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Was ich lernte, als mein Vater starb


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 05.02.2020

Nach dem Abschied bleiben die Fragen: Was bleibt, was kann weg? Julia Pühringer über eine Zeit, in der man auch sich selbst neu sortiert


Artikelbild für den Artikel "Was ich lernte, als mein Vater starb" aus der Ausgabe 3/2020 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Donna, Ausgabe 3/2020

Anfangs würde man am liebsten jeden Beweis der Existenz des geliebten Menschen festhalten. Zum Glück muss man kapitulieren


Es gibt Lebenslagen, auf die sollte einen ein eigenes Fach in der Schule vorbereiten. Die erste Steuererklärung. Bunte Wäsche nicht mit heller Wäsche waschen. Den eigenen Vater beim Sterben begleiten, jahrelang. Die Organisation seines Begräbnisses. Dinge, mit denen im Laufe eines Lebens mit großer Wahrscheinlichkeit alle konfrontiert sind. ...

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Wenn also ein Elternteil stirbt, passiert zuerst das Naheliegende: der Schmerz, die bodenlose Trauer, die gnadenlos in jede Ritze des Seins eindringt. Das Nie-mehr-Wieder. Das Das-wird-ab-jetztimmer- so-Sein. Ein Zustand emotionaler Verwundbarkeit bei gleichzeitiger völliger Überlastung, der dann auch (das verrät einem vorher niemand) erstaunlich unangenehme Nebengefühle mit sich bringen kann: Zorn und Wut darüber, mit einer schier unbewältigbaren Aufgabe allein gelassen worden zu sein.

Zurück auf den Boden der Tatsachen holt einen die Bürokratie des Sterbens. Entscheidungen wie: Sarg oder Urne? Welche Musik beim Begräbnis? Die, die er heimlich gehört hat, wenn niemand da war? Oder doch die für die anderen? Und warum zur Hölle, muss man manchmal auch für Sterbende und Tote eine Steuererklärung machen? Aber auch: Welchen Vater soll ich mir merken? Den Kettenraucher, dem ich sechsjährig den Aschenbecher ausleerte, oder den radikalen Nichtraucher ab 40? Entsprechen will man den Verstorbenen, beim Begräbnis wie auch beim Umgang mit der Verlassenschaft. Rückwirkend weiß ich, dass man dabei sich selbst entsprechen muss und darf. Man kann nicht jedes Detail in Ehren halten, man darf Dinge und Geschichten mit dem Tod ihr natürliches Ende finden lassen. Und muss nicht hauptberuflich Hüterin der Vergangenheit werden.

Es ist eine seltsame Zeit, in der man nicht viel zusammenbringt, außer in der sich rücksichtslos weiterdrehenden Welt des Alltags einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Reihenfolge der Notwendigkeiten ist vorgegeben: zuerst den Sarg aussuchen, dann ein Foto finden, dann das Gedicht fürs Begräbnis, erst Monate später folgen all die anderen Amtswege.

Das Motto, das erkennt man bald, ist: Der einzige Weg raus ist der mittendurch. Es gibt keine Abkürzungen. Es ist tatsächlich erst vorbei, wenn es vorbei ist – und dann erstaunlich plötzlich. Durch all die fürchterlichen Gänge und Erledigungen hat man auch selbst einen Schlusspunkt erreicht, nach dem endlich eine ruhigere Trauer ihren Platz hat. Wie ein unerwartetes Geschenk kommt die Erinnerung an die Toten zurück, als sie noch lebendig waren, schlechte und gute Witze rissen, Meinungen hatten, die einem gefielen, und welche, die nicht, und ersetzen ganz plötzlich die belastenden heftigen Erinnerungen daran, als man ihnen während des letzten Atemzugs die Hand hielt, diesem Schatten ihrer selbst, als man heulend die Kleidung für den Leichnam aussuchte.


Während sich die Welt rücksichtslos weiterdreht, kann man nur einen Fuß vor den anderen setzen


Viele Menschen habe ich bei diesem Unterfangen scheitern sehen. Erbschaftsstreitigkeiten, die Familien auf Jahrzehnte zerrüttet haben. Angemietete Möbellager, die das Problem nur aufgeschoben haben. Leute, die mit Halbgeschwistern, die sie kaum kannten, Wohnungen von Vätern, die sie zuletzt vor Jahren gesehen hatten, in drei Tagen ausräumen mussten. Mir habe ich beim Versuch zu funktionieren zugesehen, wie ich zwischen den Zeiten taumelte.

Von allen Biografien bleibt im Moment des Todes zuerst einmal eines: Gegenstände. Arbeitsmaterial, Wäsche, Fotos. Tatsächlich ist es nicht deren Geldwert, der die Entscheidungen schwer macht, sondern der emotionale. Der Mensch, sobald er es sich leisten kann, erzählt sich durch Dinge. Vom Band-T-Shirt bis zur Wahl des Autos zeigen wir, wer wir sein wollen, wie wir wahrgenommen, gelesen werden wollen.

Was tun also mit den Dingen ohne den Menschen, der die Geschichte dazu erzählt? Seltsame Gleichzeitigkeiten ergeben sich schon wieder in dieser aberwitzigen Zeit der Durchlässigkeit von Leben, Schicksalen und Generationen, es ist, als wäre man in mehreren selbst erlebten Menschenaltern zwischen Kind und Erwachsener gleichzeitig anwesend. Aber es sind auch die Toten, die man rückwirkend anders kennenlernt – neue Leute sind sie plötzlich durch ihre Hinterlassenschaft, die ganz eigene Schlüsse zulassen, ohne den Filter einer geordneten Erzählung einer konkreten Person, die bestimmt, was die Geschichte ist und war.

