes mehr und mehr entlasten, indem wir das Gewicht peu à peu in Richtung Hinterhand verschieben, wir entbinden die Vorhand vom Mehrgewicht, wie die alten Meister diesen Prozess nannten.
Die optimale Hufschlagfigur für diese Arbeit ist der Kreis, der aber leider nicht zum natürlichen Bewegungspotenzial des Pferdes gehört. Für ein Fluchttier wäre es in der freien Natur ausgesprochen sinnlos, Kreise zu laufen, weshalb das „Konzept Kreisbahn“ dem jungen Pferd so beigebracht werden muss, dass es auch hier Balance findet und sein Gewicht auf alle vier Beine gleich zu verteilen lernt. Dabei ist zu beachten, dass die Kreislinie schonend und behutsam ausgebildet werden muss. Ein zu intensives und langanhaltendes Zirkeln bringt schnell Ermüdung aufseiten des Pferdes mit sich. Die Kreislinie ist ein starkes Instrument der Reitkunst und jeder Ausbilder eines Pferdes sollte damit sehr durchdacht umgehen und schonend aufbauen. So muss das Reiten von mehreren Zirkellinien hintereinander in perfekt gleichbleibender Anlehnung, Schwungentwicklung und Balance eher als anzustrebende Bahnfigur angesehen werden, die es zu entwickeln gilt. Wird das unerfahrene Pferd zu früh und zu lange auf der Zirkellinie gearbeitet, so kommt es auch schnell zu Frustrations-und Motivationsproblemen.

Besonders der Vorwärtsdrang leidet schnell durch falsch verstandenes Zirkeln. So gilt es unter allen Umständen den „Vorwärts“-Gedanken von Steinbrecht aufrechtzuerhalten und die Qualität der vorwärts arbeitenden Hinterhand durch ein korrekt erarbeitetes Zirkeltraining zu steigern. „Nicht sehr lange kann das Pferd auf der Kreisbahn laufen“, der Herzog von Newcastle empfiehlt gut 100 Jahre nach Grisone, nicht mehr als vier Volten auf einer Hand zu reiten und dann zu wechseln. Diese Aussage erklärt auch den bereits genannten Aufwand, sich die lang anhaltende Zirkellinie über verschiedene kurz gerittene gebogene Übungen sinnvoll und nachhaltig zu erarbeiten.

Linienführung

Ein weiterer wichtiger Punkt für effektives Arbeiten auf der Kreislinie ist die Linienführung. Die Linie hat einen entscheidenden Einfluss auf die Form des Pferdes. Somit wird nur bei korrekt gerittenem Zirkel eine physiologisch sinnvolle Form in den Körper des Pferdes gearbeitet werden können. Doch wie erarbeite ich einen Zirkel, ohne ständig nur zu zirkeln? Hier werden verschiedenen Bahnfiguren zur Entwicklung helfen. Dabei haben sich vor allem Schlangenlinien durch die Bahn als besonders effektiv erwiesen. Den Anfang bilden Schlangenlinien mit drei Bögen, welche bei fortschreitender Ausbildung auf vier oder mehr Bögen auszuweiten sind. Die Schlangenlinie durch die Bahn verlangt von dem unerfahrenen Pferd nur kurze Momente einer Kreislinie, jeweils beim Abwenden von der Wand und beim Ankommen an der Wand. Somit wird immer nur ein Viertelzirkel bzw.eine Viertelvolte über kurze Momente abverlangt und mit gerade gerittenen Linien abgewechselt. Die geraden Linien dienen auch der Erholung des Pferdes, bevor es wieder zur Wendung aufgefordert wird. Der dabei entstehende Biegungswechsel bei Richtungsänderung bewahrt das Pferd vor zu langanhaltenden Phasen in einer Haltung.

