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Wege und Wunder


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 12.04.2022

Titel

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Bildquelle: tip Berlin, Ausgabe 8/2022

We want Moor!

Rund um Lübars verheißt unser Spaziergang so manche Zeitreise, pittoreske Stege durch Feuchtgebiete, einen Abstecher nach Brandenburg und eine Höhe für sich

Eine Zeitreise ohne Fluxkompensator, das ist Alt-Lübars, dieses kleine Dorf im Norden Reinickendorfs, wo es noch echte Landwirtschaft gibt und viele Pferdehöfe und wo das grobe Kopfsteinpflaster im putzigen Dorfanger ein Tempolimit durchsetzt, gegen das selbst eine FDP nichts ausrichten könnte.

An der schlicht-barocken Dorfkirche, Start-und Zielpunkt, starten wir gen Westen, lassen den Alten Dorfkrug mit dem von prächtiger Patina gekrönten Veranstaltungsort Labsaal hinter uns und nehmen den ersten Schotterweg, der geradeaus weitergeht. Nach rechts öffnet sich der Blick weit in die Ebene. Pferde, Weiden, Wald. Himmel auch.

Wir biegen rechts in den Büchenbronner Steig ein, wandern auf den Hermsdorfer See zu, ein Teil des Tegeler ...

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... Fließes. Rechts, hinter einem grünen Zaun, ist der Ziegeleisee mit seinem urigen Strandbad kaum zu erahnen hinter zersägten Stämmen, die sich zwei Meter hoch auftürmen. Ein wackliger Hochsitz sieht aus, als hätte ihn ein Witzbold nur mal kurz gegen einen Baum gelehnt, das „Betreten verboten“-Schild des „Jagdausübungsberechtigten“ (schöner deutscher Ausdruck!) hätten wir wirklich nicht gebraucht. Da bringen uns keine zehn Wildschweine hoch.

Nach links schlängelt sich der pittoreske Eichwerder Steg durch die Eichenwerder Moorwiesen, sein Vorgänger-Holzweg verband ab 1927 die Dörfer Lübars und Hermsdorf. Am Schild „Nur für Fußgänger“ kachelt uns beinahe ein Radfahrer um. Tafeln stellen diverses Moor-Leben vor. Krebsschere, Eisvogel, Wasserralle. Kurz machen wir hier rüber nach Brandenburg. Der Weg wird sandiger, führt an einer Magerwiese vorbei, die im Herbst von Eseln beweidet wird. Aber: We want Moor! Kommt sofort. Nächster Steg.

Unter einem der Moor-Infoschilder baumeln Liebesschlösser. „Sylvia & Olaf “, zwei Ringe, „22.8.2008“. Hoffentlich hat euer Glück seither gehalten, Sylvia und Olaf. An der Alten Schildower Landstraße, vor der wir rechts abbiegen, können die Anwesen schon mal etwas üppiger ausfallen. Der rissige Asphaltstreifen unter unseren Füßen ist der Mauerweg, „Betreten auf eigene Gefahr“, donnert ein Schild, das hätten die DDR-Grenzer dereinst nicht treffender formulieren können.

Vorbei am Köppchensee, durch Torfabbau entstanden, steigt der Weg an. Hinter der Blankenfelder Chaussee biegt der Alte Bernauer Heerweg nach Westen ab. Nach links lohnt der Aufstieg zur Lübarser Höhe, 85,3 Meter misst die zum „Freizeitpark Lübars“ umdekorierte Ex-Mülldeponie. Im Natursteinkreis auf seinem Gipfel chillen Mädchen und Jungen, kippen Bier, hören seichten Pop und blicken erheblich entschleunigt auf das Märkische Viertel hernieder, das dort unten in der Abendsonne liegt, als hätte es dort jemand zum Trocknen ausgebreitet.

Runter vom Berg, kriegt man auf einem Pfad zurück nach Lübars noch mal eine Ladung Weite kredenzt: rechts Feld, links Feld, überall Wind. Und dann ist die Kirche Alt-Lübars schon ganz nah.

ERIK HEIER

Tour-Info

Routenplaner Von der Bushaltestelle an der Kirche Alt-Lübars geht es über die Benekendorffstraße, den Büchenbronner Steig und durch die Lübarser Höhe zurück zur Bushaltestelle Alt-Lübars.

Länge & Dauer 12 km, etwa 4 Std.

Essen & Trinken Gasthof & Ausspannung Alter Dorfkrug, Alt Lübars 8, Reinickendorf, Mo–So 12–22 Uhr, www.gasthof-alterdorfkrug.de. Hier locken deutsch-französisch-mediterrane Küche und schönes Biergarten-Ambiente, zum Speisen gibt es zum Beispiel: hausgebeiztes Lachsfilet oder Flammkuchen Méditerranéen.

Kultur-Stopp Labsaal, Festsaal direkt neben dem Alten Dorfkrug, Alt-Lübars 8, Lübars. Hochzeits- und Veranstaltungslocation, u.a. mit Gesprächsreihen, Tanzkaffee, Kleidertauschbörsen u.v.m., www.labsaal.de

Fun-Fact: Eine Gedenkstätte zwischen Lübars und Glienicke stellt zwei furchterregende Stachelmatten aus, die 2013 in den Eichwerder Moorwiesen entdeckt wurde. Die Gitter aus Baustahl sind mit zehn Zentimeter langen, nach oben stehenden Dornen versehen. Diese Matten wurden von der DDR im Grenzgebiet versteckt, um ihren Bürgern die Republikflucht noch unangenehmer zu machen. Bei den DDR-Grenztruppen hießen sie „Spargelbeet“. Im Westen hießen sie, zutreffender, „Stalinrasen“.

Rieselfelderrunde

Fjordpferde, Highlandrinder, Vögel beobachten. Dabei erzählt diese Tour doch gerade von der Großstadtwerdung Berlins. Von Karow führt sie durch die Rieselfelder von Hobrechtsfelde, jener Kläranlage für die junge Industriemetropole, in die Krankenhausstadt Buch. Und das fast nur auf Feld- und Waldwegen

Lassen Sie sich von dem Plattenbau, der sich da über die Schlosskirche von Buch erhebt, nicht verschrecken: Diese Wanderung führt durch die schönsten Naturräume des Berliner Nordens. Und sie führt tief hinein in das Werden der Metropole Berlin. Beides hat ganz unbedingt miteinander zu tun.

Gleich am Anfang aber will man schon gar nicht mehr weiter. Vom S-Bahnhof Karow sind es kaum 1.500 Meter bis zu den Karower Teichen. Wir versprechen: Die Kraniche sind bereits da. Und die Vegetation noch so jung, dass weite Blicke möglich sind. Vogelbeobachtungen im Frühjahr. Und weiter auf wogenden Wurzelwegen, schmal genug, damit aus dem Spazierengehen Wandern wird.

Hinter Eisen-und Autobahn (beides unterqueren wir galant) werden die Namen einfallslos. Mindestens die der stehenden Gewässer: Karpfenteich 1,2 und 3. Tatsächlich darf hier geangelt werden. Leichter beobachten lassen sich die Schottischen Hochlandrinder, denen man sich, obgleich weitläufig eingezäunt, auch vorsichtig nähern darf. Auf eigene Gefahr, warnt ein Schild. Aber die Rinder sind so dösig wie die die ebenfalls im Bucher Forst angesiedelten Fjordpferde scheu. Birken schieben sich ins Bild, die Landschaft bekommt beinahe etwas Finnisches.

