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Warum hast du mich verlassen?


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 06.03.2020

Zehn Passionen, die man kennen sollte


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Christus am Kreuz mit Maria und Johannes von Albrecht Altdorfer, um 1515 (Gemäldegalerie Alte Meister Kassel)


Foto: Archiv

Hemmungslose Gewaltausübung, eine wütende Volksmenge und ein geschundenes Opfer - die Leidensgeschichte Christi nach den vier Evangelisten ist ein höchst dramatischer, aufwühlender und zugleich beklemmender Plot. Eine lange Tradition hat die musikalische Gestaltung dieser Passion. Schon früh bildeten sich im gregorianischen Choral differenzierte Modelle mit „Passionstönen“ heraus, bevor der Passionsbericht auf drei Sänger in tiefer (Jesus), ...

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... mittlerer (Evangelist) und hoher Lage (Soliloquenten und Turbae) aufgeteilt wurde. Die zusätzliche Differenzierung in unmittelbar an der Handlung beteiligte Einzelpersonen (Soliloquenten) und Volksmengen (Turbae) macht die Leidensgeschichte noch lebendiger und zeichnet sie plastisch nach. Ab dem frühen 16. Jahrhundert entstanden dann mehrstimmige Vertonungen, anfangs motettisch durchkomponiert, und sogenannte „responsoriale Passionen“, bei denen neben dem Evangelisten und den Soliloquenten die Turbae mehrstimmig angelegt sind.

In den „oratorischen Passionen“ des 17. und 18. Jahrhunderts wurden Bibeltexte zudem mit freier Dichtung erweitert, sodass nun in den Rezitativen, Arien und Chorälen kontemplativ-betrachtende Elemente das eigentliche Passionsgeschehen ergänzen. Johann Sebastian Bachs Passionen markieren zweifellos den Höhepunkt dieser Gattung. Ausschließlich auf freier Dichtung basierten im 18. und 19. Jahrhundert die sogenannten „Passions oratorien“, auf Bibeltexte wurde hier grundsätzlich verzichtet. Spätestens um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in der Zeit der Emp- findsamkeit, empfand man die „oratorische Passion“ mit ihrem heterogenen Textmaterial aber zunehmend als antiquiert. Angemessen erschien nun ein poetisch und stilistisch einheitlicher Text - was allerdings zu zunehmend larmoyant und flach wirkenden Neudichtungen führte.


Die Leidensgeschichte Christi ist ein dramatischer, aufwühlender und zugleich beklemmender Plot


Da sich mit der Wiederaufführung der Bach’schen Matthäus-Passion durch Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 auch ein national aufgeladenes Interesse an Bachs Oratorien etablierte, entstanden im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts keine Passionsvertonungen von Rang mehr. Erst im 20. Jahrhundert, insbesondere im Zuge der Singbewegung der 20er-Jahre, versuchten Hugo Distler und andere an die responsorialen Modelle anzuknüpfen.

Seit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs oszilliert die Passion nun zwischen liturgischer Bestimmung und konzertant performativer Inszenierung. Es ist ein erstaunlicher Befund: Komponisten von Rang schreiben wieder Passionen, etwa Frank Martin, Penderecki, Pärt, Gubaidulina und Wolfgang Rihm, dessen ästhetischer Zugang zur Passion postmodern offen und visionär zugleich bleibt: „Texte um das Passionsgeschehen haben mich immer fasziniert. Der leidende Gott ist eine einzigartige Er- findung unserer Kultur. Der leidende und Mensch gewordene Gott: eine Ungeheuerlichkeit. Ist diese Gestalt zu verstehen? Sie liegt auf dem Grund unserer Kultur, schimmert von dorther durch unsere ‚positiven‘ Anstrengungen. Wir sind in ihr beschlossen.“

Die Einfache Heinrich Schütz: Johannes-Passion

Achtung beim ersten Hören! Was zunächst vielleicht gleichförmig oder modellhaft wirken kann, erweist sich als musikalisches Kunstwerk ersten Ranges. Mit äußerst reduzierten musikalischen Mitteln und großartiger wortgezeugter Raffinesse fordert der über 80-jährige Heinrich Schütz zu einer intensiven Betrachtung der Bibelworte auf. Zudem kann man dieses bildgewaltige, 1665/66 entstandene Drama nicht nur hörend erleben, sondern als „Augenmusik“ auch grafisch im Notentext verfolgen. Diese höchst konzentrierte Passion besticht letztendlich durch ihre geradezu umwerfende Natürlichkeit. Mit diesem dichten und expressiven Alterswerk beschließt Schütz die Reihe seiner Historienvertonungen.

