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Wahn & Sinn


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 25.08.2022

Der Mikro-Zensus

Nach meinen wundervollen Erfahrungen kann ich jedem Naturfreund nur wärmstens empfehlen, künftig bei der Insektenzählaktion des Nabu mitzuwirken! An zehn Tagen im Frühsommer habe ich in meinem Garten jeden Tag für eine Stunde alles mit Pestiziden eingenebelt, was mir vor die Nase flirrte, zwischen Felsritzen herumkroch oder nach mehrmaligem Aufstampfen mit dem Fuß aus dem feuchten Erdreich krabbelte. Bei der anschließenden Leichenschau mithilfe eines Bestimmungsbuchs und ausdauernder Internetrecherche habe ich dann herausgefunden, um welche Arten es sich handelte. Zu meiner großen Überraschung waren sogar richtige Prachtstücke wie der extrem seltene Braune Mohnwurzelrüssler, die Blaugrüne Mosaikjungfer oder die bereits in ganz Westeuropa ausgestorben geglaubte Elfenbein-Spornzikade dabei. Trotz des ganzen Geredes über den Rückgang der Insektenpopulation ist es mir so gelungen, in ...

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 9/2022

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... knapp eineinhalb Wochen zwei Dutzend Eimer mit exakt 22 752 raren Einzelexponaten zu füllen und persönlich im Nabu-Büro abzugeben. Was soll ich sagen? Die Damen und Herren Naturschützer sind beim Anblick auf die Knie gefallen, haben begeistert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und vor Freude sogar geweint! Die waren dermaßen ergriffen, dass sie erst wieder einen klaren Gedanken fassen konnten, als ich ihnen aus dem anfahrenden Auto versichert habe, dass ich sie selbstverständlich auch bei der »Stunde der Gartenvögel« im kommenden Frühjahr nach Kräften unterstützen werde. Ich konnte im Rückspiegel noch lange sehen, wie sie mir freundlich winkend und rufend nachgelaufen sind, bevor sie letztlich immer kleiner wurden und hinter einem Hügel aus meinem Sichtfeld verschwanden.

Hörprobleme

Jetzt schrillen überall die Alarmglocken. Aber die meisten haben vorher nicht mal gehört, dass die Uhr tickt.

TCD

Distinktionsbesäufnis

Wenn sich Kirchenhistoriker betrinken möchten, tun sie das natürlich nicht mit Laienbieren wie Benediktiner, Dominikaner und Franziskaner, sondern bestellen Prämonstratenser oder Kamaldulenser.

AM

Erfolg von Format

Nach dem großen Erfolg der ARD-Krimi-Serie »Morden im Norden« sind jetzt regionale Ableger geplant. Sie heißen: »Lynchen in München« (BR), »Töten in Köthen« (MDR), »Erschießen in Gießen« (HR) und »Erschlagen in Hagen« (WDR).

TCD

Billig produziert

Der deutsch-französische Kultursender Arte hat Anfang Juli die Doku »No Sex« über Menschen, die keinen Sex mehr haben, ausgestrahlt. Für Zuschauer, die die Sendung verpasst haben, empfehlen sich ersatzweise die Kameraschwenks ins Publikum des ZDF-Fernsehgartens.

DS

Reini

Reini hat es nicht einfach. Und jetzt kommt wieder einmal das Thema auf, dass er auf der Autobahn nicht so schnell fahren darf, wie er das möchte. Schrittgeschwindigkeit, das ginge nicht, sagen die Polizisten, die ihn angehalten haben. Er wäre eine Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer, vor allem, wenn er auf der linken Spur krieche. Aber das will sich der Reini nicht auch noch verbieten lassen. Alle Freude wollen sie ihm in diesem Land nehmen, jetzt also auch noch das, wo ihm das doch im Blut liegt – die Verminderung, das Innehalten. Er will Auto fahren, wie er lebt. Und er lebt sehr gemächlich. Auch in der Innenstadt kommt er kaum von der Stelle. Er hat den Standverkehr für sich entdeckt. Mitten auf der Hauptstraße stehen, und gar nicht mehr von der Stelle kommen, das ist voll sein Ding. Aber in einem Land wie diesem, sagt er, da hast du keine Freude. Wozu sind die Autobahnen denn da, wenn man nicht mal richtig drosseln kann? Mal richtig auf die Bremse und eine Schneckenschleimspur hinterlassen, eine Geschwindigkeit erfahren, die mit dem Auge kaum noch fassbar ist. Niemand will es hören, aber im Grunde ähnelt dieses Tempo doch dem ganzen Land: Man weiß hier nie, ob man steht oder sich bewegt.

