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WARUM GENAU BRAUCHEN WIR DAS UND DIE JETZT?


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Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 10.01.2023

GESELLSCHAFT

9 Min. Lesedauer

Ein Abend unter Freund*innen, alle sitzen gemeinsam am Tisch. Neben Wein und Pasta gibt es gute Gespräche. Über Gleichberechtigung, fehlende Kita-Plätze, welcher Partner wie viel im Haushalt machen sollte – und um die Frage, ob eine Putzhilfe den ewigen Streitthemen nicht ein Ende setzen würde. Die Stimmung ist entspannt, bis plötzlich eine Freundin in die Runde ruft: „Ist ja alles schön und gut, aber ein Feminismus, der nicht intersektional denkt, ist kein richtiger Feminismus.“ Erst betretendes Schweigen, dann zögerliches Nicken. Soll schließlich niemand merken, dass man null Plan hat, was das eigentlich ist, obwohl man den Begriff hier und da schon mal zu Ohren bekommen hat.

„F“ steht für Facetten

Feminismus – so ein großes, manchmal erdrückendes Wort. Die intensive Debatte der vergangenen Jahrzehnte hat die Gleichberechtigung gefördert – gleichzeitig aber auch viele ...

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... neue und komplizierte Fragen aufgeworfen. Egal ob man sich mit Freund*innen unterhält oder durch Instagram scrollt: Immer öfter hat man das Gefühl, sich in einem undurchkämmbaren Wald zu bewegen und nur mitreden zu können, wenn man entweder fünf Semester Soziologie studiert oder zumindest das Standardwerk von Simone de Beauvoir auswendig gelernt hat. Immer wieder kommt dann die Frage auf: Brauchen wir das denn wirklich alles? Die klare Antwort: Ja. Warum das so ist, erzählen hier fünf kluge Frauen, die sich in ganz verschiedenen Bereichen für die Gleichberechtigung einsetzen – von der am Ende alle etwas haben.

„… weil es ohne Frauen keinen nachhaltigen Frieden auf der Welt geben kann!“

KRISTINA LUNZ, GRÜNDERIN VOM CENTRE FOR FEMINIST FOREIGN POLICY

FEMINISTISCHE AUSSENPOLITIK FÜR EINE GERECHTERE MACHTVERTEILUNG

Kristina Lunz studierte Diplomatie und Menschenrechte. Hier erklärt sie, warum sich Frauen auf den internationalen Politikbühnen einmischen müssen

„Außen- und Sicherheitspolitik schienen oft sehr weit weg von unserem alltäglichen Leben. Sind sie, wie wir aktuell erleben, jedoch nicht. Entscheidungen, die international zwischen Staaten getroffen werden, wirken in unseren Alltag hinein. Rechtlich bindende Übereinkünfte zum Klimaschutz beeinflussen die Beschlüsse unserer Bundesregierung, mit denen wir dann leben müssen. Entscheidungen über Entwicklungszusammenarbeit verändern den Markt und die Preise – beispielsweise für Kleidung, Nahrungsmittel oder Energie.

Schon jetzt gehören Krieg und Konflikte für Millionen von Menschen zum Alltag, die Folgen machen langfristig nicht vor Landesgrenzen halt. Alle diplomatischen sowie außen- und sicherheitspolitischen Entscheidungen haben konkrete Auswirkungen auf unser Leben. Genau deshalb müssen wir uns in diese Politikfelder einmischen. Genau deshalb müssen sie feministisch werden. Denn: Die traditionelle Außenpolitik hat keine Lösungen für die dringendsten globalen Herausforderungen unserer Zeit, weil sie sich nur auf nationale Interessen, militärische Stärke und Überlegenheit fokussiert. Dass das nicht funktioniert, zeigt einmal mehr der Krieg in der Ukraine. Darum setzt eine feministische Außenpolitik andere Prioritäten. Sie ist transparent, solidarisch, antimilitaristisch und auf Klimagerechtigkeit und Kooperation statt auf Herrschaft über andere ausgerichtet. Wir müssen gemeinsam den patriarchalen Status quo infrage stellen. Lasst uns abrüsten. Den Export von Waffen stoppen. Feministische Zivilgesellschaft finanzieren. Internationale Beziehungen anders unterrichten. Toxische und gewalttätige Männlichkeit angehen. Tödliche autonome Waffensysteme verbieten und die Macht in Außenministerien gerecht aufteilen. Nur so können wir nachhaltigen Frieden und eine Welt schaffen, die niemanden zurücklässt.“

„… weil die Perspektive Schwarzer Frauen oft nicht mitgedacht wird!“

NATASHA A. KELLY, AUTORIN UND POLITIKERIN

MEHRDIMENSIONAL In „Schwarz. Deutsch. Weiblich.“ zeigt Natasha A. Kelly, wie der feministische westliche Diskurs einen offenen Feminismus für alle verhindert (22 €, Piper Verlag)

INTERSEKTIONALER FEMINISMUS, DER ALLE EINSCHLIESST

Natasha A. Kelly ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, Künstlerin und Autorin. Sie setzt sich dafür ein, dass Mehrfachdiskriminierung in der feministischen Debatte endlich Gehör findet

Was bedeutet Intersektionalität denn genau?

