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WAS SCHULDEST DU DIR SELBST?


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 22.05.2019

In ihrem gefeierten Debüt erzählt Fatima Farheen Mirza die Geschichte einer muslimisch-indischen Einwandererfamilie in Kalifornien aus individuellen Perspektiven und stellt sich dabei universelle Fragen, die nicht nur ihre Entdeckerin Sarah Jessica Parker zutiefst berühren.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 4/2019

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Wie haben Sie erfahren, dass Sarah Jessica Parker Ihr Buch veröffentlichen wollte?
Sie hat mich angerufen! Ich war in New York und stieg gerade aus der U-Bahn. Ich dachte: „Oh mein Gott, ich kenne diese Stimme doch, aus ‚Sex in the City‘.“ Es war ein surrealer Moment. Ich ging in ein Café, während mir Sarah erklärte, warum sie mein Buch möge. Ich war ziemlich perplex, wie sie über die Szenen sprach, die mir im Buch am meisten bedeuten, und was sie für meine Figuren empfand.

Hat sie selbst das Buch lektoriert?
Nein, damit waren Lektorinnen von Hogarth Press betreut, dem Verlag, dem meine Agentin den Roman angeboten hat. Wir haben noch einmal eine Menge gekürzt. Aber Sarah hat mich als Autorin sehr unterstützt. Jedes Mal, wenn ich mit ihr gesprochen habe, dachte ich, dass sie die ideale Leserin ist, die sich eine Schriftstellerin für ihr Buch wünschen kann, da sie nachdenklich und einfühlsam und präzise in ihren Beobachtungen ist. Ihre Einschätzungen und ihr Glaube an das Buch haben mich sehr ermutigt.

Ihr Roman erzählt die Geschichte einer muslimischindischen Familie in Kalifornien und taucht ein in die Welt der Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Sie waren 18, als sie mit dem Roman begannen. Wie ist dieses Familienepos entstanden?
Ich wollte seit meiner Kindheit Schriftstellerin werden und begann schon als Kind, kleine Geschichten und Gedichte zu schreiben. Doch mein Vater wollte unbedingt, dass ich den Beruf der Ärztin ergreife. Also begann ich, Medizin an der UC Riverside zu studieren. Doch ich hasste das Studium und war auch nicht gut. Deshalb belegte ich einen Creativ Writing Kurs am College und begann, den Roman zu schreiben. Ich hatte gleich die erste Szene vor Augen, dieses Bild einer Familie, die sich zur Hochzeit ihrer ältesten Tochter versammelt hat und im Begriff ist, ein Familienfoto zu machen. 2013 wurde ich im Iowa Writers’ Workshop aufgenommen, nachdem ich 100 Seiten meines Manuskripts eingereicht hatte. Während meines dreijährigen Studiums arbeitete ich weiterhin an meinem Roman, zwischen dem Unterricht und am Wochenende in Cafés.

Sie haben das Buch Ihren Eltern und Ihren drei Brüdern gewidmet. Wie hat Ihre Familie auf Ihre Entscheidung, Schriftstellerin zu werden, reagiert?
Zunächst waren meine Eltern verärgert. Mein Vater war besorgt, er rief mich an und fragte mich, „warum schreibst du über eine muslimische Familie in Amerika? Für diese Geschichte wird sich niemand interessieren.“ Aber ich ließ mich nicht davon abbringen und letztendlich hat mich meine Familie unterstützt. Meine Brüder waren meine ersten und zuverlässigsten Leser, sie haben über all die Jahre des Schreibens an den Roman geglaubt, auch wenn ich daran gezweifelt habe.

Ihre Großmutter wollte, dass Sie heiraten, anstatt einen Roman zu schreiben.
Meine Großmutter lebte in England. Jedesmal, wenn ich sie anrief und ihr von meinem Buch, das ich schrieb, erzählte, fragte sie mich: „Wann wirst du heiraten?“ Als sie im Sterben lag, besuchte ich sie für 14 Tage, sie war schon im Krankenhaus. Als wir uns voneinander verabschiedeten, sagte sie mit einem großen Lächeln: „Jetzt fahr nach Hause und schreib dein Buch zu Ende. Tu es mit deinem ganzen Herzen und sei erfolgreich! Ich wünsche dir, dass du den Erfolg genießt. Und dann kannst du ja immer noch heiraten!“ Diese Worte haben mich sehr gerührt, weil meine Großmutter am Ende ihres Lebens anerkannte, was ich wollte: Schriftstellerin werden.

