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WARUM NICHT?


Bike Bild - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 15.10.2021

REISE Abenteuer

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Bildquelle: Bike Bild, Ausgabe 5/2021

Konnte ja keiner ahnen, dass es beim Start so brutal heiß wird. Aber Otti und Keule bleiben cool und ertragen alles mit Galgenhumor

Also, nicht groß rumlabern, Luft auf den Schlappen und weg. Reicht, sagt Keule. Die Sonne bruzzelt ihm auf den Schädel, es ist knallheiß, und Otti schwitzt schon vom Gucken. Ihr seid doch bekloppt, lästern die Leute. Wenn ihr jetzt fahrt, habt ihr da hinten tiefsten Winter Irgendwo ist immer Winter, meinte Otti bloß.

Ein halbes Jahr später wird er bei zwanzig Grad Miesen auf einem Plumpsklo in Kirgisistan sitzen und sich fast den Hintern abfrieren. Ein arschkaltes Kaff, der Wind beißt dir sonst wohin, aber Otti und Keule sind ja auch keine Weicheier. Sie wussten schließlich, worauf sie sich da eingelassen haben. Oder etwa nicht?

Es gibt keine Ausreden mehr, im August vor drei Jahren. Ein paar Freunde klatschen zum Start ihrer Reise in Heiligenstadt, und Otti und Keule steigen lachend in die Eisen; na ja, trainiert geht anders, wenn man sieht, wie sich die zarten Pläuzchen unterm Hemd ...

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... spannen. Egal! Zwei Bürohengste wollen jetzt übern Zaun springen, ihre Neugier auf die Welt spüren. Wollen Spaß bis auf die Knochen haben und nicht bei jedem Sonnenuntergang in der Walachei von Selbsterfahrung schwafeln. Nee, nicht mit Otti und Keule. Und warum gerade die Seidenstraße? Warum nicht?, sagen sie.

Diesmal ist das keine so blöde Schnapsidee wie vor 13 Jahren. Da sind sie nach der Penne mit zwei Kumpels vier Monate lang durch Europa gestrampelt. Wollten was Geiles machen und soffen sich Mut an, bevor sie den Brustbeutel umhängten und vollgepackt die Sonne suchten. Wir waren erstmals ohne Mama, sagten die Jungs und ließen auf ihrer heiteren Flucht mal ganz gepflegt die Sau raus.

Tobias John und Matthias Schneemann werden danach dicke Freunde, echt, verlässlich, die kein Streit und keine Weite trennt. Weiß der Teufel, warum man ihnen die Namen Otti und Keule verpasst hat. Sie treffen sich zu Kaltgetränken, quatschen von früher, haben sich und hoffen, dass sie ihr Galgenhumor nie hängen lässt, ja, und dann war die Sache plötzlich so: Keule geht für zwei Jahre als Lehrer nach Saigon. Er sagt zwar immer, er wollte nur richtig Moped fahren lernen. Doch er ist ein ziem­ lich schlauer Kopf, hat Mathematik, Linguistik und Informatik studiert und sich obendrein in das Land verliebt. Otti besucht ihn dort und ahnt: Es hat ihn wirklich schwer erwischt.

Als Keule zurückkehrt, ist diese Kopfgeburt plötzlich da und will nicht mehr verschwinden. Sie lockt, sie grinst, sie riecht nach Freiheit und Abenteuer und nicht bloß nach großer Klappe. Dann steht fest, dass sie mit dem Fahrrad über die Seidenstraße nach Saigon fahren wollen. Corona ist noch weit weg und, okay, konnte ja keiner ahnen, dass der Sommer 2018 so brutal über der Gegend brüten würde.

