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Warum wir Ritule


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 49/2019 vom 29.11.2019

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Das große Geheimnis des Dezembers sind seine Traditionen und Bräuche. Sie helfen uns, das alte Gefühl von Geborgenheit neu zu finden


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 49/2019

Licht in die Welt tragen

Jeden Sonntag ein Licht mehr. Mit schlichten Arrangements aus Kerzen, die zwischen Zweigen in einer alten Backform befestigt sind, kann man Nachbarn eine Freude machen. Und für ein Gefühl von Zusammengehörigkeit sorgen.

Endspurt, sagen einige. Und manchmal mag es sich so anfühlen. All die Verpflichtungen, Termine, Geschenkelisten. Aber da ist noch etwas: ein Gefühl, gegen das jeder Druck machtlos ist, das uns just jetzt ergreift, uns rührt, ...

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... uns Wärme gibt mitten im rauen Winter.

Nur der Dezember schenkt diesen besonderen Zauber. Die Lichter da draußen, die Glöckchen, die Lieder. So viel Geborgenheit, so viel Familie, Freundschaft, Glück. Man braucht ein wenig Zeit, um das zu genießen. Zeit, die man sich nehmen muss. Aber dann gelingt das Wunder: gefühlte Stille inmitten der Hektik, spürbare Wärme in der Kälte, inneres Licht in der frühen Dunkelheit. Ein Paradox? Nein! Ganz einfach: Advent! Er lässt uns die Tage zählen wie bei einem Countdown. Und uns doch jeden einzelnen zelebrieren. Denn das genau ist sein Geheimnis: Rituale.

Erinnerungen an unsereKindheit

Der Advent ist voll davon. Sterne basteln, Lebkuchenhäuser backen, den Baum aussuchen. Für 83 Prozent aller Deutschen gehören Weihnachtsbäume zur Adventszeit, für 79 Prozent Plätzchen und Kränze, für 72 Prozent geht es nicht ohne Christkindlmarkt und Weihnachtslieder. Fast immer fußen diese Rituale in unserer Kindheit. Die Erinnerung daran ist mit uns verwachsen, gehört zu unserer DNA. Weil wir sie jedes Jahr wieder wecken, die Rituale leben und sie damit bestärken. Durch Rituale „haben Familien Anteil an der Glaubenskraft und Lebenskraft ihrer Vorfahren, die mit diesen Ritualen ihr Leben gemeistert haben, auch in schwierigen Zeiten“, erklärt Benediktinerpater Anselm Grün. „Sie geben uns Anteil an den Wurzeln unserer Vorfahren.“ Rituale verbinden uns so mit der Vergangenheit, mit jedem einzelnen Advent, den wir je erlebten. So hat der Advent für fast jede Familie eine ganz eigene Choreografie aus Gewohnheiten, ohne die er einfach nicht komplett wäre, sich nicht richtig anfühlen würde.

Zeit für Gemeinsamkeit

Einen Schneemann bauen, Schlitten fahren: Der Winter bietet eine Menge an Aktivitäten, die auch Erwachsenen Spaß machen. Der doppelte Nutzen: Jedes gemeinsame Erlebnis stärkt den Zusammenhalt und das Gefühl, nicht allein zu sein.

DEN WINTER FEIERN Ein gemeinsamer Spaziergang, sich bewusst auf die Natur einlassen: Auch das kann Besinnlichkeit sein


Die schönsten: Rituale: zur Advents- und Weihnachtszeit

Woher sie kommen, welche Bedeutung sie haben und warum sie auch heute noch so wichtig für uns sind

KERZEN ANZÜNDEN „Kerzen geben genau das Licht, das wir von Anbeginn an als natürlich empfinden“, sagt Lichtexperte Tobias Link aus Saarbrücken. Es lässt einen Raum um bis zu vier Grad wärmer wirken.

Tradition leben

Eltern geben alte Spiele, Bilder, Geschichten der Familie an die Kinder weiter, halten sie lebendig

Sich dem Zauber einerStimmung hingeben

Was Ritualen so viel Kraft verleiht: Man weiß, was kommt. Der festgelegte Ablauf birgt keine Überraschungen. Immer schwingt auch ein Weißt-du-noch mit bei diesem Alle-Jahre-wieder. Diese Routine tut der Seele gut, denn sie signalisiert dem Gehirn, dass es nicht in Alarmbereitschaft sein muss, dass es Ruhe bewahren darf. Ein Ritual wiegt uns damit in Sicherheit, ist ein Pausenzeichen. „Wir brauchen Rituale, um unseren oft sinnentleerten, anstrengenden Alltag zu unterbrechen“, erklärt Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut und Autor in Berlin. Wir brauchen Handgriffe, Termine und Handlungen, die wir uns nicht aktiv vornehmen, über die wir nicht einmal nachdenken müssen, die einfach zum Dezember gehören wie Silvester und Geburtstag zum Jahresablauf. Die selbstverständliche Routine in ihnen verschafft uns die Basis, abzuschalten und uns fallen lassen zu können. Uns dem Zauber einer Stimmung ganz und gar hinzugeben, Besinnlichkeit zu erleben. Es ist der richtige Zeitpunkt dafür, in jeder Beziehung: Das Jahr geht zu Ende, man blickt mehr zurück als nach vorn, zieht Bilanz aus dem Vergangenen. Mit dieser Rückbesinnung nimmt man Fahrt aus dem Leben.
Jedes der Rituale entfaltet auch für sich allein genommen eine besondere Kraft, die unser Erleben bereichert. Einige schaffen etwa ein Gemeinschaftsgefühl: mit den Kindern, die womöglich längst erwachsen sind, zum Backen der traditionellen Kekse zusammenkommen. Den Baum gemeinsam schmücken, sich wie jedes Jahr über die Christbaumspitze ärgern, die nicht halten will. Am Ende zusammen darüber lachen. Oder das Singen von Weihnachtsliedern, selbst wenn es hier und da nur ein Mitträllern zu einer eingelegten CD bedeutet: „Es gibt kaum etwas, das so fröhlich macht und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schafft“, sagt Krüger. „Man fühlt sich jünger, weil es an die Unbeschwertheit der Kindheit gemahnt. Und man hat Spaß miteinander.“ Das gemeinsame Singen, sagen Evolutionsforscher, stärkt seit jeher soziale Bindungen. Eine Kerze zu entzünden wird wiederum immer das Zeichen bleiben: Jetzt wird es festlich, friedlich und harmonisch. Und: Jetzt nehmen wir uns Zeit, halten inne. „Wenn wir still vor einer Kerze sitzen, wenn wir die Weihnachtslieder leise vor uns hin singen, dann steigt in uns eine Sehnsucht auf, die diese Welt übersteigt“, sagt Anselm Grün.

