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Warum Krankheiten notwendig sind


ÖKO-TEST Kompakt Kinder & Eltern - epaper ⋅ Ausgabe 12/2008 vom 08.10.2008

Das Kind hustet schon wieder wochenlang. Was die Eltern beunruhigt oder stresst, ist biologisch sinnvoll: Das Immunsystem lernt jedes Mal dazu. Ärzte behandeln kranke Kinder unterschiedlich, je nachdem ob sie schulmedizinisch orientiert sind oder alternative Heilmethoden anwenden.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Kompakt Kinder & Eltern, Ausgabe 12/2008

Ein kleiner Trost für die geplagten Eltern: Kinder, die häufig Infekte durchmachen, sind gut vor Allergien geschützt. „Wenn das Immunsystem viele Infekte abwehren muss, dann ist es bei seiner eigentlichen Aufgabe und gerät nicht so leicht aus dem Gleichgewicht“, weiß die Hamburger Kinderärztin Dr. Gisela Brehmer. ...

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Ein kleiner Trost für die geplagten Eltern: Kinder, die häufig Infekte durchmachen, sind gut vor Allergien geschützt. „Wenn das Immunsystem viele Infekte abwehren muss, dann ist es bei seiner eigentlichen Aufgabe und gerät nicht so leicht aus dem Gleichgewicht“, weiß die Hamburger Kinderärztin Dr. Gisela Brehmer. Wissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass ein frühes Training des Immunsystems vor späteren Überreaktionen auf eigentlich harmlose Stoffe schützt. Und solange die Kleinen normal heranwachsen und die Infekte gut überstehen, sind häufige Krankheiten weder ungewöhnlich noch schädlich. Das Gegenteil ist der Fall: So trainieren die Kinder ihr Immunsystem. „Fünfzehn Infekte pro Jahr, mit und ohne Fieber, das ist für Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren ganz normal“, beruhigt Frau Dr. Brehmer.

Ein Team von Abwehrprofis

Das Immunsystem ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Spezialisten, die sich über den gesamten Körper verteilen. Die Abwehrzentralen befinden sich in Knochenmark, Milz, Mandeln und Thymusdrüse. Eine wichtige Rolle spielt auch das Lymphsystem.

• Im Knochenmark entstehen weiße Blutkörperchen. Rund ein Dutzend unterschiedliche weiße Blutkörperchen sind für die Immunabwehr zuständig und damit so etwas wie die Polizei in unserem Organismus. Im Verband mit mehr als 50 verschiedenen Signal-und Botenstoffen erkennen und bekämpfen sie krank machende Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten. • Die Milz befindet sich im linken oberen Bauchraum, sie schüttet im Ernstfall Immunzellen aus. • Bei starkem Kontakt mit Krankheitserregern, die über Mund und Nase eindringen, werden in den Mandeln viele Lymphozyten gebildet. Sie gehören zu den weißen Blutkörperchen, können Erreger erkennen und mit Antikörpern bekämpfen.
• Die etwa handtellergroße Thymusdrüse liegt hinter dem Brustbein über dem Herzen. Bis zur Pubertät ist sie hochaktiv und bildet Abwehrzellen zu Spezialeinheiten aus. Diese bleiben uns ein Leben lang erhalten. Anschließend schrumpft das wichtige Organ. Im Körper eines Erwachsenen ist es kaum noch zu finden.
• Das Lymphsystem mit seinem dichten Knotennetz ist wie das Blutgefäßsystem ein eigenständiges System zum Transport von Flüssigkeiten. Die Lymphe durchdringt dabei auch Gewebe und sammelt aus sämtlichen Organen Abfallprodukte des Stoffwechsels. An strategisch wichtigen Punkten muss die Lymphflüssigkeit Knoten passieren. Hier wird sie gefiltert und auf gefährliche Überbleibsel kontrolliert. Stimmt etwas mit dem Ergebnis nicht, werden die in den Lymphknoten wartenden Lymphozyten an die Verteidigungsfront geschickt.

Wenn Kinder häufig von Infekten geplagt werden, dann ist das kein Grund zur Sorge.


Immunzellen entwickeln ein Gedächtnis

Viele Millionen Lymphozyten produziert das Lymphsystem täglich. Dringen Krankheitserreger ein, kann die Produktion binnen weniger Stunden auf mehr als das Zehnfache steigen. Weil die Eintrittspforten unseres Körpers – also die Schleimhäute von Mund und Nase, Atemwegen, Darm und Haut – besonders gefährdet sind, patrouillieren dort besonders viele Immunzellen. Überwinden Erreger diese erste Hürde, beginnt der Verteidigungskampf. Makrophagen (Fresszellen), das sind ebenfalls weiße Blutkörperchen, die sich fast überall im Körper aufhalten, greifen die Eindringlinge an. Andere weiße Blutkörperchen, sogenannte Killerzellen, zerstören virusinfizierte Zellen. Während sich die Makrophagen die Erreger einverleiben, geben sie zugleich wichtige Informationen über den Krankheitserreger – quasi einen Steckbrief – an die nachfolgende, spezialisierte Abwehreinheit weiter.

