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WAS KÜNSTLER DENKEN


Hohe Luft kompakt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.05.2019

Was bewegt Künstler heute? Wie sehen sie unsere Welt? In Kooperation mit dem Münchner Galeristen Wolfgang Häusler, Mitbegründer des Philosophicums Lech, treten wir in einen philosophischen Dialog mit bekannten Künstlern unserer Zeit.


Artikelbild für den Artikel "WAS KÜNSTLER DENKEN" aus der Ausgabe 1/2019 von Hohe Luft kompakt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hohe Luft kompakt, Ausgabe 1/2019

Marc Gumpinger, Weltraum 3, Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm


»ICH FINDE DAS SPANNEND: DIE DIGITALISIERUNG IN GEMÄLDE ZU MATERIALISIEREN«

Marc Gumpinger ist nicht nur Künstler, sondern auch Software-Programmierer und Humanbiologe – und somit der beste Gesprächspartner, wenn es um die Frage geht: Wie viel Informationstechnologie kann in der Kunst erlaubt sein? Oder: Ist Kunst ...

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... überhaupt noch Kunst, wenn Algorithmen mit am Werk waren?

MARC GUMPINGER kommt in Jeans und T-Shirt zum Interview. Langweilig? Der Schein trügt. Sobald der Typ anfängt zu reden, spürt man eine fast kindliche Begeisterung, die sich ganz sicher nicht nur aus Nullen und Einsen speist. Für Gumpinger stehen Technologie und Kreativität nicht im Widerspruch, sondern ergänzen einander. Schon in der frühen Renaissance nutzten Künstler optische Linsen, um Motive auf die Leinwand zu projizieren. Gumpinger seinerseits nutzt die Technologie von 3-D-Softwares und entsprechender Algorithmen, um die Anmutung des Figurativen zu schaffen – einen Astronauten, einen Gebirgszug – und malt mit Ölfarbe darüber. Seine künstlerische Vision besteht darin, zeitgemäße Werke zu kreieren, die den Betrachter in ihren Bann ziehen; Bilder, deren ambivalente Emotionalität verwirrt, indem sie eine Art Mystik – ein zeitgemäßes »Erhabenes « – transportieren. Dieser Effekt des Sublimen entsteht auch dadurch, dass Gumpingers glänzende Oberflächen auf das verweisen, was dahintersteht. Wünsche, Ängste, Sehnsüchte. Was auch immer wir in einen Gumpinger hineininterpretieren – es sind die Reflexionen unserer eigenen Gedanken und Gefühle.

HOHE LUFT: Was ist Kunst?
MARC GUMPINGER: Für mich persönlich bedeutet Kunst: die Arbeiten, mit denen man gern leben würde. Das sind damit für mich Gegenstände, die einen so ansprechen und bewegen, dass sie einem fehlen würden, wenn sie nicht mehr da wären.

Das heißt, die Kunst braucht den, der von ihr ergriffen wird?
Ja, genau. Für mich ist das Ergriffenwerden ein zutiefst menschlicher Zug. »Kunst« ist einer der Bereiche, der uns dieses Gefühl verschaffen kann. Es stellt damit auch den Menschen in das Zentrum und nicht das Objekt. Die Kunst entsteht da, wo das Objekt bei Menschen etwas auslöst.

Es gibt für Sie also schon ein klar abgegrenztes Genre Kunst?
Auf jeden Fall, denn sonst übernimmt ja die Beliebigkeit. Wenn alles Kunst ist, dann ist gleichzeitig auch nichts Kunst. Die Frage ist eher: Wer bestimmt, was Kunst ist? Für mich ist es nicht entscheidend, mich selbst als Künstler zu bezeichnen. Zur Kunst werden meine Arbeiten, wenn ich sehe, wie ergriffen die Betrachter von den Arbeiten und dem Entstehungsprozess sind. Gerade zeitgenössische Kunst jedoch braucht für mich neben dem Ergreifenden einen entscheidenden Aspekt, um überhaupt das Potenzial zu haben, als solche gesehen zu werden: Sie muss neu sein und eine gesellschaftliche Relevanz haben.

