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Wasser für die frühen Bauern: Brunnen der Linienbandkeramik


Archäologie in Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 11.09.2020

Moderne Grabungen erfassen eine rapide steigende Anzahl linearbandkeramischer Brunnen. Dabei liegt in der Öffentlichkeit der Fokus oft auf dem »größten«, » tiefsten« oder »ältesten« Befund. Viel wichtiger ist jedoch ihr Wert für die Wissenschaft, erhalten sich in den Brunnen doch Funde und Einbauten, die man sonst kaum antrifft.


Artikelbild für den Artikel "Wasser für die frühen Bauern: Brunnen der Linienbandkeramik" aus der Ausgabe 5/2020 von Archäologie in Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Archäologie in Deutschland, Ausgabe 5/2020

Fast im Halbjahres - rhythmus muss man Karten überarbeiten, so oft werden neue Brunnen entdeckt: Verbreitung der linienbandkeramischen Siedlungen und Brunnenbefunde.


Die ersten vom Menschen gegrabenen Wasserlöcher sind schwer nachweisbar, auch wenn man ihre Existenz schon in der ...

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... Altsteinzeit erwartet und Fundstellen aus dem Mesolithikum bekannt sind wie Friesack in Brandenburg. Im Unterschied zum trockenen Vorderen Orient, wo der Ursprung von Ackerbau und Viehzucht zu suchen ist, weist Mitteleuropa ein recht dichtes Netz aus Quellen, Bächen und Flüssen auf. Bandkeramische Siedlungen sollen in der Regel in Flussnähe angelegt worden sein – leider häufig ein Zirkelschluss, denn aufgrund dieser Annahme wurden Siedlungsspuren vor allem dort gesucht – oder die Siedler hatten einen mehrstündigen Weg zum nächsten Gewässer zu laufen. Das gilt auch angesichts des wärmeren und feuchteren Atlantikums, jenes Abschnitts der Klimageschichte, in den die Aufsiedelung eines großen Teils von Mitteleuropa durch die linienbandkeramische Kultur in der zweiten Hälfte des 6. Jt. v. Chr. fällt. Demzufolge wurde bis vor rund drei Jahrzehnten auch nicht erwartet, dass zwischen den Unmengen von Pfosten‐ und Siedlungsgruben, die zu den mittlerweile gut erkennbaren bandkeramischen Langhäusern rekonstruiert werden, gelegentlich auch Befunde zu finden sind, die als Wasserschöpfbrunnen gedeutet werden können.

Alles Brunnen, oder was?

Die Bedeutung von »Brunnen« ist im alltäglichen Sprachgebrauch sehr weit gefasst und als »technische Anlage zur Gewinnung von Grundwasser« definiert. Darunter fallen allerdings so unterschiedliche Dinge wie eine oberflächennahe Einfassung von einem meist flachen Wasserloch – das auch verbaut sein kann, nicht verbaute tiefe Gruben, durch Stein, Holz oder Ziegel verbaute tiefe Schächte und schließlich die mittelalterlichen und modernen Trank‐ und Zierbrunnen in den Dörfern und Städten.

Droßdorf, Landkreis Leipzig. Einer der drei kleineren Holzkastenbauten in einer Senke am Rande der Siedlung wurde aus sekundär genutzten Brettern gebaut. Im Hintergrund ist der einzige Befund zu sehen, der zwei Flechtwerkeinfassungen hatte. Beide haben vermutlich nicht zum Wasserschöpfen gedient.


Im Folgenden wollen wir uns auf zwei Befundarten konzentrieren, die man vor allem bei großflächigen Ausgrabungen findet, wenn man auch die Peripherie von Siedlungen erfassen kann: tiefe Gruben oder Schächte ohne Einbauten und solche mit einer hölzernen Konstruktion. Sollte der Nachweis gesichert sein, dass der Befund bis ins Grundwasser eingegraben war, so müsste man ihn als Wasserloch oder ‐schacht bezeichnen. Es können aller ‐ dings auch nur tiefe Siedlungsgruben gewesen sein, die ähnlich Silos oder Schlitzgruben zu einem anderen Zweck – z.B. als Speicher, für eine kühle bzw. feuchte Lagerung – benötigt wurden. Allerdings müssen auch Befunde mit hölzernen Einbauten nicht zwingend zum Schöpfen von Wasser gedient haben, sondern können für andere wirtschaftliche Zwecke angelegt worden sein, die mit Wasser oder Feuchtigkeit zu tun hatten.

