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Warum Tiere sich beschenken


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 27.05.2019

Nicht nur Menschen geben Artgenossen etwas ab, auch im Tierreich geht es mitunter großzügig zu


Artikelbild für den Artikel "Warum Tiere sich beschenken" aus der Ausgabe 6/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Mit einer Gabe beweist das Eisvogelmännchen, dass es eine Familie ernähren kann


FOTO: © GETTY IMAGES/ROB REIJNEN/NIS/MINDEN PICTURES

DER FREIFLUG, das köstliche Menü oder gar ein luxuriöses Eigenheim: Nicht nur Menschen geben die schönsten Dinge manchmal freiwillig her. Geschieht dies aus Liebe? Ein Panoptikum tierischen Verhaltens von Spinnen und Insekten über Vögel bis zu Affen zeigt verblüffende Motive und Ge meinsamkeiten.

Manche Spinne überreicht ein leeres Päckchen

In zwei der über 100 Spinnenfamilien bringt ...

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... das Männchen ein Geschenk zum Schäferstündchen mit. Denn ein Mitbringsel stimmt das Weibchen milde, es ist dann eher zur Paarung bereit. So lähmt die männliche Brautgeschenkspinne vor ihrem Rendezvous eine Fliege per Giftbiss und wickelt Fäden aus selbst gesponnener Seide wie Geschenkpapier um den Imbiss. Alsdann klemmt sich der Herr das Präsent zwischen die Fangbeine, nähert sich seiner Angebeteten und überreicht ihr das Päckchen.

Während die Dame noch voller Vorfreude auspackt, begattet er sie bereits. Kaum hat das Männchen für Nachwuchs gesorgt, entreißt es dem Weibchen die halb ausgewickelte Fliege, verpackt sie neu – und bietet sie der nächsten Spinnenfrau an. Weil auf diese Art keine Dame das eiweißreiche Fresspaket je aussaugt, merken einige Spinnenherren, dass sie unnötige Energie in den Fliegenfang investiert haben. Künftig nehmen sie nutzlose Pflanzensamen oder die nächstbeste Blüte und packen den Ramsch säuberlich ein. Darum heißt die Brautgeschenkspinne auch Listspinne.

Allerdings wird die beschenkte Spinne angesichts eines wertlosen Geschenks oft sauer und beißt zu. Dann nutzt der Spinnenmann sein Präsent als Schutzschild. Er muss sich schon vorsehen, immerhin misst das mit 1,5 Zentimetern fingernagelgroße Weibchen fünf Millimeter mehr als er und hat kannibalische Gelüste.

Während die europäische Listspinne nur trickst, lässt sich ihre südamerikanische Kollegin, die Diebsspinne, von krimineller Energie leiten. Ein Exemplar dieser Art sahen Forscher seinem Namen alle Ehre machen und ein frisches Insekt aus einem fremden Spinnennetz entwenden – um es zu verschenken. Ein anderes Männchen schleppte gar den toten Spinnenwirt selbst als Präsent an.

Freiflug gefällig? Die Liebestricks der Sechsbeiner

Experten schätzen, dass 5 bis 10 Prozent der sechsbeinigen Insektenarten sich beschenken. Die Männchen der weltweit verbreiteten Tanzfliege etwa wissen, dass Weibchen eine kleine Aufmerksamkeit schätzen. Also fängt der Herr vor seinem Date eine dicke Mücke. Er wickelt den Snack als Geschenk ein, indem er Spinnfäden in seinem Fuß erzeugt.

AUS:P.M. (12/2013); © MANUELA HUBER/P.M./PICTURE PRESS

„Ich gebe, damit du gibst“ – dieses Motto gilt (auch) bei den Bonobos. Die Zwergschimpansen tauschen zum Beispiel Futter gegen Sex


Oft spart er sich aber auch die schweißtreibende Jagd nach einem Insekt und begnügt sich damit, dem Weibchen ein unbrauchbares Aststück, Steinchen oder winziges Blatt einzupacken. Anders als die Listspinnenfrau stört die meisten Tanzfliegendamen eine Mogelpackung nicht. Es stimuliert sie schon, wenn sie überhaupt ein Geschenk bekommen, haben Biologen herausgefunden.

Die australische Schnabelfliege hat höhere Ansprüche. Sie absolviert ein intimes Stelldichein nach dem anderen, bis ein Männchen ihr die größtmögliche Mücke überreicht. Ihn wählt sie als Kindsvater. Denn die Fliegenfrau kann selber steuern, wer sie befruchten darf. Und natürlich will sie die Gene des erfolgreichsten Jägers an ihre Jungen weitergeben.

