Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

WEDER STAATSANWALT NOCH PREDIGER


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 26.05.2021

Artikelbild für den Artikel "WEDER STAATSANWALT NOCH PREDIGER" aus der Ausgabe 4/2021 von Bücher. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bücher, Ausgabe 4/2021

In Corona-Zeiten finden Interview-Termine immer häufiger auf Distanz statt, und so sehe ich auch meinen Gesprächspartner an diesem Tag nur auf dem Bildschirm, anstatt in Ruhe bei einem Cappuccino zusammenzusitzen. In diesem Fall jedoch ist das allerdings nur folgerichtig, denn der Bildschirm ist der Ort, an den die meisten Menschen wohl denken, wenn sie den Namen Stefan Aust hören. Als Erfinder, Macher, Moderator und Geschäftsführer war er fast 20 Jahre und genau 945 Dokumentationen lang das Gesicht von SPIEGEL TV und hat deutsche Mediengeschichte mitgeschrieben. Doch außer SPIEGEL TV sind im Journalistenleben des Stefan Aust unzählige Dinge mehr passiert zwischen seinen Anfängen bei einer Schülerzeitung namens „Wir“ und seiner heutigen Tätigkeit als Herausgeber der WELT.

Unter anderem erlebt er die wilden Aufbaujahre der linken Zeitschrift „konkret“ als einer ihrer Macher mit, kommt intensiv mit ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Bücher. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2021 von AUS DER REDAKTION. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUS DER REDAKTION
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von LITERATUR LIVE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LITERATUR LIVE
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von BOOK NOTES – ON ZOOM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BOOK NOTES – ON ZOOM
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von LESEZEICHEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESEZEICHEN
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von LITERATUR LOTSEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LITERATUR LOTSEN
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von WÖRTERWELTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WÖRTERWELTEN
Vorheriger Artikel
INTERPRETATIONSSACHE: EIN GEDICHT
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel LINA GUSTAFSSON
aus dieser Ausgabe

... den Protagonisten der RAF in Kontakt, über die er später das maßgebliche Buch schreiben wird, und hat eine anstrengende, aber auch spannende Zeit als Chefredakteur des SPIEGEL. Davon und von vielen anderen Schlaglichtern aus seinem Leben erzählt er in seiner Autobiografie namens „Zeitreise“. Mit dem dampfenden Kaffee neben dem Computer statt auf dem Bistrotisch unterhalten wir uns darüber, welche Bilanz er aus diesem langen Journalistenleben zieht.

Laut Untertitel ist Ihr Buch eine Autobiografie. Bei der Lektüre fühlt es sich allerdings eher wie eine Tour de Force durch ein breites

Spektrum an Ereignissen der deutschen und der Weltgeschichte an, die sich vor dem Hintergrund Ihres Lebens abspielen …

Ja, der Eindruck ist auch nicht falsch. Ich hätte im Buch am liebsten ganz auf das Wörtchen „Ich“ verzichtet, aber dann wäre es tatsächlich keine Autobiografie mehr gewesen. Generell fand ich es jedoch viel interessanter, über all die spannenden und wichtigen Geschichten zu schreiben, die ich als Beobachter miterlebt habe als über meine Person.

Stichwort „Beobachter“: Ihre journalistische Laufbahn ist vom Dokumentarischen geprägt, was insbesondere auch die Gründung von SPIEGEL TV zeigt, nachdem Sie bereits lange für „Panorama“ gearbeitet hatten. Ist die Position des dokumentierenden Beobachters so etwas wie Ihr journalistisches Credo?

Ja, spätestens seit meiner Tätigkeit für „Panorama“ ist das so. Als Journalist habe ich das Privileg, durch das eine oder andere Schlüsselloch gucken zu können, aber wenn ich beschreibe, was ich dort gesehen habe, muss das hundertprozentig stimmen und authentisch sein. Die Wirklichkeit zu frisieren, kam für mich nie infrage und ich denke, das sollte auch heute noch die Arbeitsweise von Journalisten bestimmen. Es gibt da eine kleine Anekdote, die keinen Eingang ins Buch gefunden hat, meine Klarheit in dieser Sache aber ganz gut beschreibt …

Hier ist Gelegenheit, sie zu erzählen …

Wir hatten einen Beitrag bei SPIEGEL TV, in dem es darum ging, dass mit bestimmten Schiffen Waffen nach Somalia geschmuggelt wurden. Als ich den Beitrag zum ersten Mal sah, wurde darin das Meer gezeigt, unterlegt mit einem Sprechertext, der es als das Meer vor der somalischen Küste beschrieb. Ich habe die Kollegen dann gefragt, ob das tatsächlich das Meer vor Mogadischu sei, und die Antwort lautete: „Nein, das ist irgendeine Meeresstelle …“

Na ja, Meer sieht ja irgendwie immer gleich aus, oder?

