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Wahl- Kampf


Kanu Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 06.10.2021

DURANCE / FRANKREICH

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Bildquelle: Kanu Magazin, Ausgabe 6/2021

»Was sollen wir tun?« Jeden Morgen, wenn ich aufwache, stelle ich mir diese grundlegende Frage aufs Neue. Kurz nach Sonnenaufgang, wenn die ersten Berggipfel rings um den Campingplatz in L‘Argentière im warmen Sonnenlicht glühen, das ferne Rauschen der Durance ertönt und die Vögel fröhlich zu zwitschern beginnen, türmt sich ein Berg von Fragen vor mir auf. Tag für Tag, Morgen für Morgen, alle in einem Zusammenhang: »Was tun?« Mit dieser Kernfrage beginnt für mich ein normaler Urlaubstag an der Durance, im Südosten Frankreichs, in der wundervollen Region Provence- Alpes-Côte d’Azur. Allein schon dieser Name – Provence-Alpes-Côte d’Azur – ist ein deutlicher Fingerzeig auf die Probleme während eines Urlaubs an der Durance. Die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur bündelt südfranzösische Klischees, sie vereint den Zauber der azurblauen Mittelmeerküste mit dem mediterranen Charme der ...

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... Provence und dem Weiß der Alpengipfel am Horizont.

Meine Begeisterung hat einen guten Grund: Für uns Paddler ist das Durancetal ein riesiger, atemberaubender Spielplatz. Auf engem Raum gibt es ein geballtes Angebot an zahlreichen Flüssen und unterschiedlich schwierigen Abschnitten für jegliche Könnensstufen. Die verschiedenen Flüsse sind ein buntes Kaleidoskop an unterschiedlichen Wildwassern. Praktisch jeder Fluss hat seinen ureigenen Charakter, keiner gleicht dem anderen. In den Gletscherregionen sind die Flüsse wild, eng und steil. Guisane und Gyr kommen vor allem nachmittags grau, eiskalt und ungestüm daher. An heißen Tagen, bei sommerlichem Hochwasser, hört man die Felsen über den Grund poltern. Je weiter westlich und südlich die Flüsse liegen, umso weniger können sie ihre Verwandtschaft zur Provence verleugnen. Die Landschaft wird runder und lieblicher. Steile, sonnige Kalkwände flankieren die Ufer. Der Kontrast vom Gletscherfluss Gyr mit den eisbedeckten Gipfeln im Hintergrund zu den geheimnisvollen Kalkschluchten des Guil könnte kaum größer sein. Dabei liegen gerade einmal 30 Kilometer Luftlinie dazwischen.

EIN ÜBERBORDENDES ANGEBOT

Über 300 Kilometer fließt die Durance von ihrem Urspung bei Montgenèvre bis nach Avignon, wo sie in die Rhone mündet. Sie verbindet so die Alpen mit der Provence und ist einer der längsten Wildfüsse Frankreichs. In ihrem Oberlauf, im Département Hautes-Alpes zwischen Briancon und dem Stausee von Lac de Serre- Poncon bei Embrun, bietet sie auf knapp 70 Kilometern Länge spannendes und abwechslungsreiches Wildwasser und sammelt auf ihrem Lauf zahlreiche Nebenflüsse auf, die ebenfalls ein interessantes Ziel für Kajakfahrer darstellen. Wählt man den perfekt gelegenen Campingplatz Les Ecrins direkt am Wildwasserstadion in L‘Argentière-la-Bessée als Basislager, gibt es mit Durance, Clarée, Guisane, Gyr, Onde, Gyronde, Fournel, Biaisse und Guil ein überbor- dendes Angebot an Wildflüssen, kaum 30 bis 60 Autominuten entfernt. Nimmt man noch etwas weiter entfernte, aber durchaus als Tagestour machbare Flüsse wie die Ubaye, Romanche, Veneon oder den Verdon mit in die Auswahl, kann einem die alltägliche Entscheidung für das Sportprogramm schon schwerfallen.

Die Barre des Écrins ist mit 4102 Metern Höhe der südlichste und westlichste 4000er der Alpen. Ihre Gletscher versorgen im Sommer die Durance mit reichlich Wasser.

