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Was treibt mich an?


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 13.04.2022
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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 5/2022

Der Bergsteiger Aron Ralston hatte beim Klettern im einsamen und engen Bluejohn Canyon in Utah versehentlich einen großen Felsen gelockert. Der klemmte seine rechte Hand ein, Ralston war gefangen. Tagelang – der Unfall geschah im Frühjahr 2003 – versuchte er vergeblich freizukommen. Kurz bevor er am Verdursten war, brach er sich schließlich absichtlich den Armknochen und trennte den Unterarm mit seinem stumpfen Taschenmesser ab, was eine Stunde dauerte. Dann wanderte und kletterte er kilometerweit, um in Sicherheit zu kommen. Dieser Beweis von Willensstärke verkauft sich gut: Für seine Reden zum Thema Motivation kassierte Aron Ralston schon fünfstellige Summen.

Solche Geschichten faszinieren. Wie bringen Menschen den Willen und die Kraft zu so unglaublichen Leistungen auf? Was lässt uns überhaupt zahllose Mühen und gelegentliche Gefahren in Kauf nehmen, um etwas zu erreichen? Oft reicht unsere ...

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... Motivation nur für das Nötigste, aber nicht selten treibt sie uns zu erstaunlichen Leistungen. Kein Wunder, dass der US-Erziehungspsychologe Richard deCharms in ihr „so etwas wie eine milde Form der Besessenheit“ sah. Dabei können wir uns unsere Beweggründe nicht einfach aussuchen. „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“, beobachtete der Philosoph Arthur Schopenhauer.

Ohne genügend Motivation kommen wir meist nicht weit. Das geht in der Schule los, wo die mangelnde Motivation der Eleven und Elevinnen als Problem Nummer eins gilt. Selbst wenn sie viel Zeit mit ihren Hausaufgaben verbringen, nutzt das allein nicht viel. Nur wenn sie sich dabei auch anstrengen, dürfen sie auf gute Noten hoffen. Und diese Notwendigkeit zieht sich hinein in das Erwachsenenalter, wenn wir Pf lichten vor uns haben wie die Steuererklärung oder einen nervigen Bericht, wenn wir im Alltag unsere Arbeit erledigen, gesund essen oder zum Laufen gehen wollen, wenn wir Schwieriges lösen möchten wie einen Konflikt oder schöne, aber komplexe und langfristige Ziele verfolgen, wie das Hausprojekt, von dem wir schon lange träumen.

Es gibt viele Gründe, warum wir all das tun oder lassen, und es gibt viele Theorien dazu. Weit verbreitet ist zum Beispiel die 1954 veröffentlichte von Abraham Maslow. Auf den Psychologen geht die selbst in Schulbüchern abgebildete Motivationspyramide zurück, an deren Spitze das hehre Streben nach Selbstverwirklichung thront. Ganz unten finden sich dagegen die körperlichen Bedürfnisse, etwa das nach Nahrung. Erst wenn das Bedürfnis einer Ebene zumindest einigermaßen gestillt ist, wird das nächsthöhere relevant. Andernfalls beherrscht beispielsweise der Hunger alles: „Der Drang, Gedichte zu schreiben, das Verlangen nach einem neuen Auto, das Interesse an Geschichte, der Wunsch nach einem neuen Paar Schuhe sind im Extremfall vergessen oder werden zweitrangig.“ Ist der Hunger gestillt, erwacht das Bedürfnis nach Sicherheit, dann das nach Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit und schließlich das nach Selbstverwirklichung: „Musiker müssen Musik machen, Künstler malen, Dichter schreiben, wenn sie sich letztlich in Frieden mit sich selbst befinden wollen. Was ein Mensch sein kann, muss er sein.“

Die Flow-Hypothese

Anders als oft geschrieben wird, hat Maslow allerdings nie behauptet, dass ein Bedürfnis erst hundertprozentig befriedigt sein muss, bevor das nächste auftaucht. Er hat auch nicht gelehrt, dass die Rangfolge der Bedürfnisse bei allen Menschen gleich ist.

Maslows Theorie ist populär, weil sie intuitiv einleuchtet. Doch die wissenschaftlichen Beweise fehlen weitgehend. Lehrbücher der Motivationspsychologie erwähnen sie deshalb eher kritisch und am Rande.

