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Wahre Magie!


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 25.05.2019

»Jacob und Wilhelm – Weltenwandler« uraufgeführt bei den Hanauer Brüder Grimm Festspielen


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Während Jacob Grimm (Jonas Hein, l.) Tredecima (Carolin Fortenbacher, 2.v.l.) zu erklären versucht, dass er die Märchen mit dem Buch retten will, wird Wilhelm Grimm (Peter Lewys Preston, r. Mitte) von den Märchenfiguren (v.l.:) Dummling (Claudio Gottschalk-Schmitt), Ilsebill (Luisa Rhöse), Pechmarie (Katharina Beatrice Hierl), Der böse Wolf (Lukas Haiser) festgenommen


Foto: Brüder Grimm Festspiele Hanau / Hendrik Nix

In diesem Jahr feiern die Brüder Grimm Festspiele Jubiläum: 35 Jahre. Was liegt da näher als ein ...

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... Musical über ihre Namensgeber, die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm? Intendant Frank-Lorenz Engel kam ins Gespräch mit Komponist Marc Schubring, der sich für die Uraufführung von »Jacob und Wilhelm – Weltenwandler« erneut mit Kevin Schroeder (Buch und Liedtexte) zusammentat, mit dem er bereits 2017 die Geschichte »Vom Fischer und seiner Frau« für die Festspiele zum Leben erweckte. Damals gab es erstmals in der Geschichte der Festspiele Live-Musik.

Passend zur Lebenszeit der Brüder Grimm, dem frühen 19. Jahrhundert, spielt in diesem Jahr ein Kammerorchester schwungvoll auf – bestehend aus Piano (Pascal Kierdorf, Vitaliy Baran), Cello (Tobias Schneider), Bass (Stefan Kreuscher), Reeds (Andreas Pompe, Sven Pudil) und Schlagzeug (Thomas Elsner) –,das ins Bühnenbild integriert ist. Am Premierentag übernahm Markus Syperek, der auch für Arrangements und Orchestrierung verantwortlich zeichnet, selbst die Leitung. Die Musik von Marc Schubring umspannt zwei Welten: die historische, bürgerliche der Brüder Grimm und die fiktive der Märchen. Erstere ist die Zeit von Wiener Klassik und früher Romantik, die einerseits geprägt ist von Ludwig van Beethoven und seinem bewussten, dramaturgischen Aufbau von Musikstücken, andererseits durch Franz Schubert, der auch für Kunstlied und Kammermusik steht. Schubrings Kompositionen folgen dem Stil der Zeit, einer äußeren und inneren Dramaturgie und haben zugleich etwas ungeheuer Leichtfüßiges, Spielerisches (›Die beiden Brüder Grimm‹, ›Dornröschen‹) an sich. Er leitet gekonnt über zur Musik der Märchenwelt, bis hin zu jazzig-funky Percussion-Klängen. In beiden Welten ringen die Figuren in emotionalen Balladen mit ihrer Situation (ein frühes Highlight im ersten Akt ist der wunderbare Jonas Hein als Jacob Grimm mit ›Was bleibt?‹). Für die thematische Tiefe, den fantasievollen, intelligenten Wortwitz und so manche nachdenkliche Momente sorgen die Dialoge und Liedtexte von Kevin Schroeder. Musik und Text funktionieren wunderbar miteinander. Schroeder spielt respektvoll mit den Märchentraditionen und ihren Figuren, bis hin zu Urformen von der »Bösen Hexe« und der »Schlafenden Schönen im Wald«. Dazu zitiert er Musicals, die bereits mit dieser Märchentradition spielten (»Into the Woods«, »Grimm! – Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf«). Fast durchgehend ist der komplexen Geschichte trotz ihrer verschiedenen Ebenen gut zu folgen.

