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Was seltener im Fokus steht: Gedanken zum Zweiten Weltkrieg


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WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 191/2022 vom 01.09.2022

Alle Jahre wieder wird dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gedacht, der bislang furchtbarsten Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Einem Krieg, dem bis zu 80 Millionen Menschen zum Opfer fielen und der von Anfang bis Ende mit den entsetzlichsten Massakern und Kriegsverbrechen, mit Völkermord und ethnischen Vertreibungen verbunden war. Im Folgenden werden einige Fragen aufgeworfen, die seltener im Fokus der öffentlichen Erinnerung stehen und möglicherweise auch neue Sichtweisen auf das Geschehen und seine Akteure eröffnen.

Wann begann eigentlich der Zweite Weltkrieg?

Am Ende des Kriegs stand die bedingungslose Kapitulation der Achsenmächte vor der siegreichen Anti-Hitler-Koalition, die nach Kriegsende den Grundstock für die Vereinten Nationen bildete. Neben den Hauptakteuren USA, Großbritannien und UdSSR gehörten zur Anti-Hitler-Koalition am Kriegsende 53 Länder. Zu jenen Mitgliedstaaten, auf deren ...

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Ende des Krieges in Europa ? Marschall der Sowjetunion Shukow bei der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde des faschistischen Deutschlands
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... Territorium der Krieg tobte und die einen hohen Blutzoll zahlten, gehört China. Das Land hatte sich seit dem 7. Juli 1937 einer japanischen Aggression zu erwehren, die von unzähligen Gräueltaten begleitet war. China verlor etwa drei Millionen Soldaten und über neun Millionen Zivilisten. Als bedeutender Alliierter, der massiv zur Zerschlagung der Achsenmächte beigetragen hatte, erhielt China, damals noch vertreten durch die Kuomintang-Regierung, einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Wenn also der Zweite Weltkrieg wirklich ein Weltkrieg war, und kein europäischer Krieg mit Ausläufern bis nach Ostasien, wäre der 7. Juli 1937 das schlüssigere und ehrlichere Datum für den Kriegsbeginn.

Folglich war der Hitler-Stalin-Pakt ein Schock für die japanische Führung. In aller Eile wurde am 16. September 1939 ein Waffenstillstandsabkommen mit der UdSSR abgeschlossen, dem am 13. April 1941 (nur zwei Monate vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion) ein Friedens- und Freundschaftsvertrag mit Zusicherung gegenseitiger Neutralität folgte. Parallel wurde militärstrategisch das Ruder herumgerissen. Die Marine bereitete sich auf den pazifischen Krieg vor, der mit dem Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 in Gang gesetzt wurde. Dem faschistischen Italien, seit dem 22. Mai 1939 im „Stahlpakt“ mit Deutschland verbündet, war der Hitler-Stalin-Pakt insofern zupassgekommen, als dass sich die Kräfteverhältnisse für die geplante Expansion im Mittelmeerraum und in Nordafrika deutlich zu verbessern schienen. Mussolini rechnete mit einem massiven Einsatz der deutschen Militärmaschinerie gegen seine Hauptgegner Frankreich und Großbritannien.

Mit der deutschen Entscheidung für den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschob sich das Gefüge zwischen den Achsenmächten erneut. Nun forderte Hitler von Japan, die Sowjetunion so bald als möglich von Osten her anzugreifen. Aber in Tokyo war man nicht zu einer erneuten Kehrtwende bereit und konzentrierte sich auf den Waffengang gegen die USA, der alles Militärpotential absorbierte. Nachdem Hitler die Pläne zur Invasion Großbritanniens gestoppt und seine militärische Hauptkraft auf die Eroberung der UdSSR ausgerichtet hatte, war Mussolini nicht gewillt, seine Verpflichtungen aus dem Stahlpakt einzuhalten, und schickte nur wenige Freiwilligenverbände an die Ostfront. Auch in der Folgezeit gab es zwischen Hitler und Mussolini keine wirkliche Abstimmung. Vielmehr griff die Wehrmacht eigenständig dort ein, wo die italienische Armee erfolglos war (Jugoslawien, Griechenland), bis hin zur Besetzung von Italien im Jahr 1943 selbst. Zum Schluss kapitulierte jede der Achsenmächte für sich allein.