Ob es eine Entwicklung von Wasserlöchern zu Brunnen mit Holzeinbauten gegeben hat, ist nicht zu sagen. Man könnte vermuten, dass Erfahrungen beim Ausheben von tiefen Gruben in mächtigen Lössböden oder im Geschiebelehm zu der Erkenntnis führten, dass steile Wände gerade an der Nahtstelle zum Grundwasser oftmals einbrechen. Die Mühe wäre dann nach kurzer Zeit vergeblich gewesen, sodass die Wände versteift wurden bzw. die Grube mit einer Holzkonstruktion für eine längere Nutzung ausgebaut wurde. Seitlich dicht abschließende ausgehöhlte Baumstämme oder jene Beispiele von bandkeramischen Kastenbrunnen, deren Holzlagen mit Moos, gelegentlich wohl auch mit Pech abgedichtet wurden, zeigen, dass man ein Einsickern des seitlichen Sediments vermeiden wollte und dieses auch zu vermeiden wusste. Auch die unlängst neu entdeckten und bislang auf Tschechien beschränkten Eckpfosten mit jeweils zwei eingekerbten Nuten, in die Bretter eingelassen wurden, dichteten den Schacht seitlich vergleichsweise gut ab, sodass das Wasser nur von unten nachlaufen konnte.

Doch es gibt auch Holzeinbauten, die undicht sind. Das können sogar Kästen aus Holzbrettern sein, insbesondere wenn sie mehr schlecht als recht aus wiederbenutzen Brettern aufgebaut waren. Auch die Absicherung der Grube mittels grob geflochtener Eichenzweige konnte für die Bandkeramik nachgewiesen werden – bislang kannte man solche Befunde erst ab der endneolithischen Schnurkeramik. Flechtwerkeinfassungen sind darauf angelegt, einen seitlichen Wasseraustausch zu gewährleisten, bei dem es offensichtlich unwichtig war, ob damit auch Sand hinein ‐ geriet. Die unterschiedlichen Bauweisen wurden von den prähistorischen Siedlern sicherlich bewusst eingesetzt. Ihre Vielfalt zeigt, dass die meist undifferenziert als (Schopf‐)Brunnen betrachteten Befunde unterschiedliche Funktionen gehabt haben müssen. Doch nicht nur die Sorgfalt der Bauweise, die Qualität und Größe der Hölzer unterscheidet sich oftmals, auch die Brunnenkästen selbst sind unterschied lich groß und tief gebaut, wie die beiden mit 13 bzw. 14,5 m tiefsten Brunnen in Erkelenz‐ Kückhoven und Morschenich in Nordrhein‐Westfalen. Gerade Größe und Tiefe scheinen voneinander abhängig zu sein und sind vor allem ein Resultat der Grundwassertiefe.

Brodau, Landkreis Nordsachsen. Den Brunnen bildete ein ausgehöhlter Baumstamm – die ringförmige Struktur innen. Mit den Brettern außen hatte man nur die Baugrube verschalt. Links der Kopf eines aufrecht sitzend geopferten Ferkels.


Erkelenz-Kückhoven, Landkreis Heinsberg. Der 1990 entdeckte Brunnen hat eine der tiefsten und größten Holzkonstruktionen der Linienbandkeramik. Sie besteht aus ineinander verschachtelten Kästen.


Jeder Haushalt eine Wasserstelle?

