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Was ist normal?


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 04.11.2022
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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 12/2022

Auf einen Blick: Die Natur der Leiden

1Seelische Störungen nehmen zu, was die Fallzahlen als auch was die Diagnosen angeht. Zu den Gründen zählen sinkende Stigmatisierung von Betroffenen und ein wachsendes Problembewusstsein.

2Anders als viele körperliche Erkrankungen bilden psychische Störungen keine klar zu trennenden Syndrome. Sie lassen sich kaum an somatischen Messwerten oder Biomarkern festmachen.

3Laut Fachleuten sind psychiatrische Diagnosen keine festen, naturgegebenen Kategorien, sondern Hilfsmittel, die eine angemessene Behandlung ermöglichen sollen.

Jeder achte Mensch war nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2019 von einer psychischen Störung betroffen. In Summe rund eine Milliarde. Am weitesten verbreitet sind Ängste und Depressionen; die Zahl der Betroffenen stieg laut Experten hier zu Lande im Zuge der Covid-Pandemie um gut ein Viertel. Die Deutsche Gesellschaft für ...

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... Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) geht davon aus, dass aktuell mehr als jeder Vierte an einer solchen Störung leidet. Das sind knapp 18 Millionen Bundesbürger.

Die Krankheitsfälle auf Grund seelischer Leiden nahmen allerdings schon vor Corona zu, was Fachleute vor allem auf eine nachlassende Stigmatisierung zurückführen. So werden nicht unbedingt immer mehr Menschen psychisch krank, Betroffene erkennen ihr Leiden jedoch eher, suchen bereitwilliger einen Behandler auf und lassen sich krankschreiben. Auch Fragen der Vorbeugung und der psychischen Widerstandskraft, Resilienz genannt, werden in der Gesellschaft heute weithin diskutiert.

Doch was genau ist überhaupt eine psychische Krankheit? Die Liste der möglichen Diagnosen jedenfalls ist lang. Gut 200 verschiedene Störungen der Seele führt das ICD-11 auf, die derzeit gültige Fassung der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten. Darunter sind neben der großen Gruppe der affektiven Störungen wie Phobien, bipolare oder posttraumatische Erkrankungen auch Zwänge, verhaltens- sowie substanzgebundene Süchte, Essstörungen, Impuls- und Aufmerksamkeitsdefizite, eine Bandbreite an Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus, Psycho- und Soziopathie bis hin zur Schizophrenie.

Allerdings ist längst nicht jeder, der mit sich hadert oder den Stress, Sorgen und Selbstzweifel beuteln, deshalb gleich krank. Die Schwere des Leidens und damit der Grad der Beeinträchtigung im Alltag spielt eine zentrale Rolle. Hierbei wird die Grenze zwischen hysterischem Elend und gemeinem Unglück, wie Sigmund Freud es einmal ausdrückte, von Experten immer wieder neu und durchaus unterschiedlich gezogen.

UNSER AUTOR

Merlin Wassermannstudierte Politikwissenschaft und Geschichte an der Ludwig-Maximillians-Universität München und hat sich als Journalist auf medizinhistorische Themen spezialisiert.

Mediziner, Psychologen, Philosophen und Sozialwissenschaftler haben im Lauf der Zeit viele verschiedene Theorien dazu entwickelt, wie sich krankheitswertige Leiden am besten beschreiben und erklären lassen. Doch keine davon war auf Dauer konsensfähig. Andererseits hängt durchaus eine Menge davon ab: Was ist etwa von der eingangs erwähnten WHO-Schätzung von weltweit einer Milliarde psychisch Gestörten zu halten, wenn unklar ist, wer genau darunterfällt?

Eine alleinige Erklärung gibt es nie

Zudem beeinflusst das Verständnis psychischer Störungen, wie diese behandelt und erforscht werden. Sind Medikamente oder Psychotherapie die Methode der Wahl, Hirnstimulation oder Achtsamkeitsmeditation? Und nicht zuletzt wird das Selbstverständnis derer, die eine Diagnose erhalten oder eine Erklärung für ihr Leiden suchen, davon mitgeprägt: Liegt die Ursache der Malaise eher in der Person selbst, etwa darin, wie sie mit Belastungen umgeht oder sind äußere Einflüsse wie Missbrauchserfahrungen oder Verluste dafür verantwortlich? Fußt sie auf einer genetischen Disposition oder ist es eine Frage der persönlichen Haltung?

