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Was ist „Bascule“ wirklich?: „Ein guter Sprung vermittelt, dass das Pferd ökonomisch springt“


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 18.07.2018

Viele Reiter gehen davon aus, dass ein Pferd über dem Sprung den Rücken aufwölbt. Ein Irrglaube. Denn über dem Sprung wird der Pferderücken korrekterweise durchgedrückt. Wie erkennt man aber einen gelungenen Sprungablauf? Und warum wird Bascule häufig so falsch verstanden? Reitmeister Martin Plewa erklärt es bildhaft im Interview.


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Vorbildlich! Chaman unter Ludger Beerbaum zeigt, wie ein Idealsprung aussieht. Der Pferdehals ist weit nach vorne gestreckt, so dass sich das Pferd optimal ausbalancieren kann.


FOTO: S. LAFRENTZ

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Martin Plewa
Der Reitmeister war selbst international ...

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Martin Plewa
Der Reitmeister war selbst international im Vielseitigkeitssattel erfolgreich. Fast 16 Jahre war er als Vielseitigkeitsbundestrainer tätig. Im Anschluss leitete er 14 Jahre lang die Westfälische Reit- und Fahrschule in Münster. Martin Plewa hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland auf allen Leistungsebenen und ist auch als Richter tätig. Seit 2009 ist er außerdem Dozent an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt an der Universität Nürtingen.

Herr Plewa, der Begriff Bascule wird weitverbreitet häufig falsch verstanden. Wie oft müssen Sie Ihren Schülern das erklären?

Ich muss diesen schon ab und zu erklären, weil der Begriff einfach nicht mehr so geläufig ist. Bascule ist dann gegeben, wenn das Pferd am und über dem Sprung und in der Landephase ins Gleichgewicht kommt. Der langgestreckte Hals macht hierbei die Ausgleichsbewegung für den Körper. Für Bascule ist es notwendig, dass das Pferd losgelassen springt. Das Pferd bleibt in Absprung und Landung im Gleichgewicht und kann dabei seinen Hals über dem Sprung weit nach vorne bringen.

Man spricht in Trainingssituationen häufig davon „über den Rücken zu springen“? Wie erklären Sie diese Begrifflichkeit?

„Über den Rücken springen“ heißt, dass das Pferd seinen Rücken voll gebrauchen kann. Es ist eine wichtige Voraussetzung für gutes Springen, dass das Pferd in der Lage ist, seinen ganzen Körper einzusetzen. Im Absprung soll das Pferd die Hinterbeine weit unter den Körper bringen können, wobei sich die Rückenmuskulatur dehnt und der Rücken sich aufwölbt. Hierbei wird es dem Pferd erleichtert, sich mit der Vorhand zu heben. Die gute Rückentätigkeit sorgt dafür, dass das Pferd die Hinterbeine optimal unter den Schwerpunkt bringen kann und diese in Schubkraft umsetzen kann, um den optimalen Sprung zu machen. Die Ausprägung der Bascule ist bei höheren Sprüngen mehr gefordert als bei kleinen Sprüngen.

Was passiert im Pferdekörper beim Springen?