Bis man dann zur Rechten einen historischen Kornspeicher erahnt: das Gut Hobrechtsfelde, in den 1890er-Jahren als Teil einer, nun ja, frühindustriellen Kreislaufwirtschaft angelegt: Großflächige Rieselfelder, die Karower Teiche waren ihre letzte Klärstufe, sollten aus den Fäkalien der Millionenmetropole nährstoffreichen Dung machen. Tatsächlich waren die Erträge des Guts Hobrechstfelde exorbitant. Bis die Ernte dann irgendwann ausbleiben sollte, die Böden waren toxisch geworden, vom ganzen Scheiß der Großstadt überdüngt.

Heute ist das Gut Hobrechtsfelde ein Kultur-und Naturort, vor allem aber eine Reiter:innenvergnügung samt Helikoptereltern. Wirklich sehr empfehlenswert: der Biergarten namens Hobrecht.

Derart gestärkt schafft man auch die letzten vier Kilometer bis nach Buch, das einmal das Krankenhaus Berlins war. Etwas vorgelagert mitten im Wald: ein ehemaliges Lungensanatorium, es sollte die größte Tuberkolose-Heilanstalt Europas werden. Erst kürzlich saniert, ist es nun eine Gated Community für Menschen mit, nun ja, Sicherheitsbedürfnis. Am Ortseingang dann das Ludwig Hoffmann Quartier, als „Irrenanstalt“ konzipiert, 1915 als Kriegslazareth eröffnet und inzwischen auch eine Wohnanlage.

Vis-a-vis des Bahnhofs noch flink in den historischen Schlosspark. Wegen der Schlosskirche, das eigentliche Schloss wurde 1964 gesprengt.

CLEMENS NIEDENTHAL

Tour-Info

Routenplaner: Startpunkt ist am S-Bahnhof Karow, es geht vorbei an den Karower Teichen, durch den Bucher Forst, und Hobrechtsfelde, bis zum S-Bahnhof Buch.

Länge & Dauer: 13 km, 4 Std. (mit ausgiebiger Rast). Die Wanderung ließe sich als Rundtour ab S-Bahnhof Buch um rund drei Kilometer verkürzen. Dann allerdings ohne Vogelbeobachtungen.

Essen & Trinken: Imbiss und Biergarten Hobrecht im Gut Hobrechtsfelde, Hobrechtsfelder Dorfstr, 45, 16341 Panketal, Fr 14–19 Uhr, Sa+So 11–19 Uhr, www.hobrecht-biergarten.de. Hier sollte wegen des besten Biers (Maxlrainer), den Bio-Würsten (von Eichinger in der Greifswalder), ehrlichem Kaffee und selbstgebackenem Käsekuchen eingekehrt werden.

Kultur-Stopp: Installation in der Ortsmitte von Hobrehtsfelde. Diese erinnert daran, dass in den ertragreichen Jahren des Gut Hobrechtsfelde um 1910 die Ernte mit einer Lorenbahn bis zum Bahnof Buch geschaukelt wurde.

Fun-Fact: In den 1970er-Jahren wurde am westlichen Rand von Buch ein versteckt gelegenes damals hochmodernes Regierungskrankenhaus errichtet, heute Ruine und Lost Place. Die Adresse: Hobrechtsfelder Chausee 100.

Von weißen Häusern und alten Kirchen

Ein Spaziergang durch Reinickendorf, der an einigen architektonischen Besonderheiten vorbeiführt – und zum Kern des einstigen Dorfes

Auf dieser Tour ist einiges in Stein gemeißelt sozusagen. Unsere Route durch Reinickendorf verheißt nämlich einige Architektur-Freuden: von zwei großen sozialen Wohnbauprojekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum alten Siedlungskern des Bezirks, als Reinickendorf noch genau das war: Dorf.

Los geht’s an der trubeligen Residenzstraße. Von dort führt unser Weg am kreisrunden Schäfersee entlang. Hier könnte man jetzt auch für eine Partie Minigolf verweilen, ein Boot ausleihen oder, Besitz vorausgesetzt, seinem Vierbeiner in einem eingezäunten Hundegarten mit Hindernisparcours ein Fitnessprogramm verabreichen. Aber wir sind heute nicht gekommen, um zu bleiben.

Von der Wohnanlage Residenzstraße kommt man geradewegs zur Emmentaler Straße. Zwischen Genfer Straße und Aroser Allee bestaunen wir die Weiße Stadt, das erste architektonische Highlight des Wegs. Das letzte große Siedlungsprojekt der Weimarer Neuen Sachlichkeit verblüfft – wie könnte es anders sein – besonders durch die schnörkellosen weißen Fassaden seiner Häuserzeilen.

Wer die Aroser Allee weitergeht, sollte sich Alt-Reinickendorf nicht entgehen lassen. Hier steht noch die alte Dorfkirche, deren Bau auf das 15. Jahrhundert datiert wird. Mit ihrem Mauerwerk aus unverputzten Feldsteinen fällt die Kirche schon von weitem auf. Da die Kirche wie auch der Straßen-und Häuserverlauf noch aus einer Zeit stammen, in der Reinickendorf ein kleiner Vorort von Berlin war, stellt sich hier eine ganz ungewohnt ländlich-provinzielle Atmosphäre ein. Bei einem kurzen Abstecher in den angrenzenden Kienholzpark schauen wir einigen Hunden beim Spielen zu.

Unsere Route führt uns nun wieder zurück ins historische Reinickendorf. Am Freiheitsweg befindet sich die Kriegsgräberstätte Reinickendorf. Das kleine Friedhofsgelände ist den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gewidmet. Hier sind vornehmlich Opfer der beiden Weltkriege zur letzten Ruhe gebettet. Etwa die Hälfte der Toten sind zivile Bombenopfer und Flüchtlinge.

Verlässt man das Gelände durch das Eisengatter, grüßen von der gegenüberliegenden Hausfassade auch schon die Graffiti-Tags. Der abrupte Wechsel von kontemplativen Gedächtnisort zu temperamentvoller Großstadt könnte kaum surrealer wirken.

Über die Klemkestraße erreichen wir das andere große Sozialwohnbauprojekt unserer Tour: die Siedlung Paddenpuhl. Ihre farbig abgesetzten Fenster, Loggien und Ecken verbreiten ein gewisses Art-déco-Flair. Die Siedlung ist mit ihren dekorativen Stilelementen eine echte Besonderheit der Stadt. Seit den 50er-Jahren steht sie unter Denkmalschutz.

Nach der Beschaulichkeit der Wohnhäuser in der Breitkopfstraße begrüßt uns die Residenzstraße wieder mit ortstypischem Verkehrslärm.

HELGE SCHOLZ

Tour-Info

Routenplaner Start: U-Bahnhof Franz- Neumann-Platz (U8). Dann: Schäfersee, Weiße Stadt an der Emmentaler Straße und Aroser Allee, Dorfanger Alt-Reinickendorf, Freiheitsweg, Klemkestraße, Breitkopfstraße und Mittelbruchzeile zurück zum U-Bahnhof Franz-Neumann-Platz an der Residenzstraße.

Länge & Dauer 6,3 km, etwa 2,5 Std.

Essen & Trinken „Churrolade“, Residenzstr. 115, Reinickendorf, Mo–So 14–23 Uhr. Neben Kaffee und Eis gibt es hier das namensgebende Schmalzgebäck, das man sich je nach Gusto mit Toppings, Soßen und Füllungen ausstatten lassen kann.

