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WANDERN IN WEIß


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Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 02.12.2022
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Bildquelle: Landlust, Ausgabe 1/2023

Eiskristalle funkeln wie Diamantsplitter im Gegenlicht der Morgensonne. Nachts hat es geschneit und nun knirscht jeder Schritt im frischen Schnee. Eine Gruppe Schneeschuhwanderer ist auf dem Weg zum Gipfel des Belchen. Ein Fuchs muss ihnen zuvorgekommen sein, zu sehen an einer schnurgeraden Reihe kleiner ovaler Löcher im Schnee. Daneben sehen die Spuren der Wanderer groß und plump aus.

Kraftsparend auf großem Fuß

Am Morgen hat sich die Gruppe an der Talstation der Seilbahn zum Belchen getroffen. Dieser ist mit 1414 Metern der dritthöchste Berg im Schwarzwald (siehe Infotext S. 133). „Schneeschuhwandern kann jeder, der im Sommer wandert“, meint Jörg Maier, der in der Belchen-Region geführte Wandertouren anbietet. Er lebt in Schönau und entdeckte Ende der 1990er Jahre das Schneeschuhwandern für sich. Wer mit den halbmeterlangen ovalen Riesensohlen geht, sinkt nicht im tiefen Schnee ein. Man geht mehr ...

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... über als im Schnee, was Kraft spart. So sind kilometerlange Touren möglich, egal ob die Wege fast eisig festgetreten sind oder unter tiefem Schnee stecken. Auf Schneeschuhen ist man unabhängig von Liften, präparierten Strecken und von Schneehöhen. So ist Schneeschuhwandern ein beliebter Wintersport geworden.

Schneeschuhe für Wanderstiefel

Im Prinzip kann jeder sofort und allein loslaufen – zumindest in den Mittelgebirgen. Wer jedoch mit Schneeschuhführern geht, lernt den einen oder anderen Kniff beim Bergauf- und Bergabgehen. Julia Mayer und Markus Rombach sind ausgebildete Schneeschuhführer und geleiten die heutige Gruppe auf ihrer Halbtagestour zum Gipfel. Die meisten Teilnehmer wollen es mal ausprobieren, das Schneeschuhwandern. Die beiden Tourenführer helfen, die Leihschneeschuhe anzulegen und fest zu schließen. Jede Art von Wander- oder Winterschuh passt in die Schnallenbindung der Schneeschuhe. Die im Rahmen befestigte, aber bewegliche Bindungsplatte liegt unter dem Fußballen – so können die Winterläufer ihre Füße wie beim normalen Gehen gewohnt abrollen.

Rutschfest im Schnee

„Wenn wir mit Schneeschuhen gehen, sagen wir im Schwarzwald ‚schluurbe‘ dazu“, erläutert Julia Mayer die richtige Gehtechnik. „Schluurbe“ ist alemannisch und bedeutet auf Hochdeutsch so viel wie „Schlurfen“, also die Füße locker über den Boden ziehen. Das spart Kraft. Je höher man die Füße hebt, desto anstrengender ist es. „Nicht zu breitbeinig laufen, sonst gibt’s Muskelkater“, warnt Julia Mayer. „Auch nicht zu eng, dann berühren sich die Schuhe und man stolpert darüber.“ Die Riffelung unter der Sohlenmitte macht jeden Schritt rutschfest.

Federleichtes Laufen

Das Gehen fühlt sich federleicht an, denn die Schneeschuhe haben kaum Gewicht. Als ob man ewig laufen könnte – kein Vergleich zum mühsamen Stapfen in Winterschuhen durch tiefen Schnee. Julia Mayer und Markus Rombach führen ihre Wandergruppe am Haus Bergfried vorbei, in dem die Bergwacht stationiert ist. Weiter geht es an den Resten der alten Sprungschanze entlang, hinein in den stillen Stuhlswald, immer dem Wanderwegzeichen mit der liegenden gelben Raute nach. Die Sonne blinzelt zwischen den Tannen, deren Zweige frischen Schnee tragen. Ein Dutzend Schneeschuhwanderer stapft andächtig und konzentriert. Schritt für Schritt, die Hände schwingen die Stöcke im Takt der Tritte. Der Schnee knarzt und fühlt sich auf dem Waldweg eisiger an als der unberührte Pulverschnee. Im späten Winter ist die Schneedecke nicht mehr so üppig, sodass man das Gfällwasserbächle sieht und sein Gurgeln hört, während es den Wanderweg quert.

