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Was sich bei OpenStack gerade tut: Erwachsen werden


Linux Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 05.03.2020

Früher als universelle Lösung für so gut wie sämtliche alltäglichen Workloads gefeiert, ist es um OpenStack in den letzten Jahren ruhig geworden. Höchste Zeit, dem Projekt mal wieder auf den Zahn zu fühlen.


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Bildquelle: Linux Magazin, Ausgabe 4/2020

© choreograph, 123RF

Als der Autor dieses Artikels dem Begriff OpenStack [1] erstmals begegnete, stand der in einer E-Mail eines Linux-Magazin- Redakteurs. Das war Ende 2011, und für die Ausgabe 12 des Linux-Magazins in jenem Jahr ging es um einen Artikel, der die HAFähigkeiten von OpenQRM, Eucalyptus und OpenStack miteinander vergleichen sollte. Zu dieser Zeit hielten nicht wenige Admins das Thema ...

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Als der Autor dieses Artikels dem Begriff OpenStack [1] erstmals begegnete, stand der in einer E-Mail eines Linux-Magazin- Redakteurs. Das war Ende 2011, und für die Ausgabe 12 des Linux-Magazins in jenem Jahr ging es um einen Artikel, der die HAFähigkeiten von OpenQRM, Eucalyptus und OpenStack miteinander vergleichen sollte. Zu dieser Zeit hielten nicht wenige Admins das Thema Cloud noch für eine Modeerscheinung, die bald wieder verschwinden würde.

Der Artikel erschien [2], und der Autor hatte OpenStack schon fast wieder vergessen, als bei ihm eine Consulting-Anfrage eintrudelte: Gefragt war jetzt ein Vergleich von VMware und Open- Stack im Rahmen einer mehrtägigen Beratung. Erst ein Jahr zuvor war OpenStack „Austin“ erschienen, und vom heutigen Zustand war die Software meilenweit entfernt. Dessen ungeachtet startete zum Zeitpunkt jener Beratung, die letztlich kurz vor Weihnachten stattfand, ein Hype, der mehrere Jahre anhalten und in der IT einiges in Bewegung bringen sollte.

Mittlerweile hat OpenStack den Zenit seines eigenen Hype-Cycles überschritten, und der Cloud-Zirkus ist längst wieder weitergezogen, um sich an Kubernetes abzuarbeiten. Weil außerdem eine ganze Reihe großer OpenStack-Projekte in den vergangenen Jahren spektakulär in die Hose gingen, halten nicht wenige Admins OpenStack für tot. Das stimmt indes keinesfalls.

Grund genug, knappe neuneinhalb Jahre nach der Geburt der Cloud-Umgebung eine Bestandsaufnahme zu wagen, die sich auf drei Aspekte der OpenStack- Vergangenheit bezieht: Wie hat sich die Lösung technisch gemausert? Wie sieht die kommerzielle Seite aus? Und lebt die OpenStack-Community noch, die einst stolz von sich behauptete, eine der größten Communities der Welt zu sein?

Die Entwicklung der Technik

Der erste und offensichtlichste Grund für den schnellen Erfolg von OpenStack lag in einem Versprechen, das die Software den Admins gab: weitgehende Automatisierung. Das Prinzip des Cloud Computings stand seinerzeit noch am Anfang. Die meisten Admins waren aus ihrem Alltag andere Herangehensweisen gewöhnt: Nicht selten verbrachten Systembetreuer einen großen Teil ihrer Zeit damit, die immer gleichen Arbeitsschritte in leicht veränderter Konstellation zu wiederholen. Virtualisierung war zwar kein neues Thema mehr, aber das Anlegen virtueller Maschinen, das Einrichten des Netzwerks und das Provisionieren von Speicher waren Aufgaben, die händisch erledigt wurden.