Wenige Meter stromauf vom Campingplatz befindet sich auf der Durance ein 400 Meter langer Kanuslalom-Parcours der Extraklasse. Hier fanden schon Europameisterschaften und Weltcup-Veranstaltungen statt. Das »Stade d‘Eaux Vive« steht Athleten und Kanusportlern jederzeit (abgesehen von Veranstaltungen) und unentgeltlich offen und ist ein perfektes Trainingsgelände, um die eigene Kajaktechnik zu verfeinern oder um sich bei dem einen oder anderen Slalom-Experten neue Anregungen und gekonnte Kniffe abzuschauen. Auf dem Slalomkurs in L‘Argentière trainieren regelmäßig Kadersportler aus verschiedenen europäischen Nationen. Etwa 30 Kilometer flussab, in St. Clement, gibt es eine weitere, deutlich einfachere Slalomstrecke, die nicht nur Novizen im Kanuslalomsport die Herzen höher schlagen lässt, sondern auch eine tolle Freestyle-Welle aufbieten kann. Lange Jahre war das Durancetal das Epizentrum und Pilgerstätte des französischen Kanu-Freestyle-Sports. Die Rabioux-Welle auf der Unteren Durance genoss legendären Ruf! Hier ballte sich die gesamte Kraft des Gletscherwassers der Durance in einer einzigen mächtigen Welle, stark genug, um selbst dicke, vier Meter lange Plastikboote in die Luft zu wirbeln! Leider zerstörte ein Hochwasser die phänomenale Welle und versetzte Spielstelle und sagenumwobene Freestyle-Events (Party, Wein und noch mehr Party!) in einen tiefen Dornröschenschlaf. Erst in den vergangenen Jahren scheint die Welle langsam wieder zu ihrer ursprünglichen Form zurückzufinden. Aber selbst mit Wildwasserkajak, Slalomboot, Freestyle-Kajak und Seekajak (auf dem 30 Quadratkilometer großen Stausee Lac de Serre-Ponçon mit seinen wilden Buchten und türkisblauem Wasser) schöpft man längst nicht das komplette Potential des Durancetals aus. Wir haben noch nicht ein einziges Wort über Klettern, Mountainbiken, Wandern und kulturelle Möglichkeiten verloren …

WILDWASSER UND WEINBERGE

Ein Überangebot an Optionen ist eine große Hürde für jede Entscheidungsfindung. Daher sind gutes Zeitmanagement und schlüssige Entscheidungsstrategien die Basis für einen gelungenen Urlaub an der Durance. Eine gute Zeit für tragfähige Beschlüsse ist der frühe Morgen. Die klügste Wahl um diese Zeit: erst ein frisches Croissant und einen »Café au Lait« genießen, danach systematisch einen Entschluss fassen. Wenn eine schwere Entscheidung bevorsteht (Paddeln, Klettern oder Mountainbiken?), dann wähle zum Frühstück lieber ein kalorienreiches »Pain au Chocolat« (Schoko-Croissant), denn schwierige Entschlüsse kosten geistige Kapazitäten und powern uns aus.

Jede Entscheidungsfindung beginnt mit der Analyse der eigenen Situation und Prioritäten. Was will ich? Was erwarte ich? Dabei können auch die Erwartungen von Familienmitgliedern oder Freunden eine Rolle spielen. Mein allererstes Rendezvous mit der Durance vor vielen Jahren war frei von großen Erwartungen. Als paddelnder Teenager war ich abhängig von Erwachsenen, die mich auf Entdeckungsreisen mitnahmen. Der Zufall wollte es, dass der ikonische Josef Haas, Buchautor und Paddelpionier, seinerzeit Lehrer an meiner Schule war. Der frankophile Sportlehrer machte nicht nur die Mittelmeerinsel Korsika unter Paddlern berühmt, sondern sorgte in seiner Heimat im Schwarzwald auch für zahlreiche deutsch-französische Städtepartnerschaften. Unter anderem verschwisterte er die Stadt Embrun (am Ausstieg der populärsten Durance-Etappe) mit einem kleinen Schwarzwaldort nahe meiner Heimat. Mit diesen Verbindungen verschaffte mir »Monsieur Haas« während der Schulferien im Herbst 1984 ein erstes Date mit der südfranzösischen Schönheit. Es wurde ein Bund fürs (bisherige) Leben. Im Lauf der Jahre (und Jahrzehnte) haben sich die Prioritäten und Erwartungen allerdings deutlich und permanent verändert. Als junger Paddel-Rookie profitierte ich an der Durance vor allem von dem großen Angebot an leichten und mittelschweren Wildwasseretappen. Mit 17 Jahren verbrachte ich dort die kompletten Sommerferien, jobbte als Raftguide und machte mich mit den Wildwasserklassikern der Region vertraut.