Im Prinzip ist Intersektionalität eine Linse, durch die wir schauen müssen, um Mehrfachdiskriminierung zu erkennen. Im wissenschaftlichen Kontext wurde der Begriff von der Juristin Kimberlé Crenshaw 1989 geprägt. Das Konzept dahinter entstand aber schon während der Schwarzen Frauenbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA.

Warum ist das so wichtig?

Im Rahmen der Genderforschung wird die Unterdrückung von Frauen eindimensional und hierarchisch gelesen. Das greift zu kurz. Frauen werden nicht nur unterdrückt, weil sie Frauen sind. Vielmehr überschneidet sich Gender auch mit anderen Kategorien wie Race, Age, Class, Ability, sexuelle Orientierung usw.

Frauen sind also keine homogene Gruppe?

Nein. Auch unter Frauen existieren Hierarchien. Schwarze Frauen haben eine andere gesellschaftliche Position als weiße Frauen. Sie sind nicht nur von Sexismus betroffen, sondern mindestens auch von Rassismus. Diese Mehrfachdiskriminierung wird in feministischen Debatten oft nicht mitgedacht.

Wo wird das zum Beispiel deutlich?

Etwa auf dem Arbeitsmarkt. Dort sind Frauen zweifelsfrei benachteiligt. Aber während weiße Frauen danach streben, den Gender-Pay-Gap zu schließen, wollen Schwarze Frauen überhaupt erst den Zugang zu den Berufen ihrer Wahl. Weiße Frauen reproduzieren häufig das Patriarchat, weil ihre feministischen Forderungen nur ihnen selbst nützen – andere, weniger privilegierte Frauen aber ausschließen.

Was können wir ganz konkret also besser machen?

Weiße Frauen müssen ihre Position kritisch hinterfragen und sich auch für feministische Belange einsetzen, die sie nicht direkt tangieren. Weiße Frauen machen es sich im patriarchalen System bequem, indem sie quasi die Position eines weißen Mannes einnehmen. Weil sie etwa ihre Karriere vorantreiben können, wenn Schwarze Frauen ihnen bei der Hausarbeit helfen oder sich osteuropäische Pflegekräfte um die Angehörigen kümmern. Dadurch, dass eben diese nämlich keinen offenen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, sind sie oft erst auf solche Jobs angewiesen. Deshalb muss es das Ziel sein, genau diese Strukturen gesamtgesellschaftlich und auf allen Ebenen zu zerstören, damit alle die gleichen Chancen haben. Der feministische Kampf ist erst vorbei, wenn alle Frauen frei sind!

„… weil manche Wörter Frauen immer noch ausgrenzen und unsichtbar machen!“

KÜBR AGÜMÜ?AY, JOURNALISTIN

FEMINISTISCHE SPRACHE, DIE JEDE*N ANSPRICHT

Wie formen gesellschaftliche Machtstrukturen unsere Grammatik? Was muss sich ändern, damit Wörter Menschen nicht mehr ausschließen – mit diesen Fragen beschäftigt sich Journalistin und Autorin Kübra Gümü?ay

Unsere Sprache prägt unser Denken, sie kann Türen öffnen und gleichzeitig Mauern bauen. Dann nämlich, wenn sie Menschen in Kategorien presst, sie unsichtbar werden lässt und ausgrenzt. In ihrem Buch „Sprache und Sein“ widmet sich Kübra Gümü?ay der Frage, welche Machtstrukturen sich durch Wörter und grammatikalische Regeln – wie etwa das generische Maskulinum – zementieren und wie eine gerechte und inklusive Sprache gelingen kann. Sie sagt: „Wer das Patriarchat verlernen möchte, unternimmt einen Aufbruch ins Ungewisse. Das Patriarchat zu verlernen, patriarchale Sprache zu verlernen, eine emanzipierte, gerechtere Sprache zu erlernen, bedeutet, sie überhaupt erst zu schaffen.“