Die westlichen Alliierten: Aus Angst vor Hitler mit Stalin im Bett

Die westeuropäischen Demokratien standen vor einem Dilemma. Aus systemischer Sicht wurde der Sowjetkommunismus als größere Bedrohung für den Fortbestand ihrer Ordnung angesehen. Aus geopolitischer Sicht war es Nazi-Deutschland mit seinem Drang nach Revision des Versailler Abkommens und seinem Streben nach globaler Vorherrschaft. Militärisch traute man der Wehrmacht erheblich mehr Kampfkraft zu als der Sowjetarmee.

Winston Churchill wünschte sich ganz offen eine Konstellation, in der sich beide systemische Rivalen in verbissenem Ringen selbst zerfleischen und der Westen nur zuzuschauen brauchte. Nun lag aber zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Jahr 1939 Polen. Und mit Polen waren Großbritannien und Frankreich verbündet. Zunächst versuchten die Westmächte, die europäische Ordnung mit einer Mischung aus diplomatisch ausgehandelten territorialen Zugeständnissen an Hitlerdeutschland (Münchener Abkommen) und eher halbherzigen Versuchen zur Etablierung einer multilateralen Bündnisstruktur für Mittelosteuropa zu retten. Noch im Sommer 1939 brach eine britisch-französische Militärdelegation in Richtung Moskau auf, um Möglichkeiten einer bündnispolitischen Verpflichtung auszuloten und im Falle eines deutschen Angriffs im Westen die Sowjetunion für einen Zweifrontenkrieg bei der Stange zu halten. Gegenüber den Bündnisvorschlägen Stalins, die unter anderem eine militärische Freizügigkeit der Sowjetarmee in den anvisierten mittelosteuropäischen Partnerstaaten beinhaltete, war man in Mitteleuropa skeptisch, sicher nicht grundlos.

Letztlich gelang kein effektives Bündnis zur Rettung Polens und Eindämmung Hitlers. Der deutsch-sowjetische Neutralitätspakt, dessen in den geheimen Zusatzprotokollen vereinbarte territorial-politischen Konsequenzen erst schrittweise sichtbar wurden, versetzte den westeuropäischen Mächten einen paralysierenden Schock. Unmittelbar nach dem Überfall auf Polen erklärten Frankreich und Großbritannien pflichtgemäß Deutschland den Krieg, blieben aber militärisch untätig und überließen den Verbündeten in Warschau ohne größeres Mitleid seinem Schicksal. Ein Vorgang, der sich tief in das historische Bewusstsein des polnischen Volks eingegraben hat und bis heute fortwirkt – insbesondere, was die Verlässlichkeit europäischer Sicherheitszusagen betrifft.

Es trat schließlich ein, was sich Churchill gewünscht hatte. Deutschland und die Sowjetunion standen sich direkt gegenüber. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde die Vernichtungsmaschinerie schließlich in Gang gesetzt. Unter dem Eindruck des siegreichen Blitzkriegs gegen Frankreich und des deutschen Vordringens nach Nord- und Südeuropa entschieden die USA, die Sowjetunion massiv mit militärischem Material zu unterstützen, um die deutsche Militärmacht möglichst lange im Osten zu binden. Auf Grundlage des Lend-Lease Acts vom 18. Februar 1941 erhielt die Sowjetunion von den USA kriegswichtige Waren im Umfang von 9,8 Milliarden US-Dollar. Dabei handelte es sich größtenteils um Lebensmittel und Rohstoffe sowie Militärfahrzeuge und Flugzeuge. In den Jahren 1943 und 1944 beliefen sich die Lend-Lease-Lieferungen auf 10 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts. Zeitweilig stammte der Fahrzeugpark der Sowjetarmee zu einem Drittel aus US-Produktion.1

