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Weibliche Herrschaft: „Sie wollte alles kontrollieren“


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 27.03.2018

Kaiserin Maria Theresia war eine der wenigenFrauen im Ancien Régime, die offiziell Macht innehatten. Am intriganten Wiener Hof musste die Habsburgerin sich ebenso behaupten wie gegen äußere Feinde. Wie ihr das gelang, erläutert die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger.

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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2018

Schönheit galt im Barock als Herrschertugend. Offizielle Porträts wie das des Hofmalers Martin van Meytens von 1743 betonten deshalb die Anmut Maria Theresias.


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Stollberg-Rilinger: Es gab Frauen, die qua Erbrecht die Herrschaft tatsächlich selbst innehatten. Aber das war eine seltene Ausnahme. Viel häufiger übernahmen Frauen die Regenschaft nur stellvertretend für den Gatten, der abwesend oder krank war, oder für den minderjährigen Sohn. Im österreichischen Fall war das neue Erbgesetz von fast allen Dynastien Europas anerkannt worden. Und trotzdem galt „Weiberherrschaft“ als weniger legitim.

Obwohl alles rechtlich geregelt war?

Schon, aber es gab die Angst vor eine „Gynokratia domestica“, einer Herrschaft der Frau in Haus und Ehe. Das galt als ganz anrüchig, denn es stellte die Ordnung der Geschlechter infrage.

Die hatte Maria Theresia ja schon allein durch ihre Heirat herausgefordert: Mit Franz Stephan, Herzog von Lothringen, hatte sie einen deutlich rangniedrigeren Mann geehelicht.

Ja, und das war anfangs ein großes Problem. Sie setzte deshalb alles daran, Franz Stephans Status aufzuwerten und so die Ordnung wieder herzustellen: Zuerst machte sie ihn zum Mitregenten, später sorgte sie dafür, dass er zum Kaiser gewählt wurde.

Trotz der Statusunterschiede wollte sie Franz Stephan haben, hatte alles darangesetzt, dass er sie und nicht ihre Schwester heiratete.

Im Verhältnis zu ihrem Mann war sie es, die sich durchsetzte. Sie hat die Beziehung auch un - gewöhnlich geführt, hat etwa immer mit Franz Stephan in einem Bett geschlafen. Bei Hofe wurde gelästert: „Sie machen es wie die Bauern“, der Adel amüsierte sich, dass sie ihren Mann auf diese Weise auch nachts unter Kontrolle habe. Gemeinsam zu schlafen war bei Hof nicht üblich, der Mann besuchte die Frau nur gelegentlich.

1717 geboren, wuchs die österreichische Thronfolgerin von klein auf in ihre künftige Rolle hinein (Maria Theresia im Alter von drei Jahren und als Teenager). Bis dato unerhört war ihre Krönung zum König von Ungarn 1741: Um dem Zeremoniell zu entsprechen, lernte sie reiten und führte symbolisch das Schwert (r.).

Hat Maria Theresia ihre Herrschaft selbst auch als etwas Außergewöhnliches gesehen?

Dass ihre Herrschaft weniger legitim gewesen wäre, weil sie eine Frau war, hat sie selbst gar nicht in Betracht gezogen. Aber bemerkenswert ist, wie ihre Hofbeamten agiert haben, um den leichten Mangel an Rechtmäßigkeit auszugleichen: Sie wurde in Ungarn zum König – nicht etwa zur Königin – gekrönt. Um das rituell zu demonstrieren, musste sie reiten lernen und symbolisch das Schwert führen, eindeutig männliche Herrschergesten.

Wenn man symbolisch zeigen konnte, dass man König war, dann war man auch einer?

Im Ancien Régime unterschieden die Menschen zwischen physischem Geschlecht und juristischer Rolle. Es gibt Dokumente, in denen ausdrücklich steht: Die Herrschaft hat kein Geschlecht. Man spielte mit den Geschlechterrollen, auch Cross-Dressing – Männer kleiden sich als Frauen und umgekehrt – war bei Hof üblich. Man fasste die Geschlechterrollen noch nicht als unüberwindlichen Gegensatz auf. Das kam erst im 19. Jahrhundert.

Maria Theresia durfte zwar König in Ungarn werden, aber nicht Kaiser. Warum ging das nicht?