Eine Möglichkeit, Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen, statt sie in der männlichen Form einfach „gedanklich mitzumeinen“ sei das Gendersternchen, welches sie auch selbst benutze. Zumindest vorerst. Denn für Kübra Gümü?ay ist diese orthografische Form eine gute, praktikable Lösung, ein Meilenstein auf dem Weg zu einer inklusiven Sprache – aber längst nicht das Ende. Sie plädiert dafür, den Blick zu öffnen, gedanklich beweglich zu bleiben und sich Fragen zu stellen. Etwa, ob wir vielleicht eine neue, sichtbare und neutrale Endung für die männlichen Formen brauchen oder nicht sogar gänzlich auf eine Sprache verzichten sollten, die Menschen nach ihrer Geschlechtsidentität kategorisiert. Gleichzeitig weiß sie, dass wir Antworten auf diese Fragen innerhalb der Gesellschaft finden müssen, indem wir verhandeln, ausprobieren, scheitern und alles wieder neu denken. Denn: „Eine patriarchalische Sprache verlernen wir nur gemeinsam.“

„… weil Mütter noch immer benachteiligt werden!“

LISA YASHODHARA HALLER, POLITIKWISSENSCHAFTLERIN

FEMINISMUS IM FAMILIENRECHT, SODASS FRAUEN AUSREICHEND GESCHÜTZT WERDEN

Die Politikwissenschaftlerin Lisa Yashodhara Haller forscht zu den Themen Sozialpolitik, Elternschaft und Geschlecht

Der Staat ist verpflichtet, die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zu fördern und durchzusetzen. Warum es trotzdem wichtig ist, Gesetze ihre Wirkung aus einer feministischen Perspektive zu prüfen, erklärt Lisa Yashodhara Haller am Beispiel einer Forderung aus dem aktuellen Koalitionsvertrag, hier soll neu geregelt werden, welche Personen als Eltern eines Kindes gelten: „Die Frage, wer Eltern eines Kindes sind, wird in Deutschland nicht anhand der Genetik bestimmt, sondern anhand der psychosozialen Beziehung. Das heißt: Mutter eines Kindes ist immer die Frau, die mit dem Kind schwanger war und es geboren hat. Rechtlicher Vater war bislang, wer entweder mit der Mutter des Kindes verheiratet ist oder die Vaterschaft mit ihrer Zustimmung anerkennt. Das will die Koalition nun ändern. Künftig können unverheiratete Väter, die mit der Mutter zusammenleben, auch ohne deren Einwilligung das gemeinsame Sorgerecht für das Kind erlangen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein progressiver Schritt zu mehr Gleichberechtigung zwischen Müttern und Vätern. Allerdings kann so die gebärende Person nicht mehr frei entscheiden, mit wem sie das Kind aufziehen will. Ist beispielsweise in der Partnerschaft körperliche oder emotionale Gewalt im Spiel, kann ein solches Gesetz unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung die Selbstbestimmung der Frau massiv gefährden.“

FEMINISTISCHE NETZPOLITIK FÜR SICHERHEIT IM INTERNET

Als Gründungsmitglied von Netzforma* e.V. kämpft Francesca Schmidt dafür, dass sich Frauen ohne Angst frei im Internet bewegen können

Laut einer Umfrage der Beratungsagentur „Hate- Aid“ wurden 52 Prozent der Nutzerinnen zwischen 18 und 35 Jahren bereits in den sozialen Medien angegriffen: Sexuell belästigt, gestalkt, sie bekommen Vergewaltigungsdrohungen in ihre Timelines gespült oder finden Bilder von sich auf Pornoseiten. Die Strategie dahinter: Täter*innen wollen die Frauen nicht nur shamen und demütigen, sondern gezielt aus der digitalen Öffentlichkeit drängen. Mit Erfolg. Studien zeigen, dass sich immer mehr Frauen und Mädchen aus den sozialen Medien zurückziehen, weil sie den Attacken schutzlos ausgeliefert sind. Francesca Schmidt fordert darum: „Wenn wir Frauen schützen wollen, müssen wir die Plattform-Betreiber dazu verpflichten, illegale Inhalte zu entfernen. Wichtig ist auch, die Beratungsstellen zu fördern und Polizei und Justiz im Umgang mit digitaler Gewalt zu schulen. Hatespeech, Drohungen und sexuelle Belästigung sind keine Bagatellen, sondern Straftaten – in der analogen und digitalen Welt.“

„… weil Frauen, die digitale Gewalt erfahren, kaum geschützt werden!“

FRANCESCA SCHMIDT, GRÜNDUNGSMITGLIED VON NETZFORMA* E.V.