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Was Blicke verraten


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 03.05.2019

AUGENBEWEGUNGEN Lügt die mich gerade an? Welche Absichten verfolgt der da – was ist das für ein Typ? Die Antworten versuchen Psychologen inzwischen auch an den Blicken ihrer Probanden abzulesen.


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 6/2019

UNSPLASH / CLOUDYPIXEL (UNSPLASH.COM/PHOTOS/_TNKR2GU3KW)

UNSER AUTOR

Christian Wolf ist promovierter Philosoph und Wissenschaftsjournalist in Berlin.

Auf einen Blick : Mehr als 1000 Worte

1 Die Augen gelten als Schlüssel zur Seele eines Menschen. Und tatsächlich erweisen sie sich in mancher Hinsicht als verräterisch. Beim Lügen etwa sind sie relativ unbeweglich.

2 Eye-Tracking-Untersuchungen weisen zudem darauf ...

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2 Eye-Tracking-Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass wir unsere Aufmerksamkeit bei potenziellen Partnern auf andere Körperteile richten als bei Menschen, die wir als mögliche Freunde erachten.

3 Sogar die Persönlichkeit lässt sich anhand von Blickbewegungen abschätzen. Mit Hilfe einer Software ließen sich vor Kurzem auf diese Weise vier der fünf zentralen Eigenschaften einer Person vorhersagen.

Die Augen sind die Fenster zur Seele«, heißt es oft. Oder: »Ich kann es in deinen Augen sehen.« Menschen sind visuell orientierte Wesen, die sich mehr auf das Sehen als auf andere Sinne verlassen. Und um das Verhalten anderer zu interpretieren, schauen wir ihnen gern in die Augen. Dort glauben wir beispielsweise Begierde zu erkennen, Zorn oder Freude. Nicht nur ein Bild, auch ein Blick sagt manchmal mehr als 1000 Worte.

Zumal Worte trügerisch sein können. Die Augen hingegen scheinen nicht zu lügen. Forscher haben einige Merkmale gefunden, die typischerweise auftreten, wenn jemand flunkert. Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass Menschen, die gerade nicht ehrlich sind, uns aus Scham, Schuld oder Angst nicht in die Augen schauen können. Jeffrey Walczyk, Psychologe an der Louisiana Tech University in Ruston, glaubt dagegen: Wenn Menschen lügen, bleiben ihre Augen relativ unbeweglich. Er erklärt das mit dem kognitiven Aufwand – Lügen ist gedanklich herausfordernder, als die Wahrheit zu sagen. Denn um überzeugend zu sein, muss man eine Geschichte erfinden, die zu dem passt, was das Gegenüber weiß, ohne sich dabei zu widersprechen. Je stärker die Augenbewegungen, desto mehr visuellen Input erhält eine Person allerdings – und das kann ablenken. Flunkert man gerade, macht es also Sinn, den Blick zu fixieren, um sich ganz auf sein inneres Lügengebäude zu konzentrieren.

Seine Hypothese testeten Walczyk und sein Team in einer 2012 veröffentlichten Studie. Dafür zeigten sie Studierenden Videos von echten Verbrechen. Anschließend wurden die Probanden als Augenzeugen befragt. Ein Teil von ihnen erhielt dabei die Anweisung, aufrichtig zu antworten; die anderen sollten lügen. Wer falsche Hinweise streuen musste, war nicht nur langsamer mit seinen Antworten. Er zeigte auch wie erwartet weniger Augenbewegungen.

Die Augen erweisen sich aber auch noch in anderer Hinsicht als verräterisch. So sind die Pupillen verschiedenen Untersuchungen zufolge beim Lügen stärker geweitet. Hier kommt das autonome Nervensystem ins Spiel, das aus zwei Gegenspielern besteht: Während der parasympathische Teil entspannt und Herzschlag sowie Atmung verlangsamt, aktiviert das sympathische Nervensystem den Organismus und erhöht Aufmerksamkeit und Anspannung. In diesem Zusammenhang kann Letzteres die Pupillen erweitern. Und bekanntlich sind Menschen, die gerade flunkern, stärker angespannt. Schließlich müssen sie ja fürchten, dass ihr Schwindel auffliegt.

