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Wachsen an den großen Werken


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 07.02.2020

Der Cellist Nicolas Altstaedt steht an drei Konzertabenden hintereinander an der Alten Oper Frankfurt im „Fokus“.


Nicolas Altstadt wurde als Sohn einer französischen Mutter - deshalb der französisch auszusprechende Vorname - in Heidelberg geboren, wuchs in Gütersloh auf und wohnt heute in Berlin. Er ist nicht nur einer der gefragtesten Cellisten, sondern dirigiert auch seit einigen Jahren. Als Wunschnachfolger von Adam Fischer ist er seit 2014 Chefdirigent der Haydn Philharmonie, seit 2012 leitet er als Nachfolger von Gidon Kremer das Kammermusikfest Lockenhaus. Fürs Interview schlug er ein Café im ...

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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 3/2020

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... Prenzlauer Berg vor, dessen Namen nicht besser hätte gewählt sein können: No fire no glory. Denn obwohl der 37-Jährige gerade von einer Japan-Reise zurückgekehrt ist und müde wirkt, merkt man in jedem Satz, dass er für die Musik brennt.


„Die sechste Bach-Suite funktioniert klanglich nur auf einem Piccolo-Cello.“


Herr Altstaedt, wie ist das, drei Konzerte an drei Abenden gestalten zu können?

Es ist ein Privileg und auch Kern und Spiegel meiner musikalischen Tätigkeit. Soloabende haben eine ebenso große Bedeutung wie Orchesterkonzerte. Ich spiele gern Kammermusik, weil das Repertoire einfach sensationell ist und weil ich von meinen Mitmusikern am meisten lerne. Und durch mehrere Anfragen bin ich vor ein paar Jahren zum Dirigieren gekommen - als Musiker lernt man so viele Werke kennen, die man alle durchdringen und erarbeiten möchte.

Und dazu kann ich noch ein Sonderprogramm gestalten zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: ein Gesprächskonzert zur Klimasituation mit Musik von Cage und Crumb.

Gehen wir es der Reihe nach durch. Es beginnt mit den Solosuiten von Bach.

Ich habe lange Zeit nie den ganzen Zyklus gespielt, weil ich kein richtiges Instrument für die sechste Suite hatte.

Ich habe mir extra einen Fünfsaiter bauen lassen, dann aber gemerkt, dass es klanglich nur auf einem Piccolo- Violoncello funktioniert. Vorletztes Jahr hab ich schließlich ein altes Piccolo in Amsterdam gefunden, das ganz wunderbar ist. Nun muss ich immer mit zwei Violoncelli reisen. Aber Bach ist wichtig. Davon kann man sich täglich ernähren. Ich mache gern neue Programme, gebe Werke in Auftrag, schaue abseits des gängigen Repertoires und probiere vieles aus. Aber als Musiker wächst man an den großen Werken.

Sie haben mal gesagt: Bach spielt nicht vor Leuten, sondern mit ihnen.

Wenn ich Bach spiele, habe ich immer das Gefühl, als würde ich mich mit den Leuten in den Raum setzen und gemeinsam mit ihnen lauschen.

Marco Borggreve

Ich spiele Bach oft sehr leise, und zwar deswegen, weil ich dann besser die Harmonik und die Polyfonie höre.

Diese Musik kann man nicht wirklich „machen“. Bach zu spielen ist so persönlich, da ist man extrem verwundbar. Das geht eigentlich nicht im Konzert - sondern nur im eigenen Wohnzimmer mit wenigen Zuhörern. Das ist etwas Psychologisches: Ich mache das Publikum zu Freunden oder Kollegen - und höre gemeinsam mit ihnen, was da passiert. Ich habe nicht das Gefühl, ich „spiele“ jetzt Bach. Sondern es öffnet sich ein riesiger Kosmos, der einfach da ist und in den man sich einhören muss. Und das tue ich gemeinsam mit dem Publikum. Das habe ich so bei keinem anderen Komponisten. Bei manch zeitgenössischer Musik zum Beispiel musst du dich reinknien und dafür sterben, dass das Stück kreiert wird. Nicht bei Bach.


„Jeder Mensch muss eine Vorbildfunktion einnehmen.“


Sie machen auch viel Kammermusik.

Das ist essenziell, wenn man die Mitmusiker und die Probensituation selbst bestimmen kann. Wenn man ein Programm nicht nur am Tag vor dem Konzert - wie mit Orchester - probt, sondern ohne Zeitdruck vorbereiten kann, vielleicht mal eine Woche im Sommer frei nimmt und das Stück dann erst in zwei Jahren spielt. Das Bartók-Quintett wollte ich immer in meiner Traumkombination machen, und es hat fast zehn Jahre gedauert, bis wir die Zeit gefunden haben, um es zu proben, in Lockenhaus und anderswo zu spielen und schließlich aufzunehmen.

Einige namhafte Solistenkollegen spielen inzwischen auch Streichquartett.

Das ist die Königsdisziplin. Aber für mich sind das Quatuor Ébène oder auch das Belcea Quartett ein Ideal - und bis man solch ein blindes Verständnis etabliert hat, allein schon, wie man eine „einfache“ Achtelbegleitung spielt, das dauert. Ich möchte immer das Maximum erreichen, und man kommt zu anderen Resultaten im Klaviertrio oder im Streichtrio als im Streichquartett, wenn man nicht ausschließlich damit lebt. Quartettspiel ist auch riskant, man möchte ja befreundet bleiben. Barnabás Kelemen und ich, wir haben den Plan, mal alle Bartók-Quartette zu machen - als Lebensprojekt, es muss vielleicht gar nicht zu einer Auff ührung kommen.