Auch eine andere Legende ist weit verbreitet, aus aktueller Sicht aber nicht ganz haltbar: Extrinsische Motivation – also eine Motivation, die durch Anreize von außen entsteht (etwa durch Geld oder Strafen) – reduziere die intrinsische Motivation, also die, die aus uns selbst herauskommt. In einer zum Klassiker gewordenen Studie wurden Kindergartenkinder, die gern zeichneten, fürs Zeichnen belohnt. Resultat: Ein bis zwei Wochen später griffen sie seltener zu den Zeichenstiften als nicht belohnte Kinder. Die kleinen Künstler und Künstlerinnen waren, so die psychologische Theorie, zum Schluss gekommen, dass sie nur wegen der Belohnung gezeichnet hätten. Damit war von der intrinsischen Motivation nicht mehr viel übrig. Viele Motivationsgurus warnen deshalb davor, Menschen mit mehr Geld zu motivieren. Vor kurzem hat Ji Hyun Kim von der University of Wisconsin-Madison jedoch eine große Auswertung der vorhandenen Studien zum Thema veröffentlicht und gezeigt: Unter dem Strich steigt die Leistung selbst bei interessanten Aufgaben, wenn eine Belohnung in Aussicht steht.

Anfang des 20. Jahrhunderts sprachen Gelehrte gerne von Instinkten, sie erfanden immer neue. Ein Soziologe arbeitete sich durch 500 Bücher und zählte 5759 Instinkte, die irgendwer postuliert hatte. Wirklich verstehen ließ sich so nichts, weil ja immer ein passender Instinkt behauptet werden konnte, egal was jemand tat.

▶ The matischer Auffas sungstest (TAT)

Beim T AT, auch als Thematische r Apperzeptionstest bezeic hnet, bekommt die Proba ndin oder der Proband vielde utige Bilder vorgelegt (siehe auch S. 106). Ein Bild zeigt e twa zwei Männer, die in einer W erkstatt nachdenklich auf ein e Apparatur blicken. Die Ge testeten sollen dazu eine G eschichte schreiben: Was d enken die Abgebildeten, w ie wird es weitergehen? Ansch ließend wird gezählt, wie oft in der Geschichte etwa d as Leistungsmotiv anklingt

Etwas mehr nützte die Triebreduktionstheorie, nach der Motivation wie ein Thermostat funktioniert. Hunger beispielsweise ist ein Trieb, der uns essen lässt. Ist der Hunger gestillt, hören wir damit auf. So weit, so gut, aber viel von dem, was wir tun, lässt sich so nicht erklären.

Als zukunftsträchtiger erwies sich die Lehre von den menschlichen Grundbedürfnissen, auch Motive genannt. Der Harvard-Psychologe Henry Murray veröffentlichte 1938 eine Liste von 13 biologischen Bedürfnissen wie Hunger und Durst sowie 20 psychologischen Bedürfnissen wie Ehrerbietung, Ordnung, Selbstdarstellung und so weiter. Die Liste war einigermaßen willkürlich, doch der Ansatz an sich hat überdauert.

Heute halten Psychologinnen vor allem drei Motive für zentral und erforschen sie bevorzugt: das Bedürfnis, Leistung zu zeigen, das Bedürfnis nach Nähe zu anderen und das Bedürfnis nach Macht. Die drei sind relativ stabil in uns angelegt, sie verändern sich also im Laufe unseres Lebens nur wenig. Auch sind sie unabhängig voneinander, man kann also beispielsweise sowohl stark nach Nähe streben als auch nach Leistung. Oft ist uns bewusst, dass eines dieser Motive bestimmt, was wir tun – dann spricht die Psychologie von expliziten Motiven. Das muss aber nicht so sein. Sie können auch implizit existieren – sie treiben uns an, ohne dass wir es wissen. Vielleicht lohnt es sich, sie kennenzulernen. Der emeritierte Psychologieprofessor Falko Rheinberg hat den Begriff der „motivationalen Kompetenz“ aufgebracht, der Fähigkeit, in Einklang mit seinen inneren Antrieben zu handeln: „Wenn Sie den impliziten Motiven folgen, kommen Sie leichter in den Flow.“ Entsprechend seiner „Flow-Hypothese der motivationalen Kompetenz“ muss sich, wer seineTätigkeitsvorlieben kennt und richtig einsetzt, nicht so sehr anstrengen, um die Handlung auf Kurs zu halten, die ihn zu seinem Ziel führt. Stattdessen erreicht er wahrscheinlich viel im Flow – also konzentriert und selbstvergessen in die Aufgabe versunken. Gefühlt vergeht die Zeit dann wie im Flug und man löst die Aufgabe automatisch.