Genau das war auch die Argumentation des Teams. Darum geht es nur nicht. Vielleicht hätte das kein Zuschauer gemerkt, aber es wäre eben erfunden gewesen, und mit erfundenen „Fakten“ wollte und will ich nie an die Öffentlichkeit gehen.

Hat diese Haltung auch Ihre Zeit als Chefredakteur des SPIEGEL beeinflusst?

Ganz klar ja, sogar gravierend beeinflusst! Ich habe von meinen Redakteuren immer erwartet, dass die Authentizität ihrer Geschichten über allem steht. Das steht auch nicht im Gegensatz zu einer spannenden Erzählweise. Letztere ist nicht darauf angewiesen, dass man Dinge dazuerfindet. Beim SPIEGEL habe ich häufig Geschichten mehrfach gegenchecken lassen, weil sie mir an verschiedenen Stellen nicht sauber vorkamen. Diesen Anspruch muss auch ein solches Blatt einfach haben. Wie man dann später am Fall Relotius gesehen hat, scheint es allerdings auch für den SPIEGEL immer schwieriger zu sein, solch ein Niveau zu halten und durchgängig zu garantieren.

Zu Beginn des Buches beschreiben Sie Ihre Anfänge bei der Schülerzeitung „Wir“ und bezeichnen sich und die anderen Redakteure als „eher ein wenig anarcho-liberal“, gleichsam „kritisch nach allen Seiten“. Wurden mit diesem Gefühl schon die Grundlagen für Ihren Werdegang als dokumentierender Beobachter gelegt?

Der Begriff ist natürlich etwas augenzwinkernd gebraucht, und er stammt auch, glaube ich, gar nicht von mir selbst, sondern aus dem Umfeld eines bekannten Politikers. Aber, ja, es ging schon damals darum, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, sondern sie für das Publikum, die Öffentlichkeit, so gut es geht auszuleuchten und zu beschreiben.

Wirkt die Neigung, es mit der Authentizität und Neutralität der Storys nicht so genau zu nehmen, sich generell auf den derzeitigen Journalismus aus?

Diese Diagnose liegt zumindest nahe. Es ist ja nicht so, dass man nicht auch heute Genauigkeit und Unabhängigkeit gewährleisten könnte. Die Möglichkeiten der Recherche sind im digitalen Zeitalter sogar vielfältiger geworden, Informationen sind häufig viel einfacher zugänglich und überprüfbar, was sie früher mit drei Tagen Archivrecherche herausfinden mussten, lässt sich heute bisweilen mit einigen Klicks am Schreibtisch erledigen. Insofern ist der Job nicht schwieriger geworden.

Wenn es nicht die Arbeitsbedingungen sind: Hat sich möglicherweise eher das Verständnis dessen, was Journalismus leisten soll, verändert?

Ich fürchte, das ist so. Als ich begonnen habe, vor der Kamera Beiträge zu moderieren, musste ich mir die Frage stellen, auf welche Weise ich das machen will. Mir war dann schnell klar, dass ich zwei Fehler auf jeden Fall vermeiden wollte: Ich wollte nicht als anklagender Staatsanwalt erscheinen, der das Urteil über die gezeigten Vorgänge bereits präsentiert, bevor der Zuschauer auch nur eine Sekunde zu sehen bekommen hat. Und genauso wenig wollte ich der Prediger von der Kanzel herab sein, der die Zuschauer als seine Schäfchen betrachtet, denen er beibringen muss, was gut und was böse ist.

Sehen Sie den derzeitigen Journalismus in diesem Fahrwasser?

Viel zu häufig ja. Wir erleben dann eine Art Erziehungsjournalismus, der nicht sagt, was ist, wie es ja das berühmte SPIEGEL-Motto verlangt, sondern sagt, was nach Ansicht des Autors sein sollte. Dafür gibt es die Form des Kommentars, in allem, was nicht Kommentar ist, hat die Meinung des Autors nichts zu suchen. Sieht er das anders, ist er kein Journalist mehr, sondern Aktivist. Der derzeitige Journalismus hat definitiv zu viele Aktivisten, mehr gut recherchierende und berichtende Journalisten täten ihm gut.

Eines Ihrer Lebensthemen, wenn nicht sogar das Thema schlechthin, ist die Geschichte des RAF-Terrorismus. Sie haben viele Protagonisten dieser Zeit, wie beispielsweise auch Ulrike Meinhof, persönlich gekannt. Ist es da nicht unglaublich schwer, diese neutrale Haltung, die Sie beschrieben haben, beizubehalten?

