Lesezeit ca. 6 Min.

WEGE aus der Einsamkeit


Logo von HÖRZU
HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 11.02.2022

PSYCHOLOGIE

Artikelbild für den Artikel "WEGE aus der Einsamkeit" aus der Ausgabe 7/2022 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 7/2022

GANZ FÜR SICH Ab und an allein: Das kann schön sein. Zu oft, wird es zum Leiden

17 % der Deutschen fühlen sich häufig EINSAM

Quelle: Splendid Research 2019

Das Telefon schweigt seit Tagen. Im Brief kasten mahnen allein Rechnungen. Es klingelt. Nur der Paketbote. Er ist unter Zeitdruck wie sein ganzer Berufsstand. Wie unsere Gesellschaft. Effizient, digital, durchgetaktet. Schade, hätte doch der Nachbar nach Mehl gefragt, dann wäre wohl Zeit für ein Schwätzchen gewesen.

Die Tür schließt sich wieder – und uns weg vom Rest der Welt. Ganz allein. Niemand zum Reden, Lachen, für ein nettes Nicken, eine f lüchtige Berührung. Einfach niemand da. Nur die Stille, die schmerzt.

Jeder kennt das Gefühl, wenn die Einsamkeit nach uns greift. Schon mal allein im Restaurant gegessen? An den anderen Tischen klingen die Gläser und perlt das Lachen, ein paar mitleidige Blicke streifen den Einzeltisch. Da verkriecht man sich doch lieber im Hotelzimmer oder zu Hause. „Einsamkeit ist ein ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von HÖRZU. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2022 von Liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 7/2022 von REICH DER REKORDE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
REICH DER REKORDE
Titelbild der Ausgabe 7/2022 von Wenn die Wahrheitans Licht kommt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wenn die Wahrheitans Licht kommt
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Wenn die Wahrheitans Licht kommt
Vorheriger Artikel
Wenn die Wahrheitans Licht kommt
SOKO Deutsche Einheit
Nächster Artikel
SOKO Deutsche Einheit
Mehr Lesetipps

... großes Tabu und mit viel Scham behaftet“, erklärt Filmautorin Anne Kauth. „Als gebe man zu, dass man zu uninteressant ist für die anderen. Dabei liegen die Ursachen woanders.“

Einsamkeit ist ein GROSSES TABU

Anne Kauth und ihre Mitautoren Roger Melcher und Rita Stingl haben für ihre bewegende, sehr sehenswerte ZDF-Doku „Allein unter Millionen: Die Epidemie der Einsamkeit“ (siehe TV-Tipp Seite 13) Menschen getroffen, die das Alleinsein manchmal zermürbt, bei Experten nach Ursachen gefragt und Lösungen gesucht. Rund 17 Prozent der Deutschen fühlen sich ständig oder häufig einsam, das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Splendid vor der Pandemie.

Es kann jeden treffen, selbst Menschen im Rampenlicht. Tennisprofi und Autorin Andrea Petkovic (34) bekennt: „Auch ich kenne Einsamkeit. Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich Profispielerin, war unter den Top Ten der Welt. Durch das viele Reisen, dadurch, viel in Hotelzimmern zu sein, kannte ich all die Gefühle, die im Film besprochen werden.“ Das ZDF hat Petkovic nun als Moderatorin dieses Films vor die Kamera geholt. Sie ruft zu mehr Offenheit auf: „Einsamkeit darf kein Tabuthema in unserer Gesellschaft sein. Reden wir darüber!“ Tennis als Individualsport fördere die Isolation: „Unser Sport ist eine sehr einsame Angelegenheit. Ich stehe wirklich ganz allein auf dem Platz. Wir haben keine Trainer, die uns beistehen. Elf Monate im Jahr gibt es auf der ganzen Welt Turniere. Dadurch bin ich oft weit weg von zu Hause, von Freunden und Familie, wohne in Hotelzimmern allein.“

"Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich Prof ispielerin, war unter den Top Ten der Welt. Aber auch ich kenne Einsamkeit .“

Andrea Petkovic, Tennispro fi, Autorin

Ähnlich geht es jenen, die wegen des Jobs oft umziehen oder unterwegs sind. Diese „Vielreisenden“ gelten als Gewinner der Leistungsgesellschaft – doch das Leben aus dem Koffer kann auch entwurzeln. Die Reporter trafen den Wirtschaftsjuristen Dominik. Der 38-Jährige hat Erfolg, aber fühlt sich oft einsam. Sein Problem: fünf Umzüge in acht Jahren. „Die gepackten Koffer standen schon wieder quasi da. Ich habe mich deswegen auch nie so wirklich geöffnet.“ Manchmal denkt er: „Ich habe alles falsch gemacht, weil ich allein hier hocke.“

Auch die 17-jährige Pauline aus Leipzig (Foto oben) berichtet in der Doku von zermürbenden Phasen der Verlorenheit. Das Ganze fing mit dem Wechsel von der Grundschule ins Gymnasium an. Sie hat zwar Freunde, ist aber eher schüchtern. Sie fühlt sich ausgeschlossen, wenn die anderen etwas ohne sie unternehmen. Auch viele ihrer Mitschüler leiden unter dem Alleinsein. Die sozialen Medien erhöhen den Druck. Gehöre ich dazu? Bin ich gut genug? Erlebt sie etwas Schönes, ist ihr erster Gedanke: Erst mal eine Instagram-Story machen. Das echte Leben wird zum Drehort für das Scheinleben im Netz. „Das wird natürlich auf Dauer toxisch“, so Pauline.

Einsamkeit darf kein Tabuthema in unserer Gesellschaft sein. Reden wir darüber!

Andrea Petkovic, Tennisprofi, Autorin

Phasen der Entfremdung sind typisch fürs Erwachsenwerden, die Ablösung von den Eltern. Teenager vergleichen sich miteinander – aber es kommt auf die Dosis an. Einsamkeitsexperten wie Bestsellerautorin Diana Kinnert („Die neue Einsamkeit“, Hoffmann und Campe, 448 S., 22 €) machen besonders auf die Verlorenheit der Jüngeren aufmerksam: „Wir sind erreichbarer und vernetzter denn je. Gleichzeitig wissen wir aus Erhebungen, dass wir die einsamste Gesellschaft aller Zeiten sind.“ Es sei nicht wichtig, wie viele Follower wir haben, so Kinnert, „sondern ob wir in aufrichtigen, gesunden Beziehungen sind, die uns Orientierung, Vertrauen und Geborgenheit schenken“. In einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung gab jeder vierte Befragte (24,2 Prozent) an, sich ein wenig einsam zu fühlen, darunter überdurchschnittlich viele Menschen unter 30 Jahren.

70, 80 oder mehr Jahren lichten sich die Reihen der Freunde. Man hat vielleicht den Ehemann oder die Ehefrau lange gepf legt, hatte deshalb wenig Kontakte. Dann stirbt der Partner. Die Kinder wohnen weit entfernt. Das sind klassische Faktoren, die zu Einsamkeit im Alter führen.“

Rückzug auf Raten: ein TEUFELSKREIS

„Der Mangel an Nähe trifft alle Generationen“, erklärt auch Filmemacherin Anne Kauth. „Aber im Alter ist es schwieriger, diesem Teufelskreis zu entgehen. Mit

SMART, ABER ALLEIN: EINSAME JUGEND

Jeder Vierte (24,2 Prozent) fühlt sich „ein wenig einsam“, so eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung. Die Grafik unterteilt dieses Viertel nach Alter. Besonders stark betroffen sind die Jüngsten (27,3 Prozent), die Generation Instagram also

GRÜNDE DER VEREINZELUNG

„Wenn Sie sich einsam fühlen, woran liegt das?“ Auf diese Frage nennt die Hälfte die aktuellen Lebensumstände

