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WARTE 5 MINUTEN ...


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Auto Bild sportscars - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 09.06.2022

Reportage

Artikelbild für den Artikel "WARTE 5 MINUTEN ..." aus der Ausgabe 7/2022 von Auto Bild sportscars. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Außergewöhnliches Design Die Kylesku-Brücke in der Nähe von Ullapool in den schottischen Highlands setzt die beiden Aston perfekt in Szene

ES REGNET STARK, aber das landestypische Wetter kann das breite Grinsen im Gesicht nicht vertreiben. Ob wir nass werden, ist egal, die einzige Sorge ist, dass wir im nächsten Dorf anhalten müssen, denn solange der V12 Speedster fährt, dringt nur sehr wenig Wasser in die Kabine ein.

Mit dem Gesicht ist es eine andere Sache – obwohl „Scottish Rain Blast“ wie eine Art Gesichtsbehandlung klingt, für die ein Luxus-Spa gut hinlangen würde. Wobei: Auch diese ist nicht billig.

Der Aston Martin V12 Speedster kostete umgerechnet etwa 900 000 Euro. Nur 88 werden gebaut, und als wir das letzte Mal nachgeschaut hatten, waren alle weg. Der DBX im Rückspiegel ist da eine andere Hausnummer: Ab 183 500 Euro geht es los. Da bleibt genug Taschengeld für konventionelle Gesichtsbehandlungen.

Warum sind wir hier? Warum nicht, ist die ehrlichste Antwort. Von Lockdowns spricht aktuell niemand mehr, und zwei ...

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... extreme Ausprägungen der Unternehmenspalette zu fahren, klingt für uns nach Spaß. Im Hause Aston Martin könnte man wirklich nicht zwischen unterschiedlicheren Fahrzeugen wählen: Der V12 Speedster ist das unvernünftige Spielzeug des reichen Mannes. Ein Auto in limitierter Serie, das im Grunde aus den „Greatest Hits“ von Aston Martin besteht. Die vorderen Elemente des Chassis sind DBS, die Mitte hat DB11-Teile, das Heck schreit ein wenig Vantage. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um einen V12, genauer gesagt um einen 5,2-Liter-Twinturbo-V12 mit 700 PS und 753 Nm Drehmoment. Über ein 8-Stufen-Automatikgetriebe von ZF und ein Sperrdifferenzial geht die Kraft an die Hinterräder.

!Zwei Aston Martin, die in ihrer Zielgruppe und Ausprägung nicht unterschiedlicher sein könnten

Mit nur 88 gebauten Exemplaren wird der Speedster in der Tat ein seltener Anblick sein, aber ein Anblick, der sofort eine bemerkenswerte Menschenmenge anzieht. Der DBX ist hier nur der Support-Act, obwohl auch er für sich genommen ein wirklich spektakulärer Begleiter wäre. Aston Martin kam mit seinem SUV etwas spät auf die Party, aber dafür mit Nachdruck. Der DBX wird von einem Vierliter-Biturbo-V8 mit 550 PS und 700 Nm Drehmoment angetrieben. Natürlich verteilt er diese Werte über alle vier Räder – auch wenn der Allrad sehr hecklastig ausgelegt ist. In nur 4,5 Sekunden ist der Sprint auf 100 km/h abgehakt, und wären wir auf der deutschen Autobahn, wäre erst bei 291 km/h Ende.

