Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Warum es nicht auf Kamera und Filter ankommt


Logo von fotoMAGAZIN
fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 100/2022 vom 13.09.2022

LANDSCHAFT

Artikelbild für den Artikel "Warum es nicht auf Kamera und Filter ankommt" aus der Ausgabe 100/2022 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Fotografieren mit Focus Stacking: Das Tulpenfeld bei Sonnenaufgang lässt sich so von vorne bis hinten scharf abbilden.

Bereits mehr als die Hälfte meines Lebens durfte ich mit der Landschaftsfotografie verbringen, sie wurde zu meinem Lebensinhalt. In den letzten Jahren und gerade seit der Coronakrise entdecken immer mehr Fotografen diese schöne und entspannende Form der Naturfotografie für sich. Entsprechend groß ist mittlerweile das Angebot an spezieller Ausrüstung, Filtern, Software und Workshops. Vieles davon gab es nicht, als ich mit der Landschaftsfotografie begann und einiges halte ich persönlich für überflüssig, denn für mein Ziel – ein Landschaftsfoto, welches mir gefällt – benötige ich es nicht.

Immer wieder begegne ich Neueinsteigern in die Landschaftsfotografie, deren Ausrüstung offensichtlich ihren Nutzen übersteigt. Ausrüstung ist nicht das, worauf es in der Landschaftsfotografie ankommt. Als ich mir mit 14 Jahren die erste Kamera beschaffte, war ich durch mein limitiertes Budget dazu ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von fotoMAGAZIN. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Wann sich der Wechsel lohnt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wann sich der Wechsel lohnt
Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Körpernähe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Körpernähe
Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Die Sportfotos des Jahres. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Sportfotos des Jahres
Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Visa pour l´ Image. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Visa pour l´ Image
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Höhere Strafen
Vorheriger Artikel
Höhere Strafen
Mulan
Nächster Artikel
Mulan
Mehr Lesetipps

... gezwungen, mit minimalster Ausrüstung meine Fotografien anzufertigen.

Deshalb empfehle ich, erst in eine teure Kamera mit den besten Festbrennweiten und lichtstarken Objektiven zu investieren, wenn eine Steigerung Ihres Könnens nur noch durch eine bessere Kamera erreicht werden kann.

Kamera: Nikon D850 Objektiv: Tamron SP 2,8/15-30 mm Di VC USD G2 Aufnahmedaten: 15 mm, f/6,3, 0,6 s, ISO 100

Es ist natürlich im Interesse der Hersteller, das Gegenteil zu verkaufen. Doch eins sei gesagt: Wenigstens ein gutes Stativ sollte es sein!

Investieren Sie Ihr Geld in das Reisen. Es bringt Ihnen das teuerste Objektiv nichts, wenn Sie dafür auf Motive verzichten müssen. Tatsächlich ist eine Fotoreise – egal wie unerfahren Sie sind – das Beste, was Sie zum Erlernen der Landschaftsfotografie tun können. Es braucht gezielte Planung, Sie müssen sich intensiv mit der Region beschäftigen. Es ist nötig, den Tagesgang der Sonne und damit auch das Licht zu verstehen und einzuplanen.

WESHALB STECKFILTER HINDERLICH SIND

Zu Anfang sei gesagt: Ich persönlich gebe Kurse zur Filterfotografie. Dennoch ist es so, dass ich Filter fast nie verwende und es die wohl unnötigste Anschaffung eines Anfängers ist. Jedenfalls die Grauverlaufsfilter: Was bezwecken sie? Sie sollen den Nachteil des begrenzten Dynamikumfangs der Kamera etwas ausgleichen. Übersteigt der Kontrastumfang des Motivs den Dynamikumfang der Kamera, so ist physisch bedingt ein Teil des Motivs überbelichtet. Der Kontrastumfang ist der Unterschied in der Leuchtkraft verschiedener Objekte im Bildausschnitt. Die Leuchtkraft der Sonne im Gegenlicht ist so enorm, dass der Himmel deshalb in der Kamera oft überbelichtet ist, da der Dynamikumfang den Kontrastumfang nicht auffangen kann.

