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Was ein Vollzeittrader braucht, um erfolgreich zu sein


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Traders - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.02.2022

„ALL IN“ ODER

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 3/2022

Der Beginn einer großen Liebe

Als ich meinen Fuß zum ersten Mal auf das Parkett der LIFFE (London International Financial Futures Exchange) gesetzt hatte, war es schon um mich geschehen. Das sollte mein Leben sein. Den Adrenalinrausch der Märkte wollte ich jeden Tag spüren. Obwohl mein Besuch nur kurz war, war ich sofort gefesselt. Ich war infiziert von diesem Börsenvirus und dachte fortan nur noch darüber nach, wie ich ein Leben als Trader beginnen könnte.

Dieses Erlebnis hatte ich 1989. Mein Studium der Betriebswirtschaft neigte sich dem Ende entgegen und ich wollte unbedingt einen Fuß in diese Tür kriegen. Also pendelte ich jeden Tag mehrere Stunden nach London, um mir als Runner auf dem Parkett einen lächerlichen Stundenlohn zu verdienen. Meine Frau konnte kaum verstehen, warum ein fertiger Betriebswirt sich auf ein solches Niveau herunterließ; aber sie unterstützte mich. Die ...

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... nächsten 13 Jahre verbrachte ich auf verschiedenen Positionen damit, so viel über Optionen und Trading zu lernen, wie ich nur konnte. So schaffte ich es, die Karriereleiter langsam, aber stetig hochzuklettern. Auf dem Gipfel meiner Karriere war ich schließlich Vizepräsident bei einem großen Broker, wurde gut bezahlt und half mit, ein tolles Unternehmen aufzubauen. Aber irgendetwas fehlte mir. Mein Traum zu traden hatte sich bisher nicht erfüllt.

Ich kann mich noch sehr gut an die kontroversen Diskussionen mit meiner Frau erinnern, in denen es darum ging, was ich wollte und was nicht. Sie hatte große Vorbehalte, aber sie verstand meine schon immer da gewesene Leidenschaft für das Trading. Schließlich unterstützte sie mich bei meinen Vorhaben. So beendete ich im September 2002 das erfolgreiche Kapitel als Broker, um das zu beginnen, was zu diesem Zeitpunkt nichts weiter als ein ungelebter Traum war.

Die Umstände waren damals nicht gerade einfach. Ich war 13 Jahre älter geworden und hatte eine Familie, die ich ernähren musste. Meine Frau widmetet sich der Erziehung unserer Kinder. Daran sollte sich nichts ändern. Ich würde nach wie vor die einzige Einkommensquelle unserer Familie sein. Zu dieser Zeit konnte man schon deutlich erkennen, dass der Brokerbranche eine harte Zeit bevorstand und ich mein Gehaltslevel wohl nicht halten könnte. Die Tür zurück ins Brokergeschäft wäre für mich dann wahrscheinlich geschlossen.

Die Märkte hatten im Vergleich zu den Vorjahren massive Verluste erlitten, der Irak-Einmarsch stand bevor. Natürlich ist Trading nie ein leichtes Geschäft, aber zu dieser Zeit waren die Umstände extrem hart. Über die Jahre hatte ich Tausende von Tradern erlebt, die ihr gesamtes Geld verbrannt hatten, und die schlechten Erfolgsaussichten waren mir durchaus klar. Irgendwann erwischt der Markt jeden einmal, und ja, auch ich hatte bei meinen früheren Tradingversuchen schon mal die Hosen runterlassen müssen. Mir und meiner Frau waren die Gefahren durchaus bewusst. Um es im Pokerjargon zu sagen: Wir waren „all in“.

Hausaufgaben gemacht?

Wie alle angehenden Trader bildete ich mir ein, gut vorbereitet zu sein. Ich hatte alle Strategien auf dem Parkett studiert und die Mechanismen der Orderausführung gelernt. Ich hatte mir immer die Zeit genommen, mit den großen Jungs – den Marketmakern – zu sprechen und mit der Zeit war es mir gelungen, die Dinge aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Als ich dann nicht mehr auf dem Parkett war, hatte ich bei einer der größten Abwicklungsplattformen für institutionelle und private Optionshändler gearbeitet. Meine Verantwortung lag speziell darin, auf täglicher Basis die Marginanforderungen und das Risiko privater Trader zu bewerten. Während ich also meinen Kunden bei ihren Entscheidungen half, erkannte ich einige Schlüsselfaktoren des Erfolgs und Misserfolgs. Außerdem handelte ich während meiner gesamten Karriere mein eigenes Konto und probierte so jede vorstellbare Strategie aus.