Weil die Kaiserwürde eine Wahlwürde war. Niemand wäre auf die Idee gekommen, eine Frau zu wählen. Dynastische Herrschaft hingegen beruht auf erblicher Reproduktion – das gestand man Frauen viel eher zu.

Also konnte Maria Theresia nur Kaiserin werden, indem ihr Mann Kaiser wurde?

Die offizielle Krönung zur Kaiserin hat sie ab - gelehnt, weil sie keine nur vom Mann abgeleitete Würde annehmen wollte. Den Titel hat sie trotzdem geführt und damit Politik gemacht.

War sie eine im modernen Sinn emanzipierte Frau?

Mit dem Begriff bin ich vorsichtig. Sie hat die weibliche Unterordnung an und für sich überhaupt nicht infrage gestellt, hat ihre Töchter immer ermahnt, sie müssten sich ihrem Mann fügen. Und kurioserweise hatte sie auch selbst das Bild von sich, dass sie sich in der Ehe unterordne.

Das hat ihr Mann nicht so gesehen?

Sicher nicht. Sie ist Franz Stephan ständig in den Rücken gefallen, befahl seinen Freunden, ihn vom Kontakt mit liederlichen Frauen abzuhalten, hat ihn oft behandelt wie ein Kind und sich dann gewundert, dass er bei Hof geringgeschätzt wurde.

Sie hatte eben die Macht.

Und sie war eine ungewöhnlich starke Persönlichkeit. Sie war extrem überzeugt von ihrer eigenen Souveränität, äußerst beharrlich, ja starrsinnig. Das kann man darauf zurückführen, dass sie sich wirklich als von Gott beauftragt wahrnahm.

Sahen das nicht alle Fürsten so?

Natürlich haben sie alle ihre Herrschaft formal von Gott abgeleitet. Aber Maria Theresia war tatsächlich überzeugt davon, persönlich von Gott diese Herrschaft verliehen bekommen zu haben, und sie hat das als große Verpflichtung aufgefasst.

Visual Story: Maria Theresia – ein Nationalmythos


mariatheresiaoder in der App DER SPIEGEL

Friedrich II. von Preußen, der mit ihr mehrfach Krieg um Schlesien führte, hat sie bewundert. „Endlich haben die Habsburger mal einen Mann, und dann ist es eine Frau“, hat er gesagt. Es gab auch den Ausdruck der „Männlichkeit ihrer Seele“. Was war damit gemeint?

Ihre unglaubliche Souveränität – im doppelten Sinne des Wortes, als politische Herrscherin und im persönlichen Umgang. Ihren Kindern gegenüber betonte sie immer, dass man sich als Souverän nicht auf die Ebene der anderen hinunterbegeben und keine Schwäche zeigen darf. Das erinnert mich immer ein bisschen an Angela Merkel, die es einfach an sich abprallen lässt, wenn jemand wie Erdoğan sie übel verunglimpft. Man fühlt sich darüber erhaben, was die anderen so machen.

Wie war Maria Theresia auf das Herrscheramt vorbereitet worden?

Sie selbst fühlte sich nicht gut vorbereitet, weil ihr Vater ihr keine Einblicke in die Regierungstätigkeit gewährt hat. Er bezog nur ihren Mann in Sitzungen und Besprechungen ein, weil er offenbar davon ausging, dass der später für Maria Theresia die Regierungsgeschäfte führen würde. Darin haben sich alle geirrt. Sie hat sich später sogar selbst in die Kriegsführung eingeschaltet, auch wenn sie nicht persönlich ins Feld ziehen konnte.

Finden Sie auch, dass sie nicht ausreichend ein - gewiesen war?

Wer im 18. Jahrhundert Politik machte, musste vor allem das System von Patronage und Gunst - erweisen beherrschen. Darin war Maria Theresia schon einbezogen gewesen. So sollte sie als Fürsprecherin bei der Papstwahl 1730 ihren Einfluss geltend machen, und auch bei Bischofsbesetzungen war sie gefragt. Es gibt einen großen Aktenbestand mit ihrer Patronagekorrespondenz. Frühere Historiker haben diese Briefe nie benutzt, weil sie das als Günstlingswirtschaft betrachtet haben, nicht als Politik. Aber de facto bestand Politik im Ancien Régime vor allem im Knüpfen von Patronagenetzwerken.