Hier bot OpenStack einen Ausweg. Das Projekt war ja gerade aus einer Kooperation der NASA mit Rackspace entstanden, um Compute-Ressourcen in virtueller Form zentral verwaltbar zu machen. Software Defined Networking und Software Defined Storage waren von Anfang an wichtige Bestandteile des Konzepts. Viel Funktionalität wandert in OpenStack aus spezialisiertem Blech auf die Compute-, Controller- und Netzwerkknoten. Angereichert mit der Option eines Selbstbedienungsportals und kombiniert mit gut dokumentierten, offenen APIs wurde ein Schuh daraus.

Nicht zu vergessen ist auch die Skalierbarkeit: Die Vision, nach fünf Jahren nicht ganze Setups wegzuwerfen, sondern Server einfach auszutauschen, sobald sie aus der Hardware-Wartung fallen, erschien vielen Admins äußerst verlockend. Als die vierte Version von OpenStack im April 2012 unter dem Codenamen „Diablo“ erschien, hatte sie erstmals Keystone an Bord. Der zentrale Authentifizierungsdienst erlaubte die Benutzerverwaltung und das Ankoppeln einer OpenStack-Umgebung an bestehende Nutzerverzeichnisse wie Active Directory oder LDAP. Nicht wenige OpenStack-Entwickler gingen zum damaligen Zeitpunkt davon aus, das Feld sei nun bestellt und OpenStack bereit für die große Bühne (Abbildung 1).

Der Autor

Martin Gerhard Loschwitz ist Cloud Platform Architect bei Drei Austria und beschäftigt sich dort unter anderem mit OpenStack, Kubernetes und Ceph.

Abbildung 1: OpenStack existiert seit 2010, nahm aber erst ab 2012 wirklich kommerziell Fahrt auf - dafür dann so richtig.


© OpenStack

Vorerst doch noch nicht bereit

Das stellte sich allerdings bald als Trugschluss heraus - es haperte an allen Ecken und Enden. Features, die bei anderen Virtualisierern längst zum guten Ton gehörten, fehlten bei OpenStack entweder komplett oder waren zwar vorhanden, funktionierten aber nicht oder nicht richtig. In vielen Fällen brauchten die Macher hinter OpenStack viel zu lange, um offensichtliche Fehler zu beseitigen - was zum Teil am Entwicklungsmodell liegt, zum Teil aber auch an Diskussionen hinter den Kulissen.

Zwar bestand die Community, die Open- Stack vorantreibt, von Anfang an aus vielen Freiwilligen - doch ausschließlich mit deren Hilfe hätte OpenStack niemals so schnell wachsen können, wie es der Fall gewesen ist. Bald schon interessierten sich Firmen für OpenStack, und die forderten im Gegenzug für Entwicklerkapazitäten Mitspracherechte. Problematisch war das in der Geschichte des Projekts vor allem dann, wenn sich zwei Unternehmen im Hinblick auf einzelne Funktionen nicht einigen konnten. So schleppt die Umgebung bis heute Bugs mit sich herum, weil Entwickler zum Teil einfach das Interesse am Diskutieren verloren haben und dem Projekt stattdessen entnervt den Rücken kehrten.

Ein stabiles Fundament

Heute präsentiert sich OpenStack als ein stabiles technisches Fundament für Cloud-Umgebungen. Das liegt einerseits daran, dass das Projekt die letzten Jahre eher für Qualitätssicherung und Fehlerbereinigung genutzt hat, als sich um ganz große Neuerungen zu kümmern. Innerhalb der Entwickler-Community herrscht heute in weiten Teilen Einigkeit darüber, dass der grundlegende Funktionsumfang jetzt erreicht ist. Anders als in den ersten Jahren des Projekts besticht deshalb heute nicht mehr jede OpenStack-Version mit etlichen bahnbrechenden Features. Aus Anwendersicht wichtiger sind stattdessen die vielen kleinen und großen Fixes für Fehler, die den Admins sonst das Leben schwer machen.