Kultur-Stopp Die Kriegsgräberstätte Reinickendorf, Freiheitsweg 64, für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Fun-Fact Der Schäfersee wird seit 2001 jedes Jahr mit einem „Baum des Jahres“ bepflanzt. Rund 30 ausgezeichnete Bäume sind in der „Allee der Jahresbäume“ bisher angesiedelt. Baum des Jahres 2022 ist übrigens die Rotbuche.

Green Wedding

Kaum bevölkerte Parks, ein schöner See, Architektur von Weltrang und Kunst. Drehen wir eine Runde auf der sonnigen Seite des Wedding

Die berühmtesten Weddinger sind „Gewachsen auf Beton“. Das sagt das Mural für die drei Boateng-Brüder an der Kreuzung von Pank-und Badstraße. So werden Mythen gemacht. Doch entgegen der im Rest der Welt zementierten Meinung, der Wedding wäre quasi komplett asphaltiert, ist unsere Strecke ziemlich grün. Street-credible grün natürlich, nicht niedlich.

Unsere Tour startet am S-und U-Bahnhof Wedding, wo der tipBerlin seit Januar sein neues Domizil hat. Gleich hinter der Tankstelle beginnt der Sprengelkiez. Wir gehen die Lynarstraße entlang, wo in der Nummer 38-39 Genossenschaftsarchitektur in Holzbauweise steht. Überqueren den Sparrplatz, biegen ab in die Sprengelstraße. Hier schlägt das Herz des Sprengelkiezes, des Prenzlauer Bergs von Wedding, mit hübschen Lokalen und Geschäften, nur dass am Sonntagnachmittag vor den Cafés noch genügend Plätze in der Sonne frei sind.

Wir flanieren weiter durch den Sprengelpark und kommen zum Nordufer. Hier fließt der Hohenzollernkanal, man kann unten am Wasser auf einem Sandweg gehen. Oder oben auf dem Bürgersteig. Unten ist der Weg plötzlich zu Ende und die Böschung abgerutscht. Aber das ist ja hier kein Kurort. Gegenüber liefert das Kraftwerk Moabit Energie. Und, wenn wir weiterstapfen, auf unserer Kanalseite das Robert-Koch-Institut neue Coronazahlen.

Weiter geht es: am anderen Ufer der riesige Westhafen, hinter der Mauer rechts das Virchow-Klinikum. Stadtrand-Feeling in der Mitte Berlins. Gefolgt vom Strand-Feeling. Vor uns taucht der Plötzensee auf, der hat ein hübsches Strandbad aus den 20er-Jahren (Saisoneröffnung 1. Mai). Hier sollten sich die Weddinger Arbeiter erholen. In den Sommermonaten waren das bis zu 10.000 Menschen am Tag. Heute ist im weitläufigen Volkspark Rehberge, gleich dahinter, erstaunlich wenig los. In seiner Mitte liegt der Rathenau-Brunnen. Warum auch immer er die Form einer Spirale hat. Gestaltet von Georg Kolbe. Zerstört von den Nazis. 1987 als Replik wieder aufgestellt. Kürzlich mit Graffiti besprayt.

Im Nordosten grenzt der Park an den Teil des Afrikanischen Viertels, dessen Straßen die Namen von Kolonialverbrechern tragen. Initiativen fordern die Umbenennung. Auf dem Nachtigalplatz steht seit März die obere Hälfte der „Statue of Limitations“ des Künstlers Kang Sunkoo. Eine schwarze Fahne auf Halbmast. Die untere Hälfte ist im Humboldt Forum. Wer links unter Häusern hindurch in die Togostraße geht, steht in der neusachlichen Friedrich-Ebert-Siedlung. Von hier ist es nicht weit zur UNESCO-Welterbesiedlung Schillerpark, erbaut 1924-1930 nach Plänen von Bruno Taut. Großartig. Durch den unterschätzten Schillerpark geht’s dann zurück zur Müllerstraße.

STEFANIE DÖRRE

Tour-Info

Routenplaner: Vom S- und U-Bhf. Wedding geht es durch die Müllerstraße, vorbei am Plötzensee und durch den Schillerpark wieder zurück zum S- und U-Bhf. Wedding.

Länge & Dauer: 10,1 km, etwa 3 Stunden

Essen & Trinken: Mars, gelegen im Silent Green Kulturquartier, Hausnummer 35, Wedding, Mo–Fr 12–15 Uhr Mittagstisch, Café bis 18 Uhr, Sa+So Brunch 10–15 Uhr, Café bis 17 Uhr. Hier wird Soulfood von Italien bis Vietnam serviert.

Kultur-Stopp: Siedlung Schillerpark in der Bristolstraße/Windsorer Straße. Sie zählt seit Juli 2008 mit fünf anderen Siedlungen der Berliner Moderne zum UNESCO- Welterbe.

Fun-Fact: Vor dem Centre Français steht ein Eiffelturm en miniature. Was immerhin noch so zehn Meter Höhe sind. Wenn uns die Paris-Sehnsucht packt. In dem Gebäude ist auch das tolle City Kino Wedding.

Zwischen zwei Türmen

Die Friktionen des 20. Jahrhunderts, sie lassen sich in Berlin auch im Stadtbild, in der Architektur verfolgen. Selbst in einem kleinen Ortsteil wie Siemensstadt

Hans Hertlein hieß der Hausarchitekt der Siemens & Halske AG, der ab 1912 einen rasanten Aufstieg hinlegte: Innerhalb von 13 Jahren avancierte er vom einfachen Bauleiter zum Chef des gesamten Bauwesens – und prägte den Stadtteil im Guten wie im Schlechten. Die Bauten aus rotem Klinker, das alte Wernerwerk am Eingang zur Siemenstadt, das Blockwerk, das alte Forschungslabor und das gewaltige Verwaltungsgebäude, sie alle tragen Hertleins Handschrift, schlicht und doch beeindruckend wuchtig, modern-funktional, aber in den Details mit klassizistischen Elementen.

Wir beginnen den Spaziergang am Rohr-/ Ecke Wohlrabedamm, mit Blick auf den Uhrenturm, der in Wahrheit einen Schornstein und ein Wasserreservoir verdeckt. Auf der östlichen Rohrdamm-Seite liegt die ab 1908 erbaute Keimzelle der zukünftigen Siemensstadt. Die Gebäude mögen aussehen wie Mietskasernen aus der Stadtmitte, boten aber damals schon erstaunlichen Komfort, darunter ein – großer Luxus – Innenklo. Aber kein Bad.

Nördlich der Nonnendammallee entdeckt man die Trasse der alten Siemensbahn. Zwischen 1927 und 1929 baute Siemens auf eigene Kosten diesen Damm und drei Bahnhöfe. Nach dem Reichsbahnstreik 1980 wurde der Verkehr eingestellt, Trasse und Bahnhöfe verrotteten.Im Verkehrsprojekt 2030 sind Wiederaufbau und Verlängerung der alten Siemensbahn festgeschrieben.

Hinter dem Bahndamm beginnt die eigentliche Siemensstadt. Die noch unter Hertlein erbauten Etagenhäuser und die Gartenstadt-Imitation dies-und jenseits des Wilhelm-von-Siemens-Parks (er wird gerade saniert und ist nur eingeschränkt betretbar) zeigen deutlich die Schwächen des Architekten: Seine evangelische und katholische Kirche, die das Terrain begrenzen, sehen aus wie Fabrikhallen mit Kirchturm, die Häuser für die Arbeiter machen den Eindruck, als wäre hier ein Dorf in der Nähe einer mittelalterlichen Burg entstanden; selbst die Mülltonnenunterstände haben Schindeldächer.

