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Was zählt , ist auf dem Platz!


Gitarre & Bass - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 20.08.2021

Und nun taucht diese Fame TL auf und bietet uns einen von vornherein kompromisslosen Entwurf dieser Stilart. Hier bedarf es keiner langatmigen Erklärungen oder Analysen bezüglich Authentizität. Hier zählt nur: Daumen hoch oder Daumen runter … und das kurz nach dem ersten Blick!Wer grundsätzlich einen etwas derberen Gitarren-Geschmack besitzt und mit künstlerisch-abgehobenem Feingeist nicht so viel anfangen kann, der lese an dieser Stelle gerne weiter. Alle anderen blättern bitte vor bis zur nächsten Riegelahorn-Decke.

KUNST ODER KAPUTT?

Reliced, Aging, Distressed, Road Worn, Closet Classic, NOS, VOS, ja, selbst Heavy Relic erscheint wie ein Kindergeburtstag angesichts dieser Kreatur, die mir da aus dem Versandkarton entgegenblickt. Den Stil dieser künstlichen Alterung (fast hätte ich „künstlerisch“ geschrieben) bezeichnen die Jungs vom Music Store Köln mit „Worn Out“. Das ist recht semi-originell, ...

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... Fender hat mit seiner bekannten Road-Worn-Serie hier auch in der Namensgebung vorgelegt. Aber immerhin stimmt der Sinn dieser Bezeichnung, denn „Worn Out“ bedeutet nichts anderes als abgenutzt, abgegriffen, verschlissen, verbraucht, am Ende … Um diese Gitarre näher kennenzulernen, dekodieren wir mal schnell ihre Modellbezeichung. „SE Series“ steht für „Special Edition“, eine neue Fame-Serie, die in China gebaut wird (nicht zu verwechseln mit PRS, der seine in Korea gefertigte Ware ebenfalls mit SE kennzeichnet, was dort aber „Student Edition“ bedeutet) „TL“ weist auf die Fender Telecaster hin, die dieser Fame-Gitarre ihre bekannte Figur zur Verfügung stellt. „Worn Out“ bedeutet, wie oben schon gesagt, abgenutzt, „SH“ steht für die Pickup- Bestückung mit Fame-eigenen Singlecoil und Humbucker, und „White“ ist die Farbe, die den Body nur noch teilweise bedeckt. Der dreiteilige Body, aber auch der Ahornhals samt dem unorthodox abgewetzten Ahorngriffbrett sind matt lackiert. Strat-typische Konturen auf Vorder- und Rückseiten des Bodys versprechen ein inniges Spielgefühl, und auch das Body-Holz ist überraschenderweise Ulme; sicherlich nicht das bevorzugte Tonholz für Sound- Gourmets, aber dafür günstig und solide. Ulme, der viele eine europäische Heimat zuordnen, ist tatsächlich auch in China

Fame SE Series TL Worn Out SH White

beheimatet; dort gibt es nicht weniger als 21 verschiedene Ulmen-Arten, 14 davon sogar ausschließlich dort.

Diese Ulme wiegt knapp 4 kg. Das ist mehr als beispielsweise feine Sumpfesche, aber mal im Ernst: Solch eine rustikale TL-Style-Gitarre muss einfach etwas schwerer sein, spricht sie doch von vornherein eher schwere Jungs und herzhaft zupackende Girls an. Bei der Oberflächenbehandlung – man sollte hier nicht von Lackierung im üblichen Sinn sprechen – wurden die Schleifutensilien nicht bis hin zur feinsten Körnergröße ausgereizt. Insbesondere an schwer zugänglichen Stellen wie z. B. im Cutaway finden sich roh belassende Stellen, die darauf schließen lassen, dass das Schleifen nicht von Hand erfolgt. Der verwendete weiße Lack ist sehr dünn (eine Schicht?) aufgetragen, sodass der Faser- verlauf der Maserung durchscheint. Dies unterstützt den rohen Charakter dieser Erscheinung natürlich noch zusätzlich. Sicher eine kostensparende Methode einer Versiegelung, aber stilistisch eine konsequente, die dieser Gitarre ihr eigentliches Gesicht gibt. Schade, dass man dieser so exzessiv zerhackten TL noch fast neu erscheinende, ziemlich shiny aussehende Hardware montiert hat. Zwar hat die Hardware laut Hersteller-Info ein künstlich gealtertes Chrom-Finish erhalten – richtig, wenn wir ganz genau hinschauen, sehen wir die fast schon zärtlich anmutenden Spuren von Schleifpapier auf den Metalloberflächen von Humbucker, Controlplate und Steg-Grundplatte. Hier hätte ein ausgedehntes Bad in einer leckeren Salzsäure-Lösung jedoch für eine passendere Worn-Out- Patina sorgen können.

CLEAN?