Grauverlaufsfilter werden als Wundermittel in Gegenlichtsituationen verkauft. Die zu einem Seitenrand hin abgetönten Filter sollen den Himmel partiell abdunkeln. Nun, das tun die Filter auch. Sie dunkeln jedoch auch Bäume, Bergspitzen und hohe Felsformationen gleichermaßen ab. In solchen Situationen sind die Filter komplett unbrauchbar, also schlichtweg eigentlich fast immer.

Hardliner der Landschaftsfotografie behaupten oft, nur „out of cam“-Fotos wären „echte“ Naturfotos, deshalb dürfe natürlich auch nur ein physisches Filter verwendet werden, um das Foto zu „manipulieren“. Es gibt kein „out of cam“ und dieses ist vor allem eines nicht: nämlich echt! Die Raw-Datei wird weder auf dem Kameradisplay, noch auf dem PC jemals zu sehen sein, da diese schlichtweg nicht durch aktuelle Monitore dargestellt werden kann. Es wird immer ein JPEG-Foto entwickelt und angezeigt. Dieses JPEG-Foto wird entweder durch Bildbearbeitung in der Kamera oder durch Bildbearbeitung in der Software erstellt. Es ist also kein exaktes Abbild dessen, was die Kamera gesehen hat! Es ist völlig legitim, selber die Raws zu entwickeln.

Deshalb: Verzichten Sie auf Steckfilter, sondern nehmen Sie HDRs (High Dynamic Range Image/Bild mit hohem Dynamikumfang) auf und machen Exposure Blending (Belichtungsfusion). Dazu werden mehrere Belichtungen verschiedener Helligkeit vom gleichen Motiv aufgenommen und danach am PC zu einem einzigen Foto, dem HDR, zusammengefügt. Diese Methode ist natürlicher, als mit Steckfiltern zu arbeiten, da sie näher an das menschliche Sehen herankommt, als ein einzelnes Foto – denn unser Auge hat etwa den dreifachen Dynamikumfang einer modernen Kamera. Die Vorgehensweise ist in der Landschaftsfotografie auf fast jedes Motiv anwendbar und zudem kostenlos, erspart das Herumtragen der schweren Glasfilter und braucht keinen Platz im Fotorucksack. HDR mit Exposure Blending ist der Gamechanger für qualitative Landschaftsfotos.

WORAUF ES BEIM BILDAUFBAU WIRKLICH ANKOMMT

Vergessen Sie die Drittelregeln und den Goldenen Schnitt, denn Landschaften folgen diesen Regeln nicht; zumindest, wenn wir die Landschaftsfotografie als typische Weitwinkelfotos mit großer Tiefe betrachten, die sich aus Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund zusammensetzen.

Aus meiner Sicht lässt sich eben gerade die weitwinklige Landschaftsfotografie in einer einzigen grundlegenden Regel zusammenfassen: Erschaffe und kommuniziere ein Motiv! Diese Regel betrifft 90 Prozent des Bildaufbaus und ist so elementar, dass sie eigentlich nie thematisiert wird. Dennoch scheitern viele Einsteiger daran, ein Motiv deutlich zu kommunizieren. Fotografie ist visuelle Kommunikation.

Obere Aufnahme: Kamera: Nikon D850 Objektiv: Tamron SP 2,8/15-30 mm Di VC USD G2 Aufnahmedaten: 15 mm, f/7,1, 1/40 s, +5 EV, ISO 64

Doch wie erschafft man ein Motiv im Foto? Zunächst ist hierfür zu beachten, dass es eine Diskrepanz zwischen dem gibt, was Sie vor Ort beim Auslösen sehen und denken, und dem, was jemand danach auf dem Foto erkennt. Vielleicht wird sich der Betrachter fragen, was Sie eigentlich fotografiert haben. Ihnen ist es natürlich vollkommen klar, da Sie das Motiv ja entdeckt haben, Sie erkennen es auch im Foto. Ihre Aufgabe als Fotograf ist aber gescheitert. Das Motiv muss sich im Foto so klar vom Rest abheben, dass es jeder eindeutig als Motivation für das Foto sofort erkennt.