Apropos Admins: Geändert hat sich mittlerweile auch die Erwartung derer, die sich erstmals mit OpenStack beschäftigen. Gerade in der Anfangszeit herrschte im Hinblick auf OpenStack eine Art Goldgräberstimmung, und viele sahen das Projekt vorrangig als direkten, billigeren Konkurrenten zu VMware - quasi als Fortsetzung von Virtualisierung mit anderen Mitteln. Genau darum ging es in OpenStack aber eben nie, oder zumindest nicht ausschließlich. Das Projekt behielt vielmehr stets im Auge, eine Cloud-Lösung zu sein und die Funktionen zu bieten, die Anwender und Admins von einer Cloud erwarten.

Anhand eines Beispiels lässt sich das gut verdeutlichen. Noch immer glauben viele Admins, die Migration in eine Cloud-Umgebung bedeute letztlich nur, dass sich die virtuellen Maschinen anschließend nicht mehr im eigenen Rechenzentrum befinden, sondern auf den Cloud-Servern des Anbieters. Grundsätzlich ist das nicht falsch, aber Clouds bieten andere Bedingungen, etwa wenn es um die Verfügbarkeit einzelner Dienste geht.

Die klassische Hochverfügbarkeit auf Ebene einzelner VMs lässt sich in Open- Stack zwar mittlerweile irgendwie bewerkstelligen, im Konzept vorgesehen ist das aber nicht. Stattdessen baut eine Cloud auf die Redundanz einer Menge gleichartiger Dienste, die den Ausfall eines einzelnen Knotens kompensiert. Wenn Admins sich heute mit OpenStack beschäftigen, behalten sie viel häufiger sowohl dessen Möglichkeiten als auch dessen Limitierungen im Hinterkopf - und treffen damit eine klügere Wahl.

Modellpflege

Wer sich an das Feature-Feuerwerk der ersten OpenStack-Versionen erinnert, wird heute fast etwas wehmütig: Mittlerweile stehen bei dem Projekt, wie bereits er- wähnt, eher Fehlerkorrekturen und behutsame Anpassungen auf dem Plan. Eine große Änderung allerdings durchläuft OpenStack aktuell, und die ist gerade für Admins von großer Bedeutung: Der Aufstieg von Containern sorgt dafür, dass es in Zukunft leichter sein wird, OpenStack zu aktualisieren.

Abbildung 2: Wie das Dashboard (Horizon) hat sich auch OpenStack in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert.


© OpenStack

Dazu muss man wissen: Upgrades von einer OpenStack-Version auf eine neue waren im Leben jedes OpenStack-Admins echte Horrorszenarien. Nicht selten ging ein Update so radikal schief, dass nur der Griff zum Backup half, längliche Downtime inklusive. Viele Admins verleitete das dazu, OpenStack einfach gar nicht mehr zu aktualisieren, was freilich auch keine Lösung ist.

Der Stein des Anstoßes waren nicht selten die Pakete der Distributoren, die im Rahmen des Upgrades die Installation versauten. Im Grunde ist es nämlich gar nicht so kompliziert, OpenStack zu aktualisieren: Sobald man die richtigen Dateien auf dem Dateisystem ausgerollt hat, muss man nur (falls nötig) das Datenbankschema des jeweiligen Diensts in der Datenbank anpassen und dessen Konfigurationsdatei so überarbeiten, dass sie keine veralteten Werte mehr enthält. Alle Anbieter von OpenStack-Produkten sind mittlerweile dazu übergegangen, ihr OpenStack in Form von Containern auszuliefern. Das bedeutet: Möchte man einen Dienst aktualisieren, hält man den alten Container an, installiert den neuen, aktualisiert gegebenenfalls noch die Datenbank - fertig. Das klingt nicht unbedingt nach weniger Arbeit, führt aber dazu, dass die Updates insgesamt viel besser und entspannter ablaufen (Abbildung 2).