Entscheidend beim Sprung ist es, dass der Reiter dem Pferd erlaubt, den Kopf nach vorne zu bringen, so dass es den Hals dehnen kann. Nur so kann das Pferd die Hinterbeine weit unter den Körper bringen. Unmittelbar vor dem Sprung kommt das Pferd vor dem Abspringen in die Einbeinstütze vorne, wodurch die Kruppe höher kommt als der Widerrist. Der Pferderumpf wird leicht nach unten zwischen die Schulterblätter gedrückt, was der Vorhand das Abschnellen vom Boden ermöglicht. Zwischen diesem Moment und dem Unterspringen der Hinterbeine mit dem unmittelbaren Abdrücken im Absprung liegt ein kurzer Moment der freien Schwebe. In diesen beiden Bewegungsphasen ist es wichtig, dem Pferd zu ermöglichen, seinen Kopf und Hals zu heben und maximale Halsdehnung zuzulassen. Nur so können die Hinterbeine im Absprung ausreichend weit vorfußen. Es besteht ein biomechanischer Zusammenhang zwischen Halsdehnung und Vorbringen der Hinterbeine. Ein Beispiel: Das Pferd, das wegen hoher Geschwindigkeit und des Erreichens einer großen Galoppsprunglänge die Hinterbeine extrem vorbringen muss, ist das Rennpferd; man hat noch nie Rennpferde mit kurzem Hals laufen sehen! Im Beginn der aufsteigenden Flugkurve wird der Pferdekörper nach oben gebracht, der Hals sollte hierzu die Gegenbewegung machen, sich also nach vorne abwärts dehnen. Hierbei werden die Gelenkswinkel in der Hinterhand gestreckt, was zu einer Senkung des Pferderückens führt. Solange die Hinterbeine auch über dem Sprung nach hinten geöffnet bleiben, bleibt die Senkung des Rückens bestehen. Je mehr das Pferd über dem Sprung den Rücken senken kann, desto besser kann es auch die Vorderbeine anwinkeln und den Unterarm nach oben bringen. Dann beginnt die Landephase: Das Pferd landet mit einem Vorderbein zuerst, dann folgt das andere, erst dann kommen die Hinterbeine unter den Körper und es muss den Körperschwerpunkt verändern. Der Hals kommt nach vorne. Es ist wichtig, dass das Pferd den Hals nach vorne strecken kann, um ins Gleichgewicht zu kommen. Deshalb sollte man Pferde, die in der Landung heftig werden, nie mit den Zügeln festhalten. Sie können dann in der Landung kaum ins Gleichgewicht kommen. Optimal ist es nach dem Landen an Überstreichen zu denken.

Warum ist es denn überhaupt wichtig, sich den richtigen Ablauf vorstellen zu können? Hat das Einfluss auf das Reiten?

Wenn ich genau weiß, was sich im Pferdekörper abspielt, kann ich auch gezielte Übungen machen, um die Bascule zu verbessern. Vor allem Ausbilder sollten sich gezielt mit der Biomechanik des Pferdes auseinandersetzen, so können sie sich auch besser auf ihre Schüler einstellen. Sie können zeigen, warum die Dehnung des Halses über dem Sprung so wichtig ist. Häufig ist es für den Reiter auch sinnvoll, das Pferd beim Freispringen zu sehen oder zu filmen und sich den Sprungablauf in Slow-Motion anzuschauen, um eine Idee für den Sprungablauf zu bekommen.

So nicht! Der Reiter hängt hinter der Bewegung. Er rettet sein eigenes Gleichgewicht durch den Zügel. Dem Pferd ist es nicht möglich seinen Hals nach vorne zu strecken, um ihn als Balancierstange nutzen zu können.


FOTO: G. HIGGINS

Wenn die Hinterbeine sich vom Boden abstoßen, sind Kopf und Hals gesenkt. Das löst einen Reflex an der Halsbasis aus, wodurch sich die Beine anwinkeln und die Schulter angehoben wird. Muskeln sorgen für eine Beugung der Ellbogen und Schultern.


Die Vorderbeine sind nun angewinkelt und bringen damit das Gewicht näher zum Schwerpunkt. Nach der Mitte der Parabel heben sich Kopf und Hals wieder und bringen den Schwerpunkt so nach hinten.


Wie fühlt sich das an?

Ein gut springendes Pferd bringt sich selbst in einen hohen Versammlungsgrad und springt quasi bergauf. Das wird vor allem bei höheren Sprüngen deutlich. Im Moment des Absprungs entwickelt es Schubkraft. Die Schubkraft fühlt sich so an, dass das Pferd an die Reiterhand heranzieht. Ich sage auch immer „Schubkraft ist die Kraft, die Anlehnung schafft“. Der Zug am Zügel darf – auch auf ebenem Hufschlag – nicht durch die rückwärts wirkende Reiterhand erfolgen, sondern nur durch die Vorwärtsbewegung des Pferdes im Sinne der Schubkraft. Das gilt auch für die Anlehnung am und über dem Sprung. Durch das Nachgeben über dem Sprung bleibt die Anlehnung leicht und geringfügig erhalten. Der Reiter darf die Zügel nicht wegschmeißen, sondern muss die Dehnung des Halses über dem Sprung zulassen. Ein guter starker Galopp zum Beispiel kann Versammlungsbereitschaft stärken. Bei höheren Sprüngen kommt das Pferd dann gut auf die Hinterhand und kann diese Versammlung in entsprechende Schubkraft über dem Sprung umsetzen.