FATIMA FARHEEN MIRZA: Worauf wir hoffen
Übersetzt von Sabine Hübner dtv, 480 Seiten, 24 Euro

Hörbuch
Ungekürzte Lesung mit Julia Nachtmann, Barnaby Metschurat, Heikko Deutschmann, Gabriele Blum DAV, 879 Min./2 MP3-CDs, 24 Euro

VERLOSUNG

BÜCHERmagazin verlost je fünf Bücher und Hörbücher „Worauf wir hoffen“ (dtv/DAV). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

In „Worauf wir hoffen“ erkunden Sie die Spannungen, die sich aus der Kluft zwischen der ursprünglichen, kulturellen Vergangenheit eines muslimisch-indischen Einwandererpaars und dem „american way of life“ in der Gegenwart ergeben. Kamen Sie auf dieses Thema aufgrund autobiografischer Erfahrungen?
Mit meinen Romanfiguren teile ich den spirituellen und emotionalen Kontext, da er meiner Herkunft entspricht. Mein Vater stammt aus Indien, meine Mutter ist aus England in die USA eingewandert. Zuhause haben wir Urdu gesprochen. Meine Eltern und auch meine Großeltern haben sich sehr bemüht, ihre islamische Tradition und ihre Werte an mich und meine drei Brüder weiterzugeben. Einerseits war dies eine Bereicherung, andererseits führte es auch zu Schwierigkeiten. Für mich war das Erstaunliche, dass ich durch meine Romanfiguren mein eigenes Leben besser verstanden habe. Sie stellen sich Fragen, die mich in meinem eigenen Leben beschäftigt haben.

Welche?
Was passiert, wenn man sich selbst und seinen Geschwistern gegenüber ehrlich ist, aber Geheimnisse vor seinen Eltern hat? Woraus besteht deine Identität? Was bist du deiner Familie schuldig? Und was schuldest du dir selbst? Was bedeutet es, wenn man sich als Jugendlicher emanzipiert, kann dies als Verrat an der Heimat, dem Glauben oder der Kultur der Eltern und Großeltern angesehen werden?

Es gibt nicht viele Romane, die sich mit dem Leben der Muslime im Westen befassen. Wollten Sie dem Leser ein besseres Verständnis für die muslimische Gemeinschaft vermitteln?
Nein, denn ich denke, dass ich als Schriftstellerin dem Leser keine Lektionen erteilen sollte. Ich sehe meine Aufgabe darin, eine gute Geschichte zu erzählen und jedem einzelnen Charakter gerecht zu werden, indem ich mich in ihn hineinversetze. Als ich anfing, die Figuren zu entwickeln, wurden sie für mich menschlich. Für mich war es immer eine Geschichte über Brüder und Schwestern, Mütter und Töchter, Väter und Söhne, die zufällig Muslime sind.

Aber die kulturelle Identität und die Bräuche Ihrer Gemeinschaft üben Druck aus auf Ihre Romanfiguren und ihre Beziehungen zueinander.
Ja, denn beim Schreiben habe ich darüber nachgedacht, was meine Figuren empfinden und wie ihre Bedürfnisse und Hoffnungen im Widerspruch zueinander stehen. Sobald ich ihre Individualität verstanden hatte, begann ich zu erforschen, was Tradition und Glaube, familiäre und kulturelle Erwartungen, Ehre und Verrat, Liebe und Verlust für jeden Einzelnen von ihnen bedeuten. Dies sind, denke ich, universelle Themen, die in jedem Leben, in jeder Geschichte zu finden sind.

Ihr Roman ist in vier Teile gegliedert und erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Laila, der Mutter, Hadia, der ältesten Tochter, Amar, dem Sohn, und Rafik, dem Vater. So kann der Leser gemeinsam erlebte Ereignisse und dieselbe Situation aus den unterschiedlichen Blickwinkeln jeder der vier Hauptfiguren betrachten. Das ist sehr spannend.
Beim Schreiben hat mich der Wunsch angetrieben zu erfahren, was in dieser Familie schiefläuft. Aufgrund der verschiedenen Perspektiven auf das Geschehen gibt es keine eindeutige Antwort darauf, was richtig oder falsch ist. Herauszufinden, was gemeinsam erlebte Momente für jeden einzelnen Charakter bedeuten, war eine der herausforderndsten und aufregendsten Seiten des Schreibens – das waren die Szenen, die mich motivierten und meine Vorstellungskraft anregten. Manchmal, wenn ich aus dem Blickwinkel von Laila oder Rafik schrieb, den Eltern, die in die USA eingewandert sind, wurde mir bewusst, dass ich persönlich mit ihrer Sicht der Dinge nicht einverstanden war. Das war eine schwierige, aber auch überraschende Erfahrung, da ich mir einen Denkprozess vorstellen musste, der so anders war als mein eigener.

