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Wandel-Pioniere


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 28.06.2018

Die Transition-Bewegung eröffnet neue Dimensionen für den Erfolg der Nachhaltigkeitsbewegung. Das Potenzial liegt im ganzheitlichen Blick auf die zwischenmenschliche Kultur – die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Verhalten.


In etwa 50 Landern weltweit gibt es uber 500 Gruppen von Menschen, die ihr Gemuse selbst anbauen, ihren Strom selbst produzieren, ihre eigenen lokalen Wahrungen in Umlauf bringen und lokal selbstorganisiert und zugleich global vernetzt einen anderen Lebensstil entwickeln. Sie nennen sich Transition Towns (Wandel-Dorfer) und setzen sich ein fur eine enkeltaugliche Wirtschaft, fur ...

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 3/2018

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... intakte Natur und fur eine sozialere Gesellschaft. Und sie haben viel Spas dabei!

Echte Wandel-Pionierarbeit ist gefragt, wenn wir die Welt weiter lebenswert bewahren wollen


© Mikael Damkier | Dreamstime.com


Das Potenzial liegt nicht in der Anzahl der Projekte: Ermächtigung der Einzelnen, partizipative Methoden und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit sind Komponenten einer neuen Kultur, die auf Vertrauen und Solidarität basiert.


Der Begriff Kultur (im Gegensatz zu Natur) meint im weitesten Sinne alles, was Menschen geschaffen und gestaltet haben. Hier, in Bezug auf menschliches Zusammenleben, meint er die Umgangsformen und Gewohnheiten, die wir – bewusst oder unbewusst – kreieren, die unsere Koexistenz beeinflussen und fur ≪normal≫ gehalten werden.

Kultur des Miteinanders

Von Nelson Mandela wissen wir, wie sein Vater, Hauptling der Mvezo in Sudafrika, die Sitzungen des Stammes einberufen hatte. Mandela fielen als Kind zwei Dinge auf: Erstens sas man immer im Kreis und zweitens sprach sein Vater immer als Letzter. Das Zuhoren und Im-Kreis-Sitzen war zumindest in traditionellen Volkern Teil der Kultur des Zusammenlebens.

Von diesem Wissen lassen sich Transition Initiativen inspirieren: So bringt Transition Zurich mindestens einmal pro Jahr moglichst viele Vertreter verschiedener lokaler Initiativen in einem Kreis zusammen, um eine Kultur des Zuhorens und der Partizipation zu uben.

Transition Zurich stellt sich in den Dienst der Wandel-Gemeinschaft und ladt Vertreter verschiedenster Organisationen – genannt Wandel-Pioniere – ein, einander kennenzulernen und ihre aktuellen Bedurfnisse im Bezug auf die Vernetzung zu teilen.


Nachdem in Zürich Versuche, ein regionales Netzwerk zu schaffen, gescheitert sind, wagten eine Handvoll Netzwerker einen weiteren Versuch – mit Erfolg.


Dank des Fokus auf Mitsprache. Wahrend der jahrlichen Tagung spurt Transition Zurich heraus, wo die aktuellen Themen der Teilnehmenden liegen und welche Auf-trage demnach priorisiert werden sollen. Nach dem ersten Treffen war beispielsweise das Aufschalten eines regionalen Verzeichnisses und eines zentralen Veranstaltungskalenders im Fokus; nach dem zweiten ging es mehr um Offentlichkeits- und Medienarbeit.

Nebeneffekt Kulturwandel

Das mit Abstand haufigste Feedback solcher Tagungen ist die Freude an der Diversitat der Teilnehmenden. Dass es solch eine Vielfalt an engagierten Menschen mit kreativen Projekten gibt, ist fur alle stets uberraschend und bereichernd. Plotzlich fuhlen sie sich nicht mehr so einsam mit dem kleinen Projekt und gliedern sich mental in die Struktur einer groseren, gar internationalen, Bewegung ein.


Die Stimmen der Wandel-Pioniere werden gehört und sie fühlen sich ernst genommen – anders als gewohnt in der Politik oder in der Wirtschaft, wo Pioniere jeglicher Art üblicherweise belächelt werden.


Rückbesinnung auf den Faktor Mensch

Nur weil die Bedurfnisse der Wandel-Pioniere von einem Hub abgeholt werden, heist es noch nicht, dass beispielsweise ein neu entwickelter Online-Kalender mit allen Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit sofort von allen genutzt wird. Im Zeitalter von Amazon, Zalando, WhatsApp und Kreditkarten, wo sich personliche Wunsche in kurzester Zeit erfullen lassen, bauen wir unbewusst ahnliche Erwartungen ans menschliche Verhalten auf: wie zum Beispiel, dass Menschen, die Solarenergie gut finden, sich sofort Fotovoltaik aufs Dach installieren; dass Menschen, die uber Sharing Economy Bucher schreiben, selbst alles mit ihren Nachbarn teilen; oder dass man Plastiktuten, nachdem man den Film Plastic Ocean gesehen hat, sofort aus dem Alltag verbannt.

