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Warum die SED Motörhead nicht mochte


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 30.09.2021

CHARLY HÜBNER IST EIN FLEISSIGER MENSCH. ER hat Theater gespielt, stand in unzähligen Filmen und Serien vor der Kamera. Seitdem er als Kommissar Bukow für „Polizeiruf 110“ im Einsatz ist, erkennt man ihn auf der Straße. Jetzt kommen die Preise: Für die Darstellung des schwulen Psychopathen in „Unter Nachbarn“ bekommt er eine Goldene Kamera, für den besonnenen Grenzer Oberstleutnant Schäfer in „Bornholmer Straße“ einen Grimme-Preis …

Sein erstaunliches komisches Talent hat er in Zusammenarbeit mit Heinz Strunk und Studio Braun unter Beweis gestellt. Seine erste abendfüllende, ebenfalls preisgekrönte Regiearbeit, „Wildes Herz“, über Monchi von Feine Sahne Fischfilet, verknüpft ein paar seiner Lebensthemen: harte Rockmusik und Ostvergangenheit. Hübner ist gebürtiger Mecklenburger, sein Vater war IM bei der Stasi. Jetzt hat er ein Buch über Motörhead geschrieben: „Charly Hübner über Motörhead oder ...

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 10/2021

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... Warum ich James Last dankbar sein sollte“ (Kiepenheuer & Witsch, 12 Euro). Darin erzählt er auch von seiner Metal-Sozialisation in der DDR.

Dafür spricht vielleicht auch, dass man Motörhead ohne große Textkenntnis versteht.

Das dockt irgendwo an. Ist ja auch erstaunlich, wer die Band alles hört. Sogar Jazzfritzen. Ein befreundeter Jazzfan erzählte mir, er hört das harte Zeug nicht – außer Motörhead! Die haben es geschafft, sich so eine Außer-Position zu erarbeiten, das finde ich erstaunlich. Beim Schreiben am Buch haben mir ganz viele erzählt: Metal war nie meins, Punk hat mich auch nicht interessiert, aber Motörhead fand ich immer cool. Immer dieses Muster.

So wie es zu Beginn jedes Konzertes hieß: „We are Motörhead and we play rock’n’roll.“ Das ist vermutlich der kleinste gemeinsame Nenner.

Ich habe die in meinem Leben immer als Attitüde wahrgenommen. Das ist ein Ort wie Tom Waits und Rammstein, da gehe ich, da muss ich immer wieder hin. So wie Frühling, Sommer, Herbst. Und jetzt, nach so langer Zeit, höre ich natürlich auch, dass da ganz viel Blues drin ist, ganz viel Rock’n’Roll. Das ist doch auch total geil, wenn man sich sagt: Wir spielen eigentlich das, was die in den Fünfzigern gespielt haben – NUR WIR MACHEN ES GANZ LAUT! Das finde ich als Geste herrlich!

„Viele haben mir erzählt : Metal war nie meins, Punk an einer Stelle. Das hat mir hat mich auch nicht unmittelbar eingeleuchtet. interessiert, aber immer cool“

„Es ist wie eine Verarsche von all der Musik, die ich kenne“, schreiben Sie an einer Stelle. Das hat mir unmittelbar eingeleuchtet. Eine Karikatur ist ja eine Verzerrung der Realität.

Und da sind wir wieder bei Distortion. Das ist das Tolle daran. Mit unserer launigen Philosophiererei kommen wir in eine Kreisbewegung. Das ist, als ob man einen großen Diamanten dreht, er strahlt in alle Richtungen.

Große Kunstwerke sind auch nicht auszulesen.

Ja. Ich habe gerade „Das dritte Buch über Achim“ von Uwe Johnson als Hörbuch eingelesen. Da geht es um Literatur, es geht um Zeitgeschichte, Formalismus, es geht um Ost- und Westdeutschland, das ist noch vor dem Bau der Mauer geschrieben, und du denkst, das Buch wird von jetzt an immer größer. Es will karikieren, beobachten, erzählen, fordern. Wie ja auch Motörhead erst mal verprellen wollen.

