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Was passiert wirklich, wenn in Deutschland der STROM AUSFÄLLT?


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TV Movie - epaper ⋅ Ausgabe 16/2022 vom 22.07.2022

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Bildquelle: TV Movie, Ausgabe 16/2022

Es ist vier Uhr morgens, als am 24. Februar 2022 die Alarmleuchten zu blinken beginnen: 5800 Windkraftanlagen in Mitteleuropa sind plötzlich nicht mehr steuerbar. Schnell wird klar: Es handelt sich weder um einen technischen Defekt noch um menschliches Versagen. Vielmehr ist es ein Hackerangriff auf Satelliten-Anbieter, wodurch es zu einem Kollateralschaden kommt und auch das europäische Stromnetz getroffen wird. Zwar übersteht das größte Energienetzwerk der Welt die Attacke schadlos, doch spätestens seit dieser Nacht sind nicht nur Kraftwerksbetreiber,r sondern auch Politiker und Sicherheitsexperten in Europa alarmiert. Das liegt vor allem am Zeitpunkt der Manipulation. Denn am 24. Februar um vier Uhr morgens beginnt ein weiterer Angriff: Genau um diese Zeit schlagen die ersten russischen Raketen auf ukrainischem Boden ein. Putins Angriffskrieg hat begonnen. Kaum ein ...

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... Experte hält diese Parallele heute für einen Zufall. Tatsächlich haben seit Kriegsausbruch die Hackerangriffe auf das europäische Stromnetz massiv zugenommen. Kein Wunder, denn Putin weiß: Um Europa ins Chaos zu stürzen, braucht er weder Kampfjets noch Bomben – stattdessen reicht eine einzige erfolgreiche Cyberattacke, um dem Kontinent den Stecker zu ziehen ...

Hängen 400 Millionen Menschen an einer Steckdose?

Aber was genau macht unser Stromnetz so verletzlich wie nie zuvor? Und warum sind wir so schlecht auf den Ernstfall vorbereitet? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zunächst verstehen, wie unser Stromnetz funktioniert. Einer der führenden Blackout-Experten ist der Österreicher Herbert Saurugg. Er erklärt: „Wie in unserem Körper das Blut durch unsere Adern gepumpt wird, so fließt auch der Strom durch die Leitungen Europas.“ Doch während in einem Menschen nur ein Herz schlägt, sind es in Europa Tausende Kraftwerke,Solaranlagen und Windräder die permanent Energie liefern – allein der Stromkreislauf Deutschlands ist fast zwei Millionen Kilometer lang, etwa 45-mal um die Erde würden die Leitungen reichen. Und während unser Herz bei hohen und niedrigen Belastungen mal schneller und mal langsamer schlägt, muss Strom zu jedem Zeitpunkt mit einer Frequenz von 50 Hertz pulsieren, sonst drohen schwerste Schäden an der Infrastruktur. Der „Puls“ in den Leitungen muss also immer gleich sein, egal, ob die Windparks im Norden wegen eines Hochdruckgebiets gerade keinen Strom produzieren und gleichzeitig Millionen Verbraucher im Süden ihre Klimaanlage anschalten.

Mehr als 400 Millionen Verbraucher zapfen Strom aus ein und demselben Kreislauf, sie hängen quasi an einer einzigen Steckdose. „Im Alarmfall, also wenn die Frequenz unter 49,9 oder über 50,1 Hertz sinkt oder steigt, greifen Automatismen. Bis dahin wird manuell durch Zu- und Wegschaltungen ausgeregelt, um einen großflächigen Blackout zu verhindern“, erklärt Saurugg.

Und genau das passiert mittlerweile Tausen - de Male im Jahr. Vor wenigen Wochen kam zudem heraus, dass deutsche Spezialkräfte fünf Mitglieder einer rechtsextremistischen Organisation namens „Vereinte Patrioten“ fest genommen haben. Was den Beschuldigten, die als Putin-Fans in Erscheinung traten, von der Bundesanwaltschaft vorgeworfen wird: „Sie haben sich zum Ziel gesetzt, in Deutschland bürgerkriegsähnliche Zustände auszulösen und damit letztlich den Sturz der Bundesregierung und der parlamentarischen Demokratie herbeizuführen.“ So habe die Gruppe geplant, einen bundesweiten Blackout durch Beschädigung oder Zerstörung von Einrichtungen zur Stromversorgung herbeizuführen. Was zunächst nach verrückten Umsturzfantasien klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ernstzunehmende Bedrohung.

„Die Netze sind die Achillesferse der Versorgung“, sagt der Stromexperte Thomas Leitert. „Mit einer gezielten Sabotageaktion an nur drei Stellen rund um Berlin könnte man die gesamte Hauptstadt von der Versorgung abschneiden.“ Anschließend wäre das System so instabil, dass sich in einer Kettenreaktion immer mehr Leitungen abschalten würden. Das wiederum könnte sich bundesweit oder sogar in ganz Europa zu einem GAU ausweiten. Auch der Experte Herbert Saurugg zeigt sich besorgt. Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) warnt: „Weder die Politik noch die Bevölkerung ist auf das vorbereitet, was bei einem Blackout auf uns zukommt …“