Sich gegenseitig zu beschenken ist keinesfalls nur Konsumzwang, sondern ein Ritual, das einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt in der Weihnachtszeit darstellt. „Es ist ein Akt der Gegenseitigkeit – anders als beim Geburtstag, wo nur einer im Mittelpunkt steht“, erklärt Psychologe Dr. Krüger. Man denkt an den anderen und spürt:

ADVENTSKALENDER Im Mittelalter zählte man die Tage bis Weihnachten mit Kreidestrichen an der Tür. Jeden Tag durften die Kinder einen weiteren Strich wegwischen. Auch heute noch hilft der Adventskalender vor allem den Kleinen, die Wartezeit bis Weihnachten zu verkürzen. Und er ist jeden Tag für eine kleine Freude gut.

ADVENTSKRANZ Der erste wurde 1839 in der Waisenanstalt „Rauhes Haus“ in Hamburg aufgehängt. Theologe Johann Hinrich Wichern hatte ihn erdacht: mit 23 Kerzen übrigens. Jede Woche eine neue Kerze anzuzünden gibt dem Dezember noch mehr Struktur. Das entspannt und verleiht die Sicherheit des Gewohnten.

WEIHNACHTSBAUM Immergrüne Pflanzen waren schon vor Jahrhunderten Symbol für Fruchtbarkeit. Zur Wintersonnenwende platzierten die alten Germanen Tannenzweige vor den Häusern. Den ersten Weihnachtsbaum verzierten 1419 angeblich Freiburger Bäcker mit Lebkuchen, Nüssen und Früchten. Pro Jahr werden hierzulande etwa 25 Millionen Bäume geschmückt – in vielen Familien ein verbindendes Ritual.

KEKSE BACKEN Erst um 1850 entstand der Brauch, in der Weihnachtszeit Plätzchen zu backen: Nur die Klöster allein konnten sich die teuren Gewürze aus dem Orient, wie Zimt, Kardamom oder Muskat, leisten und stellten zur Feier von Christi Geburt eine Menge Leckereien damit her. Heute holt das Backen die Familie an einen Tisch und bedeutet gemeinsames Erleben.

Auch an mich wird gedacht. Das größte Geschenk macht man einander sowieso mit dem Zelebrieren der gemeinsamen Rituale. Mit dem Vorsatz: Wir machen es uns richtig schön und fühlen uns geborgen.

Unser Perfektionsdrang zerstört dieMagie

Was die Wirkung der Adventsrituale verstärkt: Fast alle sprechen unsere Sinne direkt an. Der Advent riecht nach Zimt, Vanille und Orangenschale. Klingt nach Glöckchen und den alten Weisen, die wir schon als Kinder sangen. Schmeckt nach selbst gebackenen Keksen. Und erfreut die Augen mit Kerzenschein. Der direkte Weg zu unserem Herzen.

Die Adventszeit ist eine Zeit, die ihre ganz eigenen Gesetze hat und ihre eigenen Meilensteine. Vier Sonntage, an denen jeweils feierlich eine Kerze mehr angezündet wird. Der Nikolaustag mit geputzten Stiefeln, Apfel, Nuss und Mandelkern. Der erste Glühwein, die Weihnachtsfeier mit den Kollegen. Wer im Advent von Überraschungen redet, meint nur die Geschenke. Tatsächlich ist diese Zeit genau das Gegenteil. Jeder weiß, was kommt. Abweichungen würden nur irritieren. Auch das macht die ungeheure Kraft der Rituale aus.

Und die Hektik? Die vollen Geschäfte? Das Matschwetter, das sich anstelle von Schnee so oft einstellt? „Die Freude baut sich trotzdem langsam auf. Es ist ein bisschen wie ein automatisches Programm, das in uns abläuft“, sagt Krüger.

Die Gefahr ist nur, dass wir sie nicht zulassen. Die Erinnerung verklärt, will Makellosigkeit, Glanz und Glück. Wir sind gewohnt, in Bildern zu denken. Dabei geht es nicht darum, wie es aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Perfektion ist meist nur Fassade. Hinter der erst das echte Empfinden beginnt. Und das können wir im Advent wieder lernen.