Unsere Zeit ist geprägt vom technologischen Wandel. Die Digitalisierung wird zum Alltag. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Technologie war immer schon ein gesellschaftlicher Treiber. Das geht über unglaublich viele Stationen von der Bändigung des Feuers bis zur industriellen und nun zur digitalen Revolution. Nehmen Sie beispielsweise die Reformation. Martin Luther war bei Weitem nicht der Erste, der diese Gedanken formuliert hat. Er konnte sie aber schneller verbreiten, da er sich modernster Werkzeuge wie den neuen Druck- systemen bedienen konnte, um seine Forderungen einer kritischen Masse zugänglich zu machen, die groß genug war, eine weitreichende Bewegung auszulösen. Letztendlich werden ja ganze Epochen nach der Art der Werkzeuge benannt. Von der Steinzeit bis zum Informationszeitalter. Umso verwunderlicher finde ich es, wie wenig unsere heutigen Technologien und Werkzeuge in der zeitgenössischen Kunst genutzt werden. Schon die Alten Meister haben sich der damals modernsten Technologie bedient. Van Eyck, Holbein oder Caravaggio haben Teile ihrer Motive mithilfe von Linsen auf die Leinwand projiziert, Vermeer nutzte dazu eineCamera obscura . Und so nutze auch ich für meine Gemälde alle Werkzeuge, die heute zur Verfügung stehen. Dies besonders zur Motiverstellung, bei der ich von Algorithmen über 3-D-Software bis hin zu Simulationsumgebungen alles einsetze, was Hightech hergibt. Nur das Malmedium bleibt klassisch: die Ölfarbe.

Die Technologie prägt also auch eine ganz bestimmte Wahrnehmung der Welt – was ist Schein, was ist Sein?
Durch den Einsatz von Visual-Effects-Software ist es kaum mehr möglich, in Film, Werbung oder sozialen Medien zu unterscheiden, was echt und was falsch ist. Und genau das ist auch eines der Themen meiner Arbeiten. Deshalb sind die meisten meiner Bilder auch erst einmal figurativ: Der Betrachter erkennt etwas, einen Astronauten, einen Berg, eine Netzstruktur. Aber tatsächlich gibt es das alles nicht in der realen Welt, alle Motive erschaffe ich im Computer. Und das wirft die Frage auf: Ist der Berg, den ich rein algorithmisch erschaffen habe, deshalb echt oder nicht? Und auch wenn er nicht aus Stein oder Eis existiert, so gibt es ihn doch auf der Leinwand. Ich will keine Antwort geben auf die Frage, was ist echt und was nicht. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, was zurzeit passiert. Deshalb mache ich diese Bilder so, weil sich jeder davorstellen und etwas anderes darin erkennen kann. Nicht, weil es so abstrakt ist, sondern gerade weil es so figurativ ist.

Man kann sich »davorstellen«, sagen Sie. Vor was? Es ist sicher etwas anders, Ihre Werke als konkrete Ölgemälde zu sehen, als sie auf dem Screen, dem Computer zu betrachten. Wenn man es nicht weiß und sie auf dem Screen sieht, könnte man denken: Das ist eine Computersimulation eines Ölgemäldes. Ist dieser unterschiedliche Seh-Effekt auch mit einkalkuliert?
Ja, auf jeden Fall. Ich finde das spannend: die Digitalisierung in Gemälde zu materialisieren. Denn letztendlich sind wir Menschen bei allem Digitalen noch immer die höchste Schöpfungsmaterie. Und die für mich schönste Form der visuellen Materialisierung ist die Ölfarbe. Nur sie gibt dem an sich flachen Bild diese Oberflächendimension, die inhaltliche Tiefe einleitet. Das kann kein Bildschirm.

Die Vorlage für Ihre Bilder basiert auf Software. Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie derjenige sind, der das Bild dann auch tatsächlich abschließend selbst malt?
Die Motive erstelle ich in einem Dialog mit Softwaresystemen. Aus meinem Hintergrund heraus würde ich sagen, dass Hightech für mich praktisch eine native Sprache ist. Die Bilder schließlich selbst zu malen, ist für mich der ultimative Ausdruck des Menschlichen. Der Mensch startet den Dialog, und der Mensch ist letztendlich Chef der Aussage. Mir geht es um die Brücke zwischen den Möglichkeiten neuer Hightech-Werkzeuge und einer menschlichen Ästhetik. Die Malerei in Öl ist für mich die beste Ausdrucksform dafür.

