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WARUM LERNP A U S E N SO WICHTIG SIND


schule - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 28.11.2019

Hand aufs Herz: An welche Dinge, die Sie in der Schule gelernt haben, erinnern Sie sich heute noch? Warum prägen sich manche Dinge ein, und andere vergessen wir? Spoiler: Ja, es hat mit der Art zu tun, wie wir lernen und entspannen


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Ein Hoch auf die (Schul-)Pause: Nach einer Lerneinheit ist eine Unterbrechung wichtig. Nur dann kann das Gehirn wieder Inhalte aufnehmen


Foto: gettyimages

Endoplasmatisches Retikulum. Ich muss nicht einmal googeln, wie man das schreibt. Ich werde diese beiden Worte, ihre Bedeutung und deren Funktion wohl nie mehr vergessen – auch wenn ich sie seit der 11. Klasse kein einziges ...

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Endoplasmatisches Retikulum. Ich muss nicht einmal googeln, wie man das schreibt. Ich werde diese beiden Worte, ihre Bedeutung und deren Funktion wohl nie mehr vergessen – auch wenn ich sie seit der 11. Klasse kein einziges Mal gebrauchen konnte.
Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb sich ausgerechnet diese Lerneinheit aus dem Biologieunterricht so sehr in mein Gedächtnis gebrannt hat. Als ich mir im Skiurlaub in La Plagne einmal beide Handgelenke gebrochen habe, hätte ich einiges dafür gegeben, mich an die französischen Vokabeln aus dem Kapitel „Im Krankenhaus“ zu erinnern.
Aber da war nichts mehr. Alles weg. Dabei erinnere ich mich noch genau an die Nacht vor dem angekündigten Vokabeltest, in der ich mir viereinhalb Stunden am Stück die Vokabelliste in mein Gehirn hämmerte, immer und immer wieder, bis alle Wörter saßen.


„LERNEN“ UND „BEHALTEN“ BEDEUTET NICHT DAS GLEICHE


Gabriel Gelman ist der Gründer des Sprachenlern-Portals „Sprachheld“. de. Ihn überrascht es nicht, dass aus meinem nächtlichen Vokabel-Pauk-Marathon nichts hängen geblieben ist: „Gelerntes muss angewendet werden, um dauerhaft hängen zu bleiben“, erklärt er mir im Interview.
Konkret bedeutet das ihm zufolge für meinen Fall: In mein Kurzzeitgedächtnis haben es die französischen Krankenhausvokabeln vermutlich damals gerade noch geschafft. Den Platz im Langzeitgedächtnis habe ich ihnen jedoch verbaut, indem ich mich seit der durchgelernten Nacht nie wieder mit ihnen auseinandergesetzt oder sie tatsächlich angewendet habe – sei es beim Schreiben eines Textes oder in der Unterhaltung mit Franzosen.


WER LERNT, BRAUCHT PAUSEN


Doch laut Sprachexperte Gabriel Gelman habe ich den ersten Fehler bereits vorher begangen: beim Lernen selbst. Denn das reine Pauken von Vokabeln ist nicht effektiv, schon gar nicht viereinhalb Stunden am Stück. „Beim traditionellen Vokabellernen ist meistens die Effektivität schon nach weniger als einer Stunde deutlich gemindert“, erläutert Gelman.
Das gilt auch für den motiviertesten Schüler: „Alles baut sich irgendwann ab“, erklärt der Sprachexperte, „selbst Spaß.“ Sein Tipp: „Wenn man merkt, dass die Lust nachlässt, sollte man am besten etwas anderes machen, zum Beispiel für ein anderes Fach lernen – oder gleich eine Pause einlegen.“ Die sei besonders wichtig, denn: „Gelerntes muss auch verarbeitet werden können.“
Sarah Schütze ist Klassenlehrerin an einer schleswig-holsteinischen Waldorfschule. Sie erläutert mir die Bedeutung von Lernpausen anhand einer einfachen Metapher: dem inneren Atem des Unterrichts. „Das Lernen ist das Einatmen des Lernstoffs, das Wahrnehmen von etwas Neuem“, beschreibt sie. „Es ist wichtig, auch loszulassen: das Erlernte anzuwenden – also auszuatmen.“ Beides muss laut Sarah Schütze im Gleichgewicht sein. „Immer nur einzuatmen und nie auszuatmen ist nicht nur nicht gut“, erklärt sie, „es geht ganz einfach nicht!“
Die Schultage an der Waldorfschule sind deshalb geprägt durch ganz bewusste „Atempausen“ innerhalb der einzelnen Unterrichtseinheiten: 20Minuten „Erzählzeit“ stehen pro Tag auf dem Programm. In dem Unterricht von Sarah Schütze werden diese begleitet durch aufwendige Tafelbilder, passend zur aktuellen Jahreszeit, oder dem Märchen, das sie ihren Schülern erzählt: „Die Kinder dürfen und sollen sich da reinträumen, um die Zeit bewusst wahrzunehmen und zu erleben“, erklärt Schütze.
Sprachexperten empfehlen, regelmäßig einen Wechsel zwischen den einzelnen Medien einzulegen. Das muss bei älteren Schülern keine 20-minütige Erzähleinheit sein – gerade in Prüfungsphasen fehlt für so eine ausgiebige Pause auch einfach die Zeit. Der Wech- sel vom Lesen zum Hören hilft dem Gehirn, am Ball zu bleiben.