Verlässt man den Rohrdamm Richtung Westen, siegt die Kunst über den Kitsch. Hans Scharoun und ein Architektenkollektiv bauten entlang des Jungfernheidewegs ein Ensemble voll spröder Eleganz, ein Denkmal für das Zeitalter der technischen Präzision. Im Kontrast dazu stehen die Bauten von Fred Forbat, die mit ihren Kommunikationsräumen und den Rasenflächen zwischen den Wohnblöcken den Wohnraum bereits zum Jungfernheidepark öffnen. Auf der anderen Straßenseite der Goebelstraße dagegen beeindruckt der „Lange Jammer“ von Otto Bartning, der diesen Teil der Siemensstadt mit Hilfe von 25 gleichgeformten Hauseinheiten vom Bahndamm abschirmt.

Wer will, kann hier nach Süden zurück zur U-Bahn gehen und kommt an Scharouns „Panzerkreuzer“ vorbei, dessen Fassade wie eine gebogene Schiffswand anmutet. Das alles steht im kompletten Gegensatz zu Hertleins Siemensstadt, bei Scharoun gab es in jeder der Ein-bis Dreizimmerwohnungen Bad, WC und eine Zentralheizung. Man kann den Spaziergang aber auch im Jungfernheidepark auspendeln lassen, vorbei am Strandbad und der Freilichtbühne bis zum alten Wasserturm, in dem noch bis 2001 das Trinkwasser aus dem Tegeler See aufbereitet wurde.

LUTZ GÖLLNER

Infokasten

Routenplaner Von der U-Bahn- und Bus-Station Rohrdamm geht es an der alten Trasse der Siemensbahn vorbei, durch den Wilhelm-von Siemens-Park über die Goebelstraße bis hin zum U-Bahnhof Siemensdamm, alternativ über Geißlerpfad in den Volkspark Jungfernheide.

Länge & Dauer etwa 5 km, knappe 2 Std.

Essen & Trinken Kulturbiergarten Jungfernheide gegenüber Heckerdamm 273, Volkspark Jungfernheide, Di–So 12–19 Uhr. Kulinarisches Angebot reicht von Bratwurst bis Schnitzel, zudem gibt es Saisongerichte.

Kulturstopp Skulptur „The Wings“ von Daniel Liebeskind, Rohrdamm 85, Siemensstadt. Massives, mattgeschliffenes Alluminium-Gebilde mit integrierten LED-Lämpchen und einer Symbolik, die zu erklären man den Rest dieser Titelgeschichte bräuchte.

Fun-Fact Die Wichernkapelle (siehe Foto auf der nächsten Seite), hat eine Wanderung hinter sich. Zunächst am S-Bahnhof Fürstenbrunnerweg/Siemensstadt errichtet, stand sie danach vor der Schule Siemensstadt, bevor sie am dritten Standort in Spandau landete.

Waldsiedlung, Wasserstadt, wehrhafte Festung

Vom idyllischen Wohnen in der Enklave wandert man in Spandau durch ein Stadtentwicklungsprojekt für zehntausende Menschen bis hin zur einstigen Heimstatt mittelalterlicher Militärs

Reif fürs Sanatorium? Betritt man das vom Spandauer Forst umschlossene Evangelische Johannesstift im Ortsteil Hakenfelde, fällt im Nu Alltagsstress ab. Vom Eingangstor geht der Blick auf die geklinkerte Stiftskirche, die hinter einer gepflegten Allee liegt. Auf dem grünen Mittelstreifen: Stahlplastiken des Berliner Bildhauers Volkmar Haase (1930-2012). Die zwischen 1907 und 1910 entstandene Einrichtung mit Schule, Krankenhaus, Seniorenheim, Behindertenwerkstätten, Wohngruppen, Buchhandlung, Café, Restaurant und Hotel wurde von dem Theologen und Sozialpädagogen Johann Hinrich Wichern (1808-1881) initiiert. Besucher:innen dürfen sich frei bewegen.

Läuft man bis zur Evangelischen Schule und biegt dort rechts ab, geht es von dem Stiftsgelände wieder runter. Die stillgelegte Trasse der alten Bötzowbahn kreuzend, steht man nach wenigen Metern an der Ecke Wichernstraße/Pappelweg. Es sind die beiden Schenkel der dreieckig angelegten Waldsiedlung Hakenfelde, einer über 100-jährigen Enklave, deren Kern seit 1986 unter Denkmalschutz steht. Die Straßen sind hier nach Bäumen benannt: Buchen-, Eschenoder Holunderweg. Nur der Uschi-Blum-Weg, benannt nach einer Figur von Hape Kerkeling, bildet eine amüsante Ausnahme.

Was an der Waldsiedlung schützenswert ist, ist beim „Irrgang“ durch die verwinkelten Straßen und Wirtschaftswege, letztere führen zwischen den Gärten hindurch, mehr als augenscheinlich: Die für Arbeiterfamilien angelegten Häuschen entstanden mit viel Liebe zum Detail. Steile Satteldächer, Erker oder hölzerne Loggias lassen jedes Haus wie ein Schlösschen wirken.

Welch Kontrast zu den aktuellen Berliner Bauten: Entlang der Wichern-, Mertens-und Goltzstraße führt der Weg zur Havel durch neu erbaute und derzeit entstehende Wohnquartiere. Auch die 2019 fertig gestellten Pepitahöfe gehören zum Stadtentwicklungsprojekt Wasserstadt-Berlin-Oberhavel. Am ihnen gegenüberliegenden Maselakekanal geht es vorbei an der Marina West, wo derzeit Flotten flott gemacht werden.

Die Fußgängerbrücke überquerend hält man sich links und dann rechts immer an der Havel und ihren Ausläufern entlang. Passiert werden der 16-stöckige Luxuswohn-turm „Havelperle“, die Liebesinsel mit leider schon lange geschlossenem Restaurant und, vor der Umrundung der Maselakenbucht, drei Riesenschaukeln. Zurück an der Havel lädt die Eiswerderbrücke zu einem Abstecher auf die gleichnamige Insel ein. Früher waren hier Rüstungsbetriebe angesiedelt, ab den 50er-bis zu den 70er-Jahren Artur Brauners CCC-Filmstudios.

Dass man sich, zurück auf der Frieda-Arnheim-Promenade, nun der Altstadt Spandau nähert, zeigt sich auch am wachsenden Aufkommen wassernaher gastronomischer Betriebe. Das Brauhaus Spandau mit seinem Biergarten könnte als letzte Etappe vor der Zitadelle Spandau auf der anderen Seite der Juliusturmbrücke gelten: Um die Festung mit ihren fünf historischen Museen sowie das Zentrum für aktuelle Kunst zu erkunden, sollte man nicht ganz schwach auf den Beinen sein.

EVA APRAKU

Tour-Info

Routenplaner Von der Busstation Schönwalder Allee über Wichernstraße, Havelschanze und Möllentordamm zum U-Bhf. Altstadt Spandau am Juliusturm.