Unbewusste Motive lassen sich natürlich nicht so einfach wie bewusste Motive mit Fragebögen erfassen. Stattdessen kommt etwa der Thematische Auffassungstest (TAT) zum Einsatz. Er misst die implizite Motivation mithilfe von zu Bildern erzählten Geschichten (siehe den Definitionskasten links). In abgewandelter und spielerischer Form verwenden wir auch in Psychologie Heute den TAT in jeder unserer Ausgaben, um etwas über bekannte Persönlichkeiten zu erfahren (siehe letzte Seite). Wie Studien mit solchen indirekten und direkten Verfahren zeigen, stimmen unsere bewussten und unbewussten Motive längst nicht immer überein. Die Folge ist oft ein Gefühl von andauerndem Stress. „Aus welchen Gründen die impliziten und die expliziten Motive auch immer auseinandergehen – es kann auf jeden Fall zu Schwierigkeiten führen“, bemerkte David McClelland gerne, ein Pionier der Motivationsforschung. Falko Rheinberg meint, dass viele Menschen zum Beispiel ihr Machtmotiv ignorieren wollten, da es sozial nicht besonders erwünscht sei. Auch er sagt: „Wenn die beiden nicht übereinstimmen, muss ich mein explizites Motiv korrigieren.“

Nur knapp im Rückstand

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Die impliziten Motive sind weniger zugänglich, sie sitzen tiefer. Genau ist ihr Ursprung nicht erforscht, aber sie sind wahrscheinlich genetisch mitverursacht und evolutionsbiologisch vorprogrammiert. Wir müssen sie zwar erst entwickeln, aber die Bereitschaft dazu ist vermutlich angeboren. Für die Idee der Veranlagung sprächen auch gewisse physiologische Reaktionen, erklärt Rheinberg: Menschen mit implizitem Machtmotiv schütteten beispielsweise nach Momenten, in denen sie Macht ausgeübt haben, erhöht Testosteron aus. Dass wir die impliziten Motive in unserer vorsprachlichen Zeit entwickeln, erklärt ihren unbewussten Charakter. Explizite Motive dagegen sind sozialisationsbedingt – sie werden von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie dem Rest der Gesellschaft gelehrt. Sie entwickeln sich daher erst, wenn ein Kind Sprache verstehen kann.

Eine unserer drei wichtigsten Antriebskräfte ist die Leistung. Schon ein Kleinkind hat seinen Ehrgeiz, etwa laufen zu lernen. Dieser Wunsch ist erst mal wie von selbst da. Später wollen wir andere übertrumpfen oder wenigstens nicht von ihnen übertrumpft werden. So erklärt sich auch ein verblüffender Befund aus der Welt des Basketballs. Dort wie anderswo ist es natürlich kein gutes Zeichen für eine Mannschaft, wenn sie zur Halbzeit hinten liegt. Doch Teams, die mit einem Punkt nur ganz knapp im Rückstand sind, gewinnen am Ende öfter als die Mannschaft mit dem Vorsprung von einem Punkt. Das zeigte sich bei einer Analyse von gut 18 000 Spielen der amerikanischen Basketballliga NBA. Jonah Berger von der University of Pennsylvania veröffentlichte die Studie nicht zufällig in einer Managementzeitschrift und lieferte gleich Vorschläge zur Nutzanwendung mit: Führungskräfte könnten ihren Leuten andere mit etwas besseren Leistungen vor Augen führen. Oder aber die Besprechung des Erreichten genau dann ansetzen, wenn die Truppe knapp hinter einem Konkurrenten liegt.

Leistungsmotivierte wollen besser werden und sich selbst übertreffen – sie suchen ständig nach Rückmeldung

Tatsächlich sei Wetteifern für Leistungsmotivierte jedoch nur ein Ersatz, sagt Rheinberg. Im Kern gehe es ihnen um etwas anderes. „Sie wollen besser werden und sich selbst übertreffen, dafür suchen sie ständig nach Rückmeldung.“ Erst wenn sie diese nicht bekämen, würden sie kompetitiv – denn im Wettbewerb bekomme man ein Feedback. Andere Merkmale von Menschen mit einem hohen Leistungsmotiv seien, dass sie zum Beispiel keine Glücksspiele mögen, da sie wissen wollen, ob sie aus einem Erfolg Rückschlüsse auf sich selbst ziehen können. Und, ganz allgemein, dass sie es mögen, selbst gesetzte Ziele zu verfolgen und Herausforderungen zu erleben.