Vor der Pandemie fühlten sich neun Prozent der Menschen ab 46 einsam. Inzwischen ist es jede siebte Person dieses Alters (14 Prozent), so eine Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen. „Der Anstieg während der Pandemie ist bedenklich, denn Einsamkeit kann schwerwiegende Folgen für die mentale und körperliche Gesundheit haben. Je länger sich Menschen einsam fühlen, umso schwerer fällt es, sich aus eigener Kraft aus diesem Zustand zu befreien. Dazu trägt auch bei, dass Einsamkeit gesellschaftlich oft nicht als Bedrohung ernst genommen wird und die Betroffenen sich schämen, darüber zu reden“, so die Autoren der Studie.

Corona verstärke einerseits die Einsamkeit, aber könne auch gegen das Stigma wirken, weil nun jeder soziale Distanz erfahre. Wir vermissen die Umarmung, den Kuss auf die Wange, das Schwätzchen auf der Treppe. Diesen kommunikativen Kitt braucht das Herdentier Mensch wie die Luft zum Atmen.

Wir sind die einsamste Gesellschaft aller Zeiten.“

Diana Kinnert, Autorin des Bestsellers „Die neue Einsamkeit“

Heute lebt in 16 Millionen von insgesamt 40 Millionen Haushalten in Deutschland nur eine Person, so das Statistische Bundesamt. Vielen der Älteren ergeht es ähnlich wie der 74-jährigen Bärbel. Als das erste Enkelkind kam, zog sie an die Ostsee in die Nähe ihrer Tochter. Sie wollte bei der Familie sein, die Enkel aufwachsen sehen, helfen, als Mutter und Oma Nähe und Liebe geben, gebraucht werden. Dann zog die Tochter aus beruflichen Gründen nach England. „Das ist, als wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird“, erinnert sich Bärbel in der ZDF-Doku. Sie hat gelitten, hatte Schlafstörungen, magerte ab, machte eine Therapie. Inzwischen hat sie sich mit dem Alleinsein arrangiert, geht raus, genießt einen Tanzkurs.

In anderen Ländern ist das Phänomen längst Chefsache. Großbritannien gründete 2018 ein Ministerium gegen Einsamkeit. Die Briten verschreiben etwa Gesellschaft auf Rezept – wie einen Besuch im „Männerschuppen“. Dort reparieren betagte Herren neben alten Radios auch ihr löchriges Kontaktnetz. 2019 führte die Supermarktkette Jumbo in den Niederlanden in Vlijmen die erste Plauderkasse ein. An der „Kletskassa“ hat das Personal Zeit zum Klönen, niemand drängelt. Das kam so gut an, dass Jumbo den Service nun ausbaut.

Klönen wie im TANTE-EMMA-LADEN

Hierzulande gibt es seit Ende 2017 das „Silbernetz“. Diese Telefonhotline nach britischem Vorbild richtet sich an Ältere, die mal jemanden zum Reden brauchen (siehe auch Kasten rechts). „Es ist immer wieder verblüffend, welche Nähe und Intensität im Kontakt über Stimme und Zuhören möglich sind“, betont Elke Schilling, die Gründerin des Vereins.

Andrea Petkovic helfen Rituale. Früher ist sie nach einer Niederlage verschwitzt ins Hotel gefahren und hat sich auf das Bett gelegt. „Das hat alles nur noch schlimmer gemacht.“ Jetzt läuft und dehnt sie sich nach jedem Spiel, auch nach Niederlagen. Sie hält dank Handy und Computer Kontakt mit Familie und Freunden, hört Musik, schaut Lieblingsserien auf dem Computer. Wenn möglich, geht sie unter Menschen. Guckt ein Fußballspiel in der nächsten Kneipe. Setzt sich mit einem Buch ins Café. „Auch wenn mir nicht danach ist“, so Petkovic. „Vielleicht kommt man dann mal ins Gespräch mit Fremden.“

DAGO WEYCHARDT