Zur Erforschung der sozialen Organisation der frühen sesshaften Bauern ist es von größter Bedeutung, die Anzahl und Lage in etwa gleichzeitiger Brunnen zu erkennen. Daher ist es keineswegs eine triviale Frage, ob in der Linienbandkeramik jeder »Haushalt« oder bloß jede Siedlung einen Brunnen hatte und wie lange ein Brunnen in Gebrauch war. Auch nach über 50 Jahren Forschungsgeschichte – zwar gibt es einzelne Verdachtsfälle schon aus den Jahrzehnten davor, doch erstmals eindeutig erkannt hatte man diesen Befundtyp 1970 in Mohelnice, Mähren – ist die Annahme, Brunnen wären in der Bandkeramik eine Notwendigkeit, zudem noch eine Entscheidung des einzelnen Haushalts und nicht der Siedlungsgemeinschaft, derzeit nicht überzeugend und nachvollziehbar. Der bisherige Sachstand zeigt vielmehr, dass noch nicht einmal für jede bandkeramische Siedlung unbedingt ein Brunnen angenommen werden muss.

Einige Siedlungen, die mehr oder weniger vollständig erfasst wurden, wiesen zumindest jeweils einen Befund mit einem Holzkasteneinbau auf und hatten darüber hinaus auch noch mehrere tiefere Befunde mit Holzerhaltung, wie in Arnoldsweiler in Nordrhein‐Westfalen, aber oftmals auch ohne jeglichen Holzeinbau, wie in den Siedlungen Niederröblingen oder Schönebeck in Sachsen‐Anhalt und darüber hinaus alle bislang bekannten Fälle aus Polen. Diese Befunde mit unterschiedlichen Bauweisen und Tiefen werden häufig undifferenziert als gleichzeitig bestehende Brunnen gedeutet, sodass man argumentieren könnte, es hätte zu einer gewissen Zeit jeweils einen Brunnen pro Haus gegeben. In anderen großflächig ausgegrabenen Siedlungen, wie Erkelenz‐Kückhoven in Nordrhein‐Westfalen oder Eythra in Sachsen, sind jeweils nur ein bis drei Brunnen gefunden worden. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass nicht alle entdeckt wurden, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass man dadurch das Missverhältnis zwischen Siedlungsdauer und Brunnenanzahl komplett aufheben könnte, besonders wenn man bedenkt, dass in Eythra jeder Befund auf einer über 30 ha großen Fläche gegraben wurde. Einige vollständig untersuchte linienbandkeramische Siedlungen in Sachsen unterstützen das. In Droßdorf und Altscherbitz wurden bei 70 bis 75 Hausgrund ‐ rissen innerhalb von 250 bis 300 Jahren jeweils nur ein größerer Brunnen gebaut – und zwar erst gegen Ende der Siedlungsdauer. Und das, obwohl beide Siedlungen in relativ großer Entfernung von Gewässern angelegt wurden, in Altscherbitz mehr als 2 km, in Droßdorf über 4 km. In Droßdorf hatte man auch das größere Umfeld der Siedlung untersuchen können, sodass etwa 200 m entfernt von der größten Siedlungsdichte ein Bereich entdeckt wurde, in dem sich eine große Anzahl von tiefen Gruben befand, von denen einige Holzeinbauten aufwiesen. Sechs davon datieren in die Linienbandkeramik. Insoweit gab es zwar in dieser Siedlung insgesamt sieben Gruben mit Holzeinbauten, aber die genauere Analyse zeigt, dass nur ein einziger Wasserschöpfbrunnen in Siedlungsnähe bestand. Dieser war nicht nur am aufwendigsten gebaut und am tiefsten eingegraben, sondern wies auch als einziger eine Vielzahl von Funden in der Verfüllung auf. Die anderen mit Holz ausgebauten, flacheren Gruben lagen allesamt in einer – wie uns die archäobotanischen Untersuchungen zeigen konnten – zur damaligen Zeit wohl feuchten Senke abseits der Siedlung. Sie erfüllten wahrscheinlich andere Funktionen, die mit Wasser und Feuchtigkeit in Verbindung standen.

Wasser – nicht nur zum Trinken

Droßdorf, Landkreis Leipzig. Die bandkeramische Fundstelle im Braunkohlentagebau Peres wurde vollständig erfasst: unmittelbar am südöst - lichen Rand ein tiefer Kastenbrunnen für das Trinkwasser, etwas außerhalb weitere sechs Gruben mit Holzeinbauten, die für andere Zwe - cke dienten, bei denen Wasser nötig war.