Ein ausgeprägter Wille zur Leistung hat aber nicht nur positive Konsequenzen. Auch das zeigt sich im Sport. Olympia-Aspiranten trainieren neben ihrem Job so viel, dass sie insgesamt oft sechzig Stunden in der Woche beschäftigt sind. Da ist es womöglich kein Wunder, dass nach einer deutschen Untersuchung 15 Prozent von ihnen depressiv sind oder waren – fast doppelt so viele wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Besonders häufig sind Einzelkämpferinnen betroffen, während Mannschaftssportler nicht so häufig erkranken.

Sympa thisch statt kompetent

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Vielleicht liegt das daran, dass Sport in einer Gemeinschaft helfen kann, das zweite der großen drei psychologischen Bedürfnisse zu befriedigen – das Bedürfnis nach Anschluss, wie es die Psychologie nennt. Menschen sind Gruppenwesen, sie brauchen Kontakt zu anderen. Nicht dazuzugehören ist oft eine schlimme Erfahrung. Wer jedoch Nähe erfährt, erfüllt damit eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein glückliches Leben (neben Gesundheit und einem Wohlstand). So heißt es in der Veröffentlichung eines Teams rund um die Psychologen Ed Diener und Martin – Letzterer ist einer der wichtigsten Forscher der Psychologie.

Menschen mit einem hohen Anschlussmotiv fühlten sich schnell unwohl, wenn sie keine Kontaktmöglichkeit mit anderen haben, sagt Falko Rheinberg. Auch falle es ihnen schwer, andere zu kritisieren – selbst wenn es notwendig sei. Andererseits hätten sie oft entspannte und vertrauensvolle Kontakte und keine Angst, von anderen ausgenutzt zu werden, sie seien ihnen gegenüber vorbehaltsfrei und könnten sich öffnen.

Manchmal fördert ein ausgeprägter Wunsch nach Anschluss auch die Leistung. Das zeigt sich schon in der Schule. Schüler mit hohem Anschlussmotiv schaffen bei Lehrenden, die ihnen sympathisch und ebenfalls anschlussmotiviert sind, bessere Noten. Auch später liefern Anschlussmotivierte höhere Leistungen, wenn sie in einer Gruppe und nicht allein arbeiten oder Sport machen. Nachteil: Wenn Anschlussmotivierte ihre Arbeitspartnerinnen wählen dürfen, entscheiden sie sich gerne für Leute, die ihnen sympathisch sind – und nicht für die kompetentesten. So lebt es sich angenehmer, aber besonders gute Ergebnisse liefern solche Wohlfühlteams eher nicht.

Lächeln

„Neulich hat ein Fahrgast zu mir gesagt: ‚Immer wenn Sie in die Bahn kommen, geht die Sonne auf!‘ Für solche Momente arbeite ich gern als Prüferin.

Ich mag es, beim Fahrkartenkauf zu helfen und beim Ein-und Aussteigen zu unterstützen. Fahrkarten, Masken und stichprobenartig 3-G zu kontrollieren gehört auch zu meinen Aufgaben.

Manche bedanken sich bei uns, weil wir für Sicherheit sorgen, andere fühlen sich allerdings gestört oder sogar bedroht. Kann ich nachvollziehen. Es gibt ja Strafen. Ich bin schon bespuckt und sogar gebissen worden. Einmal wurde ich so schlimm angepöbelt, dass ich wusste: Wenn ich in der Bahn bleibe, raste ich aus. Ich habe mir dann in der Toilette das Gesicht kalt abgespült. So bin ich runtergekommen.

Das sind unschöne Ausnahmen. Das meiste ist mit dem nächsten netten Fahrgast vergessen. Damit solche Situationen gar nicht erst auf kommen, versuche ich schon beim Betreten der Bahn klarzumachen, dass ich niemandem etwas Böses will: ‚Schönen guten Morgen, der Prüfdienst‘, sage ich. Mit einem Lächeln! Natürlich habe ich nicht immer tatsächlich gute Laune, aber ich weiß, dass die gute Laune irgendwann kommt, wenn ich lächle. Außerdem steigt die Chance, dass die Leute freundlich zu mir sind, wenn ich es zu ihnen bin.