Ein Song wie „Overkill“ knallt unglaublich. So viele haben das in der Zeit nicht gemacht. Und live auf „No Sleep ’til Hammersmith“ bekommt das Ganze noch mehr Schub.

Das ist beeindruckend, wenn du dir eine Liste mit deinen dreißig Lieblingssongs machst. Da sind dann diese fünf schrägen Balladen dabei, diese Grungy-Dinger, und der Rest ist dann nur diese rollende Diesellok, die so durchzieht, die ganze Zeit. Dahinter ist auch eine Geste. Ich spiele ja Gitarre überhaupt nicht gut, und leider ist das Talent nie gefördert worden, aber es ist ja wirklich diese Geste … (imitiert einen gleichmäßigen Auf- und Abschlag). (Schlagzeuger) Mikkey Dee und (Gitarrist) Phil Campbell haben das dann später deutlich in Richtung Metal gezogen vom Klangbild her, kommen aber aus der Nummer auch nicht raus, weil der Rhythmus eben dieser schnelle Blues ist. Vom letzten Album war ich noch einmal echt begeistert. Seine Krankheitsgeschichte, dachte ich, ist ein stiller Abschied – ist auch total in Ordnung, die ganze Story liegt ja da wie ein Brett, und dann kommt diese Platte, „Bad Magic“, noch einmal das große Feuerwerk der Motörhead-Standards.

Das finde ich ohnehin sehr gut an Ihrem Buch, dass Sie nicht nur Alben der klassischen Formation gelten lassen, sondern gerade auch bei den späteren Sachen immer wieder etwas Hörenswertes finden. Mir ging das auch immer so.

Ich finde es total falsch, Motörhead nur aus dem Frühwerk zu begreifen. Dann hätten sie sich auflösen müssen wie die Sex Pistols. Haben sie aber nicht, aus einem ganz bestimmten Grund: Es gab keine Alternative, und das Ding sollte genau so laufen, wie es lief. Und die Zweifel hat Lemmy mit eingehegt in die Platten. Nehmen wir „I Don’t Believe A Word“ von „Overnight Sensation“ – diese Verzweiflung. Auf jeder Platte gibt es einen Song, wo er so pur erscheint, in diesem musikalischen Minimalismus, der ist ja wie ein beinharter Espresso. Also ich kann mich da immer wieder drin verlieren.

So sehr, dass Sie gleich ein ganzes Buch darüber schreiben wollten.

Mein Lektor Christian Neidhart las ein Interview mit mir im „Deaf Forever“, der ist Metal-Fan und ein Abonnent dieser Zeitschrift, und fragte dann nach, das ist jetzt fast drei Jahre her, ob ich mir das nicht vorstellen könnte. Ich bin kein Autor, Leute! Ich mache ja viel Kram, aber das lassen wir mal lieber. Ich habe ein Jahr nicht reagiert. Dann kam Corona, und er schrieb erneut: Sie haben doch jetzt vielleicht ein bisschen Zeit, Rammstein vielleicht. Ich habe dann gesagt, Rammstein nicht, ich kenne den Flake ein bisschen, und die machen ihre eigene Erzählung, die finde ich so toll, da gehe ich nicht ran. Dafür weiß ich auch im Detail zu wenig. Ich bin aber nicht so weit weg von Motörhead. Und dann habe ich aus Jux geschrieben: Worüber es nichts mehr zu erzählen gibt, ist Motörhead, das wäre dann interessant. Das fand der Verlag super. Und dann habe ich Rocko Schamoni und Heinz Strunk gefragt, die schreiben ja beide sehr viel: Wie arbeitet ihr eigentlich? Heinz sagte dann: Ja, jeden Tag erst mal vier Stunden. Und Rocko gab mir den Tipp: Setz dich einfach hin und denk nicht über das Buch nach, schreib erst mal hin, was dir durch den Kopf geht. Das habe ich dann auch gemacht. Dann hatte ich ein paar Seiten geschrieben, und die fand ich ein bisschen dröge. Ich dachte, ich kriege keinen Twist rein, ich finde es auch blöd, wenn man bloß Anekdoten zum Besten gibt und nur das persönliche Verhältnis erzählt wird. Ich merkte da auch, dass ich dazu viel zu wenig erzählen kann oder preisgeben will. Und dann tauchte an einer Stelle der Teufel auf. Das ist die Idee, da wurde es auf einmal für mich interessant, man hatte auf einmal so eine Faust-Situation mit dem Teufel, es gab einen Partner, der auch mal was sagen kann, wenn ich nicht mehr weiterweiß, und ich konnte jetzt Motörhead so nebenbei einfädeln.