Alles spielt zusammen: Die Welt, Menschen, Natur und auch unser Währungssystem


© Tan Kian Yong | Dreamstime.com

Die langsame Installation neuer Denkmuster


Jedem Verhaltenswandel geht immer ein Bewusstseinswandel voraus, auch in der Nachhaltigkeit.


Dieser braucht mehr Zeit, als uns lieb ist, und lasst sich nicht beschleunigen. Dran bleiben und immer wieder versuchen, sich selbst und andere an die Vision der nachhaltigen Welt in unseren Herzen zu erinnern, ist der einzige Spielraum, den Wandelaktivisten haben.

Wenn wir uns an die Langsamkeit, die ein Prozess im Unterbewusstsein eines Menschen braucht, erinnern, folgt daraus die Anerkennung der Diversitat: Wir sind alle auf demselben Weg, jedoch an unterschiedlichen Stellen. Einige von uns haben es geschafft, den Verpackungswahn zu reduzieren, andere fahren nur noch Fahrrad oder mit dem Zug auf Urlaub, andere haben Solarkollektorheizungen.

Walk the Talk – Den Wandel gehen

Aus dieser Diversitat wird echte Meinungsfreiheit und Solidaritat ersichtlich: Meine Erfahrungen haben mich an den Punkt gebracht, an dem ich im Leben stehe – und du hast deine gemacht und stehst an einem anderen Punkt. Ich respektiere, dass du frei von Fast Food lebst, und akzeptiere, dass ich das (noch) nicht mache. So darf ich von dir denselben Respekt erwarten, dass ich konsequenter Fahrradfahrer bin und du dich noch nicht von deiner Gewohnheit, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, losen konntest.

Du musst mein Verhalten an sich nicht gutheisen. Denn ich brauche den sozialen Druck, um aus meiner Komfortzone herauszukommen. Du brauchst nur mein eigenes Tempo zu respektieren und die Tatsache, dass ich ein Mensch bin:

Der Bewusstseinswandel ist ein Weg, den man sich nicht im Kopf ausdenken kann – sondern den man gehen muss.


Beispiele sich wandelnder Denkmuster aus dem Kreise Transition Zürich

Beispiel 1: Solarstrom

Vertreter der Solarfirmago solar , die sich fur lokal und okologisch produzierten Strom einsetzt, erzahlen, dass es vor zehn Jahren ihre Hauptaufgabe war, den Men schen zu erklaren, dass Solarstrom eine gute Sache ist. Heute ist es nicht mehr so. Die Leute wissen, dass Fotovoltaik Sinn macht.

Heute aber muss man den Menschen vorrechnen, dass sich Fotovoltaik auch finanziell rentiert. Die Unternehmer vongo solar sind zuversichtlich, dass ihre Aufgabe in zehn Jahren wieder eine andere sein wird.gosolar.ch

Beispiel 2: Selbstorganisiertes Lernen

Wenn wir uns fur eine berufliche Laufbahn entscheiden, gehen wir oft den Weg der Speisekarte. Wir schauen uns das Angebot an und wahlen, was uns am meisten entspricht. Der Plattform fur selbstorganisiertes Lernen Openki liegt das umgekehrte Vorgehen zugrunde: Wenn ich etwas lernen will, uberlege ich mir zuerst genau, was es ist, und dann schaue ich, ob es bereits einen passenden Kurs dazu gibt. Falls nicht, erstelle ich diesen Kurs und initiiere die Ausbildung, die ich brauche.openki.net

Beispiel 3: Die Maus und der Elefant

Der mit Abstand groste Teil unseres Verhaltens passiert unbewusst. In Indien wird Ganesha, Gott der Hindernisse, als Kind mit einem Elefantenkopf dargestellt und an seiner Seite ist eine Maus.

Ungefahr so konnen wir uns das Grosenverhaltnis des Bewussten zum Unbewussten vorstellen: Das Bewusste ist die Maus neben dem Elefanten. Die Maus weis genau, was sie will – jedoch werden ihr bei ihren Vorhaben immer wieder Steine in den Weg gelegt. Der Elefant, als Quelle dieser Hindernisse, ist ein Kind und weis oft nicht, was er tut.

Deswegen wirkt eine unbewusste, gewohnte Handlung aus der Sicht unserer Bewusstseinsmaus unverantwortlich, wie z. B. ein billiges Zelt fur ein Musikfestival zu kaufen und auf dem Festivalgelande zu hinterlassen. Die Absicht des Elefanten ist dabei keine bose – sie ist nur nicht so sichtbar wie die der Maus, sondern unbewusst.


Das Anerkennen des Unbewussten ist eine der ersten Lektionen der Tiefenpsychologie und eine Voraussetzung der Tiefenökologie – des ökologisch sinnvollen Handelns im Einklang mit dem Unbewussten.


Mit dem Bewusstsein allein sind unsere Moglichkeiten viel beschrankter, als wenn wir unser Unterbewusstsein an Bord haben.

Das Wissen um den eigenen Elefanten und die laufende Auseinandersetzung mit seinen Gewohnheiten sind somit eine wichtige Rolle in der Transition-Bewegung.tiefenökologie.de