Die Eltern Laila und Rafik sind religiös. Sie betrachten, so kommt es ihren Kindern vor, die Welt einzig aus der Perspektive was „Halal“ und „Haram“ ist. Ihr starres Festhalten an Traditionen führt zu Konflikten mit Hadia, Huda und vor allem mit ihrem Sohn Amar, der sich seinen Eltern entfremdet und die Familie verlässt. Hadia geht ihren eigenen Weg, studiert Medizin und geht keine arrangierte Ehe ein, sondern heiratet den Mann, den sie liebt. Mit 27 entscheidet sie sich, den Hijab, das Kopftuch, abzulegen. Was bedeutet Ihnen Religion?
Ich bin religiös erzogen worden, ich wuchs damit auf, in die Moschee zu gehen und den Koran zu lesen. Ich trug von meinem neunten bis zu meinem 22. Lebensjahr den Hijab. Meine Beziehung zum Glauben begann sich jedoch zu verändern und es fühlte sich richtig für mich an, das Kopftuch abzulegen.

Wie kamen Sie zu dieser Entscheidung?
Der Hijab ist eine Version von mir, manchmal vermisse ich sogar das Ritual, ihn des Morgens anzuziehen. Ich denke, Menschen stagnieren nicht, sondern entwickeln sich. Diese Veränderung endet nie, ich finde auch jetzt noch heraus, welche Art von Mensch ich sein will und welche Beziehung ich zum Glauben habe.

Nach den Terroranschlägen im September 2001 weist Rafik am nächsten Tag seine Töchter an, ihre Kopftücher nicht mehr in der Schule zu tragen, aus Sorge vor rassistischen Übergriffen. Sein Sohn Amar wird von Mitschülern gemobbt, die behaupten, sein Vater sei ein Terrorist. Haben Sie selbst rassistische Erfahrungen gemacht?
Diese Szene basiert auf autobiografischen Erlebnissen. Mir ist es tatsächlich passiert, dass Klassenkameraden in der Pause zu mir sagten: „Hier kommt die Terroristin.“ Ich war zehn, rannte auf die Toilette und heulte. Was hatte ich denn mit den Anschlägen vom 11. September zu tun? Ich war verwirrt, aber auch wütend. Später, als junge Frau, war ich kontinuierlich mit Rassismus konfrontiert. Auf der Straße haben mich Männer absichtlich angerempelt und geschubst. Als ich sagte: „Excuse me?“, erwiderten sie „Frauen aus deinem Kulturkreis sind doch daran gewöhnt, herumgestoßen zu werden.“

Haben Sie das Gefühl, dass seit 9/11 die Islamophobie und rassistische Rhetorik in der amerikanischen Gesellschaft zugenommen haben?
Die Richtung, in die sich mein Land, aber auch die ganze Welt bewegt, finde ich beunruhigend. Hassverbrechen haben nicht nur in den USA zugenommen, sie sind ein globales Thema, es gibt weltweit Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Ignoranz. Und eine anti-muslimische Stimmung, wie wir es in Neuseeland bei der Schießerei in den Moscheen von Christchurch erlebt haben. Diese Taten geschehen nicht zufällig. Sie basieren auf einem Mangel an Verständnis zwischen den Kulturen und auf einem Bild, das von Stereotypen geprägt ist. Diese Ignoranz kann nur aufgehoben werden, indem man sich kennenlernt und Zeit miteinander verbringt. Und Zeit mit Geschichten, die davon erzählen, dass Menschen – egal welcher Hautfarbe oder Religion – einfach nur Menschen sind.

Christiane von Korff studierte Philologie, Geschichte und Kunstgeschichte und arbeitet als Journalistin und Autorin. Ihr Markenzeichen sind Porträts und Gespräche mit Persönlichkeiten aus Kultur und Literatur. Gemeinsam mit Avi Primor schrieb sie das Buch: „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld – Deutsch-jüdische Missverständnisse“ (Piper)


Foto: Fatima Farheen Mirza © Jürgen Frank