Auf der Stuhlsebene

Seit gut einer halben Stunde stapfen alle hintereinander. Die zurückgelegten gut 100 Höhenmeter lassen lauter schnaufen. An der Lichtung der Stuhlsebene legt die Gruppe die erste Verschnaufpause ein. Der Himmel strahlt blau, der Schnee reflektiert die Sonne. Beim Wechsel zwischen Wald und Weite, Schatten und Licht schont die Sonnenbrille die Augen. Eine freie Fläche breitet sich aus, unterbrochen von allein stehenden ausladenden Weißtannen. Dort, wo sich die meisten Spuren der Langläufer, Wanderer und Schneeschuhgänger treffen, kreuzen sich Wanderwege: Einer führt zum Rabenfelsen – einem Aussichtspunkt auf der Oberen Stuhlsebene – und noch weiter ins Tal nach Aitern oder gar bis Schönau, dem Hauptort im Wiesental. Der andere Weg, dem die Gruppe folgt, führt bergan in den Wald Richtung Belchengipfel. Über die Stuhlsebene hinweg am Horizont reiht sich die Girlande der Schweizer Gipfel auf. Es ist der erste Ausblick auf die Alpen.

AUSRÜSTUNG UND KLEIDUNG

Schneeschuhe sind in verschiedenen Materialien erhältlich und für Wander- oder Winterschuhe geeignet. Sie sind oval und laufen hinten etwas schmaler zusammen. Die Auflagefläche ist meist aus Kunststoff, etwa 50 bis 60 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit. Schneeschuhe haben eine bewegliche Bindungsplatte, damit beim Laufen der Fuß gut abrollt. An der Unterseite sind Harschkrallen oder gezackte Harschschienen, damit man nicht ins Rutschen kommt. Unter der Ferse steckt eine Steighilfe zum Hochklappen per Hand oder Stock. Teleskopstöcke mit großen Tellern versinken nicht im Schnee und unterstützen das Gleichgewicht. Die Arme nehmen damit den Beinen Arbeit ab. Korrekt eingestellt sollten die Oberkanten der Stockgriffe etwas über dem Hüftknochen liegen. Die Kleidung ist flexibel wie beim Wandern – Funktionsunterwäsche und Zwiebelprinzip: Shirt, Fleecepullover und eine wasser- und winddichte, aber atmungsaktive Jacke. Auch die (am besten schmal geschnittenen) Hosen sollten wasserabweisend sein. Damit kein Schnee in die Schuhe fällt, sind Gamaschen, Stulpen oder Schneefänger in der Hoseninnenseite praktisch. Benötigt werden Mütze, Schal und leichte Handschuhe. Der Rucksack ist idealerweise gepackt mit Getränken, Sonnenschutz, Stirnlampe und Handy. Evtl. auch mit einer topografischen Karte 1:25 000, einem Kompass oder GPS-Gerät.

Schuhe mit uralter Geschichte

Beim Pausieren erzählt Julia Mayer von ihrem Großvater, der sich aus Tennisschlägern einen Schneeschuh selber bastelte – eine Anekdote aus der Familie. Jörg Maiers Urgroßeltern nannten die Schuhe noch „Schneereifen“: Mit mit festen Seilen bespannten Holzreifen waren sie im Winter unterwegs. Die Urgroßmutter arbeitete als Hebamme, und Schneeschuhe ermöglichten ihr in den 1890er Jahren den kürzesten Weg durch die Wälder. Auch andere Berufsgruppen nutzten früher das Hilfsmittel: Die Postboten etwa trampelten sich damit ihre „Poschtlerwegle“, wie es auf Alemannisch heißt.