Das Problem: All die inneren und äußeren, teils veränderlichen, teils stärker festgeschriebenen Faktoren wirken zugleich und müssen von Fall zu Fall, von Störung zu Störung unterschiedlich gewichtet werden. Eine alleinige Erklärung für seelischen Leiden gibt es daher nie.

Dennoch sind seit geraumer Zeit neurobiologische Erklärungsansätze besonders populär. Ihnen zufolge beruht beispielsweise eine Depression auf dem Mangel oder Ungleichgewicht bestimmter Hirnbotenstoffe. In vielen Medien und Online-Kanälen wird etwa der Neurotransmitter Serotonin als »Glückshormon« tituliert – was sogar Eingang in die Populärkultur fand. Die norwegische Popsängerin Marie Ringheim attestierte ihrem lyrischen Ich in einem Song »I’m running low on serotonin, chemical imbalance got me twisting things.« (Zu Deutsch: Mein Serotoninpegel ist so niedrig, dass mir die Welt verdreht erscheint.) Und Sheldon Cooper, der Computernerd aus der Serie »Big Bang Theory«, antwortet in einer Folge auf die Frage, seit wann er spazieren gehe: »Ich habe gelesen, dass ein Spaziergang nach dem Essen mein Serotonin pusht.« Auch Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln werben gern damit, ihre Produkte könnten das Gehirn »boostern« und so die Seele ins Lot bringen.

Die Sache hat nur einen Haken: Die Annahme, Serotoninmangel mache depressiv und müsse behoben werden, ist falsch – oder zumindest nur ein kleiner Teil der Geschichte. Die Wissenschaftshistorikerin Anne Harrington von der Harvard University beschreibt in ihrem Buch »Mind Fixers«, wie Tierversuche des Pharmakologen Bernard Brodie (1901–1989) einst nahelegten, ein Defizit des Botenstoffs sei für Phänomene verantwortlich, die einer Depression ähnelten: Bei künstlich erzeugtem Serotoninmangel (ausgelöst durch die Gabe des Beruhigungsmittels Reserpin) wirkten Hasen apathisch und zeigten kaum Appetit. Verabreichte man ihnen jedoch im Voraus ein Antidepressivum, blieben die Serotoninwerte hoch und die Hasen verhielten sich normal.

Später erforschte der Pharmakologe Julius Axelrod (1912–1970) die Wiederaufnahme von Katecholaminen an den Synapsen im Gehirn (siehe »Kurz erklärt«). Für seine Entdeckungen wurde er 1970 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geehrt. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass man in den 1970er und 1980er Jahren Medikamente vom Typ der selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer (englisch: selective serotonin reuptake inhibitors oder SSRI) entwickeln konnte. Sie hemmen die Resorption von diversen chemischen Botenstoffen aus dem synaptischen Spalt, so dass größere Mengen der Substanzen an den Nervenzellen aktiv bleiben. Das erleichterte die Signalweiterleitung.

Zweifel an der Serotonin-Hypothese

Als wichtigstes Zielmolekül galt anfangs Noradrenalin, später dann Serotonin. Eines der bekanntesten Präparate ist Prozac (Wirkstoff: Flouxetin) der US-amerikanischen Pharmafirma Eli Lilly. SSRI zählen bis heute zu den gängigsten Antidepressiva und werden vielfach bereits bei milden Verstimmungen verschrieben.

Wissenschaftler zweifeln inzwischen jedoch an ihrer Wirksamkeit (siehe »Die Mär vom Glückshormon«, Gehirn&Geist 1/2021, S. 58). So sprechen viele Patienten, vor allem solche mit schwächer ausgeprägten Symptomen, kaum oder gar nicht darauf an. Laut Metastudien wirkt Psychotherapie kurzfristig oft besser und mit geringerer Rückfallquote, wie eine Arbeitsgruppe um den britischen Psychiater Zac Imel von der University of Wisconsin-Madison 2008 berichtete.