Bewaffnet mit 13 Jahren Erfahrung in der Tradingbranche hatte ich das sichere Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen großen Schritt gekommen war. Meine Erfahrung in den Märkten hatte mir wertvolle Einsichten vermittelt und ich hielt die Augen offen. Ich wusste genau, welche Faktoren meinen Erfolg beeinflussen würden. Vor allem war mir klar: Ängstliches Geld gehört nie zu den Gewinnern.

Durch Verluste lernen

Habe ich schon erwähnt, dass der Markt auch mich schon einmal erwischt hatte? Ich hatte damals mein Konto sogar komplett zerstört. Ich bin auch heute noch der festen Überzeugung, dass niemand beurteilen kann, ob er ein guter Trader ist, wenn er dieses Tief nicht einmal in seinem Leben angetestet hat. Erst diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie stark meine Leidenschaft wirklich ist – und sie hat meinen Respekt vor dem Unerwarteten grenzenlos erhöht. Als ich dann ein bereits „erleuchteter“ Trader war, stellte ich fest, dass ich wohl niemals aufhören werde, die Märkte zu studieren. Und so benutzte ich mein Positionsgrößenmanagement, um meine Angst zu regulieren.

Die Totalpleite führte aber auch zum bis dahin schlimmsten Moment meines Lebens: Ich musste es meiner Frau beichten. Das war eine Art Reinigungsprozess, der mich zwang, meine Fehler zuzugeben. Im Jahr 2002 hatte ich mich dann neu sortiert und wusste, dass mir solche Fehler nicht mehr unterlaufen würden. Ein Problem allerdings bestand darin, dass ich niemanden hatte, der meine Entscheidungen nochmals überprüfen konnte. Es war ganz allein meine Sache, wo der Stopp lag. Nur mit meiner Frau hatte ich ein Abkommen: Der übergeordnete Stopp-Loss lag bei 150.000 US-Dollar. Sollte dieses Kapital verbraucht sein, wäre Schluss.

Trading war mein Traum, aber ich brauchte ein Polster, um meine Psyche zu stützen. Ein unterkapitalisierter Trader würde mit „ängstlichem Geld“ handeln. Ich aber war der Ansicht, dass ich das für mich geregelt hätte. Mit meiner Frau hatte ich außerdem vereinbart, dass wir die Gesamtsituation nach einem Jahr nochmals völlig neu bewerten würden. Meine Motivation war klar: Trading war meine Leidenschaft. Anders als viele andere wollte ich nicht reich werden, ich wollte nicht mehr Zeit mit meiner Familie verbringen oder mein eigener Herr sein. Es gibt viele Bücher, die einem diese Illusion verkaufen. Ich war mir bewusst, dass wenn ich nicht in der Lage war, das Trading ganz und gar zu leben, meine Chancen aufs finanzielle Überleben sehr schlecht waren. Ich weiß, warum man echte Trader selten in Kneipen findet. Die Einstiegsbarrieren sind klein, jeder, der ein bisschen Geld hat, kann es tun. Trading kann man leicht beginnen; es aber über Jahre aufzubauen, ist eine der schwierigsten Herausforderungen.

„Konzentration aufs Daytrading.“

Zahlenspiele

Mein Konto war mit 250.000 US-Dollar ausgestattet. Ich handelte US-Aktien und benutzte Margin. Damit stand mir eine Kaufkraft von einer halben Million US-Dollar zur Verfügung. Das erschien mir angemessen. Meine Idee war, mich auf das Daytrading zu konzentrieren.

Somit konnte ich das Risiko von Übernachtpositionen begrenzen. Ich berechnete all meine Ausgaben und kam schließlich auf 7.500 US-Dollar, die ich jeden Monat erwirtschaften musste, um alle meine Ausgaben bezahlen zu können. Wenn ich dann noch die Steuer berücksichtigte, kam ich auf 100.000 US-Dollar, um Break-Even zu sein. Bei ungefähr 250 Handelstagen im Jahr würde also ein durchschnittlicher Gewinn von 400 US-Dollar pro Tag meine Kosten decken. Mit täglich 500 würde ich einen Gewinn von 25.000 US-Dollar erwirtschaften können. Ich musste also jeden Tag den Trade finden, der einen halben Punkt in 1.000 Aktien machte. Ganz einfach.