Länge & Dauer 10 km, je nach Flanierund Einkehrlaune 3–6 Stunden

Essen & Trinken Café Gartenlaube (auf dem Johannesstiftgelände), Spandau, Mo–Fr 9–17.30 Uhr, Feiertage: 11.30–17.30 Uhr. Das Café lädt in parkähnlichem Ambiente zum Bleiben auf ein Stück Kuchen und einen Eiskaffee nach Hausrezept ein.

Kultur-Stopp Gelände des Evangelischen Johannesstift, Schönwalder Straße 26, Spandau. Drei Edelstahlskulpturen des Bildhauers Volkmar Haase sind auf dem Außengelände des Johannesstifts aufgestellt.

Fun-Fact „Ältere Schlagerdive und Sklavin der Liebe / wurde erhört, geknackt, gepackt, geschnappt und beschmutzt“ steht als Erklärung über dem Uschi-Blum- Weg. Auch in der Waldsiedlung wundert man sich.

Ruhe und Skulpturen

Das Westend bietet viel Natur, viel Protz und viel Geschichte. Das wird kein Spaziergang durchs Villenviertel, das wäre zu unoriginell, vielmehr ist es ein kleiner Trip mit Überraschungen

Warum gehen wir spazieren? Zum Beispiel, um zu entspannen, runterzukommen. Damit die Route durchs Westend ihre volle Wirkung entfaltet, treiben wir zunächst den Puls in die Höhe und starten vorm ExpoCenter (Berliner Messe). Fünfspurige Straßen, Brücken, oben, unten, links, rechts Bewegung. Stressgebeutelte Menschen stampfen Kippenstummel in den Asphalt, auf Ampeln wartend, die die Blechlawinen zumindest kurz stoppen. Tja, die Berliner Messe, Hektik seit 1822, als sie erstmals zu einer Gewerbeausstellung lud. Stress war wohl vorbestimmt. Bevor der Ort zum Abenteuerspielplatz für Industrie und Werbetreibende wurde, diente er als Exerzierplatz für die Garnison Charlottenburg. Die Luft dürfte damals besser gewesen sein.

Erreicht der Cortisolspiegel Fluglotsenniveau, geht’s in Richtung Georg Kolbe Museum – Achtung, langer Weg. Bestenfalls sollte man über die Wandalenallee starten, eine schöne Strecke mit unzähligen Kirschblütenbäumen. Hat was Meditatives, was nach dem Einstieg nicht schadet. Am Georg Kolbe Museum hat man die Hektik endgültig hinter sich. Im früheren Atelierhaus des Bildhauers findet man den Nachlass von Georg Kolbe, gemeinsam mit Werken von Hermann Blumenthal, August Gaul und Gerhard Marcks. Und zwar meist in Kombination mit Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Wenige Meter daneben: der Georg-Kolbe-Hain, ein Kleinod für Natur-und Kunstfreunde mit Skulpturen von, wenig überraschend, Georg Kolbe. Hier verschnaufen wir, lassen das alles auf uns wirken. Wer hungrig ist, stärkt sich im unlängst umfassend erneuerten Café Benjamine (wir sagen: Berlins bestes Museumscafé) direkt im Museumsgarten, auch umgeben von Skulpturen. Die überschüssigen Kalorien wird man anschließend sowieso los.

Nach einem kleinen Fußmarsch – vorbei am Corbusiershaus in der Flatowalle, der Wohnmaschine mit 530 Wohnungen, was ja beinahe für einen eigenen Spaziergang reicht – erkennen wir schon von Weitem das Olympiastadion, diese Monstrosität aus Stahlbeton, was natürlich Geschmackssache ist. 1936 eröffnete es als Kind des NS-Regimes. Es war das erste von Hitlers Großbauprojekten und diente als Ausrichtungsort für die XI. Olympischen Spiele 1936. Der Bau war in nur 28 Monaten fertig. Bei Bedarf könnte man in den angeschlossenen Olympiapark und Athlet:innen beim Training zuschauen.

Deutlich interessanter wird es, wenn man um den Park herum zum Wanderweg Richtung Ruhleben läuft. Ein Schild weist uns den Weg. Umgeben von Grün, abseits der Straßen, gibt es auf der Strecke den hübschen Murellenteich mit vielen Bänken und viel Ruhe. Für solche Orte sind wir hier.

Wenige Meter weiter überlegen wir kurz, ob wir jetzt zurückfahren (Haltestelle Ruhleben) oder noch einen Abstecher in den Ruhwald machen. Und wir entscheiden uns natürlich für den Abstecher. Mit dem Arkadengang und der ehemaligen Villa Rheinberg haben wir hier gleich zwei Sehenswürdigkeiten, die uns das Olympiastadion glücklicherweise gleich wieder vergessen lassen.

TIM KRÖPLIN

Infokasten

Routenplaner Start am U-Bahnhof Kaiserdamm (U2), Richtung Sensburger Allee, über Rominter Allee und einen Wanderweg Richtung Ruhleben bis zur U-Bahn-Station Ruhleben (ebenfalls U2).

Länge & Dauer 10 km, etwa 3,5 Std.

Essen & Trinken: Café Benjamine, Sensburger Allee 26, Westend, Mo–So 10–18 Uhr. Für Kunstfreunde stehen im Garten Kolbe-Skulpturen, für Zuckerfreunde gibt es herrlichen Kuchen.

Kultur-Stopp Georg Kolbe Museum Sensburger Allee 25, Westend. Das Museum beherbergt eine große Kolbe-Sammlung und zeigt zeitgenössische Kunst.

Fun-Fact Auf dem Stendelweg, angrenzend an den Wanderweg Richtung Ruhleben, finden sich vor vielen Häusern kleine Marmeladen- und Honigbriefkästen. Dort kann man Selbstgemachtes kaufen und weiterziehen.

Verwunschene Parks und exotische Tiere

Der Spaziergang führt uns von der Glienicker Brücke aus der Havel entlang bis zum Endziel, der Pfaueninsel

Viel zeithistorisch bedeutungsvoller kann ein Spaziergang fast nicht beginnen. Der Startpunkt dieser Tour liegt an der ehemaligen Grenze zwischen West-Berlin und der DDR, auf der Glienicker Brücke. Ein in den Fußgängerstreifen eingelassenes Metallband mit dem Aufdruck „Deutsche Teilung bis 1989“ in der Mitte der Brücke markiert ihren genauen Verlauf. Die Brücke wurde weltbekannt durch Agentenaustausche zwischen Nato und Warschauer Parkt. Steven Spielberg drehte vor einigen Jahren hier Szenen seines Films „Bridge of Spies“ mit Tom Hanks.

Von hier starten wir in Richtung Pfaueninsel und brauchen nur wenige Meter bis zum nächsten Hingucker: Auf Berliner Seite der Brücke steht das Glienicker Schloss, eine von Prinz Carl von Preußen 1823 in Auftrag gegebenene Villa in italienischem Stil. Heute gehört das Schloss, ebenso wie die Pfaueninsel, zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Weiter geht es die Havel entlang – mit freiem Blick auf die Heilandskirche am Port von Sacrow am anderen Ufer. Schon bald kommen wir zum malerisch in einer Bucht gelegenen Wirtshaus Moorlake. Es lohnt sich, hier eine der Abzweigungen zu nehmen, die den Hügel hochführen, denn aus der Höhe kann man die Pfaueninsel bereits in der Ferne erkennen. Außerdem entdeckt man bei diesem kleinen Umweg das Blockhaus Nikolskoe. Hier kann man das Panorama ge-nießen und sich mit deftiger Hausmannskost für den Rest der Route stärken. Auf der Pfaueninsel selbst gibt es nämlich nur noch ein Café.

