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Was guckst du?


bewusster leben - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 03.07.2019

Wir Frauen denken oft zu gern an andere, können schwer „Nein” sagen und leisten einen Großteil der unbezahlten Arbeit. Da kann uns ein Paradiesvogel, der im tiefen Dschungel stoisch auf einem Ast sitzt, ein gutes Vorbild sein. Wie man beimMalenNeues über sich erfahren kann, davon berichtet LeaMarti.


Keck schaut er mich an, auch ein wenig provozierend, als würde er krächzen: „Was guckst du so?” Ich schaue – dennoch – und frage mich, wer dieser komische Vogelwohl sei.

Strich um Strich

Eine Stunde zurückgespult: Es ist ein Montagnachmittag in einem Malatelier. Vor mir hängt ein weißes, leeres Blatt Papier, ...

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... das mich auffordert, eine Farbe zu wählen. Ein sattes Rot zieht mich in seinen Bann. Ich lege los, ohne eine Idee und ohne einen Plan im Kopf zu haben. Sachte tauche ich meine Finger in den Farbtopf, beginne in der Mitte des Blattes zu malen und lasse meine Hand die Form finden. Es werden kreisende Bewegungen. Langsam fahre ich fort. Und plötzlich taucht er vor meinem inneren Auge auf – ein Vogelkopf. Strich um Strich lasse ich den Vogel wachsen, suche nach seinem Gewand. Es wird eine weiß gefiederte Brust, schwarze Flügel und ein knallgelber Schnabel.

Nun sitzt er da, dieser Paradiesvogel. Meine Malbegleiterin gesellt sich zu mir: „Wer ist denn da auf dem Blatt erschienen?” Ich schaue – immer noch – und bin etwas schlauer: „Vielleicht eine Art Tukan? Er ist definitiv männlich. Einer, der eine gewisse Nonchalance hat, der sich im handlungslosen Modus sehr wohl fühlt und damit ganz unbekümmert durchs Leben geht. Was die anderen über ihn denken oder sagen, das ist dem Vogel ziemlich egal. ‚Man müsste oder man sollte doch…’, das kommt ihm nicht in den Sinn.” „Ach”, stöhnt meine Malbegleiterin: „Der ‚man’ ist eh ein ziemlich mieser Typ, den habe ich längst vor die Tür gesetzt.”

Der „man” – ein mieser Typ

Ich male den Hintergrund dunkelgrün und sinne nach: Noch habe ich es nicht geschafft, den „man” aus meinem Haus zu bugsieren. Als arbeitstätige Mutter einer einjährigen Tochter mit perfektionistischen Tendenzen ist der Handlungsmodus eher on als off. Damit stehe ich allerdings nicht alleine da. Wir Frauen sind soziale Wesen, denken gern an andere, können schwer Nein sagen und ecken ungern an. Entsprechend wird der Großteil der unbezahlten Arbeit – Haushalt, Kinderbetreuung und Seniorenpflege – von uns Frauen geleistet. Dies, obwohlwir immer häufiger einer Arbeit nachgehen und dabei – hilfsbereit wie wir sind – auch noch gerne die Aufgaben anderer übernehmen. Es ist definitiv an der Zeit, den Schalter umzulegen. Ob der Tukan mir ein Lied davon singenkann?Stummbleibt er auf dem Ast sitzen, in seiner nonchalanten Art. Nach dem Motto: „Ich spanne gerade aus. Schau doch später nochmals vorbei.” Botschaft angekommen! Sie lautet: „Wenn andere rufen, dannmuss ich nicht gleich springen.”

Akzeptanz bringt Wandel

Eine Haltung, die mir schwer fällt.Mich deswegen unter Druck setzen und morgen bereits alles anders machen? Nein, ich spanne erst eine Runde aus und nehme mich so, wie ich bin. Denn: Erkenntnis ist der erste Schritt Richtung Wandel. Oder in den Worten des amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers gesprochen: „Das seltsame Paradoxon ist, dass, wenn ich mich so akzeptiere wie ich bin, ich die Möglichkeit erlange, mich zu verändern.”

