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Waidmannsheil!


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Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 30.09.2022

RATGEBER UNTERWEGS

DerLexikon-Eintrag zum Thema „Jägersprache“ aufwikipedia.de hat 566 Einträge, von Aalstrich bis Zwangswechsel. Wahrscheinlich verstehe ich deswegen erstmal nur die Hälfte, als Jägerin Kathrin Depka mir von ihrer Leidenschaft berichtet. Vielleicht verstehe ich aber auch nichts, weil ich mich noch nie mit der Jagd befasst habe.

Wir sind in einem 600 Hektar großen Jagdgebiet bei Klotten an der Mosel. Es ist Anfang Mai und die Jagdsaison hat gerade erst begonnen. Auch wenn bis vor kurzem Schonzeit war, heißt das nicht, dass die Pächter des Jagdgebiets die letzten Wochen die Füße hochlegen konnten: Die Aufgaben eines Jägers sind weit vielfältiger als das reine Schießen von Tieren. In erster Linie geht es – auch beim Abschuss des Wildes – um die Hege des Gebiets, also um die Erhaltung von Flora und Fauna in einem ausgewogenen Verhältnis. Man sagt auch „Waidgerechtigkeit“ dazu. ...

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Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 10/2022

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Wir sind in einem 600 Hektar großen Jagdgebiet bei Klotten an der Mosel. Es ist Anfang Mai und die Jagdsaison hat gerade erst begonnen. Auch wenn bis vor kurzem Schonzeit war, heißt das nicht, dass die Pächter des Jagdgebiets die letzten Wochen die Füße hochlegen konnten: Die Aufgaben eines Jägers sind weit vielfältiger als das reine Schießen von Tieren. In erster Linie geht es – auch beim Abschuss des Wildes – um die Hege des Gebiets, also um die Erhaltung von Flora und Fauna in einem ausgewogenen Verhältnis. Man sagt auch „Waidgerechtigkeit“ dazu.

Aufgabe der Jagd

Natürlich ist ein Ziel schon immer die Gewinnung von Fleisch, Fell und anderen Rohstoffen wie Horn oder Geweih gewesen. Heute muss ein Jäger aber auch den Bestand der Wildtierpopulation überprüfen und regulieren. Das bedeutet: Wer ein Jagdgebiet pachtet, ist dafür verantwortlich, dass Landwirte in diesem Bereich ohne größere Wildtierschäden arbeiten können. Wütet doch einmal eine Rotte Wildschweine durchs Feld, muss der Pächter für den Schaden aufkommen. Auch für die Verhütung von Wildverbiss an jungen Pflanzen im Wald und für die Eindämmung von Tierseuchen ist der Jäger zuständig. Es geht also viel mehr um ein ausgewogenes Wildtiermanagement als um den reinen Abschuss. Am Ende profitieren Wald und Tiere gleichermaßen von den naturschutzfachlichen Maßnahmen.

Rundgang durchs Revier

Deswegen machen Kathrin Depka und ich zunächst einen Spaziergang und nehmen alles in Augenschein. Immer dabei ist Hündin Elsa, ein Magyar Vizsla mit besonders feinem Spürsinn.

Kathrin Depka ist eigentlich Designerin. Vor ein paar Jahren gestaltete sie Material für die Jägerschaft Bonn und beschäftigte sich erstmals mit dem Thema Jagd. Das Thema ließ sie nicht mehr los, und so beschloss sie, den Jagdschein zu machen. Das ist insofern außergewöhnlich, als dass die meisten Jäger seit ihrer Kindheit mit der Jagd vertraut sind. Jagdscheinanwärter ohne Vorerfahrung und Jäger in der Familie gibt es kaum. Aber vielleicht kann mir Kathrin deswegen besonders gut erklären, worauf es ankommt und was das Besondere am Jägerdasein ist.