Danach wurde das Durancetal im Sommer zu meinem zweiten Wohnzimmer. Im Quarterlife, in der Zeit meiner größten sportlichen Leistungsfähigkeit, war der Frühsommer meine bevorzugte Reisezeit. Auf dem Höhepunkt der Schneeschmelze zwischen Mai und Juni, wenn sämtliche Nebenflüsse und auch die Durance selbst zum Bersten gefüllt sind, zeigen sich Durance, Biaisse, Guil & Co. von ihrer beeindruckendsten Seite. Etappen, die im Hochsommer durchaus gemächlich und anfängertauglich sind, geben zur Hochschmelze ein ganz anderes Bild ab. Im Sommer, wenn zumeist Niedrigwasser herrscht, ist die größte Herausforderung, die Flüsse mit möglichst geringem Felskontakt zu bewältigen. Im Frühsommer hingegen gilt es eher, auf den voll eingeschenkten Flüssen Kaskaden von Walzen und Löchern auszuweichen. Inzwischen habe ich das Durancetal mit seinem großen Sport- und Freizeitangebot auch als Familienvater von drei paddelnden Kindern (mitsamt paddelnder Ehefrau!) zu schätzen gelernt.

Der Charme des Durancetals ist auch nach 40 Jahren ungebrochen. Viel hat sich in der Zeit nicht verändert (außer der Länge der Wildwasserkajaks): Französische Lebensart, famoses Essen, guter Wein und tolle Wildflüsse machen die Gegend zu einer echten Genussregion! Die Weinberge der Provence sind nicht viel weiter entfernt als die Hochalmen der Alpen. Dem Lauf der Durance flussauf folgend, vom Lac de Serre-Ponçon bis zur 4102 Meter hohen Barre des Écrins, dem südlichsten 4000er der Alpen und Gletscherursprung von Nebenfluss Gyr, das ist eine Frankreichreise im Schnelldurchgang – von der lieblichen Provence bis zu den Gletscherriesen der Hautes-Alpes.

INFO

DURANCE / FRANKREICH

Beste Zeit: Für einen Paddelurlaub mit Familie oder Anfängern ist Ende Juli, August, Anfang September die beste Reisezeit. Die Wasserstände sind zumeist noch ausreichend und auf einem überschaubar niedrigen Niveau. Vor allem die Gletscherflüsse Gyronde und Guisane liefern das meiste Wasser. Flüsse wie Guil, Clarée, Fournel und Onde sind zumeist noch bei Minimalpegel befahrbar. Mai und Juni ist die Zeit für Experten. Die Flüsse sind dann dank Schneeschmelze meist randvoll, die Auswahl an Flüssen und Etappen ist noch größer als im Hochsommer. Aufgrund der höheren Wasserstände sind die Flüsse zu dieser Zeit durch die Bank einen Grad schwieriger als im Hochsommer bei Niedrigwasser.

Wetter: Der August punktet mit dem geringsten Niederschlag und den heißesten Temperaturen und ist der prädestinierte Urlaubsmonat. Spitzenwerte von über 30 Grad Celsius sind tagsüber die Regel. In den Nächten kann es empfindlich kühl werden. L‘Argentière-la-Bessée liegt immerhin auf fast 1000 Metern Höhe! In den Sommermonaten pfeift vor allem Nachmittags ein überraschend kräftiger, thermischer Wind durch das Durance-Tal. Im Mai und Juni muss man mit häufigeren Niederschlägen und starker Schneeschmelze rechnen. Das sorgt für volle Flüsse!

Weitere Infos: Einen guten und umfangreichen Überblick über alle Flüsse und Paddeletappen gibt es auf dem »guides des rivieres« der französischen Internetplattform www.eauxvives.org. Hier findet man detaillierte Beschreibungen, Fotos und (zum Teil) aktuelle Infos zu vielen Flüssen der Region, aber natürlich auch von ganz Frankreich. Einziger Haken: alles nur in französischer Sprache! Schon etwas älter, aber immer noch das Standardwerk und das klassische Guidebook für die Region: »White Water South Alps« von Peter Knowles.