Jan Kobow, Harry van der Kamp, Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann (2011); Carus

Die Bildhafte Dietrich Buxtehude: Membra Jesu nostri

Bereits die lateinisch verfasste Titelseite der „Membra Jesu nostri“ verrät uns den Adressaten dieses siebenteiligen Kantatenzyklus: „Die heiligsten Gliedmaßen unseres leidenden Jesu, in demütigster Verehrung von ganzem Herzen besungen und dem angesehenen Herrn Gustav Düben, Musikdirektor des Königs von Schweden, meinem edlen und hochverehrungswürdigen Freund, gewidmet von Dieterico Buxtehude. Im Jahr 1680.“ Das Leiden Christi am Kreuz vollzieht sich hier gleichsam vor den Augen des Hörers. Die aufsteigende Blickrichtung der Gläubigen, von den Füßen („Ad pedes“) bis zu Jesu Antlitz („Ad faciem“), wird zudem in der tonalen Disposition der einzelnen Kantaten deutlich. Obwohl dieser Zyklus nicht für die Liturgie gedacht ist, steht die wunderbar sinnliche Musik doch ganz in der Tradition der lutherischen Theologie: Aus vermeintlich passiver Kontemplation und innerer Versenkung heraus soll dem Gläubigen ein aktives Handeln erwachsen.

Maria Keohane, Hanna Bayodi-Hirt, Ricercar Consort, Philippe Pierlot (2018); Mirare

Die Bewunderte Reinhard Keiser: Markus-Passion

Mindestens dreimal führte Johann Sebastian Bach die „Passio secundum Marcum“ von „Sign. R. Kaiser“ auf: zuerst als Mitglied der Weimarer Hofkapelle, dann wohl 1726 in der Leipziger Nicolaikirche und 1747 in der Leipziger Thomaskirche, nun als Pasticcio mit Arien aus Händels Brockes-Passion. Als Autor dieser von Bach hochgeschätzten Markus-Passion wurde lange der ehemalige Thomasschüler und Direktor der Hamburger Gänsemarktoper Reinhard Keiser (1674-1739) vermutet, doch mittlerweile sind Zweifel daran aufgekommen. Da sich Bach bei seinem Amtsantritt als Thomaskantor auf keine etablierte „Passionstradition“ beziehen konnte, sah er in dieser Markus-Passion wohl immer auch ein ästhetisches Referenzobjekt. Wer immer die Passion komponiert haben mag - es ist fantasievolle und zupackende Musik voller ergreifender Affekte!

Jan Kobow, Thomas E. Bauer, Ensemble Jacques Moderne, Joel Suhubiette (2014); Mirare

Die Dramatische Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion

Es war der 7. April 1724, der erste Karfreitag in Bachs Leipziger Amtszeit, an dem die Johannes-Passion in der Nicolaikirche erklang. Mindestens dreimal überarbeitete Bach das Werk, für weitere Aufführungen 1725, 1730 und 1749, wobei sich die letzte Fassung wieder der ursprünglichen Version annähert. Die teils deutlich divergierenden Fassungen I bis IV zeugen von einer den äußeren Zwängen und Umständen geschuldeten Aufführungspraxis. Robert Schumann war überwältigt und ließ seiner Begeisterung über Bachs Johannes-Passion freien Lauf. So schrieb er am 2. April 1849 dem Hamburger Musikdirektor Georg Dietrich Otten: „Kennen Sie die Bachsche Johannis-Passion, die sogenannte kleine? Gewiß! Aber finden Sie sie nicht um Vieles kühner, gewaltiger, poetischer, als die nach d. Evang. Matthäus? Mir scheint die letztere um 5-6 Jahre früher geschrieben [hier irrt Schumann!], nicht frei von Breiten, und dann überhaupt über das Maß lang - die andere dagegen wie gedrängt, wie durchaus genial, namentlich in den Chören, und von welcher Kunst!“

Amanda Forsythe, Nicholas Phan, Apollo’s Fire, Jeannette Sorrell (2016); Avie

Die Epische Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion

Die doppelchörige Anlange der Matthäus- Passion ist zunächst eine Reverenz an die Mehrchörigkeit der venezianischen Schule. Doch bei Bach sind die beiden Chöre asymmetrisch gedacht und nicht nur dramaturgisch, sondern im Wesentlichen theologisch begründet: Chor I entspricht dem Reich Gottes, Chor II der irdischen Welt. Bachs Idee einer Dramatisierung des Raumes zeigt, dass er bei den Gläubigen nicht nur passive emotionale Betro_ enheit auslösen wollte, sondern ihnen vielmehr suggerieren konnte, das Geschehen beein_ ussen und somit das Leiden Christi noch aktiv abwenden zu können („Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“).

Amaryllis Dieltiens, Gerd Türk, The Netherlands Bach Society, Jos van Veldhoven (2010); Channel

Die Empfi ndsame Carl Heinrich Graun: Der Tod Jesu

Kaum zu glauben, aber Carl Heinrich Grauns Passionsoratorium „Der Tod Jesu“ auf ein Libretto Karl Wilhelm Ramlers zählte seit der Urau_ ührung in Berlin am 26. März 1755 für mehr als ein Jahrhundert zu den populärsten und meistaufgeführten Werken des Genres. Als Au_ ragswerk der preußischen Prinzessin Anna Amalia erschien die Passion 1760 bei Breitkopf in Leipzig. Fortan war die Rezeptionsgeschichte dieses preußisch nationalidiomatischen Oratoriums beispiellos. Carl Heinrich Graun, von 1740 bis zu seinem Tod 1759 Kapellmeister am Hof Friedrichs II., beschreibt Jesus hier als Idealtypus der Tugendha_ igkeit und vollkommenen Menschenliebe.