Außerdem ist es ein populärer Mythos, eine Verknappung des Serotonins im Gehirn löse automatisch depressive Symptome aus, wie Annette Rößler in einem Beitrag in der »Pharmazeutischen Zeitung« von 2022 erklärt. Der Psychiater Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Depressionshilfe, zieht ein ernüchterndes Fazit: »Ich kenne keinen Kollegen, den die Serotonin-Theorie überzeugt.«

Das heißt allerdings nicht, dass Antidepressiva vollkommen nutzlos wären. Vor allem bei schwerer Depression kann die Einnahme helfen. Weshalb und bei wem sie anschlägt, ist allerdings unklar. Neuere Befunde, etwa einer Arbeitsgruppe um Liu Bangshan vom National Technology Institute of Psychiatry in Schanghai (China), sprechen dafür, dass sie die Neuroplastizität des Gehirns verbessern – also den Aufbau synaptischer Verbindungen erleichtern.

Das könnte erklären, warum die Wirkung meist erst nach Wochen einsetzt; viel später, als an sich zu erwarten wäre. Da die Mittel den Serotoninvorrat an den Synapsen recht unmittelbar erhöhen und so die Kommunikation der Nervenzellen erleichtern, sollte eine Besserung eigentlich sofort eintreten. Doch offenbar ist ein längerfristiger neuronalen Umbau erforderlich, um die Symptome, wenn überhaupt, zu lindern.

Die Serotonin-Hypothese ist das wohl bekannteste Beispiel für eine neurobiologische Erklärung psychischer Krankheiten. Dabei definiert man seelisches Leid analog zu somatischen Krankheiten als Folge einer physiologischen, objektiv messbaren Fehlfunktion. Das Problem an dieser Sichtweise ist, dass seelische Diagnosen nur symptomatisch gestellt werden.DieDepression gibt es folglich nicht. Vielmehr handelt es sich um einen Sammelbegriff für viele verschiedene Problemlagen, die sich nur auf ähnliche Weise äußern. Manche davon haben womöglich mit dem Botenstoffhaushalt im Gehirn zu tun (entweder ursächlich oder in Folge der Erkrankung), andere dürften stärker in negativen Denkmustern oder ungünstigen Lebensumständen wurzeln, ohne dass sich das im Transmitterhaushalt niederschlägt. Dieser fällt individuell so unterschiedlich aus, dass sich keine klare Verbindung zwischen einzelnen Botenstoffpegeln und dem psychischen Befinden ziehen lässt.

KURZ ERKLÄRT:

DYSFUNCTION VERSUS DISABILITY

Lange stand bei der Betrachtung psychischer Erkrankungen die Dysfunktion der Betroffenen im Fokus, etwa ihre sozialen, kognitiven oder emotionalen Einschränkungen. Heute werden vermehrt auch Behinderungen (englisch: disability) seitens der Umwelt wie unangemessene Arbeitsbedingungen beachtet.

KATECHOLAMINE

Zu dieser für die Hirnfunktion wichtigen Stoffgruppe zählt eine Reihe von Neurotransmittern wie Noradrenalin und Serotonin.

KOMORBIDITÄT

Viele Menschen mit psychischen Störungen leiden nicht an einer einzelnen, klar abgrenzbaren Erkrankung, sondern zeigen multiple Problemlagen und Mischformen, wie zum Beispiel Ängste gepaart mit depressiver Verstimmung. Solche Komorbiditäten lassen sich besser dimensional beschreiben als vermeintlich festen Krankheitsbildern zuordnen.

Verbrauchter »Nervenstoff«?

Die Idee, psychische Störungen seien eigentlich Hirnstörungen, ist alt. Bereits 1869 spekulierte der US-amerikanische Mediziner George M. Beard (1839–1883) darüber, der Stress des modernen Lebens zehre den zerebralen »Nervenstoff« schneller auf, als dieser vom Körper produziert werden könne. Damit wollte er die damals verbreitete Modediagnose »Neurasthenie« erklären: eine Mischung aus nervöser Unruhe, Überreiztheit und Erschöpfung, nicht unähnlich dem heutigen Burnout. Empirisch untermauern konnte Beard seine Hypothese allerdings nicht.

