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Was uns in schweren Zeiten KRAFT gibt


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 15/2022 vom 08.04.2022

GESUNDHEIT

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VERSONNEN Die aktuellen Krisen belasten, aber sie dürfen nicht den Lebensmut rauben

Wenn die Welt schmerzt, kommen dunkle Gedanken. Coronakrise, Krieg in der Ukraine: Kein Tag vergeht ohne beängstigende Nachrichten. Sorgen, Trauer und Hilf losigkeit machen sich breit. Was kann den Menschen in dieser schweren Zeit Kraft geben?

Ein wichtiger Rat: Machen Sie sich klar, dass Ängste in solchen Situationen völlig normal sind. „Es handelt sich ja um reale Bedrohungen“, sagt Dr. Aileen Könitz, Ärztin und Expertin für psychiatrische Fragen bei der Kaufmännischen Krankenkasse KKH. „Durch die Angst werden Stresshormone freigesetzt. Man wird leistungsfähiger, und das hilft letztlich, schwierige Zeiten oder Situationen durchzustehen.“

Keine Angst vor der Angst

Was kurzzeitig oder bei unmittelbarer Gefahr durchaus sinnvoll ist, kann allerdings eskalieren: Der Körper gerät dann in Dauerstress. „Wir sollten Ängste als normale physiologische Reaktionen annehmen, aber auch hinterfragen und nicht durch eigenes Katastrophendenken verstärken“, rät Dr. Könitz. Was betrifft mich wirklich? „Wer sich immer wieder ausmalt, was im schlimmsten Fall passieren könnte, dreht die Angstspirale bis zum Äußersten.“

Die Nachrichtenf lut wirkt dabei wie ein Brandbeschleuniger. Fernsehreportagen, Pushnachrichten aufs Smartphone, Social­ Media-Kanäle, Handyvideos aus Krisengebieten: Das digitale Zeitalter hält uns rund um die Uhr im Griff. Forscher haben dafür einen Fachbegriff geprägt: Doomscrolling – das exzessive Konsumieren schlechter Nachrichten vor allem im Internet. Deshalb gilt: „Es kann hilfreich sein, sich bewusst nur noch ein-bis zweimal am Tag für jeweils zehn Minuten zu informieren“, so Dr. Aileen Könitz. Feste Termine, zeitliche Begrenzung und seriöse Quellen. Sonst macht sich ein Ohnmachtsgefühl breit. Denn auf immer mehr Dinge, die uns direkt betreffen, haben wir keinen Einfluss mehr. Wir müssen erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht.

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SOLIDARISCH Mitgefühl etwa mit den Menschen in der Ukraine hilft gegen die Ohnmacht

Totaler Rückzug ist keine Lösung. Isolation und Alleinsein machen für Ängste empfänglicher. So banal es auch klingen mag: Reden hilft! „Corona und die entsprechenden Maßnahmen haben oft zu einer sozialen Isolation geführt, jeder war mit seinen Problemen allein“, betont Dr. Könitz. „Doch es ist wichtig, bei Angstthemen mit der Familie, mit Freunden oder Kollegen zu reden.“ Kontakte pf legen, telefonieren, sich zu einem Spaziergang verabreden – all das macht es leichter, die Situation realistisch einzuschätzen und auch auf andere Gedanken zu kommen. Außerdem gilt: „Wenn die Angst das tägliche Leben bestimmt und zu massiven Einschränkungen führt, dann ist es an der Zeit, sich Hilfe zu holen“, warnt die Expertin (Adressen hierzu im Kasten rechts).

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„Wir sollten Ängste annehmen, aber nicht durch eigenes Katastrophendenken verstärken.“

Dr. Aileen Könitz, Ärztin

Strategien gegen Sorgen

Jeder reagiert anders. Manche bleiben gelassen, andere verfallen in Schockstarre. Die Lage etwa in der Ukraine kann Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depression zusätzlich belasten. Auch die Maßnahmen gegen Corona haben sich auf viele Patienten negativ ausgewirkt. „Eine Depression ist jedoch keine Reaktion auf aktuelle Lebensumstände oder äußere Belastungsfaktoren“, stellt Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, klar. „Es handelt sich um eine eigenständige, lebensbedrohliche Erkrankung.“ Entscheidend ist das Vorliegen einer entsprechenden Veranlagung. Die oftmals belastende Befürchtung, aus negativen Gedanken oder Traurigkeit in eine krankhafte Depression zu rutschen, ist also in den meisten Fällen unbegründet.

Trotzdem können Strategien, die sich bei Depressionen bewährt haben, in diesen schweren Zeiten Halt geben. Dazu gehören feste Strukturen für den Alltag: vom morgendlichen Aufstehen über Arbeitszeiten und Mahlzeiten bis hin zu schönen Dingen wie lesen, Musik hören oder kreativ sein. Am besten jeden Tag und die ganze Woche im Vorfeld strukturieren, um Ohnmachtsgefühl und Antriebslosigkeit zu überlisten. Aktiv bleiben! Auf keinen Fall sollte man sich bei Erschöpfung ins Bett zurückziehen oder kraftlos tagsüber hinlegen. Bewegung ist wichtiger als je zuvor. Schon ein Spaziergang oder eine Radtour kann die Stimmung auf hellen. Das ist keine Flucht vor der Realität, sondern ein wichtiger Ausgleich für Körper und Seele.

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„Die Botschaft vom Leid und von der Auferstehung Jesu ist aktueller denn je.“

Heinrich Bedford-Strohm, evang. Landesbischof

Ein solcher Ausgleich gilt ähnlich bei der Betrachtung der aktuellen Konflikte in der Welt. „Es ist nicht alles schwarz“, betont KKH-Expertin Aileen Könitz. „Man muss sich die Realität bewusst machen und nicht die Waage in eine Richtung kippen lassen.“ Also auch die positiven Beispiele sehen: Ärzte, die ins Kriegsgebiet gehen, Menschen, die Gef lüchtete aufnehmen. „Viele können damit mehr anfangen als mit Tipps wie: ,Mach mal eine Entspannungsübung‘“, betont Dr. Aileen Könitz.

Gerade zur Osterzeit finden Menschen Halt im Glauben. „Die Botschaft vom Leid und von der Auferstehung Jesu Christi ist aktueller denn je“, sagt Prof. Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. „Dass am Ende nicht der Tod das letzte Wort hat, das ist für mich die größte Hoffnungsgeschichte, die ich mir vorstellen kann.“ Die Verzweif lung, die viele Menschen spüren, wird dabei nicht einfach ignoriert, sondern erfährt eine neue Perspektive. Dazu kommt die Hoffnung, die aus der Hilfsbereitschaft wächst. „Wir erleben momentan ein enormes Ausmaß an Empathie und Mitgefühl“, so Bedford-Strohm. „Das sind für mich kleine Zeichen der Auferstehung, dass Menschen in all dem Leid so viel Anteilnahme, Trost und ganz praktische Hilfe erfahren.“ Jeder kann eben doch etwas tun. Und das gibt Kraft.

KAI RIEDEMANN

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