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Warum die Bienen den Gartenbau retten…


TASPO - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 02.03.2019

…und warum der Gartenbau wider wissenschaftlicher Vernunft kein Glyphosat mehr einsetzen sollte. Von FachredakteurinKatrin Klawitter


Glyphosat „hat für mich heute keine Akzeptanz in der Gesellschaft mehr“. Deshalb sollte der Gartenbau davon Abstand nehmen, auch, wenn eine Fülle an wissenschaftlichen Erkenntnissen gegen die Schädlichkeit des Wirkstoffes sprechen. Diese Aussage aus dem Mund eines Gartenbau-Wissenschaftlers und Klardenkers wie Prof. Dr. Bernhard Beßler (Landwirtschaftskammer Niedersachsen) zu hören, verwundert – aber hat auch gute Gründe, wie sein Vortrag „Warum die Bienen den Gartenbau retten“ im Rahmen des diesjährigen Ahlemer Forums deutlich machte.

Landidyll und Schlachthöfe passen für viele nicht zusammen

Warum ist der Verbraucher der Landwirtschaft gegenüber so kritisch? Ist er eigentlich gar nicht – im Gegenteil: Er mag die Bilderbuch-Idylle, das Land als Rückzugsort, den er damit verbindet. Von der realen Landwirtschaft ist er heute aber völlig entfremdet, er sieht nicht, dass ohne Eingriffe in die Natur Landwirtschaft und Ernährungssicherung nicht möglich sind. „Die Produktion findet heute fernab vom Markt statt“, so Beßler: Schnitzel und Schwein haben für den Verbraucher nur noch bedingt etwas miteinander zu tun.

Was wirklich im Schlachthof passiert, möchte der Verbraucher eigentlich gar nicht wissen. „Wenn nun etwas doch nicht so schön ist, wie ich dachte – dann schockiert mich als Verbraucher das“, erläutert Beßler. Grund, warum Aktionen von NGOs, Presse und sozialen Medien so sehr auf fruchtbaren Boden fallen. „Skandale prägen die Wahrnehmung der Gesellschaft – und ist dann etwas erst einmal negativ belegt, dann nutzt die beste Statistik nichts.“ Schwarmintelligenz in den neuen Medien erzeuge Pseudowissen.

Vorteil für den Gartenbau: „Gurken quieken nicht“

Damit aber steckt die Landwirtschaft laut Beßler in der Falle: Auch, wenn Landwirte das Einmischen der Gesellschaft in ihre Arbeit als ungerecht, sich am Gängelband empfinden – es nutzt nichts. „Es gibt das gefühlte Recht der Gesellschaft, Tiere und Böden zu schützen – und die Politik versucht, gesellschaftliche Anforderungen und moderne Landwirtschaft in Einklang zu bringen“, erläutert Beßler. Was daraus entstehen kann, sind „bürokratische Monster“ wie die Düngeverordnung. Für Gartenbau und auch Landwirtschaft entscheidend aber ist, dass ihnen der Verlust von Akzeptanz in der Gesellschaft droht. Auch, wenn es natürlich nicht pauschal „die“ verunglimpfte Landwirtschaft gibt: So mancher Landwirt fühlt sich heute schon bis zur Menschenverachtung entwürdigt. Der Gartenbau hat laut Beßler aber einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Landwirtschaft: Nicht nur, weil „Gurken nicht quieken“, man im Falle von Skandalen, wie bei Ehec geschehen, im Gartenbau deshalb eher Mitleid mit dem Produzenten hat. Vor allem aber hat der Verbraucher zum Gartenbau durch den Hobbygartenbau und durch positiv belegte Themen wie Grün und Pflege, Obst und Gemüse, Bäume, GaLaBau und Friedhof eine weitaus bessere Verknüpfung, es ist weniger Platz für Misstrauen.

„Der Abstand zwischen Verbraucher und Gartenbau ist kleiner als der zur Landwirtschaft – noch“, warnt Beßler. Bedeutet: Noch schaffen Gartenbauprodukte vorwiegend positive Emotionen beim Verbraucher, Themen wie Großflächenproduktion von Äpfeln unter Netz im Alten Land oder der Folienmüll der Spargel-und Erdbeerproduktion fallen noch nicht so ins Gewicht, selbst Gen-Petunien haben keinen Verbraucher groß bewegt. Damit das aber so bleibt, muss die Gartenbaubranche laut Beßler dringend mehr tun. „Rettet die positiven Emotionen“, appelliert er.