MOUNTAINBIKEN, KLETTERN, WANDERN

Die grundlegenden Fakten sprechen eindeutig für das Durancetal als Urlaubsziel: Mit 300 Sonnentagen pro Jahr ist Schönwetterurlaub praktisch gesichert. Gletscher garantieren (zumindest für die nächsten zehn bis 20 Jahre) solide Wasserstände zum Paddeln bis in den Spätsommer hinein. Neben dem Kajakfahren locken zahlreiche weitere Aktivitäten: Ganz oben in den Charts steht das Mountainbiken, es gibt hunderte Kilometer Routen und Trails, aber auch etwa zehn Bikeparks im Umkreis von 50 Kilometern. Dazu kommen Klettersteige und Wanderrouten en masse. Auch unter Klettersportlern gilt das Durancetal als Hotspot. Knapp 80 Klettergebiete, über 1000 Routen und ungezählte Seillängen in allen Gesteinen, Himmelsrichtungen und Höhenlagen, dazu blühende Wiesen und hohe Eisgipfel – das Durancetal bei Briancon ist ein zu Unrecht vernachlässigtes Kletter-Kleinod mit Wetterbonus. Und wer zum anstrengenden Sportpro- gramm entspannende, kulturell bereichernde Alternativen sucht, wird ebenso schnell fündig. Burgen und Festungen warten auf Besichtigung (Chateau Queyras, Guillestre, Briancon). Am Mont Dauphin können Kinder und Erwachsene Murmeltiere bestaunen, keine 500 Meter vom Ausstieg des Unteren Guil entfernt! Zahlreiche Käsereien lohnen einen Besch, und auf den bunten Wochenmärkten findet man regionale Produkte und Speisen. Noch mehr Pluspunkte? Die Entfernungen zu den meisten Flüssen sind gering. Das bedeutet: weniger im Auto sitzen, dafür bleibt mehr Zeit zum Paddeln. Die Infrastruktur im Tal ist für Paddler vorbildlich. Es gibt zahlreiche Campingplätze mit Flusszugang, Einkaufsmöglichkeiten in nahezu jedem Ort, dazu sind Ein- und Ausstiege an den Flüssen mit Schildern versehen. Kajakurlaub an der Durance ist ein Kinderspiel.

Apropos Kinder! Angesichts der perfekten Paddelbedingungen ist es kein Wunder, dass Kajakfahrer aus ganz Europa seit mehr als 60 Jahren an die Durance strömen, aber auch für paddelnde Familien ist die Region ein Segen. Die leichten Etappen von Durance, Clarée und Guil sind perfekt für Anfänger und Einsteiger. Fortgeschrittene Paddler und ambitionierter Paddelnachwuchs finden auf Guisane, Gyronde, Ubaye, Guil und Unterer Durance fantastische Trainingsmöglichkeiten. Und wenn die Eltern es richtig krachen lassen wollen, gibt es mit Gyr, Onde und Biaysse, aber auch mit der Duranceschlucht sowie Abschnitten von Guil (Burggraben und Schutzengel-Schlucht) und Ubaye (Royalschlucht) lohnende Ziele und durchaus ernste Herausforderungen. Perfektes Basislager für einen intensiven Multisporturlaub von (hyper)aktiven Familien ist der zentral gelegene Campingplatz Les Ecrins in L‘Argentière-la-Bessée. Eine Slalomstrecke befindet sich gleich vor der Zelttür, und direkt vor Ort liegt der Ausstieg von zwei phänomenal schönen Paddeletappen.

Gleichzeitig ist hier der Einstieg zu einer beliebten Anfängertour. Auf leichtem Wildwasser kann man mit Kind und Kegel fast 20 Kilometer bis zur nächsten Slalomstrecke in St. Clement hinunter schaukeln. Darüber hinaus starten in L‘Argentière-la-Bessée großartige Mountainbiketouren. Klettergärten und Via Ferratas sind leicht zu Fuß oder in wenigen Minuten per Fahrrad erreichbar. Auf dem Badesee am Campingplatz können sich sogar die kleinsten Familienmitglieder entspannt ans Wasser gewöhnen. Und zwischen Campingplatz und Slalomstrecke befindet sich die charmante, kleine Bar »Le Radeau« mit leckerem Essen und regelmäßigen Live-Konzerten. Noch Fragen?