Vom Restaurant aus dauert es nicht mehr lange, bis wir das Schild mit der Aufschrift „Pfaueninsel“ erreichen. Eine Fähre bringt uns auf die zur Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gehörende Insel. Und sofort fällt unser Blick auf das weiße Schloss Pfaueninsel. Leider wird das Gebäude zurzeit saniert und ist deshalb vollständig verhüllt.

Zum Glück gibt es auf dem 67 Hektar großen Gelände noch viel mehr zu entdecken. Wir empfehlen deshalb, die Insel einmal vollständig zu umrunden, denn auf dem Weg findet man die verschiedenen Gebäude von ganz allein. Besonders sehenswert sind beispielsweise die Meierei oder auch der Fregattenschuppen. Bei gutem Wetter kann man es sich auch auf der Liegewiese am Nordende der Insel bequem machen und das märchenhafte Ambiente genießen.

Wonach man bei einem Besuch unbedingt Ausschau halten sollte, sind natürlich die Namensgeber der Insel: die Pfaue. Ungefähr 30 der beeindruckenden Vögel laufen frei auf der Insel herum, weitere können in der Voliere bewundert werden, die seit dem 19. Jahrhundert Tiere beherbergt. Wer Glück hat, kann einen Pfau sein Rad schlagen sehen, das tun sie nur in der Balzzeit von Januar bis April. Auf das Festland gelangt man wieder per Fähre.

Für den Rückweg empfiehlt sich der historische Doppeldeckerbus, der im Stundentakt vom Hafen aus verkehrt und uns direkt zum S-Bahnhof Wannsee bringt.

EMILIA LAFLEUR

Infokasten

Routenplaner Start an der Bus- und Bahnstation Schloss Glienicke, an der Havel entlang und über die Pfaueninsel bis hin zum S-Bahnhof Wannsee.

Länge & Dauer 8,5 km, etwa 3 Std.

Essen & Trinken Blockhaus Nikolskoe, Nikolskoer Weg 15, Wannsee, So–Do 12–18 Uhr, Fr+Sa 12–20 Uhr. Im Blockhaus Nikolskoe kann man es sich mit leckeren Klassikern der Hausmannskost, wie Wiener Schnitzel oder hausgemachten Rinderrouladen, gut gehen lassen.

Kultur-Stopp Schloss Glienicke Königstraße 36, Wannsee. Das Schloss Glienicke gehört mit der Pfaueninsel zum UNESCO-Weltkulturerbe und kann besichtigt werden.

Fun-Fact In Nähe des Gewächshauses befindet sich ein alter Baum, in den eine kleine, leider verschlossene Tür eingelassen ist. Narnia lässt grüßen.

Minigolf und Inselfeeling

Auf dem Weg von Grünau nach Schmöckwitz kann man mit der BVG-Fähre einen Abstecher nach Krampenburg machen – wenn man ein kleines Detail beachtet

Fast wie Urlaub: Auf dem Weg von Grünau nach Schmöckwitz kommt man an malerischen Häusern und Strandbuchten vorbei. Und könnte sogar mit einer Fähre auf die andere Seite der Dahme übersetzen. Wenn man ein winziges Detail beachtet. Dazu aber später mehr.

Vom Startpunkt, dem S-Bahnhof Grünau, geht es rechts am Imbiss-Bistro „Palme“ vorbei auf der Büxensteinallee durch ein kleines Waldstück bis hin zur Regattastraße. Große Empfehlung: sich in der Konditorei „Anett“ mit Kuchen und Eis aus eigener Herstellung stärken. Rechts führt die Regattastraße an verwinkelten Gebäuden und Rudervereinen vorbei. Zur Linken liegt die historische Regattastrecke, wo schon bei den Olympischen Spielen 1936 Wettbewerbe stattfanden.

Hinter dem imposanten, allerdings sehr maroden ehemaligen Funkhaus Grünau, Baujahr 1930, beginnt das langgezogene Areal des Wald-und Strandbades Grünau. Das Strandbad, mit Eröffnungsjahr 1908 eines der ältesten Familienbäder Berlins, wird seit 2019 bei laufendem Betrieb von einem neuen Pächter umgebaut. Bis zum Beginn der Sommersaison kann man hier derzeit an den Wochenenden Zeit am Strand oder beim Minigolfen verbringen. Für Kinder gibt es zudem einen Indoor-Spielplatz.

Einige hundert Meter weiter wird die Regattastraße zur Strandpromenade. Von hier aus folgen wir dem Weg unmittelbar am Ufer der Dahme, vorbei an der sogenannten Bammelecke inklusive FKK-Strand. Hier läuft es sich sehr schön: mit weitem Blick über das Wasser, auf dem einige Hausboote schippern, und dem Duft der umliegenden Fichten in der Nase.

Hinter der Bucht kommen wir über die Sportpromenade in den Ortsteil Richtershorn. Um nah am Wasser zu bleiben, biegen wir im nächsten Ortsteil Karolinenhof in die Rehfeldtstraße ab, die in die Rohrwallallee übergeht. Am Ende der Allee beginnt der Wald. Über den unbefestigten Pfad, der sich leicht nach links schlängelt, lassen wir Boots-und Anglergrundstücken links liegen.

In der Windwallstraße kommen wir zum Highlight der Route: die Anlegestelle der BVG-Fähre F12. Mit dieser kann man mit regulärem Öffi-Ticket rüber auf die Halbinsel Krampenburg schippern. Aber Achtung: Montags ist kein Fährenverkehr! Warum wir das betonen? Weil unsere Tour an einem Montag stattfand! Dumm gelaufen.

Diesseits der Dahme geht es also weiter auf der Straße Zum Seeblick rechts ab bis zum Adlergestell – mit 11,9 Kilometern Berlins längste Straße. Auf linker Hand liegt unser Ziel: Schmöckwitz. Ein hübscher Ort, der mit Dahme und Seddiner See von drei Seiten von Wasser umgeben ist. Über die Wernsdorfer Straße kommt man zur Brücke, auf der man einen letzten weiten Blick auf den Seddiner See hat. Dann nehmen wir die Tram 68 zurück zum S-Bahnhof Grünau. Die fährt zum Glück auch montags.

LUISA-MARIE KAUZMANN

Tour-Info

Routenplaner Start am S-Bahnhof Grünau, über Regattastraße, Sportpromenade und durch Karolinenhof bis hin zur Tramhaltestelle (Linie 68) Alt-Schmöckwitz.

Länge & Dauer 9,25 km, etwa 3 Std.

Essen & Trinken Ristorante Pizzeria Villa Toscana, Adlergestell 785, Schmöckwitz, täglich 11–23 Uhr, villa-toscana.berlin. Das italienische Restaurant bietet neben Pizzaund Pasta-Klassikern Gerichte wie Schnecken oder Risotto mit Filetspitzen an.

Kultur-Stopp Strandbad Grünau, Sportpromenade 9, Grünau. Spielespaß und Erholung für Kinder und Erwachsene.