Das Karee

Eine weitere vorbereitende Bahnfigur zur Erarbeitung der Zirkellinie ist das sogenannte „Karee“ oder auch „Quadratvolte“ genannt – eine Bahnfigur, die heutzutage nicht mehr im Standardhandbuch für Hufschlagfiguren zu finden ist, die aber dennoch einen hohen Stellenwert bei der Schulung des Pferdes einnimmt. Wie der Name schon erahnen lässt, handelt es sich bei dieser Figur um ein gerittenes Viereck, ähnlich wie die Übung „halbe Bahn“, nur wesentlich kleiner als das Maß 20 x 20 Meter. Da bei der Erarbeitung der Quadratvolte die Ecken eine wesentliche Rolle spielen, werden die Seiten im Karee nur sehr kurz gehalten. So können mehrere Ecken, also Viertelvolte, in Folge ausgeritten werden. Ähnlich wie bei der Schlangenlinie findet in jeder Wendung eine vermehrte Lastaufnahme des inneren tragenden Hinterfußes statt und beim Reiten der geraden Linie eine Phase der Erholung. Bei fortschreitender Ausbildung können ganz unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden, wie es bei den Lehren der alten Meister häufig auf Kareelinien zu sehen war.
Pluvinel nutzt das Karree z. B., um dem Pferd verschiedene Biegungsrichtungen nahezubringen. Wie Grisone wechselt er hier zwischen Abwenden des Pferdes, auch in den Seitengängen Schulterherein und Kruppeherein, sowie Renvers um eine Ecke mit anschließendem Vorgeben auf einer kurzen geraden Strecke, um einerseits das jeweils tragende Hinterbein zu entlasten und um andererseits das zweite Hinterbein mehr und mehr zu animieren, auch Last aufzunehmen. Das Pferd wird geschmeidig und stark im Rumpf durch die stattfindende ständige Rahmenveränderung. Die Vorderbeine werden mehr und mehr aus einer freien Schulter in Bewegungsrichtung vorgeführt – ein sicheres Erkennungszeichen für einen Rückengänger. Die „Volta Quarte del Quarto“, die Pluvinel von Pignatelli übernommen hat, ist ebenfalls so eine Figur, die er für die Schulung des Pferdes gerne einsetzt: In Courbetten wird um die Ecken gewendet, während dazwischen je vier Schulschritte geradeaus gearbeitet werden. Im Laufe der Zeit werden die Zwischenschritte immer weiter reduziert, bis schließlich entweder, je nach Anlage des Pferdes, eine Arbeit rein in Courbetten oder der viertaktige Schulgalopp in der Pirouette entsteht: der Redopp, das Ziel der Ausbildung in Renaissance und Barock.

Das Arbeiten zweier halber Volten hintereinander mit anschließender gerader Hufschlaglinie bringt das Pferd von der Viertel-Volten-Arbeit immer näher zum ganzen Zirkel. Bei der Ausführung zum Beispiel einer halben Volte rechts, halben Volte links, findet durch den stetig hintereinander folgenden Richtungswechsel eine Phase der Entlastung statt. Es wird dem ungeschulten Pferd wesentlich einfacher fallen, durch häufigen Wechsel der Biegungsrichtung erneut in getragener Haltung zu laufen. Somit kann ein Verkrampfen aufgrund einer zu lang anhaltenden Form vermieden werden.