Im Mittelpunkt stehen die historischen Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts danach streben, die Literaturwissenschaft zu einer eigenen Geisteswissenschaft zu machen. Der gefühlsbetonte, enthusiastische Wilhelm (authentisch und mitreißend: Peter Lewys Preston) versucht, seinen vernünftigen, korrekten Bruder Jacob (mit der stärksten Rollenentwicklung: Jonas Hein) davon zu überzeugen, dies mit dem Sammeln von Märchen zu erreichen. Unterstützt wird er von Marie Hassenpflug (Janne Marie Peters), der hugenottisch-stämmigen Märchenerzählerin aus Hanau, die in dem sog. »Kränzchen«, einem kleinen bürgerlichen Salon der Grimms in Kassel, wohin beide Familien gezogen sind, die Geschichten, die ihr zugetragen wurden, weitergibt. Janne Marie Peters zeigt Marie Hassenpflug als starke Frau, die fragt: »Ist denn das einzige Glück der Frau nur ihr Prinz?« (›Was soll ich sagen?‹) Gemeinsam mit Henriette Dorothea (Dortchen) Wild (kabarettistisch und liebenswert: Laura Pfister), die ebenfalls aus einer hugenottischen Familie stammt, verkörpert Hassenpflug die Märchentradition, in der die »Kinder- und Hausmärchen« stehen. Viele Grimm-Märchen sind europäischen Ursprungs, haben ihre Wurzeln in Frankreich und Italien. Einige entstammen ihrerseits Sammlungen. So reichen die Wurzeln des ersten »Aschenputtel«-Märchens in das Ägypten des 1. Jahrhundert vor Chr. zurück, aus dem sie der griechische Historiker Strabo überlieferte.

Jacob ist skeptisch, er sieht sich nicht als »Märchenonkel« und soll vorerst Recht behalten. Als die Brüder versuchen, den Vorstand der Universität Marburg zu einer Förderung ihres Vorhabens zu bewegen, ernten sie nur Spott für ihre »Clownerie«. Nach der Ablehnung stoßen sie zu einer »Kränzchen«-Runde, zu der auch Dortchen Wild gehört. Sie kümmert sich etwas um den Männerhaushalt und ist in Wilhelm verliebt. Dieser erwidert ihre Gefühle, schafft es aber nicht, ihr das zu sagen. Stattdessen lobt er ihr ›Wurstbrot mit Senf‹ (herrliches Kabinettstückchen). Marie hat von einer alten Märchenerzählerin vor Marburg ein Kästchen erhalten, in dem sich angeblich diejenige Spindel befinden soll, an der sich einst Dornröschen stach. Jacob hinterfragt den Sinn dessen, was sie tun. Darüber kommt es zum Streit der Brüder. Vergessend, dass er die Spindel in der Tasche hat, rennt Jacob fort und sticht sich an dem magischen Objekt. Daraufhin stolpert er buchstäblich in die Märchenwelt und lernt die bezaubernde Thalia (ebenso bezaubernd in Schauspiel und Gesang: Maria-Danaé Bansen), die seine Gefühle offenlegt (berührendes Duett: ›Wie in einem Traum‹), kennen. Thalia trägt nicht nur den Namen der Muse der heiteren Dichtkunst, sondern ist auch die zentrale Figur im französischen »Dornröschen«-Urmärchen. Immer noch schläft sie, hin und wieder fällt sie ad hoc schlafend zu Boden. In ihrem fantasievollen Kostüm (Kostüme: Ulla Röhrs) vereinen sich ein Feenkleid und die Ringelstrümpfe von Pippi Langstrumpf. Thalia warnt Jacob mit einem Zitat aus »Into the Woods« vor den Gefahren im Wald: ›Augen auf‹. Denn viele Märchenfiguren sind dort einfach verschwunden. Jacob erzählt bei der Märchenversammlung, dass sein Bruder und er alle Märchen aufschreiben möchten, um sie in einem Buch für die Ewigkeit vorm Vergessen durch die Menschen zu bewahren. Seine gesetzte Sprache wirkt in der Märchenwelt antiquiert, denn dort herrscht ein betont heutiger Jargon. Die mächtige Hexe Tredecima (Carolin Fortenbacher) bringt es auf den Punkt: Die Märchen sind schwach und glatt geworden. In einer kraftvollen Musical-Arie fordert sie: ›Macht Märchen wieder mächtig‹, und warnt die anderen, dass der Fremde sie in ein Buch sperren will. Carolin Fortenbacher schlägt den Zuschauer stimmlich und mit ihrem lust- und ausdrucksvollen Schauspiel in ihren Bann. Dabei bewegt sie sich mit einem charakteristischen Rucken des Kopfes wie das eines Geiers fort, was die unheimliche Wirkung der Maske (Wiebke Quenzel) unterstreicht.