Hat das auch etwas mit Authentizität zu tun, wenn Sie sagen: Ich bin der Chef? Ich bin der, der es fertig macht, nicht die Maschine?
Ja, denn die digitalen Werkzeuge sind letztendlich nur Ausführungsgehilfen. Auch wenn diese natürlich gewisse ästhetische Spuren hinterlassen. Die eigentliche Kreativität ist aber rein dem Menschen vorbehalten. Und selbst wenn ich beispielsweise Algorithmen von anderen Entwicklern verwende, dann sind auch sie wiederum das Produkt der Kreativität dieser Entwickler.

Sie sind der Kreator – ohne Sie wäre das Werk nicht originell und nicht kreativ?
Genau. Ich gebe der Technik einen gewissen Raum, zum Beispiel beim Faltenwurf des Astronauten. Da habe ich nicht genau vorgegeben, dass die Falten genau so fallen müssen. Ich habe das Schnittmuster für den Raumanzug in einer Textilsoftware gezeichnet. Das habe ich dann in eine Simulationsumgebung importiert, in der ich die Bewegung des Astronauten auf den Raumanzug angewendet habe. Das Schnittmuster und die Materialeigenschaften sind von mir. Die Bewegungen des Astronauten auch. Den Faltenwurf hat die Simulationssoftware berechnet. Ich habe diesen dann mit Pinsel auf Leinwand gemalt. Das ist für mich ein Dialog mit zeitgenössischen Werkzeugen. Für das so entstandene Gemälde hätte es Abermillionen Varianten gegeben. Die Technologie hat ihren Beitrag geleistet, aber dass es genau so nun als Gemälde an der Wand hängt, liegt rein an mir. Insofern kann man meine Arbeiten als menschlichen Triumph über die Technologie sehen.

So wie Sie die Technologie einsetzen – würden Sie sagen, was die Software macht, das sind Dinge, die Sie wohl auch selbst tun könnten, die aber zu repetitiv, zu blöd sind? Oder sind da Schritte dabei, bei denen Sie sagen würden, das könnte ich gar nicht?
Wenn ich viel Zeit hätte, könnte ich mir diesen Faltenverlauf auch so ausdenken. Aber da muss ich schon sagen, da ist der Einsatz der Algorithmen sehr hilfreich. Genauso wie man heute eher ein Transportmittel verwenden würde, um nach Rom zu kommen, als zu Fuß zu gehen.

Aber was genau macht das Kreative für Sie aus? Das Element des Kreativen – das ist für mich, dass ich derjenige bin, der auswählt, was ich zeigen und aussagen möchte. Und es bedeutet, dass ich in der Lage bin, die Werkzeuge so einzusetzen, dass ich dorthin komme. Ich gebe also den Weg vor. Nicht die Technologie. Sie hilft nur, ist jedoch eben kein Selbstzweck.

In Ihrer Arbeit geben Sie dem Betrachter die Möglichkeit zu verstehen, was da auf dem Bild los ist. Und doch wirkt es geheimnisvoll. Das Geheimnisvolle scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, dass es so verständlich ist …
Ja, und deshalb bin ich auch so ein großer Fan der Ölfarbe und ihrer Möglichkeiten, die trotz ihres Alters alle anderen Medien übertrifft. Für mich hat Ölmalerei eine unvergleichliche Tiefe und Ausdruck des Menschlichen. Meine Arbeiten sind selbstähnlich aufgebaut wie ein Blumenkohl. Sie sehen die Form des Blumenkohls. Wenn Sie nun eine Knospe davon abbrechen, sieht diese wieder ganz ähnlich aus wie der ganze Kohl. Und das können Sie immer tiefer wiederholen. Bei meinen Arbeiten ist das ähnlich. Da ist etwas, das man sofort als Berg wahrnimmt. Aber dann geht man tiefer und fragt. Dieser Berg existiert als solcher gar nicht, der ist im Computer. Dann kann ich im Computer das 3-D-Modell zeigen. In der nächsten Stufe kann ich die Parameter zeigen, die den Algorithmus konfigurieren, der den Berg erzeugt hat. Und dann können wir uns den Algorithmus selbst ansehen – reine Formeln – und doch eine Repräsentation des Ganzen. Die Bildbesprechung findet kein Ende. Der Betrachter kann selbst entscheiden, wie tief er da einsteigen möchte.