Einen eindeutigen Nachweis für die Interpretation der tatsächlichen Funktion von tiefen Gruben sowohl mit als auch ohne Verbau ist allerdings nicht leicht zu erbringen. Um zu entscheiden, ob sie als potenzielle Schöpfbrunnen benutzt wurden, reichen Angaben zur absoluten Tiefe der Befunde oder der rekonstruierte Wasserstand nicht aus, da diese Faktoren wiederum abhängig von Lage und Untergrund lokal stark schwanken können. Zudem müssen nicht alle Gruben mit Holzeinbauten und schon gar nicht die gelegentlich als Brunnen interpretierten mehr oder weniger schachtartigen Gruben zwingend für die Wassergewinnung gebaut worden sein. Recht mächtige, mit Steinen beschwerte Lagen von Baststreifen, wie in einem der Befunde aus Droßdorf, geben Hinweise auf andere Funktionen, nämlich das Rotten von Lindenbast zwecks Herstellung von Schnüren – was keine gleichzeitige Nutzung als Trinkwasser zulässt. In anderen Befunden in der Senke wurden komplette oder lediglich halbierte junge Eichenstämme samt Rinde verbaut. Diese geben einen weiteren Hinweis, dass hier die Gewinnung von Trinkwasser keine Rolle spielte, denn Eichenrinde ist bestens geeignet, um ungenießbare Gerberlohe herzustellen!

Wenngleich es nicht immer gelingt, die ehemalige Funktion dieser Befunde eindeutig zu bestimmen, so besteht deren außergewöhnliche Bedeutung vor allem auch in der überdurchschnittlichen Tiefe, die dazu führte, dass bis heute in dem feuchten Milieu besonders gute Erhaltungsbedingungen für organische Materialien bestanden. Das übliche Fundmaterial linienbandkeramischer Siedlungen war bis zu den ersten Brunnenfunden im heutigen Thüringen (Zipsendorf) und Sachsen‐Anhalt (Rehmsdorf) vor etwa 100 Jahren nämlich vor allem auf Keramik beschränkt, gebrannte Ton‐ und Lehmobjekte, Steingeräte und in entsprechend kalkreichen Böden auch Knochen – sowohl Speisereste als auch daraus hergestellte Geräte. Seit der intensiven Beprobung und der Bestimmung von verkohltem organischen Material in den 1960er Jahren wissen wir zwar sehr viel über die Holz‐ und Pflanzenarten, und mittels vergleichsweise seltener Pollenanalysen kennen wir gelegentlich sogar den Naturraum im Umfeld der Siedlung. Insgesamt hatte man zusammen mit den Pfosten‐ und weiteren Siedlungsgruben, die seit den 1930er Jahren von Ausgrabungen bekannt waren, spätestens seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein sehr komplexes Bild von der ersten jungsteinzeitlichen Kultur vor über 7400 Jahren nachzeichnen können.

Schreiner und Zimmerer

Der Fundort Altscherbitz bei Leipzig bot besonders gute Bedingungen für die Erhaltung von Holz: Der älteste Nachweis eines Zapfenschlosses.


Doch erst die in Brunnen verbauten Hölzer haben uns einen Einblick in das Zimmermannshandwerk der Linienbandkeramik gegeben. Es steht den mittelalterlichen Techniken in nichts nach, obwohl die verwendeten Geräte auf Stein, Knochen und weiteres Holz beschränkt waren. Die Konstruktionen können aus Spaltbohlen, tangential geschnittenen Brettern, halben oder auch ganzen Baumstämmen bestehen. Sie waren in Blockbautechnik unterschiedlich miteinander verschränkt und verkämmt oder gar verzapft. Die Benutzung von Holznägeln und die Herstellung von dünnen Brettern, die in eingekerbte Nutbahnen eingeschoben wurden, zeigen uns die fortgeschrittenen Kenntnisse der Schreiner, denen praktisch keine Grenzen gesetzt waren. Damit können wir den bandkeramischen Siedlern nunmehr auch im Hausbau viel mehr Lösungsmöglichkeiten zutrauen, sodass die Geschichte der Zimmermannstechnik und der Holzarchitektur aktualisiert werden muss.