Jacob erkennt, dass sein enthusiastischer Bruder Wilhelm mit seinen Änderungen zum Schönen, wie zum Beispiel drei Extrazwergen, damit die Zahl rund ist, einen unheilvollen Prozess in Gang gesetzt hat. Wenn der Froschkönig lieber »den inneren Frosch annehmen« möchte, anstatt von der Prinzessin an die Wand geklatscht zu werden, Ilsebill zufrieden ist mit dem, was sie hat, und der Böse Wolf lieber vegetarisch lebt, dann funktionieren Märchen nicht mehr. Tredecima will Jacobs Fortgehen verhindern, aber mit Hilfe des Gegenzaubers gegen den Fluch der Spindel – »der wahren Liebe Kuss« – gelingt ihm die Flucht zurück in seine Welt. Er ahnt nicht, dass Tredecima ihm gefolgt ist.

Abb. unten von oben links:
1. Gespannt schauen alle auf die ›Dornröschen‹-Spindel (v.l.): Ensemble (Johanna Haas, Luisa Rhöse, Katharina Beatrice Hierl), Dortchen Wild (Laura Pfister), Marie Hassenpflug (Janne Marie Peters) und Wilhelm Grimm (Peter Lewys Preston), einzig Jacob (Jonas Hein, hinten) blick kritisch
2. Wilhelm Grimm (Peter Lewys Preston mit der Spindel) versucht vergebens, seinen verärgerten Bruder Jacob (Jonas Hein) zur weiteren Zusammenarbeit zu bewegen
3. Bei seiner Ankunft in der Märchenwelt wird Jacob Grimm (Jonas Hein) von der wütenden Bohne (herrlich rotzig gespielt von Johanna Haas) attackiert. Sie hat Angst, wieder zu platzen, wo sie das Tapfere Schneiderlein gerade erst zusammengenäht hat
4. Thalia (Maria-Danaé Bansen, 2.v.l.) stellt Jacob (Jonas Hein, l.) den Märchenfiguren vor (ab 3.v.l.): Ilsebill (Luisa Rhöse), Zwerg (Janne Marie Peters), Dummling (Claudio Gottschalk-Schmitt), Sterntaler (Johanna Haas), Der böse Wolf (Lukas Haiser), Rapunzel (Katharina Beatrice Hierl), Froschkönig (Nikko Forteza), Zwerg (Laura Pfister)

Abb. von oben links:
1. Märchenversammlung mit Tredecima (Carolin Fortenbacher) und (v.l.): Rapunzel (Katharina Beatrice Hierl), Zwerg (Laura Pfister), Froschkönig (Nikko Forteza), Zwerg (Janne Marie Peters), Dummling (Claudio Gottschalk-Schmitt), Sterntaler (Johanna Haas)
2. ›Spieglein, Spieglein‹ – Jacob Grimm (Jonas Hein, l.) und Dortchen Wild (Laura Pfister, r.) blicken entsetzt auf die durch Zauber verwandelte Tredecima (Carolin Fortenbacher, Mitte)
3. ›Wie im Traum‹ -Jacob Grimm (Jonas Hein) und Thalia (Maria-Danaé Bansen
4. Die Grimms und die beiden Märchenerzählerinnen (v.l.): Jacob Grimm (Jonas Hein), Wilhelm Grimm (Peter Lewys Preston), Dortchen Wild (Laura Pfister) und Marie Hassenpflug (Janne Marie Peters)
5. ›Mach Märchen wieder mächtig‹ – Tredecima (Carolin Fortenbacher) verunsichert auch Rapunzel (Katharina Beatrice Hierl, l.) und den Dummling (Claudio Gottschalk-Schmitt, r.)