Kamera: Nikon D750 Objektiv: Tamron SP 2,8/15-30 mm Di VC USD Aufnahmedaten: 15 mm, f/14, 1/13 s, +1 EV, ISO 100

Wie erlernt man das, wenn es keine klaren Regeln gibt? Auf die gleiche Weise, wie ein angehender Koch lernt, durch häufiges kochen und probieren Zutaten und Gewürze aufeinander abzustimmen: Fotos machen, Fotos anschauen! Kaufen Sie Bildbände faszinierender Landschaftsfotografen, betrachten Sie deren Profile auf Social Media und versuchen Sie den Code zu knacken, wie man Motive sieht und richtig in einer Bildkomposition kombiniert. Die Motive lassen sich in zwei einfache Kategorien einteilen.

Das einzelne Motiv: Hier wird ein Objekt durch den Bildaufbau, die Lichtstimmung und Farben so im Foto platziert, dass es zum Motiv wird. Es hebt sich von allen anderen Inhalten im Foto ab. Das Objekt, das sich im Foto am meisten abhebt, ist immer das Motiv. Achten Sie darauf, dass Ihr gedachtes Motiv auch wirklich das Motiv im Foto ist.

Das gleichmäßige Motiv: Mehrere Objekte der gleichen Art befinden sich im Foto. Keines von ihnen dominiert das Foto, doch zusammen als Gruppe bilden Sie das Motiv. Dies kann soweit gehen, dass das gesamte Foto durch nur ein einziges Objekt oder eine Struktur ausgefüllt wird.

EIN GUTES AUGE ODER LIEBER GUT INFORMIERT?

Es gibt keinen Landschaftsfotografen, der einfach vor die Tür geht und ein gutes Foto aufnimmt. Das altbekannte „geübte Auge“ sieht nicht überall weltklasse Motive, das geübte Auge erkennt, wie es ein Motiv in Szene setzt und über das Foto kommuniziert. Die Kunst der Landschaftsfotografie ist nicht die Bedienung der Kamera, sondern Motive zu finden. Es geht um Information. Deshalb gibt es Fotospots. Das sind Orte, an denen für den Menschen optisch schöne und gefällige Objekte zu finden sind, die andere Menschen dann auf dem Foto als interessant und schön empfinden. Warum wir einen Canyon schöner finden als Straßenschluchten im Plattenbau, das kann ich Ihnen aber auch nicht sagen.

Ich empfehle, sich mit dem Thema „Location Scouting“ zu beschäftigen. Natürlich gibt es auch Plattformen zum Recherchieren von Fotomotiven, vor allem für Deutschland, Österreich und Schweiz darf ich meine eigene App Viewfindr zuerst nennen – oder Locationscout und Photo Hound. Der Schüler schaut auch erst bei seinem Meister ab, bevor seine Kreativität so geschult ist, dass er eigenständige Werke erschafft.

RIGHT TIME, RIGHT PLACE

Ein Motiv alleine ergibt noch keine gute Landschaftsfotografie. Sie lebt von Lichtstimmungen, Farben und Kontrasten (außer bei Detailaufnahmen). Diese finden sich nicht in der Mittagssonne oder bei grauem Himmel. Sonnenuntergänge, Abendrot, Nebel oder der Sternenhimmel lassen eine Landschaftsfotografie deutlich interessanter wirken. Der Bildaufbau und das Motiv an einem bestimmten Fotospot sind immer gleich. Es braucht Wetter und Licht, um das Foto abzurunden. Hier sei jedoch betont: Auch ein brennender roter Abendhimmel ist nicht das Motiv, er ist nur schmuckes Beiwerk. Hierzu empfehle ich, sich intensiv mit der Wettervorhersage zu beschäftigen. Das Stichwort ist „Wetterfotografie“. Professionelle Landschaftsfotografen verfügen über ein fundiertes Wissen zum Thema Wetter!