Neben den Einbauten haben sich in den Brunnen zahlreiche weitere Artefakte aus Holz erhalten, die uns bislang unbekannte Einblicke in den bandkeramischen Haushalt beschert haben. Das Spektrum reicht von Spaten, Harken, Holmen für Steinbeile bis hin zu Gefäßen, Schachteln aus Birkenbast und zahlreichen Rindenbastbeuteln, die wohl zum Wasserschöpfen benutzt wurden. Letztere sind mittlerweile so häufig, dass es gerechtfertigt scheint, zwei unterschiedliche Typen zu postulieren. Zudem finden sich zahlreiche Reste von Schnüren aus Bast in den unterschiedlichsten Stärken, vom dünnen Faden bis zu fast tauartigen Seilen. Diese sind, wie auch die extrem dünnen Rindenbastbeutel, schwer zu bergen und noch schwerer zu konservieren. Es bleibt nicht aus, dass man auch Objekte findet, deren Funktion uns noch verborgen bleibt, wie beispielsweise ein aufwendig verziertes Ahornband aus Eythra. Eindeutig als Schmuck zu deuten sind auf Schnüren aufgereihte gelochte Schnecken wie jene in Leipzig‐Plaußig.

Im einzigen größeren Brunnen von Droßdorf lagen zwei verzierte Gefäße, möglicherweise Opfergaben. Auf die Wandung wurden mit Birkenpech aus Birkenrinde zugeschnittene Streifen geklebt. Darunter ist noch die übliche bandkeramische Ritz - verzierung zu finden.


Dabei ist zu erkennen, dass nach Grabung und oftmals Bergung en bloc Restaurierung und Konservierung der meist fragilen Funde selbst unter Laborbedingungen eine große Herausforderung sind.

Zudem erfordert diese Vielfalt an Funden eine breite Palette an interdisziplinären naturwissenschaftlichen Untersuchungen. Der Dendrologie verdanken wir nicht nur die Bestimmung von Art und Alter der benutzten Hölzer sowie die Beschreibung von Bearbeitungstechniken oder Infor ‐ mationen zum Schädlingsbefall, sondern auch – wenn die Erhaltung gut und der Splint der Hölzer noch vorhanden war – das Schlagalter der Bäume, d. h. in der Regel nicht weniger als das genaue Baujahr. Ein Traum, wenn man das auch für die leider nicht erhaltenen Hauspfosten wüsste!

Die von unten nach oben zunehmend schlechter werdenden Erhaltungsbedingungen für organische Materialien ermöglichen eine Überlieferung ganz neuer Fundmaterialien und Fundarten, die in den üblichen flacheren Siedlungsgruben auf Mineralböden nicht mehr erhalten sind. Dabei muss es noch nicht einmal um Artefakte gehen. Große Mengen an Ästen, Blättern und sonstigen botanischen Resten, wie Samen, Früchten und sogar Käfer und Kleinsäuger, kommen zahlreich sowohl in der Nutzschicht als auch in der Verfüllungs ‐ schicht, die nicht immer gut voneinander zu trennen sind, vor. Der Archäobotanik verdanken wir Nachrichten über bislang für die Bandkeramik nicht oder nur in der westlichen Peripherie angenommene Nutzpflanzen wie Mohn oder Bilsenkraut – die nicht nur in allen sächsischen Brunnen gehäuft vorkommen, sondern mittlerweile auch in den neueren tschechischen Befunden nachgewiesen wurden. Schon allein das Aufzählen der farblich noch sehr frischen Funde wie Hagebutte und Physalis würde die uns zugewiesene Seitenzahl bei Weitem überschreiten. Gleiches gilt für die Vielzahl der Kleinsäuger oder der zahlreichen Käfer arten, deren Untersuchungen durch Archäozoologen und Entomologen uns ganz neue Einblicke in Alltagsleben, Siedlungsumfeld und damalige Hygienezustände gewähren oder auf die lauernden Gefahren hinweisen, die bei der Getreidelagerung durch die vielen Schädlinge zu erwarten waren.