Dass wir uns mal ein halbes Jahr Zeit nehmen und sie richtig durchgehen. Solche Werke erweitern den geistigen Horizont, wenn man mit ihnen lebt. So bin ich auch zum Dirigieren gekommen. Es ist etwas anderes, ob man eine Schubert-Sinfonie oft hört und liest, oder ob man sie dirigieren muss - da gelangt man in ganz andere Tiefen, und das lohnt jeden Aufwand.

Gelingt es Ihnen immer, den Konzertsaal zum Wohnzimmer zu machen?

Ich versuche es zumindest. Jedes Konzert ist eine neue Situation, und nicht in jedem Konzert fühle ich mich gleich wohl. Ein Konzert kann auch Anspannung und Stress bedeuten.

Dann muss man sehr fokussiert sein und zusehen, dass man der Musik nicht im Wege steht. Viel hängt davon ab, ob man ein Stück zum ersten oder zum hundertsten Mal spielt. Die Psyche spielt eine Riesenrolle bei einer Auff ührung. Man kann ein Stück auch beim ersten Mal grandios spielen, aber wenn ich weiß, das Stück ist seit 20 Jahren Teil meiner Konzerterfahrung, dann bin ich in einem bestimmten Zustand. Es geht nicht um die technischen Abläufe, sondern man muss mit einem Stück leben, damit es sich eines Tages organisch aus einem heraus reproduziert. Man muss sich ein Werk aneignen, dass es aus einem herausströmen kann, dass man mit dem Stück eins wird.

Den Abschluss des „Fokus“ bildet ein Gesprächskonzert unter dem Titel „Wie klimafreundlich leben?“

Passen klassische Musik und Politik zusammen?

Darum geht es gar nicht. Es geht eher um die Frage: Was ist mein Platz auf dieser Welt? Wenn man das Geschenk bekommen hat, auf dieser Welt zu sein, sollte es sich eigentlich verstehen, dass man, wenn man wieder geht, keinen Müll hinterlässt. Das ist eine wichtige Haltung. Wir steuern auf eine Katastrophe zu und müssen Maßnahmen treff en. Wir Musiker reisen viel, und wir müssen uns Gedanken machen, wie auch wir unseren Fußabdruck reduzieren können. Müssen wir wirklich so viel und so schnell reisen?

Der Körper reist schnell, aber die Seele braucht länger, bis sie in einer neuen Umgebung angekommen ist. Langsamer zu reisen hat nur Vorteile. Überhaupt leben wir enorm verschwenderisch - dabei braucht man nicht viel zum Glücklichsein: Man braucht einen geistigen Horizont und gewisse materielle Dinge, um sich nicht zu sorgen - mehr nicht. Das ist die Idee hinter dem Klimakonzert: Was können wir, die wir so viel reisen, machen? Wie sollen wir mit den Herausforderungen umgehen? Wir haben in den letzten Jahren viele Benefi zkonzerte für menschliche Not gegeben, und diese Not geht oft auf die Probleme zurück, die wir klimatisch erzeugen. Wenn wir unser Klimaproblem lösen, werden wir auch viele andere Probleme lösen. Ins Klima zu investieren, ist die beste Investition, die wir tätigen können. Und es gibt tolle Projekte und tolle Ideen, mit denen man vieles schnell ändern könnte.

Ist es nicht schade, dass Popmusik sehr politisch sein kann, Klassik aber kaum?

Das ist eine Defi nitionsfrage. Man kann sagen: Wenn man Musik in der Öff entlichkeit, in der „polis“ auff ührt, ist das immer politisch. Beethoven war ein Utopist und Visionär, dort marschiert der Geist der Menschheit. Ist das politisch oder nicht etwas viel Größeres? Schuberts „Winterreise“ ist auch eine Sicht in einer düsteren Zeit, aber das Werk geht ja weit über die soziale und politische Perspektive hinaus. Mir geht es aber um eine Lebenshaltung.

Man muss als Mensch eine Haltung einnehmen und die auch nach außen tragen. Wer immer in der Öff entlichkeit auft ritt, Künstler, Lehrer, Politiker, Eltern usw., hat eine Vorbildfunktion. Es gibt so viele Menschen, die einen inspirieren und die einem Energie geben und Futter zum Nachdenken und die einen dazu bringen, selbst kreativ zu sein. Jeder Mensch muss eine Vorbildfunktion einnehmen.

Termine

Alte Oper Frankfurt

Fokus Nicolas Altstaedt 6.3. Bach: Suiten für Violoncello solo

7.3. Werke von Haydn, Veress, Bartók u. Schostakowitsch; m. Vilde Frang, Barnabás Kelemen, Katalin Kokás, Alexander Lonquich

8.3. Wie klimafreundlich leben? Gespräche und Musik zu Natur, Klimaschutz und nachhaltigem Lebensstil

Aktuelle CDs

4 Cities. Werke von Debussy, Say, Janácek, Schostakowitsch; Nicolas Altstaedt, Fazil Say (2016); Warner Classics im Mai erscheint: Beethoven: Sämtliche Werke für Klavier und Violoncello; Nicolas Altstaedt, Alexander Lonquich; Alpha (2 CDs)