Automation ist wichtig

Darüber hinaus gilt, dass OpenStack heute in den meisten Anwendungsfällen als Appliance-Variante eines Anbieters zum Einsatz kommt. In den frühen Jahren waren diese Boxed-OpenStack-Distributionen technisch oft nicht reif genug für den produktiven Einsatz. Nicht selten scheiterten OpenStack-Projekte daran, dass Unternehmen auf Basis von Ubuntu und der dortigen OpenStack-Pakete Lösungen im Eigenbau konstruierten, deren Komplexität sie jedoch gehörig unterschätzten.

Obendrein geht es ja nie nur um Open- Stack. Die dafür grundlegenden sechs Dienste lassen sich schnell ausrollen und mit einer funktionalen Konfiguration versehen. Der Knackpunkt ist bei Clouds aber eher das Betriebskonzept und die damit zusammenhängende nötige Automation. Nur mit einem möglichst hohen Grad an Automation sowie Standardisierung gelingt es überhaupt, einen der wichtigsten Vorteile von OpenStack zu nutzen: die Skalierbarkeit in die Breite.

Mit diesen Fragen müssen Admins sich heute nicht mehr beschäftigen, wenn sie ein fertiges OpenStack- Produkt kaufen. Ungeachtet des Herstellers kommen alle OpenStack-Produkte mit einer umfassenden Automationslösung sowie entsprechender Software daher. Letztlich entscheiden also vorrangig die Vorlieben des Admins darüber, welchem OpenStack-System er denn den Vorzug einräumt. In Summe gilt: Wer OpenStack als das sieht, was es ist - eine Sammlung von Werkzeugen, mit denen sich auf Basis offener, standardisierter APIs eine automatisierte Cloud-Umgebung betreiben lässt -, der bekommt ein stabiles Fundament für dieses Ansinnen.

Wahr ist allerdings auch: Viele Open- Stack-Komponenten existieren heute gar nicht mehr oder bloß noch als Schatten ihrer früheren Existenz. Im Zug des Big Tent (dazu später mehr) entstanden viele Dienste, die letztlich bloß einzelne Firmen unterstützen. Nicht wenige dieser Unternehmen wurden entweder gekauft oder haben ihr OpenStack-Engagement beendet. Bevor ein Admin sich also für OpenStack entscheidet, sollte er sorgfältig prüfen, ob es die gewünschten Dienste überhaupt gibt oder andere ihre Funktionen übernommen haben.

Die kommerzielle Seite: schwierig

Welche Anbieter stehen überhaupt noch zur Wahl, wenn ein Unternehmen heute OpenStack einsetzen will? Früher erschien der Markt fast schon verwirrend; in den Anfangsjahren von OpenStack wollte jede Firma, die etwas auf sich hielt, mit der Plattform Geld machen.

Der schlaue Fuchs Mark Shuttleworth erklärte sehr früh, dass Eucalyptus aus Ubuntu entfallen werde. Stattdessen wolle Canonical sein Portfolio für Cloud Computing auf OpenStack als Standard- Software aufbauen. Wenig später folgte Suse und begann ebenfalls, sehr aktiv an der Entwicklung und Vermarktung von OpenStack teilzunehmen. Red Hat erschien ganz untypisch erst sehr spät auf der Party: Normalerweise hat man in Raleigh ja ein feines Gespür und heftet sich schnell an Trends. Nicht so bei OpenStack: Hier waren die roten Hüte Nachzügler, verstanden es aber, diesen vermeintlichen Nachteil durch das Bereitstellen vieler Entwicklerressourcen zu kaschieren.

Auch die Granden der Branche wollten zwischendurch im Open- Stack-Orchester ein Instrument spielen: Sowohl IBM als auch HP boten ein OpenStack-Produkt an, und bei beiden dürfte ein klarer Wunsch der Vater des Gedankens gewesen sein: Zuvorderst sah man in OpenStack ein Vehikel, mit dem man die eigene Hardware unters Volk bringen wollte. Blech und Management- Software aus einer Hand, wobei das Tool den Vertrieb des Blechs ankurbelt - aus Anbietersicht ein ideales Szenario.