Pferde, die den Derbywall elegant herabrutschen und spät nach vorne springen, beugen ihr Hüftgelenk stark. Für Martin Plewa das Zeugnis eines durchlässigen und losgelassenen Pferdes.


FOTO: S. LAFRENTZ

Wie sieht ein optimaler Sprung in seiner Idealform aus?

Ein guter Sprung vermittelt den Eindruck, dass das Pferd ganz rationell und ökonomisch springt. Springt das Pferd verkrampft, sind meist auch Vorder- oder Hinterbeine verspannt. Zudem springt das Pferd flüssig, wenn es nicht ins Stocken gerät und optimal in den Absprungbereich geritten wird. Der liegt bei einem 1,20 Meter hohen Sprung etwa 1,20 bis 1,60 Meter vor dem Sprung. Der Landebereich liegt meist mehr als einen halben Meter weiter, damit in der Landephase genügend Platz für das Pferd bleibt, die Hinterbeine unter den Körper zu bringen.

Wie sieht die ideale Flugkurve des Pferdes aus?

Das Pferd springt in einer Flugkurve über den Sprung. Beim Steilsprung liegt der höchste Punkt der Kurve, also der Scheitelpunkt, genau über der Stange des Steilsprungs, beim Oxer genau über der Mitte des Oxers und bei der Triplebarre etwa über der letzten Stange des Sprungs. Ein gut springendes Pferd sollte seine Sprungkurve möglichst optimal dem Hindernisprofil anpassen können, um entsprechend seinem Vermögen den jeweiligen Sprungtyp fehlerfrei überwinden zu können. Bei zu spätem Abspringen kommt es eher zu Vorhand-, bei zu frühem Abspringen eher zu Hinterhandfehlern.

Wie kann man diese Flugkurve beeinflussen?

Indem man zum Beispiel im Training bei Bedarf eine Absprungstange weiter vor einen Sprung legt, um das Pferd mit seinen Schultern und Vorderbeinen quasi „vom Sprung wegzuhalten“. Abwechslungsreicher Aufbau von Gymnastikreihen mit unterschiedlichen Sprungtypen sind ebenfalls sehr wertvoll. Die Vorderfronten der Sprünge sollten anfangs aber freundlich mit erkennbarem „Fuß“ gestaltet werden, um dem Pferd einen fehlerfreien Sprung zu ermöglichen.

Was fällt Ihnen als internationaler Trainer auf, wenn Sie Springreiter im Training beobachten?

Ich sehe, dass Profis im oberen Bereich, früher Fritz Ligges, Otto Becker, Kurt Gravemeier und „Kaiser“ Heinrich-Wilhelm Johannsmann oder Marcus Ehning, die ich oft im Training beobachten konnte, sehr darauf fixiert sind, ihre dressurmäßige Arbeit auszubauen. Die Hauptzeit im Training verbringen die Reiter zum Beispiel damit, Galoppsprünge zu verkürzen, die Dehnung und Haltung sowie den Raumgriff in allen Gangarten im Rhythmus zu verbessern. Im Mittelbau oder unteren Bereich der Reiter wird diese dressurmäßige Arbeit stark vernachlässigt.

Wie gelingt dies am besten?

Die wichtigste Übung ist „Zügel aus der Hand kauen zu lassen“. Das ist meiner Meinung nach in allen Grundgangarten die beste Übung, um Bascule zu verbessern. Ich hatte das große Glück in meiner Ausbildungszeit mit Lehrmeistern wie Hans-Heinrich Brinkmann, Paul Stecken oder Max Habel zu arbeiten. Da begann und endete jede Reitstunde mit dem „Zügel aus der Hand kauen lassen“.