Abwechslung bringt’s! Zum Beispiel so: erst mit Büchern Vokabeln lernen, dann ein Hörspiel in einer Fremdsprache hören


„LERNEN IST DAS EINATMEN DES LERNSTOFFS, DAS WAHRNEHMEN VON ETWAS NEUEM. ES IST WICHTIG, AUCH LOSZULASSEN: DAS ERLERNTE ANZUWENDEN – ALSO AUSZUATMEN“


Sarah Schütze, Klassenlehrerin an einer schleswig-holsteinischen Waldorfschule

Ball spielen, joggen gehen, um den Block laufen: Nach einer Lerneinheit sollte man sich körperlich bewegen. Am besten an der frischen Luft


Das liegt vor allem am Wechsel der Lernintensität. Beim Hörbuchhören nimmt man das Gehörte nebenbei auf. Das ist für das Gehirn eine willkommene Abwechslung zum konzentrierten Vokabellernen. Für jüngere Schüler sind Lernspiele eine schöne Alternative: Bei Kartenoder Würfelspielen nehmen Kinder Inhalte auf, ohne überhaupt das Gefühl zu haben, zu lernen.
Ich muss zugeben: All das ergibt schon in der Theorie sehr viel mehr Sinn als das stupide Vokabelpauken, das ich so oft praktiziert habe. Was bleibt, ist die Frage, weshalb sich ausgerechnet das endoplasmatische Retikulum einen ewigen Platz in meiner inneren Bibliothek erkämpft hat. Vielleicht war es die Tatsache, dass der BioUnterricht das erste Fach war, in dem wir in Gruppen arbeiten durften (Stichwort: Abwechslung). Oder es lag daran, dass meine beste Freundin Teil dieser Gruppe war (ich hatte also auch noch Spaß beim Lernen). Und dann erinnere ich noch sehr genau, dass mein BioLehrer tatsächlich der Einzige war, der darauf bestand, dass wir in der großen Pause zwischen seinen beiden Stunden alle „raus an die Luft“ gehen und mal „so richtig durchatmen“.
Vermutlich ist der Mix aus alledem schuld daran, dass mich das Wissen um das endoplasmatische Retikulum mein Leben lang begleiten wird. Schade nur, dass mich diese Erkenntnis erst mit 35 Jahren ereilt. Wie großartig wäre es doch gewesen, wenn ich schon in meiner Schulzeit hätte Einfluss darauf nehmen können, welche Inhalte ich wirklich fürs Leben brauche – und welche nur für die nächste Klassenarbeit oder die nächste Prüfung.


SO MACHT LERNEN LANGE SPASS


Mein Sohn kommt dieses Jahr in die Vorschule. Im Gegensatz zu meiner Schule damals, in der es Pausen von 5, 10 und 15 Minuten Länge gab, legt seine Einrichtung nach den ersten 90Minuten Unterricht bereits eine halbstündige Spielpause für alle Altersgruppen ein. Eine erste gute Voraussetzung schon einmal dafür, dass ihm der Spaß am Lernen lange erhalten bleibt. Mit etwas Glück kommen noch liebe Mitschüler und kompetente Lehrer dazu. Und sollte er in Bio einmal Schwierigkeiten haben: Was das endoplasmatische Retikulum ist, kann ich ihm ja zum Glück immer noch selbst erklären.• SI LKE SCHROECKERT


Fotos: gettyimages