Auch die Männchen der weltweit lebenden Rollwespenarten müssen Arbeit investieren, wollen sie Romantik erleben. Sie wissen, dass die flügellose Wespenfrau die Welt nie von oben sah. Also spendiert der Herr der Dame einen Gratisflug: Sie klammert sich dankbar an seinem Rücken fest, er trägt sie von Blüte zu Blüte, und während sie süßen Nektar nascht, begattet er sie im Flug.

Ein Haus für die Dame – Zwangsräumung inklusive

Wale und Fledermäuse erfreuen ihre Weibchen mit einem Ständchen, Mäuseriche locken die Angebetete mittels melodischer Piepser im Ultraschallbereich an. Auch der Laubenvogel singt. Er tanzt dabei auf sein Haus zu, während ihm ein fasziniertes Weibchen folgt – denn die Liebeslaube ist pompös. Der Laubenvogel hat sie in wochenlanger Arbeit errichtet. Nicht umsonst wurde das Tier nach seiner Baukunst benannt.

Erst steckte der kleine Architekt Äste dicht an dicht in den Boden. Um diese gut 50 Zentimeter langen Seitenstreben flocht er Halme. Dann zerkaute er Beeren und bepinselte mit dem Saft, ein Rindenstück im Schnabel, die fertigen Wände. Auf der Suche nach Mobiliar flog er viele Kilometer, sammelte Bonbonpapier und Kronkorken auf der Straße, Schneckenhäuser oder bunte Federn im Wald.

In einer Laube wurden ganze 200 Gegenstände gezählt. Sie sind bei manchen Laubenvögeln weiß (Kiesel, Muscheln), andere ziehen Rottöne vor (charmant arrangierte leere Coladosen) oder blau (himmelfarbene Plastikbecher, Wäscheklammern).

Alle Vögel platzieren große Stücke hinten, kleine vorn. Durch den optischen Trick wirkt das am Eingang stehende Männchen größer. Irgendwie muss der Verehrer ja beeindrucken, mit seinem grauen oder blauen Gefieder kann er das nicht. Je schlichter der Vogel, desto kunstvoller seine Laube. Nun stehen also beide Vögel an deren Eingang. Oft greift das Männchen mit dem Schnabel den Ring einer Coladose und übergibt ihn dem Weibchen wie einen Hausschlüssel. Dann treten beide ins Haus und gründen eine Familie.

Hinterher scheucht der Laubenvogel seine Angebetete mit schnöder Verachtung wieder hinaus. Schließlich hat der Herr ja, was er wollte. Die werdende Mutter muss jetzt allein ein Zweitnest errichten und als Single die Brut aufziehen. Das stört aber kein Weibchen der 20 Laubenvogelarten Australiens und Neuguineas. Grund: Laut Experten dienen viele Geschenke im Tierreich nur dazu, sie von seinen Qualitäten zu überzeugen. Und wer ein aufwendiges Nest zu bieten hat, wird gute Erbanlagen besitzen. Mehr verlangt das Weibchen nicht.

Es geht ums Nest – das Männchen ist Dreingabe

Wie ein Tropfen hängt das Nest aus Pflanzenfasern von einem Ast. Sein Erbauer, der afrikanische Webervogel, sitzt darin. Um ihn herum schaukeln 50 weitere Nester, in ihnen warten 50 Männchen auf interessierte Weibchen. Besuchen endlich welche den Immobilienmarkt, testen sie hackend und zupfend die Stabilität der künftigen Familienhäuser aus dem Geschenkangebot. Dann wählt jedes Weibchen das seiner Meinung nach langlebigste Nest. Das dazugehörige Männchen ist nur Dreingabe.

Bei vielen Arten bauen die Vogelromeos gleich mehrere Nester – um sicherzugehen, dass wenigstens eines akzeptiert wird.

Wie die Webervogelfrau ignoriert auch das Eisvogelweibchen einen mit leeren Krallen dastehenden Mann.

Die Süßwasserdelfine im Amazonas beschenken sich gegenseitig mit hübschen Kieseln, die sie vom Flussboden aufheben


Darum erscheint der mitteleuropäische Eisvogel mit einem frisch gefangenen Lurch oder Fisch im Schnabel vor der Dame. Dann drückt er die orangefarbene Brust heraus und verbeugt sich höflich, wobei seine blauen Flügel metallisch in der Sonne glitzern. Die Umworbene greift den Fisch, dessen Kopf in ihre Richtung weist, damit die Gräten auch rutschen, und schlingt ihn hinunter.