Die Hinterbeine werden angewinkelt und die Vorderbeine strecken sich für die Landung. Der lange Rückenmuskel hebt den Rücken, während die Kruppenmuskulatur Hüfte, Knie und Sprunggelenk beugen. Das zuerst landende Bein schluckt den größten Teil des Aufpralls.


FOTOS: G. HIGGINS

BUCHTIPP

Bewegungsabläufe sichtbar gemacht, Kosmos-Verlag, 160 Seiten, 29,90 Euro. Vielseitigkeitsreiterin und Physiotherapeutin Gillian Higgins zeigt mit unterschiedlichen Bodypaintings auf Pferden, wie die Anatomie des Pferdes funktioniert.shop.reiteronline.com

Wie kann man Bascule denn noch trainieren?

Die Voraussetzung für das Springen ist ein gut gelöstes Pferd, das die Sprünge gut im Gleichgewicht nimmt und rhythmisch zum Sprung kommt. Das kann man durch enge Distanzen trainieren oder die Hinterhand mit Unterteilen näher zum Sprung führen. Ich kann auch kleine Oxerreihen mit drei bis sechs Sprüngen rhythmisch überwinden. Der Hindernisabstand der Sprünge sollte nicht größer als sechs Meter sein. Voraussetzung ist immer ein losgelassenes Pferd.

Auch die Arbeit im Gelände ist positiv. Leichtes Bergauf- und Bergabreiten ist förderlich und das Beste für den Rücken. Im Bergaufreiten zulegen, im Bergab vermehrt versammeln. Das kann ich locker einmal pro Woche – auch im Galopp – machen.

Ist Bascule auch vererbbar?

Auf jeden Fall! Es gibt talentierte Pferde, die von vornherein einen besseren Sprungablauf produzieren. Es gibt natürlich auch Top-Pferde, die wenig Bascule zeigen. Schön finde ich immer, wenn solche Pferde in gute Hände kommen und dann im Reiten gefördert werden. Meredith Michaels-Beerbaum ist ein gutes Beispiel, die ihren Pferden immer sehr viele Möglichkeiten lässt, sich über dem Sprung zu entwickeln. (Anm.d.Red.: Top-Pferd Shutterfly zeigte wenig Bascule)

Was ärgert Sie, wenn Sie den Blick auf heutige Spring-Abreiteplätze werfen?

Gerade die vorbereitende Arbeit im unteren und mittleren Leistungsbereich ist oft nicht gut beziehungsweise wenig systematisch. Auf durchlässige Übergänge und korrektes Reiten von Paraden wird oft zu wenig Wert gelegt.

Viele Reiter, die ländlich M und S reiten, lösen ihre Pferde nicht genug. Wenn ich beim Abreiten nur hohe Sprünge mache, habe ich etwas falsch gemacht. Es genügen in der Regel ein bis zwei hohe Sprünge auf dem Abreiteplatz für ein losgelassenes Pferd. Ich mache häufig auch Turnieraufsicht. Bei den Top-Springreitern, vor allem den Deutschen, hat sich das Abreiten sehr positiv entwickelt. Da sollten sich viele Amateurreiter mal an den Abreiteplatz stellen und einfach zusehen.

Was ist Ihr genereller Zukunftswunsch für die Springausbildung?

Dass man im Bereich der Ausbildung zunehmend Wert darauf legt, ohne Hilfszügel und scharfe Gebisse auszukommen. Viele Reiter holen sich vorschnell Hilfsmittel. Dabei sollte man auch zu Hause ohne so etwas auskommen. Das finde ich eine ganz schreckliche Entwicklung, dass man in den unteren Klassen Pelham und Drei-Ring-Gebisse sieht. Viele Reiter denken, wenn das Pferd heftig wird, muss ein anderes Gebiss her. Richtig ist, Probleme durch bessere Ausbildung zu lösen.