Schlicht gesetzte Choräle und an der Opera seria orientierte, höchst virtuose Arien!

Uta Schwabe, Christoph Genz, La Petite Bande, Sigiswald Kuijken (2003); hyperion

Die Unbekannte Ludwig van Beethoven: Christus am Ölberge

Eine Passion der besonderen Art! „Christus am Ölberge“, Beethovens einziges geistliches Oratorium, wurde im Akademiekonzert am 5. April 1803 zusammen mit der zweiten Sinfonie op. 36 und dem dritten Klavierkonzert op. 37 im _ eater an der Wien erstmals aufgeführt. Nach einer Umarbeitung für die Passionszeit im Jahr darauf wurde das Oratorium schließlich 1811 als op. 85 verö_ entlicht. Beethoven schrieb hier, auf ein Libretto von Franz Xaver Huber, keine religiös empfundene Andachtsmusik, sondern eine dramatische Bühnenpassion für ein aufgeklärtes und säkularisiertes Publikum. Wir blicken hinein in den Garten Gethsemane, werden Teil eines aufwühlenden Seelendramas und hören Jesus als heldisch-dramatischen Tenor! Im Chor „Welten singen Dank und Ehre“ überwältigt die alles umspannende Strahlkra_ dieser Musik im Dienste eines humanen Appells an die ganze Menschheit! Nicht verpassen im Beethoven- Jahr!

Laura Aikin, Herbert Lippert, Arnold Schoenberg Chor, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt (2007); Sony Classical

Die Spröde Hugo Distler: Choral-Passion

Man hört Hugo Distlers Musik leider nur noch selten - und doch gehören seine A-cappella-Werke zu den herausragenden Chormusik-Beiträgen im 20. Jahrhundert. Auf Vermittlung von Günther Ramin wurde Distler zum 1. Januar 1931 Kantor an St. Jakobi zu Lübeck, und hier entstanden seine wichtigsten Werke, darunter die Choralpassion op. 7. Distler selbst verwies immer wieder auf die formale und klangliche Vorbildfunktion der Werke von Heinrich Schütz. So sah Distler im Zuge einer Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik sein Werk im Kontext einer liturgisch gebundenen Musik in reduzierter klanglicher Formung. Wortgebundene, freischwebende Melodik und herb-sinnliche Klanglichkeit! Tragisch: Mit nur 34 Jahren setzte Distler seinem Leben im November 1942 ein Ende.

Nico van der Meel, Rolf Boysen, Niederländischer Kammerchor, Uwe Gronostay (1996); Globe

Die Erschütternde Frank Martin: Golgotha

Rembrandts Radierung „Die drei Kreuze“ inspirierte Frank Martin zur Komposition seiner Passionsmusik „Golgotha“, einem der ergreifendsten Oratorien des 20. Jahrhunderts. Bereits mit zehn Jahren hatte eine Au_ ührung der Bach’schen Matthäus- Passion auf ihn einen unvergesslichen Eindruck gemacht. In einem überaus personalen Stil fügt Frank Martin Elemente des französischen Impressionismus mit der Zwölftontechnik Arnold Schönbergs zusammen, freilich ohne die strenge Reihentechnik durchzuführen, und setzt sie mit einer nicht funktionalen Harmonik in erweiterter To- nalität zusammen. Martins epochales Werk, das (auf Französisch) in sieben Bildern die Passion Christi vom Einzug in Jerusalem bis zum Kalvarienberg schildert, entstand zwischen 1945 und 1948 und wurde 1949 in Genf uraufgeführt.

Judith Gauthier, Marianne Beate Kielland, Estnischer Philharmonischer Kammerchor, Daniel Reuss (2009); harmonia mundi

Die Sinnliche Wolfgang Rihm (1952): Vigilia

Ab 2001 schrieb Wolfgang Rihm für das Vokalensemble Singer Pur einzelne Passionsmotetten, deren erste in der Karwoche 2001 in der römischen Basilika Santi XII Apostoli aufgeführt wurde. Zur Urau_ ührung der Passionsmotetten 6 und 7 stellte Rihm dann alle sieben in einen größeren Zusammenhang, indem er sie, erweitert um instrumentale Zwischenspiele, zu den nun sogenannten „Vigilia“ zusammenfasste. Neben der ersten, solistischen Fassung der Motetten gibt es inzwischen auch eine Fassung zu vier Sängern je Stimme. Immer wieder hört man in Rihms Musik Allusionen, Referenzen und Traditionen, die virtuos den kulturellen Kontext von Gesualdo bis Strawinsky durchmessen. Ein Kosmos voller Klangsinnlichkeit und vokaler Expression.

ChorWerk Ruhr, Ensemble Modern, Rupert Huber (2009); Neos Singer Pur. Wolfgang Rihm: Passionsmotetten I-VII; Singer Pur (2004/07);