Bevor das Paar brütet, balzt es oft auf diese Art. Das spatzengroße Männchen beweist dadurch, dass es eine Familie ernähren könnte. Es hält sein Versprechen. Während das Weibchen brütet, füttert der Vater in spe es liebevoll. Sind die Kinder geschlüpft, fangen beide Eltern für sie Fische.

Für ein wertvolles Steinchen tut die Pinguindame alles

Die Weibchen der Adelie-Pinguine brauchen Kieselsteine als haltbare Unterlage für ihre Eier. Ohne sie liegt die Brut in einer eisigen Pfütze. Problem: In der Antarktis, wo es außer Schnee nicht viel gibt, müssen die Pinguine jedes der seltenen Steinchen mühsam aus dem Eis herauspicken. Darum sind die Kiesel für die Vögel so kostbar wie Perlen für Menschen.

Männchen, die Kiesel besitzen, geben sie nicht umsonst her, sondern erwarten als Gegenleistung prickelnde Erotik. Wie reagiert darauf wohl eine Pinguinfrau? Sie verkauft ohne zu zögern ihren Körper und lässt sich in Kieselwährung bezahlen. Dann kehrt sie mit dem Nistmaterial zu ihrem ahnungslosen Brutpartner zurück. Anscheinend plagt die untreue Tomate – man könnte auch sagen: tierische Prostituierte – kein schlechtes Gewissen ihrem Ehemann gegenüber.

Auch Schimpansinnen werden untreu, wenn dabei etwas herausspringt. Eigentlich fühlen sie sich dem betagten Chef mit dem Silberrücken verpflichtet. Solange er in Sichtweite ist. Sonst nehmen sie gern Äpfel von jungen Affen an. Die verschenken aber nichts, sondern fordern eine Bezahlung in Naturalien. Die Affenfrauen stört das nicht weiter. Wie die schottische Verhaltensforscherin Kimberley Hockings im westafrikanischen Guinea beobachtete, schritten die Männchen zur Tat, während das Weibchen genüsslich seinen Liebeslohn verspeiste.

Bei den Bonobos sieht es ähnlich aus. Wie schon die alten Römer scheint auch Tiere das MottoDo ut des („Ich gebe, damit du gibst“) zu überzeugen. Primatenforscherin Jana Uher von der Freien Universität Berlin bestätigt, dass Tiere lieber tauschen, statt wertvolle Sachen umsonst herzugeben.

Steckt hinter jedem tierischen Geschenk also in Wahrheit Egoismus? Bei den Süßwasserdelfinen am Amazonas anscheinend nicht. Sie schenken ihren Artgenossen die Eintrittskarte für eine Modenschau, indem sie hübsche Kiesel vom Flussboden aufheben, die sie wie Schmuck auf dem Laufsteg präsentieren. Ob es bei dem kleinen Ritual nur um die Freude am Schönen geht – oder auch Besitzerstolz eine Rolle spielt?

Bei den Kapuzineraffen liegt der Fall klarer. Wissenschaftler ließen mehrere Äffchen entscheiden, ob nur sie selbst ein Stück Obst bekommen sollten oder auch ein Affenkollege. Alle Tiere teilten bereitwillig, ohne Gegenleistung. Fazit der Forscher: Kapuzineraffen geben gern, weil sie sehen, wie der Beschenkte sich freut.

Zum Abschied

Als ein beliebter Kollege und langjähriger Mitarbeiter unserer Firma in den Ruhestand ging, sammelten wir für ein Abschiedsgeschenk. Nach heimlichen Beratungen mit seiner Frau einigten wir uns auf einen Sessel mit verstellbarer Lehne und eingebautem Fußschemel. Die Überraschung gelang, und der Kollege war begeistert. Sechs Wochen später rief er mich an und fragte: „Wo haben Sie den fantastischen Lehnstuhl gekauft?“ „Ist er etwa nicht in Ordnung?“, hakte ich nach. „Doch, doch“, antwortete er und fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Ich möchte nur noch einen kaufen – für mich.“
C. S.


FOTO: © GETTY IMAGES/VISUALS UNLIMITED/FIONA ROGERS

FOTO: © GETTY IMAGES/MARK CARWARDINE/NATURE PICTURE LIBRARY