Unser Streifzug durch das Jagdgebiet führt uns vorbei an verschiedenen An- und Hochsitzen. Manche sind überdacht, andere offen, manche sind sehr hoch, andere eher niedrig und versteckt. Sie zeigt mir Spuren von Wildschweinen, Mufflons und Rehen, an denen ich sonst wohl einfach vorbei gegangen wäre, ohne sie zu bemerken.

Den Spuren folgen

Auf einer Lichtung mit Hochsitz befindet sich eine Kirrung. Das istein Platz, an den Tiere gelockt werden, um sie zu beobachten, den Bestand zu prüfen und sie gegebenenfalls zu bejagen. Hier wurde als Lockmittel Mais unter Baumstümpfe gestreut – ein besonderer Leckerbissen für Wildschweine. Und da nicht Tag und Nacht jemand auf dem Hochsitz Ausschau halten kann, ist auch eine Wildkamera angebracht, die jede Bewegung aufzeichnet. Bis auf ein wenig aufgewühlte Erde im Wald können wir keine weiteren Wildschäden entdecken. Auch Wildunfälle finden in diesem Gebiet nur selten statt. Damit das so bleibt, muss der Bestand reguliert und eine gewisse Abschussquote erfüllt werden.

Es wird Zeit, dass wir uns auf die Jagd vorbereiten. Zurück in der Jagdhütte ziehen wir uns warm an, trinken noch einen Kaffee und ich lasse mich einweisen. Später auf dem Hochsitz können Gespräche nur noch im Flüsterton geführt werden und ich habe noch einige Fragen. Langsam steigt bei mir die Nervosität. Die Schonzeit ist gerade erst beendet und die Chance, heute etwas zu schießen groß. Wie wird sich das anfühlen? Ich esse gerne Fleisch und weiß natürlich, woes herkommt – aber bin ich auch bereit, einem Tier beim Sterben zuzusehen? Vielleicht mitverantwortlich für seinen Tod zu sein? Neben der Vorfreude, dass es gleich losgeht, habe ich auch jede Menge Respekt vor der Aufgabe, die Kathrin und mich erwartet.

Die Jagd vorbereiten

Noch ist es aber nicht so weit. Ich darf die (natürlich ungeladene) Waffe halten und bin sehr erstaunt wie unglaublich schwer sie ist. Kathrin erzählt, dass die Erlangung des Jagdscheins ein ganzes Jahr gedauert hat. Zweimal die Woche Unterricht und unzählige Male auf dem Schießstand gehören zur Ausbildung. Das Jagdrecht in Deutschland ist kompliziert und entspricht der hohen Verantwortung, die ein Jäger hat. So darf man nicht einfach jagen wann, wie und was einem gefällt. Jedes Wild unterliegt strengen Schonzeiten, in denen nur bestimmte Tiere geschossen werden dürfen. Muttertieren unterliegen zum Beispiel einem besonderen Schutz. Aber auch innerhalb der Schonzeit ist nicht jeder Abschuss erlaubt. Rehböcke haben momentan Jagdzeit, dabei beschränken sich viele Jäger jedoch auf kleine und schwächere Tiere. Die Ricken, also die Weibchen, sind noch mit der Aufzucht der Kitze beschäftigt und werden in Ruhe gelassen.

Die perfekte Schussposition

Um einen Bock schießen zu können, muss man ihn also erst einmal zweifelsfrei als solchen identifizieren. Er muss ruhig mit der Seite zum Jäger stehen, die richtige Entfernung für die verwendete Waffe sowie Munition haben und hinter ihm darf zum Beispiel kein weiteres Tier sein, das ebenfalls getroffen werden könnte. Ist einer dieser Faktoren nicht gegeben oder unklar, wird nicht geschossen.