MORGEN-RECHERCHE

Bei so vielen Freizeitoptionen und den unterschiedlichen Wünschen von fünf Familienmitgliedern sind Konflikte vorprogrammiert. Von den logistischen Herausforderungen, um Kajaks, Mountainbikes und Kletterausrüstung nach Frankreich zu befördern, mal ganz abgesehen. Womit wir wieder am Anfang unserer Geschichte sind: »Was sollen wir heute alles tun?« Meine Morgenroutine beginnt daher mit einer Internetrecherche. Ein Blick in den Wetterbericht, auf die aktuellen Pegel (hilfreich: RiverApp) und Flussbeschreibungen (Internet-River-Guide eauxvives.org, sehr umfangreich, aber nur französisch!) hilft, um die Optionen einzugrenzen. Für Mountainbiker ist das Tourenportal vttrack.fr (französisch) eine unerschöpfliche Quelle, und Kletterer kommen um den Kletterführer »Escalade en Briançonnais, Haut Val Durance, Queyras« (französisch und englisch) nicht herum, den es vor Ort in Supermärkten und Tourist-Office zu kaufen gibt.

Aber egal, wie man zu seiner Entscheidung kommt, man sollte sie nicht zu lange hinauszögern. Die Zeit fehlt später auf dem Fluss, dem Mountainbike oder im Klettergurt.

GEEIGNET FÜR FAMILIEN MIT KINDERN, ANFÄNGER, SCHLAUCHBOOTE UND ZWEIERKAJAKS:

UNTERER GUIL: Pont du Simoust – Brücke N94/St. Clement, 5 km WW II Toller Einsteigerfluss, perfekt für Anfänger und Kinder. Klares Wasser, wenig Wasserdruck, viele Übungsstellen und beeindruckende Landschaft in der kurzen Mont- Dauphin-Schlucht. Die (Schotter)straße ist praktisch immer in unmittelbarer Nähe. Ausstieg kurz nach der Brücke N94 oder weiter auf der wasserreichen Durance bis St. Clement.

OBERE DURANCE: Briancon – Prelles, 5 km WW II+ Gern unterschätzte Paddeletappe mit flottem, offenem Wildwasser in offenem, breitem Tal. Von der nahen, viel befahrenen Hauptstraße bekommt man auf dem Wasser nur wenig mit. Im zweiten, renaturierten Abschnitt befinden sich sehr viele Kehrwasser zum Üben und ein paar Stromschnellen als nette Herausforderungen.

MITTLERE DURANCE: L‘Argentière – St. Clement, 17 km WW II (III) Breiter, schnell fließender Gletscherfluss mit zahlreichen Wellen, starken Kehrwassern und Verschneidungen in weitem Tal. Am Ende warten Slalomstrecke und Spielwelle auf nimmermüde Paddler.

GEEIGNET FÜR ERHOLUNGS- BEDÜRFTIGE ELTERN, FORTGESCHRITTENE UND AUFSTREBENDEN NACHWUCHS:

DURANCE: Slalomstrecke L‘Argentière, 400 m WW III Perfekter Trainingsparcours direkt am Campingplatz in L‘Argentière.

CLARÉE: Plampinet – La Vachette, 11 km WW III Flotter, leicht verblockter Wildfluss mit geringem Wasserdruck in herrlichem Hochtal. Vorsicht vor Bäumen! Fahrbar bis Ende Juli.

GUISANE: Le Casset – Chantemerle – Briancon, 16 km WW III-IV Beliebter, kleiner Gletscherfluss mit einem etwas leichteren Abschnitt in einem weiten Tal und einem schwereren Abschnitt in einer schönen Waldschlucht. Bis Chantemerle leicht verblocktes, abwechslungsreiches Wildwasser, danach steile und stark verblockte Waldschlucht. Vorsicht vor Bäumen und Wehren!

GYRONDE: Les Vigneaux – L‘Argentière, 6 km WW IV-III Tolles Gesamtpaket: Einstieg am Katarakt von Les Vigneaux, je nach Können. Zunächst sehr steil, verblockt und wuchtig, dann nehmen die Schwierigkeiten rasch ab. Bis L‘Argentière abwechslungsreiches Wildwasser mit vielen Übungskehrwassern (aber auch einem Wehr!). Vor der Mündung in die Durance kurze und sehenswerte Schlucht. Ausstieg an der Slalomstrecke. Leider nur fahrbar bei ausreichendem Wasserablass vom E-Werk Vallouise. Beste Bedingungen oft am Nachmittag mit Schmelzwasser.

FOURNEL: kinderleichter Wasserfallspaß in wunderschönem Hochtal. Auf kurzer Strecke (ca. 200 m) zwischen zwei Straßenbrücken etwa sieben künstliche Stufen von einem bis knapp vier Metern Höhe. Kann auch bei sehr geringem Wasserstand hinuntergerutscht werden.