Der Werdegang der einzelnen Lösungen unterscheidet sich aber deutlich. IBM ist bis heute mit einem Cloud-Produkt am Markt vertreten, und nimmt man es streng, macht sich die Firma sogar selbst Konkurrenz: Einerseits gibt es noch immer die IBM Cloud als Produkt, andererseits gehört IBM mittlerweile bekanntlich auch Red Hat, das eigene OpenStack- Produkte im Portfolio hat. Bei HP hingegen ist der Ofen aus: Das Unternehmen verkaufte das eigene OpenStack-Geschäft vor ein paar Jahren an Suse, wo man mit der Integration in das eigene Cloud- Produkt begann (Abbildung 3).

Abbildung 3: Suse Cloud war eines der ersten OpenStack-Produkte (hier eine sehr frühe Version) - mittlerweile stampfte Suse es ein.


© Suse

Suse gibt auf

Dumm nur, dass Suse mittlerweile ebenfalls aus dem Rennen ist: Ziemlich überraschend verkündete das Unternehmen Ende 2019, man lasse OpenStack als Produkt fallen und wende sich künftig ausschließlich Kubernetes zu. Aus der Riege der klassischen Linux-Anbieter finden sich damit faktisch nur noch Red Hat und Canonical als Anbieter am Markt. Hinzu gesellt sich Mirantis, das ebenfalls ein eigenes OpenStack-Produkt offeriert und aktiv weiterentwickelt. Allerdings sorgte auch Mirantis in letzter Zeit eher auf der Kubernetes-Seite für Aufsehen, besonders durch den Kauf von Docker.

Die angesichts des Suse-OpenStack-Debakels sofort aufkommenden Gerüchte, mit OpenStack sei es quasi vorbei, sind dennoch sehr übertrieben. Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass am Markt aktuell vor allem eine Bereinigung im Nachgang des großen Hypes der 2010er-Jahre im Gang ist. Red Hat und Canonical investieren noch immer viel Geld in die OpenStack-Entwicklung und vermarkten das Produkt aktiv, dasselbe gilt für Mirantis.

Weniger Nachfrage, besser informiert

Durch den Wegfall von Suse sind die Stücke des privaten Cloud-Kuchens unter Linux, die für die einzelnen Firmen übrig bleiben, eher größer geworden. Dass man auf ein totes Pferd setzt, wenn man sich aktuell mit OpenStack befasst, wäre also zu viel gesagt. Obendrein gibt es auch Regionen, in denen OpenStack boomt: Ein großer Teil der chinesischen Cloud- Angebote etwa basiert auf der Software.

Die Anbieter in China füllen in nicht wenigen Fällen die Lücken in der Community auf, die andere Anbieter durch ihren Rückzug hinterlassen.

Analysten wie Gartner sehen die Open- Stack-Märkte auch weiterhin fleißig im Wachstum. Allerdings hat dieses Wachstum sich verändert: Glaubte auf der Spitze des Hypes noch jede Drei- Mann-Firma, OpenStack sei der Schlüssel zum Glück, beschäftigen sich Unternehmen mit der Lösung heute sehr viel eingehender, bevor es überhaupt zu einem Proof-of-Concept kommt. Viele Projekte auf OpenStack-Basis scheiterten ja überhaupt erst daran, dass die Beteiligten die Komplexität von OpenStack gnadenlos unterschätzt hatten.

Heute gilt: Fängt ein OpenStack-Projekt an, ist die Wahrscheinlichkeit für ein kapitales Desaster weitaus niedriger als noch vor ein paar Jahren. Die erfolgreichen Projekte aus der Vergangenheit wirken zudem bis in die Gegenwart fort: Das CERN etwa ist bis heute einer der größten OpenStack-Nutzer und beteiligt sich weiterhin aktiv an der Entwicklung der Lösung.