Beim Blattschuss wird unter das Schulterblatt geschossen, sodass die Vorderkeule ganz bleibt und Herz, Lunge oder große Gefäße getroffen werden. Das führt zum sofortigen Tod des Tieres. Gelingt der Blattschuss nicht, kann so ein Rehbock noch einige Meter rennen und ist schnell im Dunkel des Waldes verschwunden. Es liegt dann in der Verantwortung des Jägers, das Tier zu finden. Ein verletztes Tier wird niemals einfach im Wald zurückgelassen. Ist es nicht auffindbar werden Nachsucher bestellt. Das sind speziell ausgebildete Jäger mit Hunden, die die Fährte aufnehmen, bis sie das verwundete Wild aufgespürt haben.

Eins mit der Natur

Wir beziehen unseren Ansitz am Rande einer kleinen Obstbaumwiese. Die Sonne nähert sich schon dem Horizont und der Ginster strahlt gelb. Möglichst leise klettern wir die Leiter hoch und richten uns oben ein. Der Ansitz hat mehrere Fenster, durch die wir hinausschauen können. Rehe schießt man am ehesten in der Dämmerung. Sie sind sehr scheu und beobachten eine Lichtung oft mehrere Minuten von der Waldkante aus. Aber das können wir auch – so inspizieren Kathrin und ich mit unseren Ferngläsern immer wieder Wald und Waldrand. Doch es bewegt sich nichts. Meine Nervosität legt sich und weicht langsam einer großen Ruhe. Die Natur um uns herum scheint vergessen zu haben, dass wir auf den Hochsitz gestiegen sind. Kaninchen hoppeln über das nahe Feld und ein fleißiger Buntspecht hämmert im Baum gleich neben uns.

Die Jagd im Jahreskreis

Kathrin erzählt im Flüsterton noch ein bisschen von früheren Jagderlebnissen. Nach dem Frühling, der für fast alle Tiere Schonzeit ist, damit die Fortpflanzung gesichert ist, geht nacheinander die Jagdzeit für die verschiedenen Tierarten los. Außerdem stehen regelmäßig weitere Arbeiten im Revier an: Hochsitze müssen repariert werden, das Blattwerk drumherum beschnitten und die Jagdhütte in Stand gesetzt werden. Das Jägerleben klingt, als würde es nie langweilig werden. Nur auf der Obstbaumwiese unter unserem Hochsitz passiert rein gar nichts. Wir warten drei Stunden. Die Sonne geht strahlend rot hinter den Getreidefeldern unter. An der Waldkante kann man langsam auch mit Fernglas nicht mehr viel sehen. Ich befürchte schon, meine Aufregung wäre ganz umsonst gewesen, da sagt Kathrin sehr leise und bestimmt: „Da ist einer!“ Und richtig: Ein schmaler Bock betritt die Wiese. Er ist viel kleiner, als ich gedachte hätte und anscheinend hungrig.

Ein echter Maibock

Auf der Suche nach dem saftigsten Gras bewegt er sich relativ viel über die Wiese – und bleibt er stehen, wendet er uns sein Hinterteil zu. So kann man ihn nicht schießen, erklärt Kathrin. Gefühlt halten wir beide schon minutenlang die Luft an, die Anspannung ist riesig. Die Jägerin beschließt, den Bock zu rufen und macht ein Geräusch. Er schaut auf, bringt sich perfekt in Position und lauscht. Trotz Schalldämpfer ist der Knall laut. Mit ihm löst sich auch die Anspannung der letzten Minuten und für mich auch die der letzten Tage. Obwohl wir später sehen, dass der Bock perfekt getroffen ist, liegt er nicht „im Knall“, ist also nicht an Ort und Stelle umgefallen.

Mithilfe der Hündin Elsa finden wir ihn aber wenige Meter entfernt. Der Rehbock, der vor zehn Minuten noch friedlich auf der Wiese geäst hat, liegt nun tot vor uns. Ein kleiner Zweig wird ihm als letzter Bissen ins Maul gelegt, ein weiterer auf die Einschussstelle. Ich habe die ganze Zeit Sorge, dass das Tier plötzlich aufspringt, so unwirklich kommt mir das Ganze vor. Aber nach einem Moment der Ruhe und meinem Jägergruß „Waidmannsheil“ an die Jägerin nehmen wir den Bock mit zur Jagdhütte.