Ein Thema, bei dem uns die Wahrheit meist besonders interessiert, ist die Liebe. Will jemand nur unverbindlichen Sex, oder hat er sich verliebt? Soulsängerin Betty Everett sang einst »If you want to know if he loves you so, it’s in his kiss«. Doch auch die Augen scheinen viel zu verraten. Wohin Ihr Date blickt, kann darauf hinweisen, ob die Zeichen eher auf Lust oder Liebe stehen. Das berichteten die Psychologin Stephanie Cacioppo von der University of Chicago und ihre Kollegen 2014. Zunächst zeigten sie den Versuchsteilnehmern auf einem Computerbildschirm heterosexuelle Pärchen, die einander anschauten oder miteinander interagierten. Anschließend präsentierten sie ihnen Fotos von attraktiven Personen des jeweils anderen Geschlechts. In beiden Fällen sollten die Probanden so schnell wie möglich angeben, welche Gefühle die Bilder in ihnen auslösten. Männer wie Frauen neigten öfter und länger dazu, auf das Gesicht zu schauen, wenn die Bilder romantische Regungen hervorriefen. Lösten sie jedoch sexuelles Interesse aus, richtete sich der Blick vermehrt auf den Rest des Körpers.

Was hat der andere im Sinn?
Entsprechend unterscheiden sich Blicke je nachdem, ob jemand eine Freundschaft oder eine Liebesbeziehung im Sinn hat. Das offenbarte eine 2017 veröffentlichte Studie von Psychologen um Omri Gillath von der University of Kansas in Lawrence. Zwar blickten heterosexuelle Männer bei Bildern von Frauen generell mehr auf die Brust, Taille und Hüfte, während heterosexuelle Frauen ihre Aufmerksamkeit im Allgemeinen häufiger auf die Brust und das Gesicht der Männer richteten. Doch beide Geschlechter sahen Menschen, die sie als mögliche Partner erwogen, tendenziell länger ins Gesicht und auf die Brust; potenziellen neuen Freunden dagegen eher auf die Beine oder Füße (siehe »Wohin schauen Frauen, wohin Männer?«, rechts). Die Wissenschaftler vermuten, dass der Kopf dem Betrachter Aufschlüsse darüber gibt, ob der andere über gute Gene verfügt. Schließlich gehen Evolutionspsychologen davon aus, dass Menschen sich auf Gesichtsmerkmale wie Symmetrie verlassen, um das genetische Potenzial von möglichen Geschlechtspartnern abzuschätzen.

Wohin schauen Frauen, wohin Männer?

Beide Geschlechter blicken einer Studie zufolge potenziellen Partnern besonders lang ins Gesicht und auf die Brust, möglichen neuen Freunden hingegen eher auf die Beine und Füße. Männer (oben) richten ihre Aufmerksamkeit dabei allgemein häufiger auf die Brust, Taille und Hüfte des Gegenübers, Frauen (unten) auf die Brust und das Gesicht. Dabei betrachten Singles vor allem Bilder von potenziellen künftigen Partnern genauer als Menschen, die in einer Beziehung leben.

Archives of Sexual Behavior 46, 10.1007/s10508-017-1022-5, 2017

GILLATH, O. ET AL.: EYE MOVEMENTS WHEN LOOKING AT POTENTIAL FRIENDS AND ROMANTIC PARTNERS. ARCHIVES OF SEXUAL BEHAVIOR 46, 2017, FIG. 3; ABDRUCK GENEHMIGT VON SPRINGER / CCC