Richtung Bergkuppe

Auf steilem Weg geht es weiter durch den Bannwald, einen urwüchsigen Teil am Belchen, ein Reservat, das die Förster ruhen lassen. Julia Mayer rät, mit den Stöcken oder Fingern die Steighilfe hochzuklappen: Dieser stabile Bügel hebt die Ferse wie in einem Stöckelschuh. Das schont beim Bergaufgehen die Wadenmuskulatur. Die Schneeschuhwanderer verlagern ihr Gewicht etwas nach vorne, damit die Fußspitze mit der Kralle richtig in den Berg tritt. Bald liegt auch der Bannwald hinter ihnen. Nach wenigen Schritten gehen die Schneeschuhführer mit ihrer Gruppe an den Rand der Skipiste zur alten Belchenstraße, die auf die Bergkuppe führt. Haben die meisten beim Bergaufgehen im Wald ihre Jacken ausgezogen und im Rucksack verstaut, wird sich jetzt wieder angezogen: Jacken, Mützen, Handschuhe. Auch wenn im Spätwinter die Frühlingssonne im windstillen Wald verführt – das Zwiebelprinzip ist die beste Art, sich als Wanderer im Schnee zu kleiden. Der Wind pfeift oberhalb der Baumgrenze ungehindert und die Kälte beißt sich in die verschwitzten Gesichter.

Vom Gipfelkreuz zum Belchenhaus

Auf dem 1,6 Kilometer langen Belchenrundweg stapfen die Wanderer hoch zum Gipfelkreuz. Oben angekommen, staunt die Gruppe: Das Panorama belohnt die Mühe des Aufstiegs – die Viertausender der Schweiz sind dank der klaren Luft deutlich zu sehen. Markus Rombach glaubt sogar, den Montblanc zu erkennen. Klamme Hände greifen die Wanderstöcke und setzen sie Schritt für Schritt in den Schnee. Die windgeschützte Sonnenterrasse des Belchenhauses ist das Ziel zur Mittagspause. Kolkraben umkreisen die Hütte, die auf 1 362 Metern steht – sie ist das höchstgelegene Gasthaus Baden-Württembergs. Hier treffen sich Kinder mit Schlitten, Skifahrer, Snowboarder, Wanderer zu Kaffee und Kuchen, Bier und Limonade.

Die Wirtin des Belchenhauses ist Julia Stegt. Sie versorgt die Schneeschuhgruppe von Julia Mayer und Markus Rombach und erzählt von ihrem exponierten Arbeitsplatz. „Am Abend, wenn alle wieder Richtung Tal sind, genieße ich die Ruhe und den Ausblick. Manchmal kommen aber auch Schneeschuhgruppen zur Blauen Stunde, zum Sonnenuntergang oder zum Vollmond.“ An solchen späten Feierabenden ist die Pistenraupe für Julia Stegt das Taxi zur Talstation.

Die Belohnung danach

Auf dem Weg zurück ins Tal scheint die Nachmittagssonne. Beim nächsten Mal kann man getrost allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen losziehen. „Dann wird das Schneeschuhgehen geradezu meditativ“, findet Jörg Maier. In den Mittelgebirgen ist das ohne Kenntnisse zu Wetter und Lawinenkunde möglich – lediglich vor Nebeltagen und bei viel Neuschnee warnt der Kenner. Dann ist eine Orientierung schwieriger als gedacht.

Am Belchen sind die Wege gut ausgeschildert. Bergab schlurfen die Schneeschuhe flott über den harschigen Schnee. An den Stämmen im Stuhlswald haftet der Schnee der letzten Nacht. Weit unterhalb der Talstation, wo der Weg endet, steht ein Haus mit tief gezogenem Dach. Eiszapfen hängen daran und tropfen in der Spätnachmittagssonne, die in die Wirtsstube scheint. Hier am Ziel der Wanderung krönt ein Riesenstück Schwarzwälder Kirschtorte das Wintererlebnis. Im Hotel-Restaurant Belchen-Multen backt die Wirtin nach eigenem Rezept. Entsprechend viele Spuren enden vor ihrer Tür.