Positive Emotionen statt Entfremdung

Auch dem Gartenbau drohe die Entfremdung des Verbrauchers, wenn beispielsweise Lidl Schnittblumen und Co. „zu einem beliebigen Gut zwischen Einwegtüten“ mache. Hier gelte es, gegenzusteuern – eben auch, in dem der Gartenbau die Bedenken des Verbrauchers ernst nimmt. Potenziale, die Entfremdung des Verbrauchers zu verhindern und positive Emotionen anzusprechen, sieht Beßler vor allem bei kleineren, wendigen Endverkaufsbetrieben und bei jungen, durchaus branchenfremden Start Ups(siehe dazu auch Beitrag Seite 10) . „Solche Unternehmen wecken Sympathien und können Neugierde, auch in anderen, neuen Kundengruppen, aufbauen.“ Wichtig – denn es sei fraglich, ob sich eine Braut ihren Brautstrauß wirklich „im Windfang eines Einkaufszentrums“ binden lassen wolle.

Und hier schließt sich auch der Kreis zu den eingangs genannten Bienen. Der Gartenbau müsse, wie er das beispielsweise bei den Bienen mit entsprechenden Angeboten auch tut, Bedürfnisse bedienen – eben auch das, „giftige“ Mittel zu vermeiden. Bekämpfen und Zurechtrücken von Falschinformationen oder Pseudo-Schwarmintelligenz mache keinen Sinn, Informieren dagegen schon. „Verzichten wir auf Glyphosat, verkaufen wir kein Glyphosat, verzichten wir auf Torf und fördern wir Insekten“, bringt Beßler seine Botschaft provokant auf den Punkt. Laut zu brüllen reiche nicht, um ernst genommen zu werden – das gelte auch für Interessenverbände. „Erklären Sie die Praktiken – beispielsweise den Folieneinsatz. Laien brauchen Geschichten – erzählen Sie die“, so die Forderung des Wissenschaftlers, die auch in der anschließenden Diskussion mit den rund 100 Ahlemer Forum-Teilnehmern viel Anklang fand.

Warnsignale ernst nehmen und schnell reagieren

Er habe es im Bekanntenkreis auch schon gemerkt, bestätigt ein Gärtner: Statt zu versuchen, die Leute aus ihrer Vorstellung zu reißen, sei es besser, das, was der Gartenbau positiv könne, auch nutzbringend darzustellen. Es sei schwer, aus der Defensive herauszukommen, man müsse für den Verbraucher sympathische Themen finden und bespielen, bestätigte ein anderer Teilnehmer. Aber auch Antworten darauf haben, warum man beispielsweise Knospenblüher (ohne Nutzen für Bienen) verkaufe.

Ein weiterer Gärtner berichtet schon von einer Art „Rassismus“ gegen alle Pflanzen, die von außen kommen, unter anderem auch von einem dreiwöchigen Shitstorm gegen Kirschlorbeer in den neuen Medien.

„Wir müssen solche Warnsignale sehr schnell erkennen und reagieren“, so Beßler, die Hand zum Verbraucher ausstrecken, Verständnis für seine Sorgen haben – und sie ihm so gut es geht nehmen. „Schwimmen Sie dafür manchmal ein bisschen mit dem Strom.“

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Nabu-Aktion für die Bienen: Pfiffige Gartenbau-Unternehmen haben längst aufgesattelt und bieten beispielsweise Bienenpflanzen und Wildstauden an.


Foto: Jörg Farys/BUND

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„Der Abstand zwischen Verbraucher und Gartenbau ist kleiner als der zur Landwirtschaft – noch.“
Prof. Dr. Bernhard Beßler, LWK Niedersachsen


Buchtipp zum Thema

Ein sehr empfehlenswertes Buch zum Thema ist„Zwischen Bullerbü undTierfabrik -Warum wir einen anderenBlick auf die Landwirtschaft brauchen“ von Andreas Möller.

Dieses Buch überbrückt den kommunikativen Graben zwischen Kritikern und Kritisierten. Einem breiten Publikum erklärt es, wie Landwirte heute arbeiten, welchen Zwängen sie unterliegen und auf welche Zukunft sie zusteuern. Aber auch, wo sie Wünsche und Ängste der Bevölkerung ernster nehmen müssen als bisher.

Ein Plädoyer für einen neuen Gesellschaftsvertrag mit dem Land und der Landwirtschaft jenseits von „konventionell“ und „bio“.

■ Gütersloher Verlagshaus (2018), ISBN: 978–3–579–08724–5; 20 Euro. (kla)

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