Andere Forscher suchten nach Giften oder Krankheitserregern, die das Hirn psychisch gestörter Menschen heimsuchten. Als Robert Koch und Louis Pasteur Ende des 19. Jahrhunderts die Rolle von Mikroorganismen bei der Entstehung von Tuberkulose und anderen Krankheiten erkannten, lag es nahe, auch psychische Leiden auf einen Befall mit Mikroben zurückzuführen. Mit Ausnahme der Syphilis, die im Endstadium namens Neurosyphilis zu fortschreitenden Lähmung und Wahnvorstellungen führt, war dieser Ansatz jedoch ebenso wenig erfolgreich.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert herrschte dann die psychoanalytische Sicht auf psychische Krankheiten vor. Demnach seien unbewusste Konflikte, teils ausgelöst durch übermäßig strenge Erziehungspraktiken oder Missbrauch, für seelische Notlagen verantwortlich. Dagegen formierten sich in den 1970er Jahren Gruppen wie Parents of Adult Schizophrenics oder die National Alliance on Mental Health, welche etwa die Mütter schizophrener oder autistischer Kinder entstigmatisieren wollten. Sie favorisierten ganz bewusst biologische Ursachen, weil die Betroffenen und ihre Angehörigen dann nicht selbst für das Leiden verantwortlich erscheinen. Außerdem entsprach das biologistische Denken dem Wunsch nach objektiven Kriterien. Wenn etwas »im Gehirn schiefläuft«, kann es sich ja nicht um bloße Einbildung oder das Resultat verdrängter Konflikte handeln.

Trotz jahrzehntelanger Forschung gibt es bis heute jedoch kaum brauchbare Biomarker für Störungen der Seele (siehe Kasten »Die Hoffnung der Biopsychiatrie«).

Kein Bluttest, kein Genprofil und kein bildgebendes Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) geben eindeutig darüber Aufschluss, ob der untersuchte Mensch an dieser oder jener mentalen Störung leidet oder ob überhaupt ein krankheitswertiges Leiden vorliegt. Zwar gibt es gewisse statistische Häufungen, eine halbwegs sichere Diagnose im Einzelfall erlauben sie aber nicht.

Die Hoffnung der Biopsychiatrie

Schon der Mediziner Sigmund Freud (1856–1939), Begründer der Psychoanalyse, glaubte, dass sich psychische Störungen dereinst anhand von verbesserten neurobiologischen Methoden als Hirnsyndrome würden beschreiben lassen. Doch der Traum von einer neurobiologischen Fundierung der Psychiatrie blieb bis heute unerfüllt.

Zwar gibt es durchaus einige somatische Marker, ablesbar etwa am Hirnstoffwechsel oder in neuronalen Aktivitätsmustern, die statistisch mit psychischen Auffälligkeiten assoziiert sind. In manchen Fällen wie etwa bei der Schizophrenie kennt man inzwischen auch zahlreiche Risikogene, die am Krankheitsgeschehen beteiligt sind. Eine verlässliche Diagnose im Einzelfall erlauben diese Parameter allerdings nicht.

Die Hoffnung der Forscher liegt vor allem darauf, mit Hilfe neurobiologischer Messwerte trennschärfere Patientengruppen und individuell zugeschnittene Therapien zu ermöglichen. Das Hauptproblem dabei ist, dass die Diagnosen nach wie vor rein symptomatisch gestellt werden: Menschen mit ähnlichen Kennzeichen im Erleben und Befinden fallen so in die gleiche Kategorie wie etwa »Depression«, unabhängig davon, ob bei ihnen wirklich dieselben Störungen vorliegen.

Stattdessen fragen Therapeuten und Psychiater wie eh und je Symptome ab und bewerten diese anhand von Checklisten, die in Handbüchern wie dem »Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM) der amerikanischen Psychiatervereinigung oder dem ICD niedergelegt sind. Dabei werden verschiedene Auffälligkeiten – etwa Antriebslosigkeit, Suizidgedanken oder Schlafprobleme – erhoben und je nach Schwere und Dauer zur Diagnose herangezogen. Dieses Vorgehen lässt nicht nur einigen Interpretationsspielraum. Es macht auch keinerlei Aussage darüber, worauf die jeweilige Störung zurückzuführen ist, also über die Ätiologie.