Entscheidend für meine Arbeitsmotivation sind auch meine Kolleginnen und Kollegen. Meistens sind wir zu dritt unterwegs. Über den Tag verteilt geben wir uns immer wieder Kaffee aus, manchmal bringen alle etwas mit und wir essen gemeinsam. So fühlt sich die Arbeit an wie Bahnfahren mit Freunden.

Was mich sonst noch motiviert: Ich habe Acht-Stunden-Tage und geregelte Pausenzeiten. Beim Objektschutz, bei dem ich vorher gearbeitet habe, war das nicht der Fall.“

Wenn die offiziellen Leistungsmotive und die tatsächlichen Anschlussmotive so in Widerspruch zueinander geraten, kann es zu Problemen kommen, etwa im Sport. Das passiert zum Beispiel in Amateurmannschaften, wenn die einen vor allem die Gemeinschaft genießen, die anderen aber gewinnen wollen. Selbst aus einer Erstligamannschaft im Damenbasketball ist eine Episode überliefert, bei der es deswegen krachte. Der Coach wollte auf Sieg spielen und erwartete bei einem geplanten Training vollen Einsatz. Was ihm nicht klar war: Den meisten Spielerinnen ging es mehr ums harmonische Miteinander. Und so meldeten sich etliche vor dem Training einfach krank.

Die Gemeinschaft

„Als ich im Jahr 2013 erfahren habe, dass Russland 30 Greenpeace-Aktivistinnen und -Aktivisten für ihren Protest gegen eine Ölplattform inhaftiert hat, habe ich gemerkt, wie privilegiert ich bin: Ich bin ein weißer Heteromann, ich bin Europäer, in Deutschland gilt das Demonstrationsrecht. Deshalb ist es für mich das Mindeste, diese Privilegien zu nutzen und mich zu engagieren.

Während meines Studiums habe ich mich viel mit dem Thema Ressourcen auseinandergesetzt, in meiner Freizeit bin ich geklettert. Deshalb klettere ich nun ehrenamtlich für Greenpeace.

Es fasziniert und motiviert mich, mit Leuten ganz unterschiedlicher Backgrounds zusammenzuarbeiten, die alle ein Ziel haben: Zeichen für Klimaund Umweltschutz zu setzen.

Dieses Gemeinschaftsgefühl hilft mir, nicht aufzugeben. Denn manchmal hängt man stundenlang bei Schneeregen im Seil, um Banner aufzuhängen, aber es sind keine Medien vor Ort, die uns filmen – dann ist es quasi umsonst. Und bei der Arbeit freinehmen muss man sich für die Aktionen ja auch. Gut am Ehrenamt ist aber auch, dass man selbst entscheiden kann, ob man mitmachen möchte. Greenpeace stellt die Ausrüstung und bietet Trainings. Für den Notfall gibt es einen Rechtshilfefonds.

Oft erlebt man bei den Aktionen wechselnde Gefühle: Als der Immerather Dom von RWE abgebaggert werden sollte, haben wir es geschafft, ein Banner übers Eingangstor zu hängen. Menschen haben uns zugejubelt – ein tolles Gefühl! Wir haben mehrere Stunden durchgehalten, doch leider wurde der Dom zehn Minuten nach unserer Räumung zerstört.

Natürlich war ich in diesem Moment demotiviert, aber die Menschen vor Ort haben auch gezeigt, dass wir ein wichtiges Zeichen gesetzt haben. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass unsere Arbeit politisch etwas bringt.“

Motive können auch in Konflikt geraten, wenn Menschen sich gar nicht darüber klar sind, wo ihre eigentlichen Bedürfnisse liegen. Der Berater Jens-Uwe Martens und der emeritierte Psychologieprofessor Julius Kuhl berichten von einem Banker, der sich große Mühe gab, in seinem Institut Karriere zu machen. „Er war überzeugt, dass all seine Wünsche in Erfüllung gehen würden, wenn er nur einen beruflichen Aufstieg schaffte, aber es gelang ihm nicht.“ Ein psychologischer Test ergab: Sein Anschlussmotiv war viel stärker ausgeprägt als sein Leistungsmotiv. Deshalb erledigte er in der Bank zwar gewissenhaft alles, was ihm aufgetragen wurde, entwickelte aber kaum Eigeninitiative. Im Privatleben dagegen war er sehr beliebt, weil er mit großem Elan Freunden und Bekannten half.