Aber ich wusste es besser. Wenn man festangestellt ist und einen schlechten Tag hat, geht man nach Hause und fühlt sich schlecht – aber man wird weiterhin bezahlt.

Anders im Trading. Hat man einen schlechten Tag, bezahlt man den Markt. Wenn man an einem Tag 500 US-Dollar verliert, muss man an den beiden nächsten jeweils 1.000 verdienen, nur damit man wieder im Plan ist. Um es anders auszudrücken: Nur um meine Kosten zu decken, müsste ich einen Profit von 40 Prozent auf mein Kapital erwirtschaften. Das ist eine Zahl, die viele Profis nicht erreichen. Es würde also nicht einfach werden.

Von der Theorie zur Praxis

Im Sommer 2002 kündigte ich meinen Job und begann mit der Umsetzung meines Plans. Zwar hatte ich 15 Jahre Tradingerfahrung, aber immer mein Einkommen als Notnagel gehabt. Dieses Sicherheitsnetz fehlte mir jetzt und ich hatte trotzdem eine Familie zu ernähren.

Ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich vor meinen Monitoren saß und mich fragte, wo nur alle meine großartigen Ideen geblieben waren. Ich umgab mich mit Technologie und vertiefte mich völlig in die dazugehörigen Hard- und Softwaremanuals. Und dann war es so weit: Nach Monaten des Testens war die tickende Uhr nicht mehr zu überhören. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der beim Paper Trading Geld verloren hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass die wichtigen Lektionen nur mit echtem Geld gelernt werden können. Ich hatte 10.000 US-Dollar verloren und all diese Programme halfen mir nicht!

In der Vergangenheit verfügte ich über einige Setups, mit denen ich erfolgreich war. Nun wollte ich das organisieren und professionalisieren, aber ich konnte keine Software finden, die mir dabei wirklich half. Alles Verfügbare hatte entweder nicht ausreichend Power, um all die notwendigen Symbole zu scannen, oder es konnte schlichtweg meine Kriterien nicht umsetzen. Mir wurde klar, dass ich eine maßgeschneiderte Lösung brauchte. Also suchte ich mir Programmierer, die eine Anwendung entwickelten, mit der ich meine Scans durchführen konnte. Ich startete also meine Abfragen und begann sozusagen mit dem Veredelungsprozess. Im Dezember 2002 war ich drei Monate im Geschäft und meine Bilanz sah folgendermaßen aus: 20.000 US-Dollar verloren und weitere 30.000 US-Dollar gebraucht, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Obwohl ich das Gefühl hatte, mich auf dem richtigen Weg zu befinden, sah ich durchaus, dass die Schlinge sich immer enger zuzog. Ich hatte schon rund ein Drittel meines Weges bis zum finalen Stopp-Loss von 150.000 US-Dollar hinter mich gebracht. Das Risiko war mir bewusst und ich wusste auch, dass es nicht leicht werden würde. Dazu kam, dass der Markt miserabel aussah und es immer klarer wurde, dass die USA den Irak angreifen würden. Ich erlaubte mir trotzdem nicht, den Markt zu shorten. Er war dermaßen überverkauft – ich hatte das Gefühl, dass er eine Sprungfeder war, die immer weiter aufgezogen wird. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis eine massive Bewegung nach oben beginnen würde. Das dachte ich jedenfalls. Leider aber hatte ich mit meinen Long-Positionen keinerlei Erfolg. Alle meine Trades starben einen langsamen Tod. Bei der Überarbeitung meiner Strategien lernte ich dann, dass ich die Positionsgrößen anpassen und damit meine Emotionen kontrollieren konnte. Das war ein neuer Aspekt des Tradings für mich. Vorher hatte ich ja immer noch mein Gehalt gehabt und nicht jeder Verlust brachte mich zum Schwitzen.

Ich kriege die Kurve

Im Januar 2003 sah ich endlich Licht am Ende des Tunnels. Ich studierte weiterhin brav meine Charts und Formationen. Das Internet wurde immer besser, wodurch sich für mich eine neue Chance eröffnete. Ich hatte bereits in den vergangenen Monaten immer wieder mit einem Eigenhandelsunternehmen gesprochen, das sich auf den Optionshandel konzentrierte. Aber um dort mitmachen zu können, war eine stabile und schnelle Internetverbindung notwendig, damit ich mit ihren Systemen arbeiten konnte. Nach einem Monat Training und dem schrittweisen Erhöhen meiner Positionsgröße war ich schließlich profitabel.