GR

Traumhaft

Meist wird man von Träumen in der Nacht überrascht. In der Regel weiß man nicht, welcher Traum im Kopfkino gespielt wird. Bei mir ist das anders: Ich weiß immer schon, was ich in den nächsten Nächten träumen werde. Denn vor dem Haupttraum zeigen mir kurze Traumtrailer eine Vorschau auf die nachfolgenden Nachtprogramme. Wenn ich nicht so lange warten möchte, kann ich den Traum auch sofort sehen. In der Vorankündigung heißt es: »Diesen Traum können Sie übermorgen sehen oder auch jetzt schon in der Traumothek.« Der lange Traum wird mehrfach durch Werbung unterbrochen. Das ist einerseits lästig, andererseits aber auch ganz praktisch. Die Werbepausen nutze ich stets für meine nächtlichen Toilettengänge.

EH

Neues Wörterbuch

Niederlage Es war von Anfang an ganz klar: Er Niederlage Herr ganz war.

Manifest Der Manfred muss zu einem Test – viel Alk stellt man bei Manifest.

Knappschaft Der Sportler ist nicht gut in Form, doch Knappschaft er dann doch die Norm.

HK

Mit gutem Beispiel voran

Herr Wurz war von Natur aus ein sehr disziplinierter Mensch. Stets hörte er die Nachrichten, und noch viel stetser befolgte er alle Ratschläge, die ihm von Politikern darin gegeben wurden. Deshalb hatte er schon vor Wochen sämtliche Heizkörper heruntergedreht und aufgehört, seine Wohnung zu lüften. Außerdem badete er nicht mehr und machte lieber schweißtreibende Fitnessübungen, um sich trotzdem warm zu halten. Natürlich trug er tagsüber auch dicke Pullover und im Wohnzimmer eine Pelzmütze. Dass er kein Gas mehr mit Kochen vergeudete, verstand sich ohnehin von selbst. Stattdessen betrieb er jetzt im Korridor eine offene Feuerstelle, für die er nach und nach alle Möbel zersägte. Das Fiepen der Rauchmelder verstummte übrigens schon nach vier Stunden, wobei nicht ganz klar war, ob das an den Batterien oder an Herrn Wurz’ Ohren lag, denn beide versagten den Dienst. Die Ersparnis an Energie aber war enorm. Und sie wurde noch viel größer! Draußen herrschten nämlich dreißig Grad, weshalb Herrn Wurz’Kreislauf am liebsten das Handtuch geworfen hätte. Aber Kreisläufe wussten nicht, wie man Handtücher benutzt, darum sprang das Herz ein und setzte aus. Es war einfach perfekt: Der Energieverbrauch sank komplett auf Null, und Herr Wurz erhielt eine Dankesurkunde vom Bundespräsidenten. Wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen.

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Gebeutelt

Es gibt erfreulicherweise immer mehr Hundehalter, die die Häufchen ihrer vierbeinigen Begleiter in kleine schwarze Kackbeutel packen. Mangels vorhandener Papierkörbe landen diese eingebeutelten Kotbomben dann irgendwo in der Natur und verschandeln haufenweise die Landschaft. Anders sieht es da in Australien aus. Dort laufen die Abfallbehälter frei rum. Kängurus dienen als mobile Beutelsammelstelle und schützen somit das empfindliche Ökosystem des fünften Kontinents.