Klingt alles danach, als hätte Ihnen das Schreiben Spaß gemacht.

Ich habe das Schreiben jetzt als Option entdeckt. Ich verstehe, warum mein Kollege Joachim Meyerhoff da schon so lange verweilt. Du kannst das Spielerhirn bewegen und das Herz und kommst in andere Räume rein, weil es keine Arbeitsbeziehung zum Autor, zur Regie oder zum Produzenten gibt, du bist erst mal nur unterwegs in der reinen Fantasie. Der Teufel ist so aufgetaucht in meinem Kopf, so wie er da steht. Ich habe nie über den Teufel nachgedacht. Wie er aussieht, war mir eigentlich immer wurscht. Und dann fragst du dich schon: Welche Kindermärchen haben sich da denn wohl legomäßig zusammengesetzt?

Sie beschreiben Ihre Motörhead-Initiation. Da gibt es das eine schlimme Kindheitserlebnis, das dem Jungen erstmals bewusst macht, die Welt ist ein ungerechter, wenig mitfühlender Ort. Die Unbehaustheit des Menschen. Und dann entdeckt man diese Band, die genau darüber singt, sich aber dadurch trotzdem nicht den Spaß verderben lassen will, denn es gibt eben noch den Rock’n’Roll. Man fragt sich eigentlich, warum nicht alle Motörhead-Fans werden.

Ganz genau. Das war so eine Bewusstmachung für mich. Mir wurde klar, das stimmt total mit mir und Motörhead. Ich war ja selbst im Zweifel, ob das nicht doch nur eine Teenie-Nummer war, aber ich hab mir dann noch mal meine Plattenund CD-Sammlung durchgesehen – nee, bis auf zwei Platten aus den Nullerjahren, sie sind alle da. Immer am Ball geblieben.

Sie beschreiben da auch eine Ost-Metal- Sozialisation, und das gibt es gar nicht so oft zu lesen.

Bei mir war das tatsächlich „The Hammer“. Einer seits dieser Schock und zugleich die tiefe Faszination für das, was da stattfindet. Und dann gehst du dem nach, und dann siehst du auch im Vergleich, Deep Purple, Led Zeppelin, das andere ist alles sehr gerade, das ist gekonnt, meisterhaft, es geht immer nach oben. Das war für mich schon fast – das ist jetzt hart – die Ecke James Last. Alles ist erkennbar. Und Motörhead ist bis heute nicht richtig erkennbar. Das kriege ich nicht zu greifen. Durch Feeling B (die DDR- Punkband, in der der spätere Rammstein-Keyboarder Flake spielte) hat man ein Gefühl bekommen für Affirmation als Widerstand. „Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gerne.“ Der Metal funktioniert unbewusster, die Aggression bleibt in diesem musikalischen Raum. Dieses Zähneknirschen, das Geklapper, das Gekeife, diese Fantasiewelt. Das ist wie eine Bewusstseinsstufe tiefer. Da läuft eigentlich die Erleuchtung.