Aber wir sind in Schottland. Sind Sie auf der Suche nach einem großen, malerischen Land, fast menschenleer und mit brillanten Straßen gesegnet? Dann gibt es nicht viel Besseres. Nicht was den Zustand der Straßen angeht – aber die Aussicht drum herum. Das Wetter? Nun, das Sprichwort eingangs kommt nicht von ungefähr. Von acht Grad und strömendem Regen bis hin zu 25 Grad und Sonne ist um diese Jahreszeit alles möglich. Vier Jahreszeiten an einem Tag? Alles schon gesehen. Die Route umfasst viele Straßen, die ich noch aus meiner Jugend kenne – Straßen, die ich kenne und liebe. Auch wenn ich sie einst in einem abgerockten Volvo 240 DL Kombi gefahren bin und nicht in einem Aston Martin. Die Tage sind lang hier oben. Um 22 Uhr ist noch immer Rest-Licht da. Viel Zeit für Fotos und zum Fahren. Wir treffen uns mit dem V12 Speedster vor den Toren von Stirling, Aston Martin möchte ihm unnötige Meilen ersparen und liefert ihn auf einem Transporter.

Wir reisen im DBX an. Ja, SUV sind umstritten; besonders die leistungsstarken. Aber der komfortable Cruiser DBX lässt uns über seine political incorrectness hinwegsehen. Wir verlassen das Hauptquartier von Aston Martin in Gaydon, haben eine sechsstündige Strecke vor uns. Unterbrochen nur von Tankstopps. Benzin für den V8, Koffein für uns. Die großen 22-Zoll-Räder mit den Pirelli P-Zero erzeugen wenig oder gar keine Rollgeräusche, die Fahrt ist beeindruckend geschmeidig, und der V8 mit seinen zwei Turboladern entschwindet bei britischen Speed Limits von 70 Meilen pro Stunde kaum der Leerlaufdrehzahl. Innen lockt der bekannte Aston-Martin-Stil. Wunderschön verarbeitet, wenn auch etwas skurril und mit veraltetem Mercedes-Infotainment. Weiß wäre nicht unsere erste Wahl für den DBX, besonders mit den farblich abgestimmten anstelle der kontrastschwarzen Schweller. Aber so fällt er auf, vor Schottlands abwechslungsreicher Kulisse.

Dass der DBX die Vor-Band für den V12 Speedster spielen würde, stand nie in Frage. Also machen wir uns mal mit Astons windschutzscheiben- und dachloser Maschine vertraut – hier in der glorreichen DBR1-Spezifikation mit seiner Lackierung in Racing Green mit weißen Startnummernfeldern auf Motorhaube und den Türen. Dazu der silber eloxierte Kühlergrill – da sieht sogar der riesige, strahlend weiße DBX blass aus in der Dunkelheit. Autos ohne Windschutzscheibe können seltsam proportioniert wirken, aber mit dem V12 Speedster haben es die Stylisten von Aston Martin auf den Punkt gebracht. Er strahlt eine muskuläre Anspannung aus, die eher athletisch als kämpferisch ist. Die beiden Wölbungen hinter den Sitzen, unter denen Sie ein Paar Helme oder Gepäck verstauen können, sehen fantastisch aus. Über die Flanken ziehen sich blechgewordene Skulpturen, der DB5-ähnliche Lufteinlass auf der Haube ist ein genauso notwendiger wir glücklicher Styling-Zufall.Sonst wäre darunter kein Platz für den V12 gewesen.

Historische Inspiration

Das DBR1-Paket mit Lackierung in Racing Green und weißen Startnummernfeldern auf Haube und Türen nimmt Anleihen am historischen Rennsportwagen aus den späten 50er-Jahren. Die Hutze erinnert an den DB5 und hat motorische Platzgründe

Auch das Hineinschlüpfen in den Fahrersitz ist ein Genuss, denn das Cockpit begeistert nicht minder. Im Grunde ist der Speedster noch immer ein Concept Car mit coolem Sichtcarbon und Metalloberflächen. Die Polster-Segmente auf den leichten Schalensitzen sind bequemer, als sie aussehen, und bieten unglaublichen Halt. In der Mitte trennt ein wagenfarbiges Rückgrat Fahrer und Beifahrer, was noch mehr zum umklammerten, ja gar eingenisteten Gefühl beiträgt. Der kleine Windabweiser über den digitalen Instrumenten sieht nicht so aus, als würde er viel Wind abhalten, funktioniert aber in Wirklichkeit ziemlich gut. Wir haben Helme dabei, aber ohne ist es tatsächlich angenehmer. Außer natürlich, ein Steinchen wird aufgewirbelt oder etwas Geflügeltes verfliegt sich in Ihr Sichtfeld. Muss ja gar kein Vogel sein – ein größeres Insekt reicht schon. 