„Nach 24 Stunden gäbe es keine Nahrungsmittel mehr“

Nichts geht mehr. Am 19. Februar 2019 durchtrennen Bauarbeiter bei Abrissarbeiten zwei Stromkabel in Köpenick. 30 000 Haushalte sind plötzlich ohne Strom. Ampeln fallen aus, Handys haben keinen Empfang mehr, Aufzüge bleiben stecken, in Pflegeeinrichtungen versagen Beatmungs- und Dialysegeräte. Wie bei jedem Stromausfall beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Feuerwehr organisiert Notstromaggregate, Helfer verlegen Patienten in nicht betroffene Stadtbezirke. Nach 30 Stunden sind die Leitungen wieder repariert – Köpenick hat den Ausnahmezustand überstanden. Was aber, wenn nicht nur in Köpenick, sondern in sämtlichen Städten gleichzeitig der Strom ausfällt? Von Helsinki bis Sevilla? Von Lissabon bis Warschau? In allen 24 Staaten des europäischen Stromnetzes …

Sollte dieses Worst-Case-Szenario eintreten, kommt es zu einer tödlichen Kettenreaktion. Aus den Zapfsäulen fließt kein Benzin mehr, die Kraftstofflogistik bricht zusammen. Auf den Straßen herrscht Chaos, Automaten und Supermarktkassen funktionieren nicht mehr.„Nach 24 Stunden gäbe es kein Geld, und keine Nahrungsmittel mehr. Auch die Wasserversorgung und sämtliche Kommunikationsmittel würden innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen“, erklärt Christoph Revermann, stellvertretender Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). Die Forschungsstelle hat bereits 2011 die Konsequenzen eines schweren Blackouts untersucht.

Heute ist das Stromnetz durch erneuerbare Energien und vermehrte Cyberattacken erheblich gefährdeter als noch 2011. Dabei lautete das Fazit schon damals:„Die Versorgung der Bevölkerung erfolgt über ein eng verflochtenes Netzwerk an ‚kritischen Infrastrukturen‘, die hochgradig verletzbar sind. Die Folgen eines Blackouts sind nicht beherrschbar.“ Aber was genau würde passieren?

Bereits nach acht Tagen Stromausfall wären die Folgen katastrophal

In ihren Bericht gehen die Analysten für den weiteren Verlauf des Blackouts vom vollständigen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens aus. Der Sprit in den Notstromaggregaten wird aufgebraucht sein. Wenn dann noch der Wasserdruck nachlässt, kein Tropfen mehr aus dem Hahn kommt und die ersten Menschen merken, dass sie zu wenig Nahrungsmittel im Haus haben, bricht Chaos aus.

Schon in der Pandemie zeigte sich, wie irrational Menschen bei einer Verknappung handeln. Im Fall eines Blackouts wäre diese Panik vermutlich noch größer. Bereits nach acht bis zehn Tagen wären die Folgen des Stromausfalls dann so katastrophal, dass die TAB-Studie nur noch einen vagen Ausblick geben kann und abbrechen muss.„Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern. Trotzdem ist ein diesbezügliches gesellschaftliches Ausfallbewusstsein nur in Ansätzen vorhanden“, so die Autoren. Und genau das hat sich auch elf Jahre nach der letzten Blackout-Simulation nicht verändert …

16 Prozent der Deutschen sind vorbereitet – und der Rest …?

Es klingt paradox: Obwohl das Risiko eines Blackouts massiv gestiegen ist, die Folgen dramatischer wären als bei jeder Naturkatastrophe und sogar Bundesinnenministerin Nancy Faeser darauf hingewiesen hat, dass jeder Bürger sich Notvorräte anlegen sollte (siehe Liste rechts), würde eine solche Ausnahmesituation Deutschland kalt erwischen. Ein Grund: In den vergangenen Jahren wurden Sicherheitssysteme zurückgebaut. Gab es beispielsweise vor 30 Jahren noch 80 000 Sirenen, konnten laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) 2018 nur noch 15 000 Sirenen ein Warnsignal senden. Kein Wunder, jede Notfallinfrastruktur kostet viel Geld und bringt keinen konkreten Gegennutzen – solange kein Notfall eintritt. Zudem scheint auch in der Bevölkerung die Bedrohungslage nicht verstanden worden zu sein. So gaben jetzt bei einer Umfrage lediglich 16 Prozent der Befragten an, dass sie zu Hause Vor räte an Lebensmitteln und Medikamenten angelegt oder sich um Geräte zum Erzeugen oder Speichern von Strom gekümmert haben.

Experten sind überzeugt: Der Blackout wird kommen!

Dabei sind gerade Großstadtbewohner gefährdet, da in den tendenziell kleineren Wohnungen Platz zum Lagern fehlt. Nur 17 Prozent der Bevölkerung können sich länger als fünf Tage ernähren. Neben Vorräten, Medikamenten und Werkzeugen empfehlen Experten zudem auch andere, nicht ganz so offensichf tliche Vorbereitungen für den Notfall zu treffen. Denn ähnlich wie ein Erdbeben hat ein Blackout keine Vorwarnzeit. Daher sollte man mit seinen Familienangehörigen bestimmte Absprachen treffen. Zum Beispiel: Wo tref- fen wir uns, wenn wir zu Beginn des Blackouts getrennt sind? Wie kommen die Kinder nach Hause, wenn die gesamte Kommunikation zusammengebrochen ist? Wer kümmert sich um die pflegebedürftifgen Eltern? Auch fertig gepackte Notrucksäcke im Keller sind durchaus sinnvoll. Wenn schon das Land nicht vorbereitet ist, sollte man es zumindest selbst sein. Denn der Blackout wird kommen. Vielleicht nicht heute oder morgen. Aber in den nächsten fünf Jahren. Davon sind zumindest Experten wie Herbert Saurugg überzeugt …

BLACKOUT IN DEUTSCHLAND TOP-DOKU, 1.8., 19.25 UHR, ZDF