EH

Das Geheimnis eines glücklichen Lebens

Was wäre jetzt das Beste? Auf dem Sofa liegen und ’ne Serie gucken, denke ich sofort. Aber wenn ich mich dann aufs Sofa haue und wirklich eine Serie gucke, kommt alles anders – nicht die richtige Sitzposition, nicht die richtige Serie und dann noch ein schlechtes Gewissen: Bei meiner Plauze, wäre da Sport nicht das Richtige? Was man für das Beste hält, ist oft nicht mal gut.

Im Umkehrschluss also lieber die Steuererklärung machen, währenddessen joggen, und zwar nackt. Tatsächlich! Jetzt sitze ich komfortabel und ohne schlechtes Gewissen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Untersuchungshaft. Tatsächlich würde ich jetzt aber lieber auf dem Sofa liegen und ’ne Serie gucken …

MAG

Betreutes Wohnen, betreutes Trinken, betreutes Kiffen: Gibt es alles schon. Ganz neu ist hingegen ein Angebot, das sich speziell an alternde Sozialpädagogen richtet. Es nennt sich betreutes Betreuen.

AM

Das Leben in den Achselhöhlen

Die Uhrzeitmenschen lebten in Achselhöhlen. Nicht in ihren eigenen, sondern in gefundenen. »Sieh mal«, sagten sie, »eine Achselhöhle.« Und dann steckten sie ihren Kopf rein, egal, wie es dort roch. Ein Zuhause braucht der Mensch. Einen Rückzugsort. Einen Platz, wo er ein Feuer macht. Was oft, wegen der Enge der Achselhöhlen, schwierig war. Brannte es dann, versuchte man sich daran zu wärmen. Es vertrieb auch den Gestank. Man sah sich um. Schlug die Achselhaare zur Seite, um die Höhle zu erkunden. Immer in der Hoffnung, keinen Bewohner zu finden, der Anspruch auf die Höhle erhob. War dem nicht so, konnte man sich einrichten. Hier ein Steinchen, dort ein Grashalm. Manche bemalten die Höhlenwände, indem sie Szenen aus ihrem Leben zeichneten. Es konnte geschehen, dass sich die Höhle in Bewegung setzte und mit einem fortlief. Dann hieß es, sich festhalten und warten, bis sie wieder ruhte. Zu schnell sollte man seine Achselhöhle nicht aufgeben. Und so überlebten die Uhrzeitmenschen diese harte Zeit. Vor allem die Winter.

GR

Sportlich, sportlich

Pathologen spielen gern

Seziertischtennis.

Germanisten geht nichts über eine

Partie Urfaustball.

Das Offizierskorps vergnügt sich beim Generalstabhochsprung.

Journalisten veranstalten häufig Edelfederballturniere.

Investmentbanker versuchen sich an der

Goldbarrenkür.

Ehemalige Abwickler frönen dem Treuhandball.

HK

Fragwürdige Methoden

Als ich im Park spazieren ging, sah ich, dass es dort ein städtisches Angebot zur Kinderbetreuung gibt. Zuerst war ich begeistert, aber dann hörte ich eine Betreuerin ein kleines Mädchen fragen: »Magst du etwas spielen oder magst du ein paar Bier?« So kümmert sich unsere Stadt also um Kinder, dachte ich schockiert. Glücklicherweise hatte ich mich mal wieder bloß verhört, und das Kind bekam einfach nur zum Malen ein Papier.

JM

Bemerkenswerte Figuren

Die Namen von Tankred Dorst und Heimito von Doderer schillern so sehr, dass ich die beiden Herren nicht als Schriftsteller betrachten kann, sondern vielmehr für literarische Schöpfungen halte. Meines Erachtens ist Tankred Dorst eine Erfindung von Heimito von Doderer und Heimito von Doderer eine Erfindung von Tankstellen-Horst.

AM

THOMAS CHRISTIAN DAHME (TCD), MAZYAR GHEIBY (MAG), PATRIC HEMGESBERG (PH), EDE HOLZWICK (EH), HARALD KRIEGLER (HK), ANDREAS MAIER (AM), JÜRGEN MIEDL (JM), GUIDO ROHM (GR), DANIEL SIBBE (DS), REINHARD ULBRICH (RU)