Erfolgsfaktor Vorbereitung

Je besser die Vorbereitung der Zirkellinie war, desto länger und müheloser kann im späteren Ausbildungsverlauf auf gleichbleibender Kreislinie gearbeitet werden. Um weiterhin viel Abwechslung in der Arbeit zu schaffen und unterschiedliche Phasen der Belastung mit einzubauen, empfiehlt sich das Zirkelvergrößern und -verkleinern. Hierbei finden bereits komplett gerittene Zirkellinien statt, nur mit unterschiedlichen Zirkelgrößen, ein kontrolliertes Verändern der Zirkelgröße zur weiteren Mobilisation des Pferdes mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Beim Vergrößern spricht der Reiter das innere Hinterbein und die äußere Schulter an, macht sie freier und vergrößert den Vorgriff. Das Zirkelverkleinern fügt dieser Schwungrichtung das äußere Hinterbein und die innere Schulter hinzu, und das Pferd lernt, sich immer besser aufzunehmen und in balancierte Haltung zu kommen. Durch den Wechsel der Diagonalen im Pferd wird die Rückenmuskulatur im Wechsel innen und außen gedehnt und gekräftigt, vor allem die seitliche Bauch- und Brustmuskulatur des Pferdes aktiviert und so das Zwerchfell des Pferdes entlastet sowie der Trageapparat gekräftigt. Wichtig ist bei allen diesen Übungen, dass sie sehr exakt erarbeitet werden müssen, um beurteilen zu können, ob das Pferd nun tatsächlich an den Hilfen steht oder selbstständig eine Linie sucht.
Findet ein müheloses Verkleinern und Vergrößern der Zirkellinie statt, so kommt es automatisch zum „gebogenen Geradeaus“. Einzelne Bahnfiguren fließen ab diesem Moment ineinander und bilden somit einen weiteren nächsten Schritt in der Ausbildung. Wird die Zirkellinie vergrößert ohne Verlust der Balance und Nachgiebigkeit, so kann das anschließende Ausreiten einer Kareelinie einen wichtigen Beitrag leisten auf dem Weg zur Geraderichtung. Somit werden die positiven Eigenschaften der Zirkelarbeit in die ganze Bahn übernommen. Ab diesem Moment empfiehlt sich der Wechsel zwischen Kreislinie – Karee – Kreislinie, um möglichst abwechslungsreich zu arbeiten.
Kann das Pferd beide Hinterbeine einzeln „vorwärts“ bewegen und auf kurzen Kareelinien im Gleichgewicht in Haltung bleiben, so wird es auch auf der geraden ganzen Bahn das Vorwärts finden können. Ein in der Reitbahn geschultes Pferd, das Balance auf dem Kreis, also das Schwierige, kann, wird dann auch ein balanciertes Gebrauchspferd sein, das die gerade Linie meistert, ohne seiner Balance hinterherlaufen zu müssen.
Die Akademische Reitkunst nutzt also, in Anlehnung an die Lehren der alten Meister, viele Möglichkeiten einer abwechslungsreichen Arbeit mit dem Pferd, um so physiologisch wie möglich der Aufgabe „Reitpferd“ gerecht zu werden. Besonderes Augenmerk liegt auf der Mitarbeit des Pferdes. Nur ein motiviertes und aufmerksames Pferd wird seine Aufgaben in freudiger Erwartung Tag für Tag ausführen wollen und Spaß bei der Zusammenarbeit mit seinem Ausbilder zeigen. Ein monotones Arbeiten auf immer gleichbleibende Art und Weise wird bewusst vermieden und durch eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten geschickt umgangen.

MARIUS SCHNEIDER

… ist klassisch ausgebildeter Berufsreiter mit diversen Zusatzqualifikationen und hat bei namhaften Trainern und Instituten gelernt. Als Meister der Akademischen Reitkunst widmet er sich mit Passion der Ausbildung von Pferd und Reiter sowohl auf seiner historischen Reitanlage im Münsterland als auch an internationalen Kursstandorten. Sein Unterrichtskonzept ist gleichzeitig von seiner Tätigkeit als Bewegungs- und Physiotherapeut für Pferde sowie der Anwendung aktueller pferdewissenschaftlicher Erkentnisse geprägt.

Weitere Infos:
www.gestuet-moorhof.de

STEFANIE NIGGEMEIER

… ist Ausbilderin aus Ostwestfalen und Schülerin von Bent Branderup, hat den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Ausbildung von Mensch und Pferd am Boden gelegt. Sie betreibt intensive Studien der Schriften alter Meister und neuer pferdewissenschaftlicher Erkenntnisse und unterrichtet die so gewonnene moderne Hippologie im mobilen Unterricht und deutschlandweit in Vorträgen und Kursen.

Weitere Infos:
www.barocke-pferdeausbildung.de