Der Zweifrontenkrieg ließ, ungeachtet der wiederholten Forderungen Stalins, auf sich warten. Erst nach den großen Kesselschlachten bei Witebsk, Bobruisk, Minsk und Vilnius im Juni und Juli 1944, in denen die gesamte Heeresgruppe Mitte mit 1,2 Millionen Soldaten zerschlagen, 28 Divisionen vernichtet und die Wehrmacht im Osten endgültig ihrer strategischen Handlungsfähigkeit beraubt wurde, als somit dem Durchmarsch der Sowjetarmee nach Westen faktisch nichts mehr im Wege stand, kam mit der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 die ersehnte zweite Front. Merkwürdigerweise sind die Kesselschlachten der „Operation Bagration“ trotz ihrer militärischen Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent. Immerhin hatte die Wehrmacht 250.000 Tote, Verwundete und Vermisste zu beklagen, mehr als doppelt so viele wie in Stalingrad.

Hitler und Stalin: Wahnhafter Welteroberer gegen paranoiden Neoimperialisten

Vergleiche beider Diktatoren gibt es zuhauf. Hitler fühlte sich seiner unumschränkten Herrschaft über die Deutschen sicher, hatte keine Angst vor innenpolitischen Rivalen und Attentaten, war zu seiner Zeit ein begnadeter Rhetoriker und liebte das Bad in der Menge. Er glaubte fest an seine Mission als „Retter der arischen Rasse“, an seine Unfehlbarkeit als politischer Führer und militärischer Befehlshaber. Außenpolitisch war Hitler, wie er Göring gegenüber bekannte, ein Vabanquespieler. Sein Ziel war eine Weltordnung nach deutschem Gusto, verbunden mit ausgedehntem „Lebensraum“ im Osten, inbegriffen den Völkermord an den europäischen Juden und an den slawischen Völkern. In den Reden der NS-Führer wurden Juden und Slawen als Vernichtungsziele in gleichem Atemzug genannt. Überall dort, wohin die Wehrmacht vorrückte, wurde zugleich die Umsetzung des „Generalplans Ost“2betrieben. Zu Recht ist der Holocaust heute gut dokumentiert und als unbeschreiblicher Zivilisationsbruch tief im deutschen Bewusstsein verankert. Der Völkermord an den osteuropäischen Slawen, der ebenfalls vielen Millionen Menschen das Leben kostete, wird bis heute mit der Metapher vom „Vernichtungskrieg“ umschrieben und ist in der öffentlichen Wahrnehmung weit weniger präsent.

Stalins Herrschaftsstil war von paranoidem Misstrauen und unberechenbarem Terror geprägt, der letztlich auf die kommunistischen Funktionseliten fokussiert war. Er liebte die inneren Zirkel der Macht, lies aber sein unmittelbares Umfeld über seine Absichten im Dunkeln, war kein mitreißender Redner und suchte selten den Schulterschluss mit den „Volksmassen“. Außenpolitisch strebte Stalin die Wiederherstellung des russischen Imperiums an, um auf dieser Grundlage (bei Instrumentalisierung der kommunistischen Weltbewegung) eine Weltmachtposition zu erringen. Seinem Vorgänger war es gelungen, mit dem Konzept eines kommunistisch beherrschten Unionsstaates, der in den südlichen und mittelasiatischen Regionen zunächst nur „ganz leicht mit Sowjetöl gesalbt“ war (W.I. Lenin), den Zusammenbruch des russischen Imperiums als Vielvölkerstaat vorerst zu verhindern und dem Schicksal des Habsburger und des Osmanischen Reichs zu entgehen. Stalin krallte sich ohne Skrupel, was er kriegen konnte. Er war aber kein Vabanquespieler, sondern kalkulierte die Kräfteverhältnisse nüchtern und ging existentiellen Risiken aus dem Wege. Er versuchte mit aller Kraft, den Krieg mit Hitlerdeutschland zu vermeiden, und wich später auch im Koreakrieg einem Zusammenstoß mit den USA aus.