In der Regel schaute ich pro Tag auf rund 3.500 Tradinggelegenheiten und versuchte jede zehnte zu nutzen. Im Durchschnitt machte ich dann aber etwa 70 Trades pro Tag, wobei ich mehr als 2.000 Kontrakte handelte. Das war sehr intensiv und aufregend. Diese Art des Tradings erforderte die schnelle Identifikation und Ausführung von Trades. Ich stand im direkten Wettbewerb zu Autoquote-Systemen großer Firmen und anderen Tradern, die ebenfalls für meine Firma arbeiteten. Ich begann regelmäßig Geld zu verdienen, aber es war nicht genug, um meinen Lebensunterhalt davon bestreiten zu können.

Im April zogen die USA in den Krieg und die Aussicht auf einen schnellen Erfolg ließ den Markt steigen. Die bereits erwähnte Sprungfeder wurde gelöst und es gab massenhaft tolle Gelegenheiten. Ich hatte mich mit den neuen Systemen angefreundet und nun, da endlich Aktivität im Markt war, musste man nur noch seine Angeln auswerfen, um einen dicken Fisch an Land zu ziehen. Die Systeme funktionierten hervorragend und ich konnte meine Kosten decken. Ich hatte das Tief gesehen und mein Drawdown war zu Ende, bevor er meinen selbst gewählten Ausstiegspunkt erreicht hatte. Ich arbeitete mit meinen Suchprogrammen weiter und meine Tradingaktivitäten halfen mir, alles weiter zu verfeinern. Wenn man täglich auf eine große Menge Charts schaut, beginnt man automatisch zu definieren, was gute Formationen ausmacht und wo sich Tradingmöglichkeiten entwickeln.

Für mich waren schließlich sechs Patterns besonders interessant. Mit meiner Software konnte ich nun Suchfunktionen entwickeln, die Aktien herausfilterten, in denen diese Formationen auftauchten. So langsam zahlte sich meine Arbeit aus. Etwa ab September 2003 stellte ich fest, dass – obwohl noch immer profitabel – meine Arbeit für die Tradingfirma immer weniger einbrachte. Es gab immer weniger Gelegenheiten, die Anzahl der Ausführungen verkleinerte sich dramatisch. Damals haben wir gegen die Autoquote-Systeme großer, kapitalstarker Firmen gehandelt. Doch wenn man systematisch versucht, kleinere Preisineffizienzen mit technischer Hilfe auszunutzen, ist es nur eine Frage der Zeit, bevor zu viele Trittbrettfahrer die Ineffizienzen verschwinden lassen. Aufgrund meiner Untersuchungen war ich aber mittlerweile in der Lage, Bewegungen mit größerer Amplitude zu identifizieren. Ich konnte weiterhin die Technik der Firma benutzen, um Ideen zu entwickeln. Sie machten das System für mich weniger restriktiv, sodass ich wieder mehr Möglichkeiten entdecken konnte – zum Beispiel Aktien, die durch ihre Optionsbasispreise rauschten. Sobald so etwas auf dem Bildschirm auftauchte, machte ich einen direktionalen Trade daraus. Ich scalpte also nicht mehr, sondern verlegte mich auf ein größeres Zeitfenster. Ich verstand nach und nach die Kraft der Mustererkennung und integrierte sie in meine Suchkriterien.

Fragen an angehende Trader

• Ist Trading mein Traum?

• Habe ich die totale Unterstützung meiner Umgebung?

• Bin ich willens, zahllose Stunden in den Research zu stecken?

• Habe ich mindestens 200.000 US-Dollar Tradingkapital zur Verfügung plus das Geld, das ich für meinen Lebensunterhalt für ein Jahr brauche?

• Bin ich in den Märkten schon einmal gestrauchelt?

• Kann ich in meinen normalen Job zurück?

• Habe ich mit wirklichen Profis gesprochen (nicht mit Seminarreferenten)?

• Kann ich Fehler akzeptieren?

• Habe ich einen Mentor?

• Habe ich ein System?

• Kenne ich meine Stärken und Schwächen?

Bis 2005 schaffte ich es, mit dieser Methode Geld zu verdienen. Dann hatten die großen Jungs allmählich verstanden, wie es funktionierte. Ich konnte als Marketmaker und mit dem Trading von Conversions und Reversals während der Verfallstermine noch immer Geld verdienen, aber das bezahlte nur die Rechnungen und machte keinen richtigen Spaß. Hinzu kam, dass die Börsen Gebühren für Orderstornos einführten, um ihre Mitglieder zu schützen, sodass sich diese Art Geschäft für mich nicht mehr lohnte. Ich machte mich also auf die Suche nach anderen Gelegenheiten.