DIE WICHTIGSTEN REGLER DER RAW-ENTWICKLUNG

Möchten Sie Ihre Raw-Dateien zu möglichst natürlich wirkenden Landschaftsfotografien entwickeln, gibt es ein paar grundsätzliche Regeln zu beachten, die ich anhand der Einstellungen in Lightroom erkläre – gleiche Funktionen sind in jeder Software zur Raw-Bildbearbeitung zu finden. Raw-Entwicklung ist natürlich immer mit persönlichem Geschmack verbunden. Ich versuche meine Fotografien so zu entwickeln, dass diese die erlebte Stimmung widerspiegeln.

Mit Hilfe der Regler „Belichtung“, „Lichter“ und „Tiefen“ passen Sie das Foto so an, dass es keine überbelichteten oder unterbelichteten Bereiche mehr gibt. Damit das Foto kontrastreich wirkt, sollte das gesamte Histogramm vollständig ausgefüllt werden. Reduzieren Sie die Lichter niemals mehr als nötig und hellen Sie die Tiefen nie mehr als nötig auf.

GEGEN DIE LOGIK DES LICHTS ARBEITEN

Jeder Mensch hat einen Urinstinkt, um Licht und Schatten einzuschätzen – auch in jedem Landschaftsfoto gibt es eine Lichtquelle und -richtung, meistens bestimmt durch das Sonnenlicht. Eine Bildbearbeitung darf auf keinen Fall dieser Logik entgegenarbeiten. Immer wieder sehe ich Fotografien, in denen der Vordergrund heller ist, als der Himmel. Dies macht keinen Sinn, die Fotografien wirken unnatürlich bearbeitet.

Kamera: Sony Alpha 9 II Objektiv: FE 1,8/14 mm GM Aufnahmedaten: 14 mm, f/3,2, 1/40 s, ISO 320

DIE DREIFALTIGKEIT DER LANDSCHAFTSFOTOGRAFIE

Ich fotografiere in jeder Situation in Belichtungsreihen. Damit spare ich mir wie erwähnt nicht nur die Filter, ich erhöhe damit die Bildqualität enorm und kann dem HDR-Algorithmus die Berechnung der idealen Belichtungseinstellung meines Fotos überlassen. Nutzen Sie, wann immer es möglich ist, Belichtungsreihen. In Lightroom müssen Sie die Belichtungsreihe nur im Filmstrip auswählen und anschließend auf „HDR zusammenfügen“ klicken. Das HDR-Foto können Sie nun wie eine Einzelbelichtung bearbeiten. Mit Luminanzmasken erhalten Sie noch mehr Kontrolle.

Mit einem zusammengesetzten Panorama ersparen Sie sich anfangs erst einmal den Kauf eines Ultraweitwinkelobjektivs! Moderne Software zum Stitchen von Panoramen kann mehrere Reihen, sogenannte „Mosaiks“ zusammensetzen. Es ist also möglich, mit einer Handvoll Aufnahmen enorme Bildwinkel abzudecken. Panoramen fotografieren sollten Sie im Schlaf beherrschen!

Für einen interessanten Bildaufbau wird ein attraktiver Vordergrund benötigt, der den Betrachter in das Foto hineinführt und zum Motiv schickt. Dabei reicht die Schärfentiefe für Details im Vordergrund – wie Blumen, Wurzeln, Steine oder anderes – oft nicht aus. Zu stark sollten Sie für eine größere Schärfentiefe allerdings nicht abblenden, um Auflösungsverluste durch Beugung zu vermeiden. Aus diesem Grund empfehle ich die Technik des Focus Stacking in der Bildbearbeitung, um mehrere Fotos mit unterschiedlichen Schärfeebenen zu kombinieren.

Kamera: Sony Alpha 9 II Objektiv: FE 1,8/14 mm GM Aufnahmedaten: 14 mm, f/4,5, 1/60 s, ISO 100