Im Ergebnis der territorialen Vereinbarungen im Neutralitätspakt mit Deutschland sowie des „Winterkriegs“ gegen Finnland (1939-40) hatte Stalin im Westen große Teile des Zarenreichs zurückgewonnen: Fast das ganze Karelien, die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland (Staatsgebiet seit 1720), der nach der dritten Teilung von Russland annektierte Teil Polens und zusätzlich große Stücke Galiziens (das nach der polnischen Teilung an Habsburg gefallen war), Bessarabien (seit 1940 Moldauische Sowjetrepublik) sowie Teile der Bukowina. Stalin war also mit seinen neoimperialistischen Ambitionen in Europa weitgehend saturiert. In den sowjetischen Darstellungen wurden diese Gebietsgewinne als notwendige Maßnahmen zur Abwehr des unausweichlichen deutschen Angriffs verkauft. Diese Lesart gewann auch international Zustimmung, obwohl der militärstrategische Wert dieser Territorien für die sowjetische Verteidigung nach Kriegsbeginn mitnichten sichtbar wurde. Ist es wirklich so unvorstellbar, dass Stalin den Traum hegte, den Neutralitätspakt verstetigen zu können, nachdem sich Nazi-Deutschland an den Westmächten festgebissen hatte? Die Schockstarre des sowjetischen Diktators unmittelbar nach dem deutschen Überfall ließe sich in diesem Fall leichter erklären.

Wie endete der Zweite Weltkrieg?

Der Weltkrieg endete dort, wo er auch begonnen hatte. Am 2. September 1945 unterzeichneten Außenminister Mamoru Shigemitsu sowie Bevollmächtigte der japanischen Teilstreitkräfte an Bord der USS Missouri die Urkunde zur bedingungslosen Kapitulation. Vorausgegangen waren die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie der in Jalta zwischen den Alliierten vereinbarte Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Japan am 8. August, allerdings unter Bruch der Bestimmungen des Neutralitätspakts von 1941. Die sowjetischen Angriffe im Fernen Osten vernichteten alsbald die Kwantung-Armee, zu diesem Zeitpunkt noch die stärkste Einheit der japanischen Landstreitkräfte, was im öffentlichen Diskurs heutzutage jedoch kaum eine Rolle spielt. Der Kapitulation vorausgegangen waren auch heftige Auseinandersetzungen innerhalb der militärischen Führung Japans, die bis zu Putschplanungen reichten. Da am Hof mit allem gerechnet werden musste, gelangte die Kapitulationserklärung, die Kaiser Hirohito auf Band gesprochen hatte, nur auf geheimen und abenteuerlichen Wegen zum Radiosender. Bei dieser Gelegenheit hörten alle Japaner, die nicht der politischen und militärischen Führungsspitze angehörten, zum ersten Mal im Leben die Stimme ihres Tennō.

Dr. rer. pol. habil. Wolfram Wallraf

geb. 1952, Politikwissenschaftler mit den Forschungsschwerpunkten Japan und Ostasien, internationale Sicherheit. Lehrtätigkeiten an den Universitäten Potsdam, Berlin (HUB), Salzburg und Nagoya. Senior Fellow im WeltTrends-Institut für Internationale Politik wallraf@wallraf-und-partner.de

1 Vgl. Schlauch, Wolfgang (2019): Rüstungshilfe der USA an die Verbündeten im Zweiten Weltkrieg. Aachen.

2 The Times (1999): Atlas Zweiter Weltkrieg. Augsburg, S. 91; vgl. auch: Giordano, Ralph (2000): Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Köln.