Seit 2014 konzipiert Tobias Schunck die Bühne im Amphitheater im Park von Schloss Philippsruhe. In diesem Jahr ermöglichen, neben zwei schrägen Auf- und Abgängen auf beiden Seiten der Holzbühne, in der Mitte zwei gegeneinander laufende Drehscheiben (die große mit 10, die kleinere oben drauf mit 5 Metern Durchmesser) die flüssigen Szenenwechsel zwischen den Welten. Mit Märchenzitaten beschriftete Streifen – wie aus Seiten gerissen – hängen vom oberen Rand herab. Diese finden sich auch in Ulla Röhrs fantasievollen, äußerst ästhetischen Kostümen der Märchenfiguren wieder. Zudem zeigt jedes Kostüm in seiner Ausstattung und mit strukturellen Akzenten das jeweilige Märchen an: Ilsebill mit Fischernetz, Krönchen beim Froschkönig. Alles in der Welt der Märchen ist in Farbe getaucht, auch das Licht (Steven Stratford & Oliver Ehmes). Für die Märchenwesen erscheinen die Menschen schwarz-weiß, weil ihnen jede Farbe fehlt. Auch das Haus der Brüder Grimm mit der Bücherwand, die sich aus zwei Treppenelementen zusammensetzt, ist »farblos«. Farbe kommt erst hinein, als die Urhexe Jacob aus der Märchenwelt folgt. Diese überzieht die Wohnung der Grimms mit gelbem »Süßem Brei«, in dem auch Dortchen untergeht. Nicht nur haben die Menschen die Märchen vergessen, sondern auch die Märchen Tredecima. Deshalb soll es keine Märchen mehr geben, auch sie selbst will kein Märchen mehr sein.

Inzwischen versucht Wilhelm, der ebenfalls in die Märchenwelt gelangt ist, die Märchenfiguren zu bewegen, ihm dabei zu helfen, ihre Geschichten richtigzustellen. Weil Tredecima alle verunsichert hat, Thaliaverschwunden ist und der Dummling (mit Talent und großer Spielfreude: Claudio Gottschalk-Schmitt) dabei bleibt: ›Bücher machen mir Angst‹, wird Wilhelm festgenommen und soll hingerichtet werden. Es wirkt, als habe Choreograph und Co-Regisseur Bart De Clercq für das Stück eine eigene choreographische Sprache gefunden: mit Stampfen, einer Art Stocktanz mit Hölzern und symbolischen Drehbewegungen der Hände, welche die beeindruckende Wirkung nicht nur dieser Szene verstärkt.

Am Ende ist es nicht ganz einfach, der Geschichte zu folgen, weil die verschiedenen Ebenen und Welten aufeinandertreffen und Flüche nur so über die Bühne fliegen. Ihr fallen Marie Hassenpflug und die wiedergefundene Thalia zum Opfer. Doch Jacob entwirrt im letzten Moment die Fäden, verwendet das ›Spieglein, Spieglein‹ gegen die Hexe und erlöst Thalia. Der Dummling überwindet seine Angst und erzählt als erster der Märchenfiguren Wilhelm sein Märchen, damit er es 1:1 aufschreibt. Nachdem Letzterer Dortchen end-lich seine Liebe gestanden hat, gelangt er durch »der wahren Liebe Kuss« zurück in die Menschenwelt. Wiedervereint, setzen die Grimms ihr Werk fort.

›Jacob und Wilhelm – Weltenwandler‹ ist ein wunderbares Stück über die Kraft der Fantasie, die Ängste überwindet und Welten verbindet.


Fotos (1., 3., 4.): Brüder Grimm Festspiele Hanau / Hendrik Nix Foto (2.): Brüder Grimm Festspiele Hanau / Marco Krämer-Eis

Fotos (1., 2., 4., 5.): Brüder Grimm Festspiele Hanau / Hendrik Nix Foto (3.): Brüder Grimm Festspiele Hanau / Marco Krämer-Eis