Das wiederum hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Kriterienkataloge erhöhen einerseits die Reliabilität, lassen also verschiedene Therapeuten mit größerer Wahrscheinlichkeit zu der gleichen Diagnose gelangen.

Umgekehrt gerät dabei aber die Validität – also, ob die Symptome tatsächlich eine bestimmte Krankheit anzeigen – ins Hintertreffen. Diagnosen können auf unterschiedliche Weise zu Stande kommen, wodurch Patienten unter Umständen das gleiche Störungsbild zugewiesen wird, obwohl sie kaum ein relevantes Krankheitszeichen gemeinsam haben. Das stellt die Aussagekraft der Diagnosen in Frage, und die Auswahl zumindest mancher Symptome erscheint beliebig. Der Versuch, mittels Gentests oder Hirnscans eine bessere Einteilung zu finden, war bislang freilich kaum erfolgreich.

Dimensionen statt Schubladen

Viele Psychiater bevorzugen inzwischen eine dimensionale Einteilung ohne die vermeintlich festen Schubladen einzelner Störungsbilder (siehe »Wir brauchen eine neue Ordnung für psychische Störungen«, Gehirn&Geist 2/2022, S. 62): Sie beschreiben einfach verschiedene Grade der Beeinträchtigung, ohne dass diese zwangsläufig eine spezifische Störung ergeben. Es geht also nicht darum, ob der Betreffende unter einer bestimmten Form von Depression leidet, sondern wie und zu welchem Grad er in seinem Befinden, seinen sozialen Interaktionen oder seinem Alltag eingeschränkt ist. Das wird den vielen Komorbiditäten besser gerecht – also der Tatsache, dass Patienten oft mit mehreren Problemen gleichzeitig kämpfen (siehe »Kurz erklärt«).

Der Psychiater und Medizinethiker John Sadler vom UT Southwestern Medical Center in Dallas verweist darüber hinaus auf die Rolle gesellschaftlicher Werte bei der Definition von Krankheit. Das prägnanteste Beispiel ist die Homosexualität, die noch bis 1973 im DSM und sogar bis 1990 laut ICD als psychische Störung galt. Erst die Schwulenrechtsbewegung führte zur Entstigmatisierung dieser sexuellen Orientierung. Heute gibt es ebenso Bestrebungen, milde Ausprägungen des Autismus-Spektrums nicht als Krankheit, sondern als normale menschliche Variation zu bewerten.

Dieser Perspektivenwechsel verschiebt den Fokus von Dysfunktion zur Disability (zu deutsch: Behinderung). Letzterer Begriff rückt die äußeren Gegebenheiten, den Kontext, in dem die Betroffenen leben, stärker in den Blick. So kann ein Rollstuhlfahrer als dysfunktional in Sachen Bewegungsvermögen gelten – oder aber als in seiner Fortbewegung behindert, etwa durch fehlende Rampen. Doch sicher lässt sich das nicht auf alle seelischen Krankheiten übertragen.

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Laut Anne Harrington sind psychiatrische Diagnosen stets in einen kulturellen und geschichtlichen Kontext eingebettet. Solche Faktoren führten etwa dazu, dass die Neurasthenie in westlichen Ländern heute nahezu verschwunden ist. In China und Japan hingegen wird die Diagnose weiterhin oft vergeben, meist an Stelle der Depression, die mit einem starken Stigma belegt ist. Auf die verwegene Idee eines »Nervenstoffs« beruft sich allerdings auch in Asien niemand mehr.

Das so genannte Hikikomori wiederum ist eine fast ausschließlich auf Japan beschränkte Störung. Hikikomori beschreibt das Verhalten meist junger Männer, die teils über Wochen und Monate nicht das Zimmer oder die eigene Wohnung verlassen und Sozialkontakte meiden. Laut Studien ist von fast einer Million Patienten auszugehen. Dagegen sind von Essstörungen wie der Bulimie vor allem westliche junge Frauen betroffen.