Auf der Suche nach dem Unbewussten

Ziele lassen sich nicht nur eher erreichen, wenn sie der wirklich eigenen Motivation entsprechen, der Erfolg macht dann auch glücklicher, darauf deuten Untersuchungen hin. In einer stieg das Wohlbefinden von Studierenden, wenn sie der Erfüllung von Wünschen nahekamen, die ihren wahren Motiven entsprachen. Diese hatten die Forschenden um Joachim Brunstein, heute Professor an der Universität Gießen, zuvor mit einer Art TAT ermittelt. Verfolgten Studierende dagegen mit hohem Aufwand bewusst gesteckte Ziele, die nicht zu ihren wahren Motiven passten, ging es mit ihrer Stimmung bergab.

Aber wie können wir unsere impliziten Motive erkennen, wenn sie ihrer Natur nach unbewusst sind? Das ist nicht einfach und eine perfekte Lösung gibt es nicht. „Am besten versuche ich, mir Situationen vorzustellen, in denen ich besonders glücklich und zufrieden war oder gut funktioniert habe“, rät Rheinberg. Und dann gehe es darum, die Umstände dieser Momente zu analysieren. Vielleicht konnte man dabei seine Leistung wahrnehmen, weil man ein selbst gestecktes Ziel erreicht hatte? Oder man arbeitete mit anderen zusammen? Aber auch die gegenteilige Frage sei hilfreich: Was waren Situationen, die ich nie wieder erleben möchte?

Implizite Motive wirken oft dann, wenn die Tätigkeit selbst Freude macht – unabhängig vom Ergebnis. Sie stecken zum Beispiel hinter Beschäftigungen, die man immer wieder und auch ohne Belohnung macht und zeitlich vorzieht. Auch Phasen, in denen man problemlos gearbeitet hat und kein Ende finden konnte, können auf sie verweisen; ebenso Erfolge, über die man sich trotz aller Anstrengung nicht freuen konnte: Vielleicht ging es dabei um ein Motiv, das einem eigentlich nicht viel bedeutet. Wer beispielsweise nach vielen Monaten Training relativ unberührt davon bleibt, erfolgreich einen Marathon absolviert zu haben, dem ist diese Leistung womöglich einfach nicht wichtig. Steht man vor der Entscheidung, ob man ein neues Projekt oder einen neue Stelle antreten will, empfiehlt Rheinberg, sich möglichst bildlich und präzise vorzustellen, mit welchen Situationen man dabei konfrontiert werden könnte – was konkret muss man tun und wie stark muss oder kann man mit anderen zusammenarbeiten? So werden implizite Motive angeregt und es gelingt uns besser zu beurteilen, ob die neue Aufgabe zu uns passen würde. Denke man hingegen nur über die erreichbaren Projektziele nach und frage sich immer nur, ob sich die Aufgabe vom Ergebnis her lohnen würde oder wie wertvoll und nützlich sie sei, lande man lediglich bei den expliziten.

Mir wachsen ganz neue Kräfte zu. Ich komme auf Ideen und fühle eine Energie wie lange nicht

Sich zu kennen ist wichtig; wer motivational kompetent sei, so Rheinberg, müsse nicht so häufig auf seine Volition zurückgreifen. Der Begriff Volition – „Willenskraft“ – wird in der Psychologie verwendet, wenn es darum geht, unter Überwindung von Hindernissen ein Ziel zu erreichen. Dabei muss man seine eigene Aktivität überwachen und steuern, ganz anders als im Flow. Wenn wir überhaupt keine Lust verspüren, eine Aufgabe zu erledigen, ist Volition notwendig. Doch sie erschöpft uns, denn neben den Anstrengungen, die die Aufgabe mit sich bringt, kostet es Energie, sich selbst zu überwinden. Hilfreich sind dann solche Strategien wie WOOP (siehe Kasten auf Seite 17)

In der A ufgabe versinken

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Das dritte der klassischen Motive ist das Machtmotiv, es ist häufig unbewusst. Die Psychologie versteht darunter die Neigung, Befriedigung aus der Einf lussnahme auf andere zu ziehen. Daraus erwächst ein Gefühl von Stärke, und das umso mehr, je ausgeprägter das Motiv ist. Auf relativ che Art Eltern, wenn sie sich freuen, dass Kinder durch ihr Mitwirken besser werden, meint Falko Rheinberg. Auch hinter Fragen wie: „Kann ich hier Verantwortung übernehmen?“, oder: „Ist das die Organisation wichtig sind?“, verbirgt sich manchmal der Wunsch nach Macht. Ebenso wie wenn man sich in Situationen wohlfühlt, in denen man andere Menschen mitreißen kann oder die Möglichkeit hat, zu argumentieren überzeugen.