Nach dem Schuss

Obwohl das Erlegen des Tiers das Ziel unserer Jagd war, herrscht eine ruhige, respektvolle Stimmung. Auch später beim sogenannten Aufbrechen des Wildes, also dem Ausnehmen der Eingeweide, habe ich nicht das Gefühl, das Kathrin den Bock als reines Stück Fleisch sieht. Aus hygienischen Gründen muss das Aufbrechen direkt nach der Jagd geschehen, danach muss das Wild eine Zeit lang abhängen, bis man es essen kann. Auch dieser eher blutige Teil der Jagd ist für mich nicht so schwer erträglich, wie ich vorher befürchtet hatte. Nur als sie an der Speiseröhre ankommt und wir sehen, dass der Rehbock bis zu seinem Tod noch genüsslich gegrast hat, wird mir etwas mulmig. Aber eigentlich ist das ja ein schöner Tod. Unsere Jagd war ein voller Erfolg und auch, wenn ich nach wie vor überzeugt bin, dass ich wohl nicht selber schießen könnte, war mein Unbehagen im Vorfeld der Jagd unbegründet. Wer Fleisch isst, weiß, dass Tiere dafür sterben. Und ich bin sehr sicher, dass längst nicht alle Tiere, die auf unseren Tellern landen, ein so freies schönes Leben und einen so gnadenreichen Tod gehabt haben, wie unser kleiner Bock.

Jagd ist gelebter Naturschutz

Kleine Kinder und sture Menschen denken, Jäger seien böse Menschen, die „einfach so” Tiere schießen. Dass dem nicht so ist, wird zum Glück immer mehr Menschen bewusst: Bei einer repräsentativen Befragung des unabhängigen Instituts IfA Marktforschung Bremer + Partner im Auftrag des Deutschen Jagdverbandes waren im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der Befragten positiv zur Jagd eingestellt – ein Fünftel mehr als noch im Jahr 2003. Der Anteil der Menschen, die Jagd eher kritisch sehen, hat sich im selben Zeitraum mehr als halbiert auf 22 Prozent.

Die Umfrageteilnehmer sollten auch konkrete Aussagen zur Jagd bewerten. Im Vergleich zu 2003 gab es durchweg einen positiven Trend bei den Antworten. Eine deutliche Mehrheit von 90 Prozent ist überzeugt: Jäger lieben die Natur. Das sind 4 Prozent mehr als 2003.

Heute geht der Trend einerseits hin zu fleischloser Ernährung und andererseits wird sehr viel extrem billiges Fleisch in den Discountern verkauft. Wildfleisch ist die perfekte Alternative für alle, denen beides nicht schmeckt. Die Tiere leben frei, ernähren sich natürlich ohne Medikamente und Mastfutter. Ja, auch Rehe und Wildschweine müssen sterben, bevor sie auf unserem Teller landen. Aber ihr Tod geht schnell, passiert am Ort, an dem die Tiere leben und ist für Wald- und Feldpflege sowieso nötig. Es wird nicht mehr Wild geschossen, als in den Schussquoten vorgegeben wird, die Arten sollen schließlich geschützt und im Gleichgewicht gehalten werden.

Das wichtigste Argument für Wildfleisch ist aber der feine Geschmack. Entgegen landläufiger Meinung schmeckt Wild nicht zwangsläufig streng. Geschmacklich unterscheidet sich das Fleisch der Wildtiere stark: Kaninchen und Fasan etwa sind mild, Rehfilet hat einen leichten, aromatischen Geschmack, Wildschwein eine ausgeprägte Wildnote, die sich gut mit kräftigen Gewürzen kombinieren lässt.

Mehr Informationen zur Jagd, zur Aufgabe von Jägern, sowie zur Jagdausbildung und finden Sie unterwww.jagdverband.de