Die Community

Wenige FL/ OSS-Projekte hatten so früh eine umfassende Governance, wie es bei OpenStack der Fall war. Sehr früh im Verlauf der OpenStack-Entwicklung kam die Idee auf, die Verantwortung für die Entwicklung des Produkts auf das stabile Fundament einer Stiftung zu setzen. Deren Mitglieder können sich bis heute über Sponsoring entweder Repräsentation in der OpenStack Foundation erkaufen oder sich im Rahmen der regelmäßigen Wahlen durch die Community auf Posten mit Verantwortung hieven lassen. In Summe hat sich dieses Prinzip als funktional erwiesen, und mit zunehmendem Alter des Projekts funktioniert es noch besser. Faktisch war die OpenStack-Community mithin immer eine stark gesteuerte Gemeinschaft.

Abbildung 4: OpenStack-Summits waren anfangs riesige Messen, wie hier 2013 in Portland. Mittlerweile sind sie eher Konferenzen.


© Aaron Hockley, CC-BY-SA 2.0

Nur so lässt es sich auch erklären, dass die Community den riesigen Hype um sich selbst in den Anfangstagen des Projekts überhaupt stemmen konnte. Beispielhaft sei auf den OpenStack-Summit in Paris 2014 hingewiesen, bei dem mehr als 6000 Besucher anwesend waren. Zugegeben: Verglichen mit den Teilnehmerzahlen der aktuellen KubeCons wirkt das immer noch übersichtlich, doch seinerzeit waren solche Besuchermengen für einzelne Projekte durchaus bemerkenswert (Abbildung 4). Heute geht es auf Summits durchaus entspannter zu: Die Qualität der Vorträge hat ob des mangelnden Hype-Faktors zumindest nach Wahrnehmung des Autors zugenommen. Insgesamt haben OpenStack-Summits heute weniger Verkaufscharakter und viel eher das Flair von Konferenzen. Das mag zum Teil auch daran liegen, dass die OpenStack-Foundation ihren Fokus mittlerweile erweitert hat: Der OpenStack-

Summit heißt mittlerweile Open Infrastructure Summit und trägt dem Umstand Rechnung, dass es rund um OpenStack auch andere Projekte der Foundation gibt, die Beachtung finden sollen. Dazu gehört etwa das CI/ CD-Framework Zuul, das im Rahmen der Summits ebenfalls eine Bühne bekommt.

Wer entwickelt OpenStack? Und wie?

Während die OpenStack-Foundation das Thema Konferenzen also fest im Griff hat, bleiben andere ihrer Aktionen durchaus umstritten. Eine der größten Veränderungen der vergangenen Jahre in der Community war zweifelsohne die Big-Tent-Initiative aus dem Jahr 2015, die eine knifflige Frage endlich beantworten sollte: Was ist eigentlich OpenStack? Gerade für Unternehmen, die Dienste im OpenStack-Kontext anbieten wollten, war das von großer Bedeutung.

Traditionell erschien die Sache leicht: OpenStack, das waren die fünf oder sechs Dienste, die man brauchte, um Compute und Storage anzubieten. Es war allerdings auch klar, dass diese Dienste nicht alle Funktionen bieten konnten, die man von Clouds erwartet. Bald schon gab es ein ziemlich buntes System verschiedener externer Komponenten, die alle irgendwie nicht und irgendwie doch zu OpenStack gehörten. Man definierte einen langwierigen Prozess, um aus einer externen eine offizielle OpenStack-Komponente zu machen.

Doch der Prozess bot schon bald Anlass zum Streit: Für externe Anbieter war es schlicht nicht attraktiv, Komponenten für OpenStack zu entwickeln, wenn sie im Nachgang nicht mit dem offiziellen Label OpenStack werben durften. Genau jene Attraktivität war für die Foundation aber wichtig, weil sie weiterhin potente Partner aus der Industrie anlocken wollte. Das Big-Tent-Prinzip erschien entsprechend klar: Jede Komponente, die sich einem bestimmten, grundlegenden Regelwerk beugt, darf OpenStack sein.