Die Augen ungeduldiger Menschen bewegen sich häufig schneller


Blicke gewähren sogar Einblicke in die Persönlichkeit von Menschen. Denn wir sind ja bekanntlich ganz unterschiedlich gestrickt. Für die einen ist das Glas eher halb voll, für die anderen halb leer. Die einen sind die Ruhe in Person, die anderen getrieben. Ein Team um Reza Shadmehr von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore wollte verstehen, warum manche Personen bereit sind zu warten – etwa wenn sie beim Bäcker eine lange Schlange vor sich haben –, während andere ungeduldig weggehen. Unterscheiden sich diese Menschen auch in anderen Merkmalen, etwa wie schnell sie sprechen oder gehen und wie sehr sie Zeit wertschätzen? Die Neurowissenschaftler knöpften sich als Gegenstand ihrer Untersuchung die wahrscheinlich schnellsten Bewegungen unseres Körpers vor: Sakkaden. Das sind blitzschnelle Blicksprünge unserer Augen zwischen verschiedenen Fixationspunkten. Sie spielen sich im Bereich von Millisekunden ab.

Für ihre Studie sollten Freiwillige ihren Blick auf Punkte richten, die entweder links oder rechts auf einem Monitor auftauchten. Eine Kamera registrierte währenddessen die Okulomotorik. Die Augen der Probanden flitzten ganz unterschiedlich schnell hin und her. Jeder zeigte dabei ein für ihn typisches Muster, selbst wenn er mehrmals zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Tagen getestet wurde. Doch hängt die Schnelligkeit der Augenbewegungen damit zusammen, wie geduldig oder impulsiv die Probanden waren?

Um diese Frage zu beantworten, mussten die Versuchspersonen ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Mitte des Bildschirms richten. Je nachdem, welche Form der Fixationspunkt dort einnahm, sollten sie entweder nach links oder rechts schauen. Reagierten sie falsch, erklang ein Ton. Nach einer Weile erhielten sie einen Hinweis: Jeder, der der Instruktion auf dem Bildschirm sofort Folge leistete, würde in einem Viertel der Fälle falschliegen. Denn immer wieder erklang nach einer kurzen Verzögerung ein weiterer Ton. Dann sollten sie ihren Blick auf der Mitte ruhen lassen. Wer würde die nötige Geduld an den Tag legen, um erfolgreicher abzuschneiden – und wer nicht?

Tatsächlich offenbarte sich ein Zusammenhang zwischen der Schnelligkeit der Augenbewegungen und dem Maß an Geduld, das ein Teilnehmer aufbrachte. Wessen Augen schneller hin und her flitzten, schien auch ungeduldiger zu sein. Er war weniger bereit, nach einem fehlerhaften Durchgang länger zu warten, um beim nächsten Mal alles richtig zu machen.

Wenn Psychologen die Persönlichkeit eines Menschen dingfest machen möchten, ist das eine ziemlich mathematische Angelegenheit. Sie vermessen sie meist anhand von fünf Eigenschaften, den so genannten »Big Five«: Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus (emotionale Labilität). Die individuelle Ausprägung auf diesen Skalen beschreibt, wie wir sind.

Der Psychologe John Rauthmann, heute an der Universität zu Lübeck, und seine Kollegen wollten in Erfahrung bringen, ob die Augen wirklich das Fenster zur Seele sind und etwas über die Charaktereigenschaften von Menschen preisgeben. Dafür präsentierten sie Probanden abstrakte geometrische Animationen. »Die Idee dahinter war, sich einmal ganz basale Kennwerte anzuschauen «, erklärt Rauthmann. Das Ergebnis: »Wir haben mehr Aktivität in den Blickbewegungen bei extravertierten Menschen gefunden«, erzählt er. »Das passt gut dazu, dass extravertierte Menschen lebendiger und aktiver sind – auch was ihre Motorik angeht.«

Vorhersage von Persönlichkeitseigenschaften
Versuchspersonen mit hohen Werten in Neurotizismus ließen ihren Blick dagegen länger auf bestimmten Aspekten der Objekte verweilen. Das scheint ebenfalls treffend. Denn Menschen mit dieser Persönlichkeitseigenschaft grübeln mehr und neigen zu Ängsten und Nervosität. Ihre Veranlagung könnte dazu führen, dass sie Gesehenes länger verarbeiten, um festzustellen, ob sie gerade etwas Negatives wahrnehmen.