Kann man da nicht sagen, dass das Publikum wesentlicher Co-Kreator ist im Rezipieren Ihrer Kunst?
Ich würde sagen, das Bild und seine Entstehungsgeschichte bleiben genau so, wie von mir erstellt. Aber bei der Entwicklung der Interpretation – und das ist viel entscheidender – ist das Publikum absolut essenziell für den Diskurs. Ist das Bild schön? Ist der Berg echt? Gibt es künstliche Intelligenz überhaupt? Das sind alles legitime Fragen. Ich sehe meine Rolle weniger darin, diese Fragen zu beantworten, sondern vielmehr darin, eine stringente Kette an Fakten zu geben, entlang derer sich das Gespräch entwickeln kann. Zu welchen Schlüssen auch immer man kommt.

Das wirft auch die interessante Frage auf: Was ist hier eigentlich das Original? Ist das, was da hängt, das Original – oder ist es das, was Sie im Computer haben?
Für mich konkurrieren diese einzelnen Elemente nicht miteinander, sondern sind vielmehr Entwicklungsstufen, die aufeinander aufbauen. Jede hat ihre eigene Qualität. Das Gemälde ist für mich das Werk im eigentlichen Sinne, weil es die direkteste Verbindung zum Menschen eingehen kann. Je weiter man sich von dieser Stufe entfernt, desto mittelbarer und schwerer rezipierbar wird das Werk. Jemandem aus der Visual-Effects-Branche wird ein Berggemälde wahrscheinlich schon beim Betrachten des Algorithmus und einiger Parameter zugänglich. Was ich aber viel interessanter finde, ist, durch meine Arbeiten die Ästhetik und Diskurse der Tech-Subkultur einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Welche Rolle spielen Material und Maltechnik?
Öl ist für mich die Königin der Materialien. Mit dem Öl einher gehen eine Reihe von Techniken, die in den Gemälden ihre individuellen Spuren hinterlassen. Jemand hat mal gesagt, dass Öl direkt ins Blut geht. Ich sehe das ähnlich.

Ist die Öltechnik eine Art Referenz und auch Reverenz gegenüber einer großen analogen Tradition, oder ist es vielmehr etwas, das mit der Aura des Werkes zu tun hat?
Es ist von allem ein bisschen. Im Moment ist Öl ja etwas aus der Mode. Aber das ist mir egal, mich fasziniert die Arbeit damit. Es ist aufwendig, denn sobald die Farbe auf der Leinwand ist, härtet sie aus bis zum Verfall zu Staub. Aber ich finde Ölgemälde eben einfach schön. Ich sehe das als Verneigung vor dem Metier.


»WENN ES GUT LÄUFT, WIRD DIE KUNST DIE GROSSEN MÖGLICHKEITEN DER NEUEN WERKZEUGE UMSETZEN, UM SO DEN DISKURS ÜBER DEREN GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTUNG ZU BEFEUERN.«


Es geht also um die Qualität auch in einem handwerklichen Sinne.
Genauso ist es. Auch das wird ja heute als total unmodern angesehen.

Wie genau unterscheidet sich Ihre Arbeit vom traditionellen künstlerischen Prozess?
Meine Malerei ist in weiten Teilen sehr traditionell. Die naturalistischen Gemälde male ich ganz klassisch mit einem Arsenal an Borstenpinseln. Wo immer ich selbst keinen großen Mehrwert bringen kann, setze ich Werkzeuge ein. So habe ich zum Beispiel einen Algorithmus geschrieben, der mir für eine Farbe auf dem Bildschirm das beste Mischverhältnis an Ölfarben berechnet. Dazu messe ich jede Farbe, die ich mische, mit einem Spektralfotometer ein und speichere diese in einer Datenbank, aus der sich mein Algorithmus bedient. Manche haben das als künstliche Intelligenz bezeichnet, aber ich finde Technologie grundsätzlich ehrlich gesagt viel profaner als das. Besondere Unterschiede liegen bei mir vor allem in der Motivfindung. Letztendlich ist ja irgendwie schon alles gemalt worden. Außer eben die Digitalisierung. Und die ist zu präsent, um sie zu ignorieren. Deshalb erstelle ich meine Motive rein digital. Und da vollzieht sich gerade eine große Veränderung: In den neuesten Softwares setzt man nicht mehr digitale Pendants der analogen Werkzeuge ein wie zum Beispiel einen digitalen Pinsel in einem Bildbearbeitungsprogramm. Vielmehr programmiert man sich digitale Werkzeuge inzwischen selbst. Man nennt das einen Node-Based- Workflow. Sprich: Ich programmiere Werkzeuge, die für mich Objekte erstellen. So zum Beispiel der Berg: Dort habe ich nicht mehr jede Klippe digital selbst herausgearbeitet, sondern Werkzeuge programmiert, welche die Klippen berechnen und darstellen. Wo dann genau welche Klippe erscheint, kann ich nicht vorhersehen. Als Programmierer bin ich aber in der Lage, die Visualisierung der Programmierung zu antizipieren.