Erst mal ’ne Fluppe vorm Zelt

Schon der erste Tag wird knüppelhart. Fuck, fünfzig Grad, keucht Keule, er neigt gelegentlich zur Übertreibung. Hinter ihm stöhnt Otti, leise, aber auch sehr frustriert. Klingt wie das Pfeifen aus dem letzten Loch. Daran muss sich Keule auf den nächsten 13 000 Kilometern gewöhnen, hilft ja nix. Otti hat bisher nur eine knappe Stunde auf dem neuen Bock gesessen. Reicht, sagt Keule, sie wollen ja nur durch 15 Länder von Thüringen über die Türkei, Iran und China bis nach Vietnam.

Ach so, und alles wird gnadenlos gefilmt. Jeder Zoff, jeder Fluch, jeder Furz und jede Fluppe sind da später drauf. Kumpel Waldemar strampelt bis Ungarn mit, er fuchtelt ständig mit der Kamera rum, setzt alles bei YouTube rein und macht irgendwann einen Film draus. Hey, was ist das wieder? Gerade haben sie sich gewundert, dass die Wege schmal wie Fahrradschläuche sind. Erst abends merken sie, das Navi ist auf Wandern eingestellt – oh Mann, wie bekloppt kann man eigentlich sein?

DIE REISEROUTE

Im heißen Sommer 2018 starten Tobias John (Otti) und Matthias Schneemann (Keule) von Heiligenstadt in Thüringen aus Richtung Saigon. Anfangs von ihrem Kumpel Waldemar begleitet, der Filmmaterial für YouTube sammelt. Als er in Ungarn abreist, führt die beiden der Weg über den Balkan ans Schwarze Meer, durch die Türkei, den Iran, Zentralasien und China bis nach Vietnam. Sie wollen dabei der historischen Seidenstraße folgen, häufig läuft aber nicht alles glatt. In den zehn Monaten müssen sie Wüsten und Berge bezwingen und sich unterwegs um ihre Visa kümmern. Der Winter in Kirgisistan ist unerbittlich, auf 3000 Metern trotzen sie 20 Grad minus. Wenig später zeigt sich die ganze Härte eines Polizeistaats, als sie in der Provinz Xinjiang genötigt werden, 200 Kilometer zurückzufahren und die Seidenstraße kurzzeitig zu verlassen. Nach 304 Tagen kommen sie im Mai 2019 viele Kilos leichter am Ziel an. Insgesamt sitzen sie 13 000 Kilometer und 70 000 Höhenmeter im Sattel.

Sie schwitzen sich tapfer durch die klebrige Hitze von Tschechien, Österreich und Ungarn. Radfahren ist scheiße, brüllt Keule in den heißen Fön, aber aufhören ist nicht. Er freut sich auf zehn Jahre Türkei. Pah, das längste wird China, sagt Otti und schiebt sich nach der Morgenfluppe vorm Zelt einen Müsliriegel rein. Sie quarzen weniger, seit sie außer Treten und Buckeln zu nichts mehr kommen. Waldemar fährt mit dem Zug zurück, keiner hat mich gefragt, ob ich ganz mitkommen will, wird er bald sagen. Drei ist eine Scheißzahl, sagt Otti. Jetzt werden sich Otti und Keule mit eigenen Bildern zu Helden des Tretlagers machen.

Mitten im serbischen Nirgendwo puhlt Otti einen Hundezahn aus dem Mantel. Sieht echt so aus, sagt er, na ja, jedenfalls klarer Fall von pffffffffft, so viel steht fest. Das halbe Dorf kommt vorbei und will drollige Kerle aus Gärmäni gucken. Der Bürgermeister krempelt in seiner Werkstatt die Hemdsärmel hoch, er hat alles fest im Griff. Otti darf ihm bloß handlangern, nur nett, sagt Keule, und der Preis ist auch sehr übersichtlich. Man winkt freundlich hinterher.

Otti und Keule sind in der Walachei, jetzt aber wirklich. Nach über vier Wochen erreichen sie das Eiserne Tor, hier bricht die Donau frech durch die Karpaten und schlängelt sich durch Rumänien bis ins Schwarze Meer. Die großen Jungs staunen wie kleine Kinder, riechen die Ernte auf den Feldern und brüllen ihre Lust in den Wind. Weichen dampfigem Pferdemist aus, echt nix los außer Sturm von vorn. Abends hauen sie sich irgendwo in die Büsche und rollen das Zelt aus. Otti ist zum Verrecken kein Frühaufsteher, er benutzt oft hässliche Worte, wenn Keule am Schlafsack zieht und ihm vor der ersten Kippe blöd kommt.