Neben Extraversion und Neurotizismus konnten die Wissenschaftler allerdings nur noch bei Offenheit für neue Erfahrungen einen Zusammenhang mit den Augenbewegungen feststellen, aber nicht bei den anderen zwei »Big Five«. Der Lübecker Psychologe dämpft die Erwartungen: »Bei der Frage, was Blickbewegungen über die Persönlichkeit aussagen, stehen wir in der Forschung insgesamt noch ziemlich am Anfang.«

Zumal solche Laborstudien relativ weit weg vom Alltag vieler Menschen sind. »Man müsste Probanden mit portablen Geräten in reale Situationen bringen«, findet Rauthmann daher. Aber das bringe nicht nur viele Störvariablen mit sich, sondern auch eine Masse an Daten, die sich ohne Algorithmen kaum bewältigen ließe.

Wissenschaftler um Andreas Bulling vom Max- Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken haben diesen Schritt 2018 dennoch getan. Auch ihrer Meinung nach sind die bisherigen Experimente zu weit weg vom realen Leben: Schließlich macht es Untersuchungen zufolge einen großen Unterschied, ob Menschen auf eine natürliche Szenerie blicken oder auf einen Monitor. Sie setzten 42 Studierenden daher tragbare Eye-Tracking- Geräte auf, mit denen diese zehn Minuten lang auf dem Campusgelände umherstreiften und etwas in einem Laden kauften. Das Gerät registrierte währenddessen die Augenbewegungen der Probanden, wie oft sie blinzelten und wie weit ihre Pupillen geöffnet waren. Nachdem die Teilnehmer ins Labor zurückgekommen waren, füllten sie Fragebogen zu ihrer Persönlichkeit aus.

Bulling und seine Kollegen nutzten einen selbstlernenden Algorithmus, der aus den Augenbewegungen letztlich die Charaktereigenschaften vorhersagen sollte. Die Wahrscheinlichkeit auf einen Zufallstreffer lag jeweils bei 33 Prozent, da die einzelnen Persönlichkeitsdimensionen entweder als niedrig, mittel oder hoch eingestuft wurden. Insgesamt gelang es der Software, anhand der Blickbewegungen vier der fünf »Big Five« überzufällig gut vorherzusagen. Bei der Extraversion erreichte sie immerhin eine Trefferquote von 48 Prozent. Lediglich bei Offenheit für neue Erfahrungen lag der Wert unter dem Zufallsniveau.

Allerdings können die Forscher nicht sagen, welche Blickbewegungen für die einzelnen Charakterzüge sprechen. »Es ist leider nicht so, dass sich das so einfach an einzelnen Blickbewegungen festmachen lässt«, sagt Andreas Bulling. Die Vorhersage beruhe immer auf einer Gruppe von Merkmalen.

Überhaupt steht die Forschung auch hier noch am Anfang. Das Team um Bulling räumt ein, dass sein Algorithmus außerhalb des Labors noch nicht praktisch einsetzbar ist. Menschliches Verhalten ist extrem komplex. Sicherlich hat die Persönlichkeit gewisse Auswirkungen auf das Blickverhalten. Doch es spielen vermutlich auch andere Bedingungen eine Rolle, die mit der jeweiligen Situation zu tun haben – etwa in welcher Stimmung oder wie ausgeruht man gerade ist.

QUELLEN

Gillath, O. et al.: Eye movements when looking at potential friends and romantic partners.Archives of Sexual Behavior 46, 2017

Hoppe, S. et al.: Eye movements during everyday behavior predict personality traits.Frontiers in Human Neuroscience 12, 2018

Rauthmann, J. F. et al.: Eyes as windows to the soul: gazing behavior is related to personality.Journal of Research in Personality 46, 2012

Walczyk, J. J. et al.: Lie detection by inducing cognitive load: eye movements and other cues to the false answers of »witnesses« to crimes.Criminal Justice and Behavior 39, 2012

Weitere Quellen im Internet:
www.spektrum.de/artikel/1637184