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Waisenhaus der Affen


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 14.05.2020

In Liberia in Westafrika haben zwei Amerikaner die erste Schutzstation für elternlose SCHIMPANSENBABYS aufgebaut. Deren Betreuung ist ein 24-Stunden-Job


Artikelbild für den Artikel "Waisenhaus der Affen" aus der Ausgabe 3/2020 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 3/2020

PFLEGERIN Mitarbeiterin Anni mit Gola und Gloria. Selbst an freien Tagen erkundigt sie sich nach ihren Schützlingen


SEILTÄNZER Auch Schimpansen müssen das Klettern lernen. Leigh und Gloria spielen und hangeln an einem Strick


Verwandter: Der Mensch teilt über 98 Prozent seiner Gene mit dem Schimpansen


SCHÜLER Schimpansenbabys teilen sich zunächst vor allem durch Laute mit, erst etwas später lernen sie, Gesten einzusetzen


Der junge Mann ist schwer bepackt, ...

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... er will etwas verkaufen. Er öffnet seinen Rucksack und holt das empfindliche Handelsgut heraus. Die Ware lebt. Es ist ein Schimpansenbaby, kaum ein Jahr alt, voller Angst, abgemagert, zusammengekrümmt. Es hat viele kahle Stellen am Körper und Augen ohne Glanz. Der Kopf ist übersät von Ameisen und von Insektenbissen. Der Mann setzt das geschundene Tier auf seinen Schoß, hofft auf kostbare Dollars.

Jenny Desmond schaut den Primaten an, lächelt, zeigt dem Affenihre gesenkte Faust, spitzt die Lippen und macht „Oohohoho“. Der Kleine krabbelt auf ihren Schoß. „Die Reaktion war sehr intuitiv. Ich habe ihn in Affensprache begrüßt.“ So erinnert sich die Amerikanerin an ihre erste Begegnung mit dem Schimpansenbaby, das sie später Jack tauft. Der Verkäufer, ein junger Liberianer, hatte gehört, dass Jenny und ihr Mann Jim Affen besitzen. Was er nicht wusste: Die beiden sind Tierschützer. Sie retten elternlose Schimpansen aus den Fängen von Wilderern, Zwischenhändlern und illegalen Besitzern – vor Leuten wie ihm. Affe Jack wurde konfisziert. Der Verkäufer behauptete, er habe das Jungtier von einem Onkel bekommen. Doch der blieb natürlich unauffindbar.

Das neue Refugium des Waisenhauses umfasst 40 Hektar Wald im Feuchtgebiet Marshall Wetlands nahe Monrovia


»Mütter verteidigen ihre Babys mit ihrem Leben. Deshalb werden sie umgebracht.«
JENNY DESMOND, Tierschützerin


EINE LEBENSAUFGABE

Jenny Desmond ist sicher: „Seine Mutter wurde umgebracht. Eine Schimpansenmutter hat ihren Nachwuchs immer bei sich und verteidigt ihn mit dem Leben.“ Laut Schätzungen sterben bei jeder Entführung eines Affenbabys zehn Mitglieder seines Clans. Deren Fleisch wird als Bushmeat, Buschfleisch, verkauft. Die Babys werden illegal als Haustiere gehandelt. Die Käufer sitzen vor allem im Nahen Osten, in China und auch Afrika.

Jack gehörte zu den ersten Schimpansenwaisen, die in die Obhut der Desmonds kamen. Beide hatten bereits für Tierschutzeinrichtungen in Afrika und Asien gearbeitet, als 2015 die Einladung nach Liberia kommt. In dem armen Land an der Westküste Afrikas sollen sie sich um einstige Versuchsaffen kümmern, die dort auf einer Insel leben. Doch es kommt anders. Man bringt ihnen ein Schimpansenkind, das als Haustier verkauft werden sollte. Bei den Des monds findet es ein neues Zuhause – und das Paar seine Lebensaufgabe. Die zwei gründen das erste Schutzzentrum für elternlose Schimpansen in Liberia, Liberia Chimpanzee Rescue and Protection, kurz LCRP. Die Liebe zu wilden Kreaturen teilt Jenny Desmond mit ihrem Mann Jim. Der Veterinär arbeitet tagsüber in einer Forschungseinrichtung. Abends kümmert er sich mit um die Schimpansen. Inzwischen hat das LCRP 22 Mitarbeiter, die sich um mehr als 55 Affenwaisen kümmern, und wird vom renommierten Jane-Goodall-Institut unterstützt. „Alle unsere Schimpansen stammen aus illegalem Handel oder Besitz“, sagt Jenny Desmond, die eng mit den Behörden zusammenarbeitet. Etwa um Tiere zu befreien. Westafrikanische Schimpansen sind vom Aussterben bedroht und stehen unter Schutz. Dennoch schrumpft der Bestand. Die Gründe: Verlust von Lebensraum und Wilderei.