Mit jedem Infekt lernt das kindliche Immunsystem, die Krankheitserreger nicht nur zu vernichten, sondern sie beim nächsten Angriff auch wieder zu erkennen. Es kann dann die benötigten spezifischen Antikörper blitzschnell produzieren und gegen die unerwünschten Eindringlinge in Stellung bringen. Dafür verantwortlich sind die Spezialisten, B-und T-Lymphozyten. Sie erkennen die Struktur der Eindringlinge und produzieren maßgeschneiderte Antikörper. Diese Eiweißsubstanzen, Wissenschaftler nennen sie Immunglobuline, passen wie ein Schlüssel ins Schloss. Sie heften sich direkt an den Erreger und blockieren ihn in seiner Aktivität. Ist der Feind übermächtig, können die Lymphozyten Botenstoffe aussenden und damit weitere Immuntruppen anfordern. Die Fresszellen erkennen blockierte Erreger und vollenden das Werk, indem sie die „gefesselten“ Eindringlinge überwältigen und endgültig vernichten. Einige der Lymphozyten entwickeln sich später zu Gedächtniszellen, die das Aussehen des Erregers speichern. Sollte er wieder auftauchen, sind sie augenblicklich zur Stelle und produzieren massenweise Antikörper – wir sind immun geworden gegen diesen Erreger.

Damit das kindliche Abwehrsystem aber auch weiß, wogegen es in Zukunft ankämpfen soll, muss es sich mit vielen Bakterien und Viren auseinandersetzen. Starke Medikamente, die Bakterien oder Viren schnell bekämpfen, können diesen Lernprozess stören. Sie übernehmen die Aufgabe des Immunsystems und verhindern in manchen Fällen, dass der Körper aus eigener Kraft wieder gesund wird. Ein gutes Beispiel aus seiner Arztpraxis sei etwa Scharlach, erzählt der Kinderarzt und Homöopath Dr. Patrick Kreisberger vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte. Einige dieser Patienten behandelt Kreisberger erfolgreich mit homöopathischen Arzneimitteln wie beispielsweise Belladonna. „Die Patienten die ich antibiotisch behandle, bekommen häufig nach kurzer Zeit wieder Scharlach“, zeigt seine Erfahrung. Sie hätten in der Auseinandersetzung mit der Krankheit offenbar keinen echten Lernprozess durchgemacht.

Interview: Bis zu 15 Infekte pro Jahr sind normal

Dr. Gisela Brehmer hat das Familienstandardwerk Aus der Praxis einer Kinderärztin geschrieben. Sie ist eine Befürworterin sanfter Heilmethoden.

ÖKO-TEST: Müssen sich Eltern Sorgen machen, wenn ihr Kind ständig kränkelt?
Brehmer: Nein, das ist ganz normal. Kinder im Alter zwischen zwei und sechs haben bis zu 15 Infekte pro Jahr mit oder ohne Fieber. Hauptsächlich zur Winterzeit werden sie oft krank. Dann kommen Eltern in die Praxis und sagen: Mein Kind hat seit sechs Wochen Husten, ich habe Angst, dass es irgendetwas verschleppen könnte. In den meisten Fällen stellt sich aber heraus, dass die Kinder einfach drei, vier Infekte nacheinander gehabt haben.

ÖKO-TEST: Warum sind manche Kinder ständig krank, andere dagegen fast nie?
Brehmer: Jeder Mensch reagiert auf Krankheitserreger unterschiedlich. Das eine Kind wehrt die Viren schon im Vorfeld ab und hat kaum Symptome. Das andere erkrankt jedes Mal mit Schnupfen, Husten und hohem Fieber. Warum das so ist, weiß man nicht ganz genau. Aber beide Kinder haben am Ende Antikörper gebildet, sodass sie diese Krankheit nicht wieder bekommen. Wenn ein Kind also einen Infekt nach dem anderen erleidet, hat das nichts mit einem schwachen Immunsystem zu tun. Es reagiert nur sichtbar. Ein schlechtes Immunsystem ist dagegen etwas Seltenes.

ÖKO-TEST: Wie erkennt man denn ein schlechtes Immunsystem?
Brehmer: Kinder mit einer echten Abwehrschwäche haben häufig sehr schwere bakterielle Infekte. Sie müssen meist ins Krankenhaus und dort mit Antibiotika behandelt werden. Oft haben sie mehrere Erkrankungen gleichzeitig, leiden an Blutarmut oder entwickeln sich langsam. Aber das sind wirklich Ausnahmen.

