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„Warum müssen wir im Lehramtsstudium immer forschen? Das hat doch nichts mit der Arbeit als Lehrer/ Lehrerin zu tun.“


journal für schulentwicklung - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 22.10.2019

Warum ist es notwendig, dass Lehramtsstudierende Forschungskompetenzen entwickeln? Was hat das alles mit Schule und Unterricht zu tun? Welche Vorurteile existieren hier bei Studierenden und wie kann man diesen entgegentreten?


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Bildquelle: journal für schulentwicklung, Ausgabe 3/2019

Lisa Pichler, studiert Geographie & Wirtschaftskunde und Deutsch Lehramt Sekundarstufe an der Leopold-Franzens- Universität Innsbruck, studentische Mitarbeiterin am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung und am Institut für Geographie, seit 2017 Studienrichtungsvertreterin.

In meinen acht Semestern Lehramtsstudium an der Universität Innsbruck habe ich viele Gespräche ...

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... dieser Art gehört und geführt und komme zu einem eindeutigen Schluss: Obwohl wir schon ab dem ersten Semester in theoretischer und praktischer Form mit Forschungsarbeiten in und über Schulen konfrontiert werden und sogar selbst kleine Forschungsarbeiten durchführen, scheint sich vielen Studierenden der Sinn bzw. der Mehrwert der Auseinandersetzung mit dem Thema Bildungsforschung und die Entwicklung von eigenen Forschungskompetenzen nicht zu erschließen. Meines Erachtens gehört die Entwicklung von Forschungskompetenzen nicht nur zum Lehramtsstudium dazu, sondern ist wesentlicher Bestandteil der Ausbildung von professionsbewussten Lehrpersonen. Forschungskompetenzen halte ich für das Studium genauso wie für den späteren Beruf für wichtige Eigenschaften einer Lehrperson.


»Viele Studierende glauben, dass sie genau wissen, was ihr angestrebter Beruf beinhalten wird und welche Aufgaben sie als Lehrperson zu erfüllen haben.«


Viele Studierende glauben, dass sie genau wissen, was ihr angestrebter Beruf beinhalten wird und welche Aufgaben sie als Lehrperson zu erfüllen haben. Diese Studierenden arbeiten stringent auf die Erreichung ihres Ziels, den Studienabschluss, hin. Dabei sind gewisse Inhalte des Studiums für Lernende oft nicht nachvollziehbar, da sie sich mit dem aus der eigenen Schulzeit entstandenen Bild einer Lehrperson nicht vereinbaren lassen: Vor dem geistigen Auge vieler angehender Lehrpersonen hat Forschung nichts mit der alltäglichen Arbeit als Lehrperson zu tun und ist deshalb häufig nicht mehr als ein notwendiges Übel, um das Studium absolvieren zu können. Der Wunsch nach einer Ausbildung, die auf den Beruf als Lehrperson vorbereitet und alle dafür notwendigen Kompetenzen vermittelt, ist groß.

Nun gibt es einen nicht zu vernachlässigenden Unterschied zwischen einer Berufsausbildung und einem Studium: Ein Studium bedeutet für mich eine breitere Ausbildung in einem Bereich, während eine Berufsausbildung auf einen speziellen Beruf vorbereitet. Beim Lehramtsstudium handelt es sich um ein Studium, obwohl nach Abschluss der universitären Ausbildung scheinbar – denn es gibt auch andere Möglichkeiten – ein Beruf steht, nicht um eine Berufsausbildung. Ein facettenreiches Studium rechtfertigt den Erwerb von Forschungskompetenzen damit im Lehramtsstudium per se, wobei diese Kompetenzen in Zukunft auch im Berufsfeld Schule vonnöten sein werden

In einer globalisierten Welt sind wir täglich von Daten und verschiedenen Interpretationen dieser umgeben, Forschung gehört damit zu unserem täglichen Leben. Es wird versucht, Bildungsniveaus durch standardisierte Tests zu erheben, und das Abschneiden der Schülerinnen und Schüler wird untereinander auf unterschiedlichen Maßstabsebenen verglichen. Dies geschieht über Daten, die aus Testungen wie PISA, den Bildungsstandards, der standardisierten Reifeprüfung usw. generiert werden. Lehrpersonen kommen damit nicht nur mit Daten in Berührung, ihr Handeln basiert sogar auf Erkenntnissen aus diesen Testungen: Schneiden Schülerinnen und Schüler einer Klasse in einem bestimmten Bereich der Bildungsstandardüberprüfungen schlecht ab, bedeutet dies Handlungsbedarf für die unterrichtenden Lehrpersonen.