Da blitzt plötzlich dieser einem als Kind immer unbekannt bleibende rätselhafte Mensch durch, der der Vater war, als man selbst noch nicht auf der Welt war. Wenn er 16-jährig jungenhaft und abenteuerlich von einem Foto lächelt, auf dem definitiv nicht die Mutter an seiner Seite ist. Er hat es aufgehoben, all die Jahre, und beim letzten Aufräumen sogar weit nach oben gelegt, und völlig wider Erwarten hat die eigene Mutter gelächelt, als sie es sah, weil sie diesen 16-Jährigen ja kannte und sehr von ihm beeindruckt war. Es sind verwirrende Zeiten für ein Kind, auch wenn es jetzt über vierzig Jahre alt ist.

Und wie so viele Erkenntnisse in dieser Zeit ist auch diese zuerst erschreckend und dann beruhigend: Wir haben gar kein Recht auf alles aus dem Leben unserer Eltern. Sie müssen uns nicht alles erzählen. Wir haben ihnen auch nie alles erzählt. Das Leben darf unvollständig bleiben für andere. Beim Ausmisten und entscheiden, was bleibt, was wegmuss, räumen wir vordergründig die Toten weg, aber gleichzeitig sortieren wir uns selbst und unsere eigenen Geschichten neu. Das macht es so heftig, weil wir lernen müssen, uns selbst zu erzählen, auch was wichtig ist und was nicht.

Beraubt der letzten Zeugen der eigenen Kindheit, verabschieden wir uns nicht nur von den Toten, sondern auch von dem Menschen, der wir selbst früher waren. „Du sitzt jetzt erste Reihe fußfrei“, hat mir eine Freundin damals gesagt, und das klang hart, aber gut. Denn das bedeutet auch, dass die eigenen Entscheidungen nun zählen und das Bild von einem selbst, das man hat, nicht das, das ein anderer hatte. Und plötzlich erkennt man, ganz versöhnt, dass selbst dieser Mensch einmal versucht hat, jemand anderem zu entsprechen. Es ist die simple Erkenntnis: Auch die Eltern sind nur Menschen

Die schönsten geerbten Gegenstände habe ich übrigens von Leuten, die sie mir als Nachlass zu Lebzeiten gegeben haben. Wie die uralte Taufpatin, die mir mit Mitte 90 eine Kette meiner Großmutter in die Hand gedrückt hat. Ich hatte damals mein Baby mit, und es war bei dieser Übergabe plötzlich klar, dass wir uns vielleicht nie mehr wiedersehen werden. Es war wieder so ein Moment der Durchlässigkeit – schön, undramatisch, unsentimental. Die einen Dinge enden, die anderen gehen weiter, und dazwischen gibt eine alte Frau, die einmal jung war, einer anderen eine Kette von einer Frau, die diese nur aus Erzählungen kannte.

Vom letzten gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern, der altersbedingt eine etwas holprige Verabschiedung war, brachte ich ein paar alberne Andenken mit. Binnen Wochen zerfielen sie mir. Als mein Vater eine Woche später durch eine schwere Krankheit zu einem kaum wiedererkennbaren Menschen geworden war, hatte ich das Gefühl, er würde mir bleiben, wären die Andenken intakt. Bis mir klar wurde, dass es nicht Dinge sind, die ihn mir bewahren können, sondern nur ich selbst und meine Erinnerung. Die Sinnstiftung im eigenen Kopf.

Die Vergänglichkeit ist ein Hund und „die Sterblichkeit ein Skandal“, wie eine Freundin einst meinte. Aber: Sie ist auch eine Emanzipation. Neue Generationen müssen die Dinge im tatsächlichen und im übertragenen Sinne nicht mehr so handhaben wie die Generation davor. Es sind die schweren Zeiten, die große Fragen aufwerfen, große Entscheidungen aber auch leichter machen. „Wird es mir am Totenbett Sorgen machen?“, frage ich mich seither, um herauszufinden, wie es um die Größenordnung eines Problems tatsächlich bestellt ist. Da bleibt erstaunlich wenig übrig. „Wir sterben alle“ – nicht als Tragödie, sondern als Befreiungsschlag.


Der einzige Weg aus so einer Situation ist mittendurch


Und doch: Ja, Menschen haben Verantwortung ihrer Nachwelt gegenüber. Es soll nicht an der nächsten Generation sein, den Müll rauszubringen. Dinge lassen sich zu Lebzeiten verschenken, vereinbaren. Vorsorgevollmachten abschließen, Erbschaften besprechen, auch wo und wie man begraben werden will. Gespräche kann man führen über die Dinge und ihre Herkunft, auch die eigene. Es sind wilde Gespräche, in denen man übergangslos bei etwas landet, was vorher oft unausgesprochen blieb. Man merkt sie sich lange. Und greift, wenn es so weit ist, mit einem lachenden Auge darauf zurück.

Also ja, Mama, dein Titel kommt auf deinen Grabstein, und was vom Papa übrig ist, werde ich dir nachschütten. Und dann werde ich weitergehen, einen Schritt vor den anderen setzen und versuchen, ich selbst zu sein, und manches davon, was ich dann brauchen werde, werde ich von euch gelernt haben. Aber nein, nicht alles. Ich hab dich lieb.


FOTOS: STOCKSY (2)