AUSSICHTSBERG

DER BELCHEN

Mit 1 414 Metern ist der Belchen der dritthöchste Berg im Schwarzwald. Dank seiner runden Form ist er von Weitem gut zu erkennen. Weil die Granitkuppe baumfrei ist, ist ein Rundum-Panoramablick möglich: Die Vogesen erblickt man im Westen, nach Norden schaut man Richtung Münstertal und nach Osten ins Wiesental inklusive der Schwarzwälder Gipfelwelt. Im Süden erhebt sich bei klarer Sicht über das Wiesental am Horizont die Gipfelkette der Schweizer Viertausender, Eiger, Mönch und Jungfrau. Sogar den Montblanc soll man an guten Tagen sehen können. Der Name des Belchen soll auf den keltischen Sonnengott „Belenus“ zurückgehen und bedeutet in etwa „der Strahlende“. An der Talstation beginnen die geführten Schneeschuhwanderungen und es gibt einen Schneeschuhverleih. Wer ohne Wanderführer losmarschiert, orientiert sich an den gut ausgeschilderten Wegen und Wanderkarten. Um Wildtiere nicht zu stören, sollte man auf den Wegen bleiben.

FUND IN SÜDTIROL

Der älteste Schneeschuh ist etwa 6 000 Jahre alt. Der Kartograf Simone Bartolini aus Florenz entdeckte ihn 2003 am Gurgler Eisjoch (3 134 NN) in Bozen. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass der Schuh – von den Wissenschaftlern „Schneereif“ genannt – aus der Jungsteinzeit von etwa 3 700 Jahren v. Chr. stammt und damit über 400 Jahre älter ist als die Gletschermumie Ötzi aus den Ötztaler Alpen. Der Schneereif ist ein etwa 1,5 Meter langer und rund gebogener Birkenast. Er ist mit Birkenzweigen bespannt, die mit Holzringen befestigt sind – damit sieht er von der Form her ähnlich aus wie der heutige Schneeschuh und erfüllt denselben Zweck: Das Gewicht des Trägers auf eine größere Fläche zu verteilen und ein Einsinken im Schnee zu verhindern. In der Jungsteinzeit waren damit wahrscheinlich Jäger, Viehhirten oder Reisende unterwegs. Der Fund vom Gurgler Eisjoch ist im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt. www.iceman.it/de/

INFORMATIONEN

Schwarzwaldregion Belchen Neustadtstr. 1, 79677 Schönau im Schwarzwald, Tel.: 076 73/91 81 30,

Schwarzwald Tourismus GmbH Wiesentalstr. 5, 79115 Freiburg, Tel.: 07 61/89 64 60,

Belchen-Seilbahn GmbH & Co.KG Obermulten 5, 79677 Aitern, Tel.: 0 76 73/88 82 80,

Original Landreisen AG, Jörg Maier, Wiesentalstr. 5, 79115 Freiburg, Tel.: 07 61/88 79 31 10,

ESSEN UND EINKEHREN

Belchenhaus, Obermulten 5, 79677 Aitern, Tel.: 0 76 73/2 81,

Hotel Belchen-Multen Untermulten 3, 79677 Aitern, Tel.: 0 76 73/2 09,

Hinweis: Seilbahn und Belchenhaus haben bis einschl. 9.12. geschlossen.

LITERATUR

Günter Durner: Schneeschuh-Touren know-how. Der Bergführer rät … AM-Berg Verlag 2013, 9,95 Euro.

Andreas Happe: Schneeschuhwandern: Ausrüstung, Planung, Technik. Conrad Stein Verlag 2017, 8,90 Euro.

? Text: Cornelia Höchstetter,