Einheit von Körper, Psyche und Umwelt

Liegt der Schlüssel zum Verständnis psychischer Leiden also weniger im Körper selbst als in der Umwelt? Thomas Fuchs, Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie in Heidelberg, hält die biologische Sicht auf geistige Krankheiten für unbefriedigend. »Psychische Krankheit ist nichts, was in einem Menschen zu finden ist.« Stattdessen sei die Interaktion zwischen Körper, Psyche und sozialer Umwelt entscheidend. Daher lasse sich die Wurzel des Übels nicht durch Stoffwechselanalysen oder Hirnscans allein abbilden. So mag eine Depression zwar von bestimmten Hirnprozessen begleitet sein, sie erschöpfe sich aber nicht darin.

Hikikomori betrachtet Fuchs als ein Phänomen, das auf den in Japan stark formalisierten Umgangsformen und dem sozialen Druck beruht. Der in postindustriellen Gesellschaften omnipräsente Drang zur Selbstoptimierung und die Beschleunigung des Lebens fördere zudem Depressionen und Erschöpfungszustände wie den Burnout. Nur wenn man biologische Faktoren, subjektives Erleben und soziale Konstellationen zugleich berücksichtigt, kann man der vielfältigen Natur seelischer Krankheiten gerecht werden, argumentiert Fuchs.

Ähnlich sieht es eine Gruppe von Public-Health-Forschern, die 2012 ein Diskussionspapier der WHO formulierte. Zu den Hauptfaktoren für die mentale Gesundheit zählen demnach neben physischer und ökonomischer Sicherheit auch eine gesunde Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Toleranz und Integration. Wie die Gesellschaft eingerichtet ist, beeinflusse die Verbreitung von Seelenleiden.

Wege aus der Not

Erscheint ihnen das Leben oft sinnlos, Ihre Not ohne Ausweg? Dann wenden Sie sich an Anlaufstellen, die Menschen in Krisensituationen helfen können: Ärzte, Psychotherapeuten oder Psychiater oder die Notdienste von Kliniken. Kontakte vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst unter Telefon: 116117. Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter 0800 1110111 und 0800 1110222 sowie per E-Mail und im Chat unter. Kinder und Jugendliche finden auch Hilfe unter der Nummer 0800 1110333.

Die meisten psychischen Störungen bilden ein Spektrum an Erscheinungsformen, die durch ein Wechselspiel vieler Faktoren bedingt sind. Deren Ursachen decken die klassischen Diagnosekategorien oft unzureichend ab. Was also ist »normal«? Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Ein vollständiges Bild muss biologische und soziale, individuelle und gesellschaftliche Einflüsse ebenso berücksichtigen wie die Erkenntnis, dass es sich bei psychischen Störungen um extreme Ausprägungen eines weiten Spektrums handelt, nicht um klar voneinander abgrenzbare Krankheiten.

Zudem kann sich im Lauf der Zeit ein neues Normal herausbilden und das, was vormals als Störung galt, zu einer akzeptablen Variante menschlichen Verhaltens werden. Dies soll das Leiden der Betroffenen keineswegs relativieren. Allerdings beschreiben Diagnosen weniger naturgegebene Phänomene als vielmehr zweckdienliche Übereinkünfte – das sollte man nicht vergessen, wenn man wieder einmal vor der Frage steht: »Ist das noch normal?« H

QUELLEN

Harrington, A.: Mind fixers. Psychiatry’s troubled search for the biology of mental illness.Norton2019

Imel, Z. et al.: A meta-analysis of psychotherapy and medication in unipolar depression and dysthymia.JournalofAffectiveDisorders110,2008

Schwartz, P. Y.: Why is neurasthenia important in asian cultures?WesternJournalofMedicine176,2002

Teo, A. R.: A new form of social withdrawl in Japan: A review of Hikikomori.InternationalJournalofSocialPsychiatry56,2016

Tucci, V., Nidal, M.: We are the hollow men: The worldwide epidemic of mental illness, psychiatric and behavioral emergencies, and its impact on patients and providers.JournalofEmergencies,Trauma,andShock10,2017

Dieser Artikel im Internet:www.spektrum.de/artikel/2061924