"NIX LOS – AUSSERM WIND VON VORN.

Am Berg ist Schluss mit lustig

Da hinten lauert der Osten. Es wird kälter, neu, seltsam, manchmal regnet es junge Hunde in der Türkei, bis ihnen die Nässe eklig in die Klamotten kriecht. Sie fahren an Minaretten vorbei, schmecken das Fremde, aber bei dem Tempo, sagt Otti, kann man keinen Kulturschock kriegen. In Safranbolu an der Seidenstraße schlendern sie durchs Mittelalter; die Zeit steht hier so still, als würde gleich eine Karawane um die Ecke kommen. Sie gönnen sich ein Bett, ein paar gute Biere und einen türkischen Barbier. Otti lässt sich den Bart stutzen, jetzt sehe ich endlich wieder aus wie ein Mensch, sagt er. Nee, leider nicht, sagt Keule.

Otti reißt die Kette. Es ist Tag 62 und er hat null Ahnung, wie man die wechselt. Er guckt auf You- Tube nach, kriegt es irgendwie hin mit dem Handy auf dem Boden, das Ding muss gut sitzen. Morgen geht es auf den Cam Gecidi, da ist Schluss mit lustig, beim Pass über 2470 Meter auf dem Weg in den Iran. 25 Kilometer lang gibt es nur eine Richtung: hoch, hoch, hoch. Kurz vorm Gipfel steckt sich Keule die Wasserflasche in den Hals, der Rest ist Schieben. Sie sind saumüde, weil sie gestern lange nach einem Zimmer gesucht haben. Aber das Hotel war ein Mädchenwohnheim, schade, die wollten uns nicht, sagt Otti.

Waffen? Drogen? Nee. Und tschüss! Im Iran grüßt man sie viel, und Otti grüßt den Asphalt. Wird es später im Film heißen. Pflaster aufs Knie, und Keule lässt genüsslich die Kamera laufen. Die Bilder zeigen aber auch wunderbare Menschen, die ihnen Obst bringen oder Tee auf dem Tablett servieren, wenn sie länger dumm rumstehen. Das können wir ja besonders gut, sagt Otti. Der Iran ist so anders, so offener, als sie ihn vermutet haben, und überall herrscht Taarof, das Gesetz der Gastfreundschaft. Erst mal höflich ablehnen, bevor du die Hände aufhältst, und bloß nicht zahlen, sonst gibt’s Ärger. Die Jungs wollen oft gar nicht mehr weg, wohnen in Jurten mit Wi-Fi und Klimaanlage, und in Teheran stehen sie eines Tages vor einem winzigen Schalter, den sie hier turkmenische Botschaft nennen. Die nächste Woche wird die Luke nicht geöffnet, weil is so, murrt Keule.

Ist noch nicht alles. Sie müssen dem ziemlich durchgeknallten Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow einen Brief zukommen lassen und erklären, warum sie unbedingt durch sein geknechtetes Land wollen. Dem kann man ja nicht schreiben, ist eben der kürzeste Weg nach China, sagt Otti. Der gute Gurbanguly ist nämlich ein schlimmer Finger, er hat in seinem Land Schwarz verboten, weil er Weiß lieber mag, wirft gern Messer aus dem Auto und stemmt goldene Hanteln im Parlament. Das Öl macht ihn reich und korrupt und viele glauben, er leidet wohl an Langeweile.