Lea Marti

…ist personenorientierte Maltherapeutin und geht selbst regelmäßig ins begleitete Malen. Zusammen mit ihremMann, Roger Marti, bietet sie Retreats mit Soulpainting, Verbundenem Atem, Ecstatic Dancing,Meditationen und Tage der Stille an.www.curavida.ch

Beim Malen öffnet sich ein Raum, in dem wir unser Denken und Handeln mit einer gewissen Distanz beobachten können.


Indem wir nicht mehr gegen unsere ungeliebten Seiten ankämpfen, beruhigt sich unser Geist. Dadurch öffnet sich ein Raum, in dem wir unser Denken und Handeln mit einer gewissen Distanz beobachten können. Wir beginnen zu erkennen: Wann uns der „man” mit seinen Aufforderungen in den Handlungsmodus versetzt; wie wir einem Ideal hinterherjagen – die perfekte Hausfrau, Mutter, Ehefrau, Arbeitskollegin, Tochter, etc. – und uns dabei selbst völlig vergessen. Je mehr wir uns reflektieren, umso mehr wird es uns gelingen, eigene Lösungswege aus den eingefahrenen Denk- und Handlungsmustern zu finden.

Morgen ist auch noch ein Tag

Die letzten Striche sind aufs Papier gebracht. Zufrieden schaue ich mir den unbekümmerten Paradiesvogel nochmals an. Wer weiß, vielleicht werden wir eines Tages gar nicht mehr so verschieden sein. Wir werden ohne schlechtes Gewissen „Nein” sagen.Wir werden unerledigte Aufgaben getrost auf morgen verschieben. Wir werden uns nicht für alles und jeden verantwortlich fühlen. Wir werden ungeniert um Hilfe bitten. Wir werden Aufgaben delegieren und unsere Ansprüche gleich mit loslassen können. Wir werden Zuhause und auf der Arbeit offene Debatten führen und für eine faire Arbeitsaufteilung einstehen. Wir werden uns nicht darum kümmern, was andere über uns denken oder sagen, denn den „man”, den haben wir vor die Tür gesetzt. Kurz gesagt: Wir werden ganz leger durchs Leben fliegen.

Möchtest du auch deinem (Fabel-)wesen auf die (Farb-)spur kommen?

Nimm ein weißes Blatt Papier in der Größe von A3 bis A4 und Farben (Acryl, Gouache, Farbstifte, Pencils oder Ölkreide), mit denen du gerne kreativ arbeitest. Ich bevorzuge Gouache-Farben und male am liebsten mit den Händen. Damit komme ich imNu in Beziehung zu dem, was sich auf dem Blatt zeigt. Nun wähle eine Farbe aus, die dich im ersten Moment anspricht – ohne Hintergedanke, was dumalenmöchtest und ohneWertung. Die Farbe Schwarz ist mir zum Beispiel zu traurig. Beginne sorgsam in derMitte des Blattes die Farbe deckend aufzutragen.Lass deiner Hand freien Lauf. Sei achtsam und schalte immer wieder Pausen ein.

Erkennst du eine Form? Falls nicht, male langsam weiter. Sei geduldsam. Plötzlich wird sich vor deinem inneren Auge einWesen zeigen. Wenn es soweit ist, geht es darum, diesem Charakter Strich um Strich Leben einzuhauchen. Soll eine neue Farbe zum Zug kommen, dann trage diese immer anschließend an die zuvor gemalte Form auf. Lass so das Wesen wachsen, von Innen nach Außen.Ganz zum Schluss kommt der Hintergrund dazu. Nun lass das (Fabel-)Wesen auf dich wirken:Was für eine Persönlichkeit hat es? Zeigt es dir bekannte, oder vielleicht verborgene Seiten?Was ist seine Botschaft an dich?