Fun-Fact Woher der Ausdruck „Bammelecke“ stammt, darüber ist man sich hier nicht einig. Zwei gängige Varianten verweisen einerseits auf die Sorge, mit dem Boot an den Sandbänken „bammeln“ (hängen) zu bleiben und andererseits auf den „Bammel“ der Wassersportler: innen vor Wettkämpfen. Fotos: Eva Apraku

Von See zu See

Ruhe inmitten der Platte, grüne Wege vor Baller-Bauten, See-Blicke fürs Gemüt und ferne Assoziationen: Vom Fennpfuhl über den Oranke-bis zum Weißen See erstreckt sich unsere Multi-See-Tour in Lichtenberg und Weißensee

Tour-Info

Routen-Planer Von der Tramstation am Anton-Saefkow-Platz durch Fennpfuhlpark und Volkspark Prenzlauer Berg entlang am Oranke- und Obersee bis zur Straßenbahnhaltestelle an der Ecke Weißer See/ Berliner Allee.

Länge & Dauer 12 km, etwa 4 Std.

Essen & Trinken Parkstern, Parkstr. 31, Weißensee, Mo & Di Ruhetage!, www.parkstern.de. Hier gibt es saisonale deutsche Küche mit internationalen Referenzen.

Kultur-Stopp Mies van der Rohe-Haus, Oberseestr. 60, Lichtenberg, Di-So 11-17 Uhr, Eintritt frei. Aktuelle Ausstellungen: u.a. Gerold Miller; „Verstärker 34“, freistehende Skulpturen, Max Frintrop: „An der Wand liegt der Raum gefaltet“, großformatige Gemälde (beide bis 25.9.).

Fun-Fact In der Freilichtbühne Weißensee, Große Seestr. 10, mit ihrem ans Münchener Olympiastadion erinnernden Zeltdach drehte Andreas Dresen die finale Konzertszene seines Spielfilms „Gundermann“ (2018), der die Autobiografie des singenden Baggerfahrers Gerhard Gundermann nachzeichnet.

Der Fennpfuhl-Park ist sowas wie der Central Park von Lichtenberg. Im 9,5-Hektar großen Park träumen wir uns die rundherum aufregende erste Plattenbau-Großsiedlung Ost-Berlins , die dieses Jahr 50 wird, einfach mal zur Upper East Side des Anton-Saefkow-Platzes hoch. Muss man nur wollen.

Den See rechts umkurvend, verlassen wir gen Norden den Park am Hundeauslaufplatz, wo ein Bullterrier bräsig auf Frauchen blickt. Auf der anderen Seite der Landsberger Allee drückt sich ein schmaler Grünstreifen an einem dieser sagenhaft sonderbar haken-schlagenden Baller-Bauten vorbei. Würde Wiglaf Droste noch leben, er hätte an der Friseur-Firmierung „HAiRTie“ unten im Haus viel Spaß.

Auf der anderen Seite der Hohenschönhausener Straße gehen wiederum Grüße nach Stonehenge raus, als wir durch monolithisch grobe, zu einem Tor aufgeschichtete Steinquader schreiten, die in den Volkspark Prenzlauer Berg führen. Von dort steigen wir der mit Kriegstrümmerschutt vom Viertel um den Alex aufgeschütteten Oderkippe aufs Plateau. Rechts am Hang führt der Weg schnurgerade durch die Kleingartenanlage „Langes Höhe“, vorbei am Jüdischen Friedhof Weißensee – unbedingt einen gesonderten Spaziergang wert! – und hinter dem Weißenseer Weg zwischen der mächtigen Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei und dem weitläufigen Sportforum Berlin bis zum Internat „Haus der Athleten“.

Nach rechts geht dahinter der Orankeweg ab – zum, genau, Orankesee, mit Blick auf dessen schönes Strandbad. Die, klar, Orankesee-Terrassen, ein griechisches Restaurant mit Biergarten, sind eine Rast-Option. Und da kommt auch schon das nächste Gewässer – Herrschaften, die Mecklenburgische Seenplatte ist ein Witz gegen unsereTour! –: der Obersee, wo der Wasserturm aus dem Oberseepark herausragt. Vom anderen Ufer grüßt das Mies-vander-Rohe-Haus, das letzte Wohnhaus, das der Bauhaus-Architekt 1932 vor seiner Emigration plante. Von dort gehen wir so lange geradeaus, bis wir durch ein Tor in einem typischen DDR-Zaun das Naturschutzgebiet Fauler See betreten, den kleinen See fast ganz umrunden. Ornithologen, aufgemerkt! Hier wurden rund 140 Vogelarten beobachtet. Wild ist das Gehölz, Wind fährt in fahrige Fichten. Es knackt sehr vernehmlich.

Zurück also zum Orankesee, wieder ein grüner Pfad, schön, schön. Schließlich erreichen wir den Weißen See, Ziel in Sicht. Im Sommer sieht man die Wiesen im Park vor Leibern nicht, oder was von Rasen übrig ist. Wer mag, beschließt jetzt im Strandbad mit einem Drink die Seen-Tour. Aber wir hätten da noch ein Bonus-Gewässer zu bieten

Hinter dem Lokal Milchhäuschen im DDR-Flachbau-Schick mit Seeblick-Terrasse führt eine Straße vorbei am Restaurant Parkstern zum sechsten See der Tour, dem putzigen Goldfischteich im kleinen Werner-Klemke-Park. Falls auf der anderen Teichseite die Tür zum weiten Innenhof der rot geklinkerten Woelckpromenade offen ist, unbedingt reinschauen! Man nennt die Gegend hier ja nicht aus Daffke Holländerviertel.

Dann zurück zum Weißen See. Jetzt also ein finales Strandbad-Bier. Und wir prosten der überm See versinkenden Sonne zu.

Capri ist Kappes dagegen.

ERIK HEIER

Wasser und Weite

Am Anfang eine Galopprennbahn und ein Schlosspark von Lenné. Am Ende eine Arbeitersiedlung oder ein Softeis in der Bölschestraße. Dazwischen aber ist das Erpetal eine der spektakulärsten Naturlandschaft (fast noch) in Berlin

Die Galopprennbahn sollten Sie zumindest im Trab nehmen. Sonst könnte man diese Tour bereits vertrödeln, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. Gleich hinter dem S-Bahnhof Hoppegarten, wo Berlin bereits zu Brandenburg geworden ist.Frei nach Loriot: Ja, seit wann laufen sie denn? Am 17. Mai 1868 wurde die Rennbahn von Otto von Bismarck eröffnet. Ihre Geschichte ist wechselhaft mit diesem beiden Konstanten: jenen, die sich um Kopf und Kragen wetten, und jenen, die mindestens so tun, als wenn Pferderennen noch ein gesellschaftliches Ereignis wären.

So früh im Jahr eher noch kein gesellschaftliches Ereignis: der wunderschöne Wanderweg durchs Erpetal, auch wenn er zeitweise synchron zum bekannten europäischen Weitwanderweg E11 verläuft. Gerade die ersten Kilometer verbringen wir einsam. Die Erpe heißt hier wahlweise Zochegraben oder Neuenhagener Mühlenfließ. Das Schloss heißt Dahlwitz (und ist aus dem Jahr 1855), es gehörte einst derer von Treskow, der Park wurde gar von Lenné angelegt. Wieder ein guter Grund zum Trödeln (und für ein frühes Picknick?).

Die vierspurige Bundesstraße 1 unterqueren wir prosaisch. Gleich dahinter liegt die in rudimentären Resten erkennbare Grabstätte der Adelsfamilie. Vor allem aber wird der Erpetalweg von nun an so richtig naturschön. Wie gemalt winden sich die Wurzelpfade zwischen den Bäumen hindurch, immer wieder öffnet sich die Landschaft. Sonnenstrahlen glitzern in Fließgewässern. Langsam trifft man mehr Menschen. Meistens kommen sie in Gesellschaft von Hunden daher, die hier im Erpetal alle überraschend wohlerzogen sind (die Menschen auch, aber vor allem die Hunde).