 Viele können Autos wie dem V12 Speedster nichts abgewinnen. Und teilweise ist da was dran: diese teuren, unnötigen Spielsachen für ein privilegiertes Dutzend, von denen die meisten Autos in Sammlungen verschwinden und nie gefahren werden. Welch eine Verschwendung. Dieses Auto wird gefahren. Bisher sind es rund 130 Kilometer, auf unserer Route sollten noch gute 1000 dazukommen. Der DBX ist immer mit dabei, und von Zeit zu Zeit wird es sein Fahrer deutlich besser haben. Die Tugenden eines Hochleistungs-SUV sind eben doch nicht zu verachten.

Wir sind noch nicht weit gereist, als der Grund, warum wir hierhergekommen sind, offensichtlich wird. Majestätische Landschaften.

Nordwestlich von Stirling, zwischen Crianlarich und dem berühmten Glencoe, werden die Straßen spektakulär: Das Asphaltband windet sich durch eine unglaubliche Landschaft, die Aussicht wird immer grandioser, je weiter wir in Richtung Glencoe Mountain Resort fahren. Die Straße befindet sich im Tal und erstreckt sich manchmal kilometerweit geradeaus, bevor sie plötzlich von Abschnitten unterbrochen wird, in denen sie sich der Topografie anpasst, ansteigt und sich windet, wie es die Landschaft erfordert. Die Aussicht ist atemberaubend schön, Wolken ziehen zwischen den Bergen hin und her und geben flüchtige Einblicke in das, was sich dahinter verbirgt.

Doch auch hier fällt der V12 Speedster auf. Eine begeisterte Gruppe Wanderer vergisst kurz die Natur und richtet die Linsen der Handys und Kameras nur noch auf die Aston Martin. Auch der DBX wird nicht ignoriert, neben dem V12 hat er es aber schwer. Dafür fährt er sich gediegener: Das fein ansprechende Fahrwerk kommt mit der schieren Masse gut klar, und reichlich Leistung ist vorhanden, um problemlos mit dem offenen Traumwagen mitzuhalten. Das liegt auch daran, dass es erstaunlich viel Spaß macht, den Speedster einfach mal im Cruising-Modus zu bewegen – trotz all seiner Kraft, Dynamik und Leichtfüßigkeit. Seine Offenheit bedeutet, dass wir die Umgebung so viel bewusster wahrnehmen undgenießen. Die starken Windgeräusche bedeuten aber auch, dass wir die vornehmen Noten des V12 nur selten zu hören bekommen. Nur wenn mal eines der typischen Steinmäuerchen am Straßenrand die Akustik reflektiert, sind die herrlichen Klänge des Zwölfenders wahrnehmbar.

Der DBX profitiert im Vergleich von einem knorrigen Soundtrack.Besonders wenn die Fahrsettings auf maximale Attacke stehen, ist der V8 laut genug, um den Zwölfzylinder des Speedster größtenteils zu übertönen. Genau wie sich seine Agilität und Präzision, mit der er die Scheitel durchkurvt, nicht vor seinem rassigeren Geschwisterchen verstecken müssen.

Der V12 Speedster ist dagegen ein fahrendes Monument, ein Auto, das sich durch seine groteske Offenheit auszeichnet, aber auch herrlich süchtig macht. Dass es so anders im Charakter ist, macht es so viel erfüllender zu fahren. Natürlich wären Sie in einem DBS genauso schnell, schneller sogar. Aber beim V12 Speedster geht es nicht um die Geschwindigkeit, die sein Name vermuten lässt. Es geht um die rohe Verbindung zur Natur, ein zusätzliches Element der Reise. Der V12 Speedster bringt uns dieses zurück – verpackt in einer Hülle, die an glorreiche alte offene Rennwagen erinnert, nur eben mit modernen Leistungwerten.