Ja, das ist schwer, und aus genau diesem Grund habe ich auch sehr lange gezögert, mich dem Thema überhaupt publizistisch zu nähern. Dazu war ich einfach lange zu nah dran, etwa als ich mit Ulrike bei „konkret“ zusammenarbeitete und miterlebte, wie sie sich langsam immer stärker radikalisierte. Letztlich musste ich mir aber eingestehen, dass ich vor diesem Thema nicht weglaufen konnte, ich habe es nicht gesucht, sondern es hat mich gesucht. Und dann habe ich eben genau das gemacht, worüber wir schon sprachen: Recherche bis ins kleinste Detail, alles belegbar und dokumentiert. Daraus ist dann die Geschichte einer Generation entstanden, die die weitere Geschichte des Landes extrem beeinflusst hat.

Viele Jahre später haben Sie dann über den NSU berichtet, sowohl in Form eines Dokumentationsfilms als auch mit einem Buch. Der Titel des Films, „Der NSU-Komplex“, legt nahe, dass Sie strukturelle Parallelen zum Baader-Meinhof-Komplex sehen …

Ja und nein. Natürlich gibt es Parallelen in der Entstehungsgeschichte, die zunehmende Radikalisierung, der Hass, auch organisatorische Dinge. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass die RAF-Geschichte die Geschichte einer Generation ist und die NSU-Geschichte ganz sicher nicht. Journalistisch ist es aber wichtig, beides zu dokumentieren, um zu zeigen, wohin politische Radikalisierung führt.

Ein Großteil des Buches ist den vielen spannenden Geschichten in Deutschland und der ganzen Welt gewidmet, die das journalistische Leben Stefan Austs geprägt haben. Die RAF-Geschichte zieht sich ein wenig wie ein roter Faden durch das ganze Buch, doch entfaltet sich in der Gesamtschau ein publizistisches Leben, das seinesgleichen sucht und das weit mehr zu bieten hat, als den Baader-Meinhof-Komplex. Aust recherchiert und berichtet aus den USA, aus Afrika, aus Südamerika. Letztlich jedoch ist da immer wieder die norddeutsche Heimat, gebürtig aus Stade, wohnhaft in Hamburg, immer in Elbnähe. In seinem journalistischen Credo der Authentizität vermeint man bei der Lektüre so etwas wie eine typisch norddeutsche Grundierung zu spüren: bei aller journalistischen Neugierde stets Gelassenheit, Distanz sowie Wille und Fähigkeit zu konsequentem Handeln. Darüber hinaus erdet ihn ein Hobby, dem er bis heute treu geblieben ist …

Als ich den Termin für unser Interview vorschlug, habe ich einen Moment überlegt, ob dieser nicht zu früh am Vormittag ist. Ich hatte die leise Befürchtung, ich würde Sie direkt aus dem Pferdestall an den Schreibtisch holen …

Da haben Sie nicht mal so ganz Unrecht. Tatsächlich verbringe ich schon immer gerade die Morgenstunden gerne in der Nähe meiner Pferde, im Stall oder beim Ausritt. Heute allerdings, da haben Sie Glück gehabt, war das nicht der Fall.

Ist die Beschäftigung mit den Pferden, die sich ja, wie Sie beschreiben, in früher Jugend bereits entwickelte, für Sie ein Gegenpol zur hohen Drehzahl im Medienzirkus?

Ja, ganz sicher. Ich beschreibe das nicht umsonst an vielen Stellen im Buch, denn die Pferde gehören zu meiner persönlichen Zeitreise unbedingt dazu. Wenn Sie die Tiere füttern und pflegen, den Stall ausmisten, dann und wann Zäune reparieren, relativieren sich mediale Aufgeregtheiten und Querelen ganz schnell und der Kopf wird wieder frei für die wichtigen Dinge.

Als aktueller Herausgeber der WELT ist Austs Zeitreise natürlich noch nicht vorbei und man darf gespannt sein, welche Kapitel dieser Autobiografie noch folgen werden. Als einer, der „Alternativlosigkeit im Denken“ immer abgelehnt hat, dürften sich immer wieder Alternativen im Handeln auftun. Wenn keine davon attraktiv genug ist, bleibt immer noch der taktische Rückzug in den Pferdestall, um sich anschließend bei einem Ausritt den frischen norddeutschen Wind um die Nase wehen zu lassen.

VERLOSUNG

BÜCHERmagazin verlost dreimal „Zeitreise“ (Piper). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!