MEDIZINER Tierarzt Jim Desmond (hinten) operiert den Schimpansen Rudi, dessen kleiner Zeh entzündet ist, um die Infektion zu stoppen


AUFSTEIGER Anfangs hatte Jack Angst und viele kahle Stellen am Körper. Nun ist sein Fell nachgewachsen. Er klettert unerschrocken auf hohe Bäume und liebt Früchte


ERSATZMUTTER Jenny Desmond hat mit ihren Adoptivaffen alle Hände voll zu tun. Neulinge schlafen mit in ihrem Bett


RISKANTE RETTUNG

Auch das internationale Fernsehen wird auf das Projekt aufmerksam. Die BBC drehte zusammen mit dem britischen Primatologen und Moderator Ben Garrod den Dreiteiler „Baby Chimp Rescue“. Einen deutschen Sender gibt es noch nicht. Die Doku zeigt auch die Rettung von Affenbabys. Einmal begleitet ein groß gewachsener Ranger der Forstbehörde Jenny Desmond und Ben Garrod, die sich als Käufer ausgeben. „Es ist beängstigend“, sagt Garrod in die Kamera. „Wir wissen nicht, ob wir auf Schmuggler, Wilderer oder Händler treffen und wie feindselig sie sind.“ Der Verkäufer ist schmächtig, ungefähr Ende 20 und steht vor einer Hütte. Neben ihm sitzt ein Schimpansenbaby im Staub. Apathisch, mit einer Kette am Hals. „850 Dollar!“ So viel verlangt er für das niedliche „Haustier“. Doch der vermeintlich lukrative Deal kostet ihn die Freiheit. Der Ranger nimmt ihn fest.

LEHRER Primatologe Ben Garrod übt im Waisenhaus mit tierischen Schülern das Angeln von Termiten


HANDWERKER Schimpansen nutzen Äste zum Spielen und Hangeln, aber auch als Werkzeug bei der Nahrungssuche


»Kleine Affen sind lebende KLETTEN. Sie brauchen sehr viel Körpernähe.«
JENNY DESMOND, Tierschützerin


Jenny macht das Tier los und nimmt es auf den Arm. Der Schimpanse klammert sich an ihr fest. In den nächsten Wochen wird er mit im Ehebett schlafen. „Affen brauchen sehr viel Körpernähe“, erklärt Jenny. Sie und eine weitere Nanny kümmern sich im Wechsel um Neuankömmlinge. Manchmal dauert es Monate, bis sich ein Novize eingewöhnt.

Anfangs war auch Jack sehr scheu und weinte viel. Jenny Desmond trug ihn immer eng am Körper. Nachts lag er auf ihrem Bauch, bekam alle paar Stunden Ersatzmilch aus der Flasche. „Kleine Affen sind lebende Kletten. Im ersten Jahr bleiben sie rund um die Uhr bei der Mutter.

Ersatzmutter zu sein ist ein 24-Stunden-Job“, sagt die US-Amerikanerin. „Jeder Schimpanse kommt traumatisiert zu uns. Viele mussten mit ansehen, wie ihre Mutter getötet wurde.“ Schimpansen werden erst mit fünf Jahren von der Mutter entwöhnt. Im Alter von 13 bis 15 Jahren sind sie dann selbst geschlechtsreif.

AKROBATEN Der Nachwuchs lernt neben dem sicheren Klettern auch das Bauen von Schlafnestern in Baumkronen


SPIELER Schimpansenkinder toben und lachen viel. Körperliche Nähe ist sehr wichtig für sie – so wie beim Menschen


VOM AUSSTERBEN BEDROHT

Der Westafrikanische Schimpanse ist die gefährdetste von vier Unterarten. Der Bestand wird auf 35.000 Tiere geschätzt, in Liberia gibt es 7000.

Jenny und die anderen Nannys geben ihren Schutzbefohlenen Liebe und Fürsorge, aber auch artgerechte Beschäftigung. Je nach Entwicklungsstufe werden die Jungtiere in eine von vier Gruppen eingeteilt. Wie ihre wilden Artgenossen lernen sie, wie man Nüsse knackt, Termiten angelt, Schlafnester baut, Gefahren erkennt und sogar Körperpflege betreibt.

Ein besonders schweres Schicksal hat die kleine Gola: Sie wurde bei einem Wilderer entdeckt. Der Mann hatte sie in der einen Hand – in der anderen ihre tote Mutter. Ein Ranger übergab das traumatisierte Affenmädchen in die Obhut der Desmonds. Gola hat Monate gebraucht, bis sie erstmals Kontakt zu ihren Artgenossen aufnahm, aber sich dann gut erholt. Auch Jack, der im Rucksack kam, hat sich prächtig entwickelt, er ist ein geschickter Kletterer und liebt Früchte.

Das LCRP liegt südlich der Hauptstadt Monrovia, es besteht aus dem Privathaus der Desmonds, deren Garten und mehreren Gehegen. „Doch es ist zu klein geworden“, so Jenny Desmond. Ein Domizil für Schimpansen ist eine lebenslange Verpflichtung, denn unsere wilden Verwandten werden über 50 Jahre alt.

EIN NEUES REFUGIUM

Die Desmonds bauen vor: Sie haben in einem nahen Feuchtgebiet 40 Hektar Wald gekauft – für eine neue, noch artgerechtere Station mit reichlich Platz und mehr Grün. „Es gibt viele Mangroven als Pufferzone, sodass von außen kaum jemand unbemerkt eindringen kann“, hofft Jenny Desmond. „Es ist wie eine Insel. Vielleicht können wir von dort eines Tages Tiere auswildern.“ Das Projekt ist auf Spenden angewiesen (www.liberiachimpanzeerescue.org). Die Bauarbeiten laufen. Bald sollen die ersten Schimpansen das neue Zuhause besuchen. Jack könnte dabei sein.

Familienhündin Princess hat sich als Nanny bewährt und kuschelt hier mit Gola


FOTOS: S. 24 – 25: JENNY DESMOND/LCRP (2), LINDSEY PARIETTI/BBC; S. 26 – 27: JENNY DESMOND/ LCRP; S. 28 – 29: LINDSEY PARIETTI/BBC, MAURITIUS IMAGES, JENNY DESMOND/LCRP (3)