Genug erzählt, jetzt das Flanellhemd übergezogen und ran an die Axt! Akustisch macht die Fame TL ersten Höreindruck auffällig: Ein richtig langes, gleichmäßiges Sustain, gepaart mit einem etwas gemütlichen Attack-Verhalten. Beide PUs basieren auf Keramikmagneten, bekanntermaßen die günstigste Art, Pickups zu bauen. Dass dieses Material jedoch auch richtig gute Ergebnisse liefern kann, beweist nicht zuletzt Pickup-Gigant DiMarzio, der häufig Keramikmagneten einsetzt. Am Amp zeigt die Fame TL dann vor allem eins: Output! Meine eigene Vintage-Type-Tele verhält sich im Vergleich deutlich zurückhaltender, fast schon ängstlich. Cleane Sounds überspringe ich in diesem Fall, sie würden diese TL auf ihrem Weg zu Fame und Ehre nur aufhalten. Der Fame-Singlecoil am Steg liefert angecruncht und verzerrt dementsprechend ein richtig amtliches Brett mit sattem Druck, einer einen recht lauten, für einen Tele-Typ leicht höhenbedämpften Eindruck, bei dem aber dafür der Mittenbereich im Mittelpunkt des Interesses steht. Und noch eins wird beim guten Ausgewogenheit und damit einer breiten Angriffsfläche für Riffs, Powerchords & Co. In Kombination beider Pickups fächert der Sound schön auf und kann z. B. klangstark den Blues beschwören! Der Humbucker am Hals will sich, wenn er auf sich allein gestellt ist, jedoch nie so wirklich von seiner Wolldecke trennen; mit höheren Frequenzen hat er es nicht so. Geben wir ihm ein fuzziges Zerr-Aggregat an die Hand, entsteht auf Knopfdruck sogar ein Clapton-Woman-Tone, obwohl das Tone-Poti voll auf ist. Wenn man das will, ist das gut. Wenn nicht, muss man sich auf die Klangwelten von Steg-Pickup und Kombinations-Sound konzentrieren. Das geht, und das macht sogar richtig Spaß. Denn hier entstehen gute, verzerrte Sounds, die sich im Band-Mix bestens durchsetzen, weil sie ihren TL-typischen, aggressiven Background nie verleugnen. Nur um den Humbucker besser zu verstehen, höre ich mir ihn dann nun doch auch im Clean- Modus an. Dank seines hohen Outputs übersteuert dieser Pickup den Eingang meines (Röhren-)Amps recht früh und ist in herkömmlichen Stilarten dank fehlender Höhen-Glocke nur suboptimal einsetzbar. Vielleicht Jazz? Klanglich sicher eine Möglichkeit, aber spielst du Jazz mit solch einer heruntergekommenen Brettgitarre? Wer hingegen warme, volle Sounds mit einer gewissen Wolligkeit mag – zum Beispiel in Kombination mit Fuzz, Tremolo oder LoFi-Delays –, wird entsprechend interessant bedient. Und noch ein Wort zur Spielbarkeit: Dank des gut gekerbten Kunststoffsattels, der flachen Saitenlage und den korrekt abgerichteten Bünden lässt sich die Fame TL sehr bequem spielen. Das eher flache C-Profil des Halses, das in den höheren Lagen kaum an Stärke zunimmt, in Verbindung mit dem flachen 12"-Radius des Griffbrettes erscheint am Anfang etwas ungewohnt, aber ermöglicht nach dem Kennenlernen ein müheloses Spiel und nahezu grenzenlose Bending-Möglichkeiten.

Übersicht

RESÜMEE

Diese Fame TL SE Worn Out, die so aussieht, als ob sie hinter einem Trecker über Feld, Wald und Wiesen geschleift wurde, steht selbstbewusst ihren Mann oder ihre Frau. Aber nur, wenn diese für solch ein kompromissloses Grobes Ganzes selbst bereit sind. Diese TL ist nämlich die wahre Axt im Gitarrenwald – optisch, aber auch klanglich! Sie mag dabei keine cleanen Sounds und ihr Humbucker dient vor allem den Zwischensounds und einer coolen Optik. Das gebotene Rockbrett kommt dagegen mit viel TL- Charakter und einer schönen Aggressivität und sattem Biss. Feingliedrige, hoch auflösende und transparente Sounds spielt man hier einfach nicht, denn damit kann man sich kaum breitbeinig in den Vordergrund drängen. Ich persönlich beurteile Gitarren in erster Linie nicht nach ihrem Preisschild, sondern danach, ob sich eine Gitarre erstens gut spielen lässt, zweitens, ob sie zuverlässig funktioniert, und drittens, ob sie eine Geschichte zu erzählen hat. Sind diese drei Punkte erfüllt, ergibt sich Punkt vier fast von alleine: ob sie mich als Musiker zu Interessantem, nie zuvor Gespieltem inspiriert. Und tatsächlich – diese Fame TL Worn Out mit ihrem kleinen Preisschild kann alle diese Punkte erfüllen. Dabei stört mich nicht, dass kaum eine Gitarre so derb gespielt wird, bis sie dermaßen abgerockt aussieht wie diese TL, und dass kaum ein Griffbrett in der Art beansprucht wird, wie mir solche Spielspuren weismachen wollen. Aber eine hundertprozentige Authentizität des künstlichen Alterungsprozesses sollte auch nicht das Aushängeschild dieser Fame TL Worn Out sein. Vielmehr wird hier das Thema Aging/Relicing so radikal interpretiert, dass dies sogar einen neuen, Stil begründen könnte. Eben den eigenen Worn-Out-Stil … Es dürfte allen klar sein, dass dieser kompromisslose Look viele überfordert; aber es wird auch genug Musiker:innen geben, die sich von solch einer Radikalität direkt angesprochen fühlen. Zumal diese TL den, sagen wir mal, herzhaften, optischen Eindruck auch klanglich konsequent transportiert. Und was kümmert uns dann schon die leicht schief sitzende Halsplatte? Denn: Was zählt, ist auf dem Platz.

+ Plus

● Rocksound

● Preis-Sound-Verhältnis

● Spielbarkeit

● Kompromisslosigkeit

- Minus

● halbherziges Worn-Out Finish der Hardware

● Sound des Humbuckers