UNTERE DURANCE: St. Clement – Embrun, 17 km WW II-III Der große Klassiker im gesamten Tal. Wird schon seit Jahrzehnten von Kajaks, Canadiern, Rafts und allem was schwimmt bevölkert. 17 Kilometer langer Wellenspaß in offenem, provenzalischen Tal, der immer wieder von längeren, etwas ruhigeren Abschnitten unterbrochen wird. Nach dem ersten Drittel wartet mit der Rabioux-Welle (III+) die größte Herausforderung der Strecke auf Paddler.

GEEIGNET FÜR AKTIVE ELTERN, EXPERTEN UND KRAFTSTROTZENDE HERANWACHSENDE:

DURANCESCHLUCHT: Prelles – L‘Argentiere, 7 km IV (V) Auf den ersten zwei Kilometern ein famoser Natursalom in offenem Tal. Aber Vorsicht: sobald die Felswände näher kommen, unbedingt rechtzeitig aussteigen! Es folgt eine ca. 300 Meter lange Portage über einen Pfad auf rechter Uferseite. Die Mühe ist es wert, denn nach dem Umtragen rauscht die Durance durch eine wunderschöne, tiefe Schlucht mit kontinuierlichem, aber immer fairem Wildwasser. Erst wenn die Via Ferrata am Schluchtende zu sehen ist, nehmen die Schwierigkeiten langsam ab.

Ausstieg an der Slalomstrecke. Leider nur fahrbar bei ausreichendem Wasserablass vom E-Werk Prelles. Landschaftlich und technisch eine der schönsten Etappen!

GYR: Pelvoux – Vallouise, 3 km WW IV-V Fast, furious, fun and freezing! Echtes Highspeed-Paddeln auf kurzer und steiler Gletscher-Meile. Gespeist von den größten Gletschern des Ecrins-Massivs. Das bedeutet: Niederwasser am Morgen, Full flow am späten Nachmittag! Aufgepasst: wenig Kehrwasser, viele Walzen und Steine und immer die Gefahr von gefährlichen Bäumen. Kein Bach zum Träumen, sondern ein echter Adrenalin-Trip!

ONDE: Pont des Places – Vallouise, 4 km WW III-IV Kurzer und schneller Ritt auf klarem, eiskaltem Wasser. Technisch anspruchsvoll mit steilen, engen Durchfahrten. Vorsicht vor Bäumen! Sehr seichtes, schnelles Wasser.

Schwimmen kann sehr schmerzvoll sein. Gute Wasserstände nur bis Ende Juli.

BIAYSSE: steil, schnell, eng und gefährlich! Einer der schwierigsten Bäche der Region. Trotz aller Gefahren ist die Biaysse ein echtes Juwel. Versteckt in einem der schönsten Seitentäler bricht die Biaysse über steile Katarakte mit minimalen Kehrwassern der Durance entgegen. Nur für sehr erfahrene Paddler in kleinen Gruppen. Gute Wasserstände nur bis Anfang Juli.

GUIL: Chateau Queyras – Maison du Roi, 15 km WW III-IV (V) Der traumhaft schöne Wildfluss durchbricht in seinem Verlauf mehrere spektakuläre Schluchten (Burggraben, Schutzengel-Schlucht, Combe du Queyras) und verwöhnt Paddler mit absolutem und nicht enden wollendem Genuss-Wildwasser. Toller, offener Naturslalom wechselt ständig mit engen Schluchten und kleineren Stufen ab. Zählt nicht umsonst zu den größten Wildwasser- Klassikern Frankreichs!

WEITERE PADDELMÖGLICHKEITEN

DAS DURANCE-TAL IST UMGEBEN VON WEITEREN, GROSSAR- TIGEN PADDEL-REVIEREN. Gleich im Süden, gut mit dem Auto erreichbar, liegt das Ubaye-Tal. Mit fast 60 Kilometern Wildwasser und zahlreichen Etappen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden ist es sowohl einen Tagesausflug als auch einen eigenen Urlaub wert. Die untersten zwei Etappen (Le Martinet – Le Lauzet, 8 km WW III-IV sowie Royalschlucht, 5 km WW IV-V) sind praktisch ganzjährig befahrbar. Frankreichs schönste Schlucht, der Grand Canyon du Verdon, ist knapp drei Fahrstunden mit dem Auto entfernt. Im Nordwesten des Parc National des Ecrins komplettieren mit Romanche und Veneon zwei weitere Wildwasserklassiker das reichhaltige Flussangebot.