Kritiker befürchteten seinerzeit, dieser Ansatz werde zu einer Zersplitterung führen und Ressourcen bei wichtigen Komponenten abziehen. Aus heutiger Sicht erscheint diese Sorge unbegründet: Die Entwicklungder wichtigen Komponenten geht nach wie vor weiter und führt immer wieder zu neuen Features und erheblichen Verbesserungen der Qualität der Dienste. Entsprechend plant die Foundation, die Liberalisierung in OpenStack noch ein Stück weiterzutreiben: Einzelne Komponenten wie Keystone könnten in Zukunft komplett autarke Projekte werden, die dem Release- Zyklus der anderen OpenStack- Komponenten nicht mehr unterliegen. Bisher konnte man sich darauf allerdings nicht einigen.

Im Hinblick auf das Thema Community ist also klar: OpenStack schart heute eine kleinere Community um sich als auf dem Höhepunkt des Hypes, doch das schadet dem Projekt überhaupt nicht. Insgesamt dominieren heute Firmen die Szene, die Entwickler für die Arbeit an OpenStack zur Verfügung stellen. Das hat OpenStack auch agiler und wendiger gemacht: Weil nicht mehr ganz so viele Leute mitreden wollen, geht manches heute leichter von der Hand als noch vor ein paar Jahren.

Fazit: Für die Zukunft gut aufgestellt

In Summe stellt OpenStack sich heute als ein robustes FL/ OSS-Projekt dar und wirkt wesentlich erwachsener als in der Vergangenheit. Weil der Hype um die Lösung das Wesentliche nicht mehr verdeckt, können sowohl Unternehmen als auch Entwickler heute viel realistischer einschätzen, ob OpenStack eine valide Lösung für ihr Problem bietet. Obendrein wirkt OpenStack heute auch technisch viel solider als in der Anfangszeit des Projekts. Zwar schrumpfte die Zahl der Anbieter von OpenStack-Produkten, doch daraus lässt sich keineswegs gleich das Ende von OpenStack herleiten. Die Private Cloud bleibt auch in Zukunft ein wichtiges Thema, und es gibt - von VMware einmal abgesehen - am Markt auch kaum noch andere Lösungen, mit denen sich private Clouds sinnvoll bauen lassen. OpenStack hat vieles von dem, was zuvor existierte, im Zuge seiner stürmischen Entwicklung schlicht weggerissen. Entsprechend zeigen bis heute nach wie vor mehrere Firmen Interesse daran, Produkte auf Basis von OpenStack zu vermarkten und OpenStack aktiv weiter zu entwickeln.

Abbildung 5: In Kubernetes sehen viele den logischen OpenStack-Nachfolger, doch der Vergleich hinkt: Die Lösungen ergänzen sich.


© Kubernetes

Noch immer hat man als Unternehmen also durchaus eine Auswahl, wenn auch zwischen weniger Alternativen als früher. Ergänzt wird OpenStack um eine noch immer lebendige und gut funktionierende Entwickler-Community. Für die Zukunft erscheint OpenStack von daher gut aufgestellt, zumal aktuell keine ernsthafte Konkurrenz in Sicht ist.

Die Frage, ob Kubernetes das bessere OpenStack sei, führt in die Irre: Kubernetes hatte nie die Absicht, OpenStack Konkurrenz zu machen (Abbildung 5). Vielmehr ergänzen sich die beiden Produkte eigentlich ganz gut, wenn man sie gewinnbringend miteinander kombiniert. Einen Vorteil bietet OpenStack gegenüber Kubernetes allerdings: Vieles von dem, was Kubernetes als Produkt wie als Community erst noch bevorsteht, hat OpenStack in seiner bewegten Geschichte bereits erfolgreich hinter sich gebracht. (jcb)

Infos

[1] OpenStack: [https:// www. openstack. org] [2] Cloud-Automatisierung: Martin Loschwitz, „Dunkle Wolken“, LM 12/ 2011, S. 22, [https:// www. linux-magazin. de/ 24562]