Wie wird sich die Kunst weiterentwickeln?
Wenn es gut läuft, wird die Kunst die unglaublich großen Möglichkeiten der neuen Werkzeuge umsetzen, um so den Diskurs über deren gesellschaftliche Bedeutung zu befeuern. Wenn es schlecht läuft, wird sich die Kunst eine Zeit lang in der Beliebigkeit verlieren. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich ein großer Optimist bin.

Kann ein Algorithmus selbst auch Kunst sein?
Absolut. Nur eben vielleicht für ein kleineres Publikum. Nehmen Sie beispielsweise das klassische Buch: »Algorithms in C«. Das ist eine Sammlung von Algorithmen. Und ich verneige mich vor dieser Eleganz, wie die Algorithmen in so kurzer Form Probleme lösen. Das kann nicht jeder lesen. Aber das ist wie bei einem altgriechischen Gedicht – auch eine Programmiersprache ist eine Sprache.

Wie lassen sich heute noch sinnvolle Kriterien entwickeln, um gute von schlechter Kunst zu unterscheiden? Ist das überhaupt noch nötig?
Ich finde, es müssen dazu vor allem wieder Fragen erlaubt sein. Heute habe ich den Eindruck, es ist so ein Zeichen von besonderer Offenheit und Bildung, alles als Kunst zu sehen. Ich habe einmal eine Ausstellung einer großen Galerie in New York gesehen, bei der in einem riesigen Raum ein Vogelkäfig stand. Natürlich kann man dazu viele Seiten Text schreiben. Aber dieser Text würde wohl genauso gut oder schlecht passen, wenn in dem Raum eine Klobürste gestanden hätte. Natürlich ist Kunst spannend, die man nicht sofort erschließen kann. Nur was ist, wenn es gar nichts mehr zu erschließen gibt? In jedem Fall bin ich für diese Kunst zu dumm. Manchmal erinnert mich das an des Kaisers neue Kleider: Eigentlich sehen die Leute, dass der Kaiser nackt ist, aber keiner traut sich, es zu sagen. Ich lasse mir die Frage auch gern für meine Arbeiten gefallen: Kunst oder nicht? Das ist doch superspannend! Mir ist so ein Gespräch hundertmal lieber als dieses inhaltslose: Das ist toll, das ist ja so künstlerisch! Es gibt eben Sachen, die sind es nicht.

BIOGRAFIE

Marc Gumpinger wurde 1974 in München geboren, wo er auch heute lebt. Schon in den 1990er-Jahren entwickelte er mit 3-D-Software Computer- und Spielegrafiken. Nach Einführung des iPhones gründete Gumpinger, der neben seinem MBA den Doktortitel in Humanbiologie erwarb, ein Start-up für kreative Spielekomponenten. Nachdem das Unternehmen innerhalb von drei Jahren zur weltgrößten Spieleplattform angewachsen war, verkaufte er es 2011 an BlackBerry. Seit 2015 ist Marc Gumpinger als Künstler tätig. Seine Werke werden in Europa, Asien und den USA gezeigt.

Marc Gumpinger

Studie zu Alpen 37, Öl auf Leinwand, 170 x 300 cm


Algorithmische Formation, Öl auf Leinwand, 140 x 100 cm


Ural, Öl auf Leinwand, 130 x 100 cm


Weltraum 1, Öl auf Leinwand, 170 x 300 cm


Foto: Florian Holzherr