Doch der Wunsch nach Macht birgt auch Schattenseiten. Stark machtmotivierte Politiker eskalieren oft Konf likte. Ein Beispiel logieprofessor David Winter von der University of Michigan ein sehr hohes Machtmotiv bescheinigte, nachdem er dessen Antrittsrede ähnlich wie eine TAT-Geschichte analysiert hatte. Dafür zählte Winter, wie oft Trump auf Einf luss, Ruhm, Kontrolle und Führung zu sprechen kam. Winter hat auch herausgefunden, dass stark machtmotivierte US-Präsidenten eher Kriege führen, während Anschlussmotivierte eher Rüstungskontrollabkommen schließen.

In Unternehmen kann ein ausgeprägtes Machtmotiv auf dem Weg nach oben helfen oder auch dabei, neugegründete Firmen erfolgreich zu machen. So waren von 15 neuen Strickwarenfabriken in Finnland diejenigen am erfolgreichsten, deren führende Personen neben einem hohen Leistungsmotiv ein starkes Machtmotiv aufwiesen. Ein Bedürfnis nach Anschluss schadete dagegen (was je nach den Umständen aber auch anders sein kann).

Wer von einem Bedürfnis nach Macht angetrieben wird, wählt oft eine entsprechende Lauf bahn. Lehrerinnen etwa können Einfluss auf andere ausüben, ebenso Pfarrerinnen und Psychotherapeuten. Es kann allerdings vorkommen, dass sie sich ihres Machtmotivs nicht bewusst sind, es nicht gebrauchen und sich wundern, warum sie im Beruf nicht glücklich werden.

Gegenüber Jens-Uwe Martens und Julius Kuhl klagte eine Lehrerin, dass sie regelmäßig mit dem Rest des Kollegiums aneinandergerate. Die Psychologen maßen bei ihr ein sehr starkes Machtmotiv, von dem sie nichts ahnte. Sie empfahlen ihr, es zu nutzen. Als in der nächsten Lehrerkonferenz das übliche Durcheinander einsetzte, griff die Pädagogin durch. Da sie die Konferenz leitete, konnte sie verfügen, dass ab sofort nur noch zum Thema geredet werden dürfe. Sie fühlte sich großartig: „Mir wachsen ganz neue Kräfte zu. Ich komme auf Ideen und fühle eine Energie, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe.“

Wie für sie kann es für uns alle hilfreich sein, den Alltag oder besonders lästige Aufgaben mit unseren Motiven anzureichern. Dabei, so Psychologieprofessor Rheinberg, sei es hilfreich, sich zu fragen: Was müsste passieren, damit ich mich wohler fühle? Wer nach Anschluss strebt, arbeitet im Homeoffice vielleicht leichter oder zieht im Schwimmbad mehr Bahnen, wenn er dabei nicht ganz allein ist, sondern mit einer Freundin oder dem Partner. Auch Rheinberg nutzt sein implizites Motiv, wenn er langweilige Tätigkeiten vor sich hat. Er setzt sich in diesen Fällen sehr enge Zeitfenster: „Ich jage mich dann selbst – auch wenn das gar nicht nötig wäre – und muss dann zwangsläufig optimal funktionieren, um das in der knappen Zeit doch noch irgendwie zu schaffen.“ Er füttert so sein Leistungsmotiv, dadurch werden die Aufgaben spannender für ihn – selbst wenn es sich um solche wie die Steuererklärung oder das Einkaufen handelt. Allerdings, so schränkt er ein, gebe es zu diesem Vorgehen keine Forschung. In seinen Vorträgen spricht er oft von „Flow-Schaltern“, individuellen Hebeln, die einen leichter in einer Tätigkeit versinken lassen. Sie können in allem Möglichen liegen.