Der nächste Schritt

Schon im Jahr 2004 managte ich mit meinem System einige große Konten. Mitte 2005 erzielte ich schließlich gute Ergebnisse. Ich hatte all meine Suchfunktionen kategorisiert und konnte somit auf einen Blick erkennen, auf welchen Charts sich Gelegenheiten ergeben. Das Problem war, eine Einstellung zu finden, die mir die richtige Anzahl von Gelegenheiten lieferte. Programmiert man es zu offen, erhält man zu viele Gelegenheiten, programmiert man es zu restriktiv, verpasst man viele und vor allem viele gute.

Meine Methode war ein guter Mittelweg. Sie grenzte das Universum auf rund 500 Werte ein und mit einer recht einfachen Benutzeroberfläche konnte ich schnell durch alle Charts scannen, um die besten Gelegenheiten herauszufinden. Ich wusste schon immer, dass das mächtigste Handelstool ein gutes Auge ist. Pro Tag konnte ich so rund 15 Aktien identifizieren, die entweder stark oder schwach waren. Dann betrachtete ich die Fundamentaldaten beziehungsweise die Nachrichten zu den Aktien, um meine Auswahl auf ein bis zwei Werte einzuengen. Dann sah ich mir erneut die technische Situation an und legte mir einen Handelsplan zurecht. Dabei war immer besonders wichtig, dass mein Portfolio aus Long- und Short-Positionen bestand. Auf diese Weise konnte ich das Risiko erheblich reduzieren.

Meine Lehren

Die größte Herausforderung aber war mein Ego. Ich wollte nicht einfach nur ein weiteres Beispiel für das Kommen und Gehen in dieser Branche sein. Ich hatte einen guten Namen in der Brokerbranche, den ich verteidigen wollte. Ein Fehlschlag war also keine Option. Ich hatte auch keinen Plan B, falls es mit dem Trading nicht klappen würde. Ich blieb zwar mit meinen alten Kollegen in Kontakt, aber nicht einmal in den dunkelsten Zeiten dachte ich an Rückkehr. Der leiseste Zweifel hätte negativen Einfluss auf mein Trading gehabt.

Das alles verursachte einen enormen Druck. Es war sehr schwer, mit Freunden oder der Familie zu reden. Ich bin ein Freund des offenen Wortes, also wusste jeder, wenn es mir nicht gut ging. Jeder machte sich Sorgen um mich und meine Familie. Zum Glück konnte ich immer alles mit meiner Frau besprechen. Sie war ein ganz wichtiger Rückhalt für mich; ohne ihre Hilfe hätte ich das alles wahrscheinlich nicht geschafft.

Ich wollte mich eigentlich immer nur in meinem Büro einschließen und Charts anschauen. Die Antworten waren da, ich musste sie nur finden. Die Gelegenheiten lagen auf der Straße und meine Performance verbesserte sich enorm. Ich verbrachte pro Woche mindestens 60 Stunden mit Handel und Research. Das hat sich bis heute nicht verändert. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Zeitaufwand im Laufe der Zeit eher größer geworden. Wenn ich eine Liste von Fragen erstellen sollte, die sich ein angehender Trader stellen muss, dann wären das die, die in Tabelle 1 zu sehen sind.

Von Anfang an besteht die Herausforderung darin, ein System oder einen Handelsstil zu entwickeln, der zu einem passt. Es muss eine standardisierte Routine mit wohldefinierten Schritten sein, Ihnen dabei hilft, Ihre Positionsgrößen angemessen zu definieren und Risiko und Emotionen zu kontrollieren. Das bringt Struktur ins Chaos. Sie müssen dieses System selbst entwickeln, können sich aber viel von anderen Tradern abschauen. Professionelle Sportler erzählen häufig, wie der Kick nach einigen Jahren abnimmt. Beim Trading ist das nicht anders. Es ist niemals leicht. Mit zunehmender Erfahrung aber werden Sie lernen, wie man im Spiel bleibt und einen klaren Blick für die Dinge entwickelt. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass einem das Trading alles zurückgibt, was man hineinsteckt – sofern man sein Tradinghaus instand hält. Denn es wird oft auf die Probe gestellt, von oben bis unten.