Wir übernachten in Inverness in einem einfachen Hotel am Rande der Stadt, die als „Tor zur Speyside“ besonders bei Whisky-Liebhabern ein beliebter Ausgangs-punkt ist. Morgen geht es wieder zurück in den Süden, aber erst nachdem wir nach Norden zum Fischerhafen von Ullapool und zur Kylesku-Brücke gefahren sind.

Ein früher Start, um die ruhigen Straßen auszunutzen. Diese werden noch schlängeliger, je weiter wir nach Norden fahren. Kylesku ist eine merkwürdige Mischung aus Küstenstraße und Bergen, mit wechselhaftem Wetter und einer Aussicht von der schönen Brücke, die sich jedes Mal ändert, wenn wir sie überqueren. Die Versuchung im V12 Speedster baut sich auf, die Straßen hier sind menschenleer und klitschnass. Es folgen einige unglaubliche Meilen, auf denen wir den V12 Speedster ordentlich rannehmen, und die zeigen, dass der Regen das Erlebnis sogar noch verstärkt.

Auf diesen Straßen, unter diesen Bedingungen, zeigt sich, dass der V12 Speedster ein brillanter Supersportwagen ist, der Fahrspaß wieder in den Mittelpunkt rückt,ohne dass wir gleich mit 250 km/h dahinbrettern müssen. Das verstärkt sich auf der Route nach Süden, die um Inverness zurück nach Nairn und dann nach Grantownon-Spey führt, wo wir für die obligatorische schottische Deli-katesse Haggis und Pommes haltmachen. Es gibt keinen Verkehr, abgesehen von ein paar Einheimischen. Der Regen ist jetzt biblisch, der DBX zuckt mit den Achseln, der V12 Speedster ist nun weniger ideal. Vor allem, wenn wir auf unserer Rückfahrt nach Stirling halten müssen und die Kabine etwas feucht wird – obwohl sich Astons Designer alle Mühe gegeben haben, die Bedienelemente geschickt zu verkleiden.

Urwüchsige Schönheit

Schottisches Wetter trifft auf englische Autos. Einer hüllt den Fahrer in einen wohligen Kokon, der andere verpasst ihm eine Gesichtsbehandlung

Es ist unwahrscheinlich, dass auch nur einer der 88 Besitzer eines V12 Speedster jemals mit ihm auf solch einen Road Trip gehen wird, aber nachdem wir es getan haben, kann ich nur wärmstens empfehlen, ihn mal für eine lange Fahrt auf faszinierenden Straßen aus der Garage zu holen. Egal bei welchem Wetter. In diesem Szenario kann er zeigen, wie besonders er wirklich ist.

Und der DBX? Nachdem er den V12 Speedster mehr als 1000 Kilometer durch Schottland gejagt hat, ohne sich jemals abhängen zu lassen, hat auch er unsere Gunst gewonnen – obwohl wir völlig vom Speedster verführt sind. Und von dieser Kulisse. Nach zwei Jahren Isolation war jeder einzelne Kilometer im V12 Speedster gut für die Seele und hat sich in unsere Erinnerung tätowiert, während der Anblick unseres kleinen ungewöhnlichen Konvois jedem ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Das ist die eigentliche Erkenntnis: einfach nur Auto fahren in seiner reinsten Art – das bringt Fahrfreude. Völlig egal, in was Sie sitzen, aber besonders, wenn Ihre Route durch Schottland führt.

Fazit

Kyle Fortune, Alexander Bernt

Unterschiedlicher als in DBX und V12 Speedster könnten die Fahreindrücke nicht ausfallen. Geräumige Power-Sänfte trifft auf urwüchsigen Naturburschen. Perfekt für die atemberaubende Kulisse Schottlands sind sie beide.