Klassischerweise empfindet man Flow, wenn sich die Anforderungen der Aufgabe und die Fähigkeiten genau entsprechen: in Momenten, in denen man so stark gefordert ist, dass kein Raum für abschweifende Gedanken bleibt. Ist die Tätigkeit hingegen zu schwierig, fällt man immer wieder aus diesem Zustand heraus – das merkt man zum Beispiel, wenn man ein kompliziertes Musikstück spielt. Um in den Flow zu kommen, empfiehlt Rheinberg, jede Art von Unterbrechung zu vermeiden. Bei Aufgaben am Schreibtisch bedeutet dies zum Beispiel: Handy aus, aufpoppende E-Mails abschalten, alle nötigen Materialien griff bereit haben, damit man seinen Zustand nicht jedes Mal unterbrechen muss, wenn man eine Kleinigkeit braucht. Was uns hilft, kann sehr individuell sein: Dem einen gelingen Aufgaben besser, wenn er dabei Musik hört, der anderen, wenn sie abwechslungsreich sind. Denn natürlich wird unsere Motivation von viel mehr beeinf lusst als von den beschriebenen drei Motiven, sie sind jedoch besonders gut erforscht.

Meine eigene Straße

Über welch unterschiedliche Antriebe Menschen verfügen, zeigt auch das Beispiel des Kleinbauern, Hilfsleuchtturmwärters und Teilzeitbriefträgers Calum MacLeod: Jahrzehntelang hatte sich die Regierung geweigert, eine Straße in den Norden der schottischen Insel Raasay zu bauen. Da nahm er in den 60er Jahren den Anschluss seines Dorfs an die Welt selbst in die Hand. Mit kaum mehr als einem Buch über Straßenbau, einer Schaufel, einer Spitzhacke und einer Schubkarre verwandelte er knapp drei Kilometer Fußpfad in eine Straße. Dafür brauchte er zehn Jahre. Seine Straße wurde schließlich auch offiziell anerkannt und befestigt. Ursprünglich wollte er seiner Tochter den Schulweg erleichtern. ■

Die persönlichen Motivationsgeschichten auf den Seiten 19, 20 und 23 hat Gabriele Meister zusammengetragen

ZUM WEITERLESEN

Jens-Uwe Martens, Julius Kuhl: Die Kunst der Selbstmotivierung. Neue Erkenntnisse der Motivationsforschung praktisch nutzen. Kohlhammer, Stuttgart 2020 (6., aktualisierte Auflage)

Gabriele Oettingen: Die Psychologie des Gelingens. Droemer, München 2017

Falko Rheinberg, Regina Vollmeyer: Motivation. Kohlhammer, Stuttgart 2019 (9., erweiterte und überarbeitete Auflage)

Routinen etablieren

„Mit fünf Jahren wollte ich unbedingt Gitarre spielen, weil ich das im Fernsehen gesehen hatte. In meiner Vorschule in Russland gab es aber nur Klavierunterricht. So fing ich mit Klavier an.

Mich begeisterte, dass man etwas üben kann und dadurch etwas erreichen – immer schwierigere Klavierstücke spielen zum Beispiel. Und dass man Notenlesen lernen kann und daraus Musik entsteht. So habe ich schon als kleines Kind ziemlich viel Klavier geübt, was ja eigentlich ungewöhnlich ist.

Mit 13, 14 wollte ich dann allerdings auf hören mit dem Klavier und lieber Zeit mit Freunden und Freundinnen verbringen. Sie fanden klassische Musik nicht so cool.

Meine Eltern kennen sich mit Musik nicht aus, haben aber gesehen, wie weit ich mit dem Klavier schon gekommen war. Sie haben mir deshalb gut zugeredet und meinten, dass ich es später bereuen würde, wenn ich jetzt auf höre. Mittlerweile hatte ich ein Vorstudium an der Musikhochschule Mannheim begonnen – eine Förderung für Begabte, parallel zur Schule.

Ich übte weiterhin wenig. Bis ich mit 14 bei einem Konzert plötzlich nicht weiterwusste. Das war so schlimm, dass mir klarwurde: Wenn ich jetzt nicht regelmäßig übe, f liege ich aus der Hochschule.

Das wollte ich auf keinen Fall riskieren. Ich mag es zu konzertieren, auch wenn ich manchmal sehr nervös werde. Ich mag das Gefühl, Musik mit anderen zu teilen – mit anderen Musikerinnen und auch mit dem Publikum. Und es ist großartig, am Ende des Abends etwas geleistet zu haben.

Die Coronapandemie erschwert das natürlich: Wenn man kaum Konzerte hat, fällt es schwer, sich Ziele zu setzen und strukturiert zu üben. Da hilft es mir oft, gar nicht nachzudenken, sondern einfach meine Übe-Routine durchzuziehen. Eigentlich kommt es nicht auf die Motivation, sondern auf die Selbstdisziplin an. Wenn ich nur üben würde, wenn ich motiviert bin, würde ich es nicht sehr oft tun.“