Sie warten zwei Wochen, bis sie endlich durch Turkmenistan dürfen. Müssen in 17 Tagen 1500 Kilometer runterreißen, sonst läuft das Visum vorher ab. Na toll, unterwegs nur Wüste, jeder Tag wie der nächste, und schlecht gelaunte Lastwagenfahrer, die dich fast von der Straße fegen. Pennen nachts im Gebetsraum, sie hoffen, nur durch, nur weg. Habt ihr Waffen, Pornos oder Drogen dabei, fragt der Grenzer, nee, natürlich nicht, und tschüss.

Oh, ist ja Weihnachten, fällt ihnen bald ein. Sie bauen sich einen Tannenbaum aus leeren Bierdosen und zünden Olivenöl auf dem Löffel an. Sie feiern das neue Jahr auf der knallvollen Leninstraße von Osch in Kirgistan, Waldemar ist mit Ottis Freundin Luisa gekommen; sie bleiben ein paar Tage, sie stoßen mit ihnen an, wünschen Glück und fliegen wieder nach Hause. Man sieht sich, sagt Waldemar, klar, Saigon wartet ja um die Ecke.

Der Rest ist Winter, tiefer, rücksichtsloser Winter, der dich echt demütig macht, sagt Otti, da bist du so klein mit Helm. Doch es sind nicht nur die steifen Finger, die beim Bremsen versagen. Die tauben Zehen, die sich nach Wärme sehnen, oder dass du im Schneesturm Eiswürfel pinkelst. Nein, sie erleben auch eiskalte, staatliche Niedertracht, als sie endlich durch China fahren. Werden ständig gefilzt, sechsmal am Tag angehalten, müssen sich durch ihre Handys überwachen lassen, und nach 200 Kilometern stellen die Herren Wichtigtuer fest, dass sie gefälligst den ganzen Weg wieder zurück sollen. Da kommst du dir wie ein Verbrecher vor, sagt Otti.

Hilft ja nix, Klappe halten und durch.

Sie wollen bloß raus aus China, nur noch in den Frühling. Irgendwann kann Keule ihn riechen, er schleicht sich aus dem Süden heran; oh Mann, den Duft kennt er noch gut aus Vietnam. Er holt die Sonnenbrille raus, jetzt ist Urlaub, auch wenn Otti gerade wieder schlapp macht. Kurz vor der Grenze haben sie 10 000 Kilometer auf der Uhr. Köpfen mitten auf der Straße ne Pulle Bier, pah, sollen die doch alle hupen. Prost! Aber so was von.

Ein paar Wochen später sitzen sie auf dem Bordstein vor dem Hauptpostamt Saigon. Tag 304, viertel nach fünf. Kurz mal eine durchziehen, der Kopf ist leer. Das Loch ist da. Komisch, morgen kein Fahrradfahren. Otti ist jetzt einen halben Zentner weniger Otti, Keule will sein Gewicht nicht wissen. Zeigt den Stinkefinger, grinsend, irgendwie liebevoll, als Otti ihn umarmen will. Unterwegs sind beide dreißig geworden, ihre Freundschaft hielt, trotz kaputter Haxe, tausend Flicken und Ottis Gejammer. Da, guck. Sogar der innere Schweinehund liegt mausetot im Straßengraben.

Was jetzt, Jungs? Ich fahr bald mal wieder mit dem Rad zum Bäcker, sagt Otti, und Keule knurrt, als er im Film nach seiner Selbstfindung gefragt wird: keine Ahnung. Ich weiß gar nicht, wo ich war. Für ihn ist das sowieso eine Arschlochfrage.

Michael Schophaus

DER FILM

Erst war nur YouTube geplant, aber nach 170 Stunden Filmmaterial stand fest: Da machen wir jetzt einen richtigen Streifen draus. Gute Idee. Denn im Sommer war VERPLANT trotz Corona der Radfilmrenner in den Open-Air- Kinos. Gezeigt wird eine heitere Tour von Thüringen nach Vietnam mit zwei Typen, die völlig untrainiert, aber dafür voller Galgenhumor und Selbstironie sind. Jetzt auch auf DVD und Video on demand. Weitere Infos unter: https://verplant-film.de/