Was uns noch begegnet: Röhricht und Indisches Springkraut, schattige Mischwälder und üppige Feuchtwiesen, in denen es zirpt, piept und quakt. Majestätische Weiden, knorrige Erlen, Birken, Eichen und Ulmen. Wir wagen zu behaupten: Der Erpetalweg ist unter den schönen und wirklich naturnahen Wanderwegen Berlins ein sehr besonderer. Zumal man später am Nachmittag oft einem wunderschönen Sonnenuntergang entgegenläuft. Weil die Landschaft weit ist und gleichzeitig so detailliert. Und weil der Weg so logisch ist – immer an der Erpe entlang, einem nördlichen Nebenfluss der Spree.

Dann noch Laubenkolonien und Terrier-zuchtvereine. Und die Frage: auf kurzem Weg zum S-Bahnhof Hirschgarten? Oder auf ein Bier in die Bölschestraße, der Friedrichshagener Flaniermeile. Wir halten uns diesmal rechts. Durch einen Kiefernwald, der nach mediterranen Pinienhainen riecht, geht es in die Siedlung Elsengrund (1919–28) des Schweizer Architekten Otto Rudolf Salvisberg, der auch an der Weißen Stadt und der Siedlung Onkel-Toms-Hütte beteiligt war. Die Großstadt hat uns wieder.

Wir aber wissen jetzt: Der Weg hinaus ist gar nicht weit.

CLEMENS NIEDENTHAL

Tour-Info

Routenplaner S-Bahnhof Hoppegarten, Schloss Dahlwitz, Erpetalweg, Europäischer Wanderweg E11, S-Bahnhof Friedrichshagen bzw. Hirschgarten.

Länge & Dauer 3 St. (reine Gehzeit), 12 bis 14 km ( je nach Ziel). Der kürzeste Weg führt zum S-Bahnhof Hirschgarten, der kulinarischste nach Friedrichshagen.

Essen & Trinken „Kugeleis und Softeis“ heißt die kleine Eisdiele in der Bölschestraße. Wobei das Softeis ostalgisch und echt lecker schmeckt. Überhaupt ist der Friedrichshagener Boulevard ein guter Ort, um die Tour und den Tag ausklingen zu lassen.

Kultur-Stopp Plaste und Elaste: Auf halben Weg gelegen, beherbergt die historische Heidemühle heute das engagiert kuratierte DDR-Designdepot. Die (regelmäßigen) Öffnungszeiten bitte unter angerrichard@aol.com erfragen.

Fun Fact Unter dem Pflaster liegt das Beet: Im Erpetal heißt eine Kleingartenanlage Wiesengrund, nicht aber Theodor oder Adorno.

Ruhe, Charme, Neukölln

Bei einem Spaziergang durch den Neuköllner Ortsteil Britz sieht man den berühmten Berliner Bezirk von seiner ganz anderen, nämlich grünen Seite

Tour-Info

Routenplaner Vom U-Bhf. Britz-Süd über das Gelände des Gutshof Britz, vorbei am Britzer Schloss, durch den Buschkrugpark mit dem Dracula-Spielplatz zurück zum Bahnhof Britz-Süd.

Länge & Dauer 6,21 km, etwa 2 Std.

Essen & Trinken Gallo Nero – Zum schwarzen Hahn, Hannemannstraße 34, Neukölln, Di–Sa 15–13 Uhr, So 12–23 Uhr. Italienische Küche vom Feinsten. Antipasti, Pasta und feine Fleischgerichte können im Innenbereich, der einer italienischen Trattoria nachempfunden ist, oder auf der Terrasse genossen werden.

Kultur-Stopp Museum Neukölln, Alt-Britz 81, Eintritt frei. Neben der ständigen Ausstellung mit 99 Originalobjekten aus der Museumssammlung ist aktuell die Ausstellung „1920–2020. Großstadt Neukölln“ zu sehen.

Fun-Fact Im Buchholz Gutshof Britz soll auch schon Angela Merkel gespeist haben.

Britz ist das Gegenteil von Neukölln, wie man es klischeehaft kennt. Ganz anders als Sonnenallee oder Hermannplatz. Der Neuköllner Ortsteil hat reichlich Parkanlagen, kleine Seen, ein Schloss und auch kulinarisch einiges in petto. Diese Route ist nicht zuletzt für Familien mit Kindern gut geeignet.

Startpunkt für den Rundweg ist der U-Bahnhof Britz-Süd. Auf einem Platz an der Gutschmidtstraße findet montags, donnerstags und samstags stets vormittags der Wochenmarkt Britz-Süd statt. Rechts neben einem Tabakwarenladen geht eine Unterführung direkt in einen langgezogenen Park. Der Hauptweg in Richtung Norden führt zum Gutshof Britz. Erstes Mini-Highlight für Kinder in dem kleinen Park: eine Seilbahn.

Nach der ersten Pferdekoppel auf der linken Seite betreten wir durch ein Tor den Gutshof Britz. Hier sind Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde ganz nah. Der gepflasterte Weg führt auf den Vorplatz zum Museum Neukölln. Gegenüber dem Museum lädt das Restaurant „Buchholz Gutshof Britz“ mit Gerichten wie „Gebratenem Zander an Meerrettichsauce“ oder „Teigtaschen auf Steinpilzen“ draußen und drinnen zum Speisen ein.

Dahinter geht es an einem Vogelgehege vorbei in den Schlosspark. Ausladende, überaus gepflegte Wiesen breiten sich vor dem Britzer Schloss aus, einst Herrenhaus des Ritterguts, heute Sitz der hauseigenen Kulturstiftung.

Rechts vom Schloss führt ein Pfad hinunter in die Backbergstraße. Wer mag, dreht eine Extrarunde um den Britzer Kirchteich inklusive der alten Dorfkirche. Ansonsten geht es gleich weiter auf der Fennpfuhl-Straße in die Parkanlage-Britz, deren Spazierpfad in die Blaschkoallee mündet. Durch das Blattgrün fällt ein buntes Gebäude auf: der Sri Mayurapathy Murugan Hindi Tempel (täglich geöffnet: 7.30–12.30 und 16.30–19.30 Uhr). Er bildet einen Kontrast zu den Idealsiedlungen, die 1911 erbaut wurden. Nach dem Streifzug durch die Siedlung geht es weiter in den Park am Buschkrug. Vom Hauptweg aus ist bereits Berlins größter Spielplatz zu erkennen, der nach Herrn Dracula benannt ist, der gewaltige Vampirkopf auf der höchsten Rutsche ist nicht zu übersehen. Für Eltern wäre jetzt die Zeit, die Picknickdecke auszubreiten.

Zurück auf dem Hauptweg gehen wir vorbei am Neuköllner Krankenhaus bis zur Blaschkoallee. Dahinter führt uns der Weg durch ein Akazienwäldchen in die Großsiedlung Britz von Bruno Taut. Zu ihr gehört die berühmte Hufeisensiedlung, die UNESCO-Weltkulturerbe ist. Der Rückweg führt entlang der Fritz-Reuter-Allee und dann links durch einen letzten Park dieser Route, bis wir wieder am U-Bahnhof Britz -Süd stehen. Und wissen: Wir kommen wieder.

LUISA-MARIE KAUZMANN