Schulmedizin oder alternative Medizin

Es gibt also genug Argumente, einfache Infekte ohne Medikamente ausheilen zu lassen. Die alternative Medizin setzt dabei vor allem auf die Selbstheilungskräfte des Körpers und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Homöopathen wägen ab, wie Medikamente das empfindliche und ausgewogene System beeinflussen. So können Antibiotika bei Kindern neben den Krankheitserregern auch die natürlichen Bakterien der Darmflora schädigen. Es kann unter Umständen Monate dauern, bis sich das System nach einer solchen Behandlung wieder erholt. Außerdem kann ein derartiger Eingriff die Fähigkeit des Körpers zu Selbstregulation und Selbstheilung empfindlich beeinträchtigen. Bei einer erneuten Infektion werden dann wiederum Antibiotika notwendig. Somit entsteht ein Teufelskreis. Homöopathen versuchen, nicht zu früh in das sich entwickelnde Immunsystem einzugreifen. Sie betrachten Gesundheit als einen Prozess, der auch das Kranksein und das Durchmachen von Krankheiten beinhaltet. Krankheit bedeutet für sie, dass das Gleichgewicht im Körper gestört ist. Sie nehmen sich oftmals mehr Zeit für ihre kleinen Patienten und verordnen in vielen Fällen zunächst sanfte Heilmittel, die die Abwehrkräfte des Kindes unterstützen. Das gelte ganz besonders für Beschwerden wie harmlosen Husten oder Schnupfen, betont Kreisberger. Hustensäfte oder Halswehlutschtabletten seien oft wirkungslos, Blocker unterdrückten den Hustenreiz, fiebersenkende Zäpfchen verhindern die körpereigene, wirkungsvolle Heilkraft des Fiebers. In den meisten Fällen helfe Altbewährtes wie Tee oder Wickel und selbst gekochte Hühnerbrühe. Pflege und Zuwendung heile kranke Kinder oftmals besser als Medikamente.

Oft überflüssig. Viele Erkrankungen lassen sich auch gut ohne Medikamente behandeln.


Alternative Medizin will möglichst wenig in das sich erst entwickelnde kindliche Immunsystem eingreifen.


Belladonna wird in der klassischen Homöopathie genutzt.


Foto: Klosterfrau Gesundheitsservice

Die Schulmedizin ist vor allem danach ausgerichtet, Krankheiten symptomatisch zu behandeln. Für sie bedeutet Gesundheit in erster Linie die Abwesenheit von Krankheit. Nur wenn der Körper einwandfrei funktioniert, also nicht krank ist, ist er gesund. Deshalb behandeln die meisten Schulmediziner häufig nur das kranke Organ oder nur das auftretende Symptom. Schulmediziner verordneten etwa bei einer Mittelohrentzündung viel zu schnell starke Medikamente, meint Kinderarzt Kreisberger. „Studien belegen, dass in den meisten Fällen einer Mittelohrentzündung unnötig Antibiotika verschrieben werden.“ Er vermutet, „dass viele Schulmediziner befürchten, dass sich aus der Mittelohrentzündung Knocheneiterung, Hirnhautentzündung oder andere Komplikationen entwickeln könnten und verschreiben deshalb vo rauseilend Antibiotika“. In vielen Fällen sei Angst die Ursache dafür, dass Kindern zu schnell zu starke Medikamente verordnet werden, findet der Arzt. „Das Vertrauen in die natürlichen Selbstheilungskräfte des Kindes fehlt in solchen Fällen.“ Man müsse aber nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen, betont er. „Wenn man das kranke Kind alle ein bis zwei Tage in der Praxis sieht, kann man auch ohne Antibiotika regulierend eingreifen, ohne den Zeitpunkt zu verpassen, an dem Antibiotika tatsächlich nötig sind.“ Selbst bei akuten Beschwerden hat er in seiner Praxis gute Erfahrungen mit homöopathischen Arzneimitteln wie Aconitum, Apis, Belladonna, Chamomilla oder Pulsatilla gemacht. Zunächst beobachtet er, wie das Kind auf die Globuli reagiert. „Und wenn es über starke Schmerzen klagt und die homöopathische Arznei nicht den gewünschten Erfolg bringt, gebe ich lieber ein Schmerzmittel, statt Antibiotika“, sagt Kreisberger.

Training. Mit jeder Erkrankung entwickeln sich auch die kindlichen Abwehrkräfte.


Schulmedizin und alternative Medizin sollten aber nicht als gegensätzliche und miteinander unversöhnliche Methoden betrachtet werden. Die Übergänge sind durchaus fließend. Selbst überzeugte Schulmediziner raten zuweilen zu Wadenwickel bei Fieber oder zu Zwiebelsaft bei Ohrenschmerzen. Ebenso behandeln homöopathische Ärzte bakterielle Krankheiten mit Antibiotika. „Antibiotika sind nicht per se schlecht, sondern ein hervorragendes und wichtiges Medikament bei vielen akuten Krankheiten“, findet Kreisberger. Eine Krankheit auszuhalten sei aber ein wichtiger Lernprozess für das kindliche Immunsystem.

Diesen Ansatz verfolgt der Kinderarzt selbst bei einer Lungenentzündung. Er würde sie zunächst durchaus mit homöopathischen Arzneimitteln behandeln. „In so einem Fall muss man aber schnell reagieren und genau beobachten, ob die Arzneimittel anschlagen. Tun sie das nicht, muss nach spätestens einem Tag schulmedizinisch behandelt werden“, betont er.