»In einer globalisierten Welt sind wir täglich von Daten und verschiedenen Interpretationen dieser umgeben, Forschung gehört damit zu unserem täglichen Leben.«


Dabei erfolgt nicht nur eine Nutzung der erhobenen Daten, sondern auch eine eigene Interpretation dieser: Daten können auf die eine oder andere Weise dargestellt werden und einem gewissen Zweck dienen, der möglicherweise nicht mit dem Ziel der Lehrpersonen übereinstimmt. Nur eine forschungskompetente Lehrperson kann verfügbare Daten und Erkenntnisse interpretieren und für die Entwicklung von Unterricht und Schule nutzbar machen.

Nicht nur bereits erhobene Daten sind für Lehrpersonen relevant, auch die Durchführung eigener kleiner Forschungsprojekte kann gewinnbringend sein. Die Durchführung eigener Forschungsprojekte im Lehramtsstudium im Rahmen eines Praktikums schärft den Blick für verschiedene Aspekte des Unterrichts und des Lernens. Beispielsweise konnte ich in meinem Forschungsprojekt, das ich im Rahmen eines Schulpraktikums durchgeführt habe, beweisen, dass der Frontalunterricht im Vergleich zu anderen Unterrichtsmethoden in unterschiedlichen Konstellationen nach wie vor vorherrschend ist (zumindest in den drei von mir beforschten Schulen in Innsbruck).


»Die Durchführung eigener Forschungsprojekte im Lehramtsstudium im Rahmen eines Praktikums schärft den Blick für verschiedene Aspekte des Unterrichts und des Lernens.«


Dabei war klar zu beobachten, dass die Schülerinnen und Schüler in diesen frontalen Phasen viel weniger aktiv waren und häufiger unkonzentriert und unmotiviert wirkten. Außerdem begannen sie, häufiger unterrichtsfremde Dinge während der Stunde zu erledigen als in Phasen der Gruppen- oder Einzelarbeit. Für mich als angehende Lehrperson bedeutet dies also einen eindeutigen Auftrag, um die aktive Lernzeit der Schülerinnen und Schüler während der Unterrichtszeit zu maximieren: Sie sollen möglichst viel selbstständig arbeiten.

Auch kleinere Forschungsprojekte im Rahmen verschiedener Beobachtungsaufgaben im Praktikum halte ich für sinnvoll: Welchen Einfluss hat beispielsweise die Sitzordnung in der Klasse auf die Mitarbeit? Werden manche Schülerinnen und Schüler häufiger drangenommen als andere? Wo in der Klasse befindet sich die Lehrperson während des Unterrichts zumeist? Welche Art von Umgangssprache untereinander wird verwendet? All diese und viele weitere Fragen können Rückschlüsse auf den pädagogischen Alltag bestimmende Herausforderungen bringen, wenn das Unterrichtsgeschehen bezüglich einer dieser Fragen beforscht wird. Dabei muss sich eine Lehrperson nicht mehr nur auf ihr Gefühl verlassen, sondern kann Vermutungen durch strukturiert durchgeführte und protokollierte Beobachtungen bestätigen oder widerlegen.

Erst durch eine eingehende Beschäftigung mit einem speziellen Thema können relevante Bereiche des Lernens und Lehrens erschlossen werden. Eine Auseinandersetzung mit einem eigenen Forschungsprojekt bietet die Möglichkeit, sich selbst gezielte Fragen zu stellen, denen dann im Rahmen einer Feldforschung nachgegangen werden kann und die durch die erhobenen Daten beantwortet werden können. Diese persönlichen Erkenntnisse können maßgeblich zu einer professionellen Entwicklung beitragen, da eine derart tiefe und selbstständige Auseinandersetzung mit einer oder mehrerer Forschungsfragen nur in dieser Form möglich ist. Auch als im Beruf stehende Lehrperson kann ein forschender Zugang zum eigenen Unterricht und zum Lernen der Schülerinnen und Schüler positive Effekte bringen: Durch den Perspektivenwechsel rücken vielleicht sonst verborgene Aspekte in den Fokus und alltägliche Herausforderungen können besser gemeistert werden.

Forschungskompetenzen helfen meines Erachtens nicht nur in der Ausbildung professionsbewusster Lehrpersonen, sondern sind auch notwendige Fähigkeiten, um in der Schule bestehen zu können und damit unbedingter Inhalt eines Lehramtsstudiums.

Kontakt:
lisa.pichler@student.uibk.ac.at