Profan und sakral zugleich

Neben diesen besonderen, weil seltenen organischen Funden sind in den Verfüllungen vieler Brunnenschächte wie auch der Baugruben schließlich noch die »üblichen « Funde anzutreffen. Dabei fällt auf, dass viele Brunnen recht fundarm sind und die Größe und Beschaffenheit der Scherben und Steine sich kaum von jener in den normalen Siedlungsgruben unterscheidet. Andererseits gibt es auch Beispiele von Brunnen, wie in Erkelenz, Eythra, Plaußig, Altscherbitz und zuletzt in Droßdorf, die außergewöhnliche und oftmals vollständige Artefakte enthielten, sodass man geneigt ist, darin nicht nur außergewöhnliche Befunde zu sehen, sondern auch eine über rein praktische Erwägungen hinausgehende Funktion zu diskutieren.

Es gibt Hinweise, dass schon das Errichten von Brunnen mit einer besonderen »rituellen« Handlung verknüpft gewesen sein könnte, und bei ganz vielen Fällen ist eine absichtliche Verfüllung mit außergewöhnlichen Funden zu vermerken, die keinesfalls als Siedlungsabfall zu betrachten sind. In Brodau hatte man beispielsweise vor der Verfüllung der Brunnengrube zwei Ferkel außerhalb des Schachts deponiert, der aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestand. Die mehr oder weniger kompletten Tierskelette, die man in Rehmsdorf (Fuchs) bzw. in Droßdorf (Rehkitz) in der Verfüllung fand, sind dagegen mit Sicherheit nach der Nutzung in den Brunnen gelangt. Es ist jedoch nicht eindeutig festzustellen, ob von alleine oder durch Menschenhand. Anders ist das bei den großen Mengen an oftmals vollständigen, teilweise aber auch nur fragmentierten Tongefäßen, die aus Eythra, Altscherbitz oder zuletzt in Droßdorf belegt sind. Hierbei muss man von einer absichtlichen Deponierung der Gefäße ausgehen, denn einerseits lagen sie oberhalb des Nutzungsniveaus, andererseits eigneten sich nicht alle zum Wasserschöpfen. Auch die Qualität der Tongefäße ist sehr unterschiedlich und reicht von stark abgenutzten, gelegentlich reparierten bis hin zu neuen oder fast neuen Gefäßen, von einfacher, unverzierter bis hin zu komplex verzierter Irdenware, wie den fantastischen sekundär mit Pech und filigranen Birkenrindenintarsien verzierten Gefäßen vom Typ Šárka. Auch ist in vielen Fällen auszuschließen, dass die Gefäße einfach zusammen mit anderem Abfall entsorgt oder hineingeworfen wurden. Viele enthielten kein Sediment und schienen absichtlich deponiert. In einem Kumpf aus Droßdorf lagen sogar noch die Kerne Hunderter Brombeeren – ob frisch oder als Marmelade gekocht, eventuell mit Mohn und Bilsenkraut versetzt, ist noch unklar.

Recht häufig wurden die Behälter zum Wasserschöpfen aus Bast hergestellt: Der Fund aus Eythra, angefertigt aus einem langen Lindenbaststreifen und seitlich mit Bastschnüren vernäht. Links Foto, rechts 3D-Scan.


Behälter zum Wasserschöpfen aus Altscherbitz: Der Bastbeutel wurde seitlich mittels gespaltener Stäbe verschlossen. unten 3-D-Scan.


Ob diese Deponierungen zugleich als Opfer oder bloß als Dankeschön für die guten vergangenen oder künftig erhofften Dienste der Wasserstelle gedacht waren, ist zwar nicht zu beweisen, wohl aber zu vermuten. Zu den vielen Erkenntnissen, die wir bislang schon an und aus den Brunnen gewonnen haben und noch gewinnen werden, gehört nämlich auch die Einsicht, dass wir weder von einer rein profanen noch von einer rein sakralen Nutzung ausgehen dürfen, denn auch unsere Vorfahren werden diese Ebenen keinesfalls strikt unterschieden haben.