Hatte sie ein Regierungsideal?

Ihre Ratgeber lehrten sie, sich den Staat wie eine Maschine vorzustellen. Man glaubte, wenn man die verschiedenen Ämter der Verwaltungshier - archien nur sorgfältig genug besetzt, dann könne der Monarch oben an der Spitze mit einem Hebel alles in Bewegung setzen, und alle Rädchen greifen ineinander. Das ist natürlich eine unglaubliche Illusion. Und Maria Theresia hat auch realisiert, dass es so nicht funktioniert. Allein schon an einem so riesigen Hof mit Tausenden von Höflingen und Bediensteten kann ja niemals einer alles steuern. Das hat sie fast wahnsinnig gemacht: Sie hat immer am Schreibtisch gesessen und gearbeitet, am liebsten hätte sie bis ins letzte Waisenhaus bestimmt, was die Kinder zu essen bekommen.


„Sie muss von einer unglaub lichen körperlichen Robustheit gewesen sein.“


Was tat sie, als sie merkte, dass das so nicht klappte?

Sie hat von dieser Norm nicht lassen wollen, und so wuchs ihre Verzweiflung. Sie hat immer versucht, alles zu kontrollieren. Auch bei ihren Kindern, denen sie immer wieder dieselben Regeln einschärfte. Jedem Kind schrieb sie ein bis zwei Mal in der Woche. Besonderen Wert legte sie dabei auf Frömmigkeitsübungen. Und dann hörte sie wieder, dass Ferdinand nicht gebetet hat – aber der Sohn war ja längst erwachsen.

Maria Theresia hat selbst die Regierungsgeschäfte geführt, unglaublich viel gearbeitet – und nebenbei 16 Kinder zur Welt gebracht, das erste 1737, drei Jahre vor ihrem Regierungsantritt. Wie hat sie das verkraftet?

Sie muss von einer unglaublichen körperlichen Robustheit gewesen sein – sie war über Jahre hinweg fast immer schwanger. Das hat sie durchaus als Nachteil empfunden. Aber sie hatte wohl immer relativ leichte Schwangerschaften und hat kurz nach den Entbindungen wieder angefangen zu arbeiten.

Sie galt als besonders schön, selbst noch, als sie in ihren späteren Jahren extrem zugenommen hatte. Historiker haben dennoch behauptet, sie sei un - eitel. Kommen Sie zu demselben Schluss?

Das Äußere war Maria Theresia wichtig, aber nicht, weil sie persönlich eitel war, sondern weil es zur Herrscherrolle dazugehörte. Sie wusste, dass sie sich ständig inszenieren musste. Das schärfte sie auch ihren Kindern ein: Man muss immer und überall repräsentieren, darf sich niemals gehen lassen. Deshalb hat es doch mitunter ziemlich lange gedauert, bis die Haube richtig saß und die aufwendigen Kleider angelegt waren. Sie hat sogar Sitzungen abgesagt, weil die Haare nicht rechtzeitig in Ordnung gebracht waren. Und ihrer Tochter Marie Antoinette hat sie immer vorgeworfen, sie würde zu dick, sie würde sich nicht sorgfältig genug herrichten und pflegen – ausgerechnet Marie Antoinette!

Disziplin war damals eine adelige Tugend. Warum war Selbstbeherrschung ein Statussymbol?

Durch Körperkontrolle und kultiviertes Verhalten unterschied man sich von den Bauern. Dazu gab es auch die alte Regel, dass Herrschaft über andere nur ausüben sollte, wer sich selbst beherrscht. Das richtige Auftreten wurde immer wieder ein geübt, indem die Adeligen selbst Ballett und Singspiele aufgeführt haben. Hof ist ja ohnehin Herrschaftstheater, und das war noch mal Theater im Theater. Maria Theresias ältester Sohn Joseph war als Kind linkisch, er konnte nicht besonders gut singen und tanzen, er hat diese Auftritte vor der Hofgesellschaft offenbar gehasst und sehr darunter gelitten. Man soll ja als Historiker nicht psychologisieren, aber mir scheint es naheliegend, dass der Hass auf den Adel, den er später an den Tag legte, auf diese Erfahrungen zurückzuführen ist.

Maria Theresia gilt gemeinhin als natürlich und authentisch und hat das auch selbst immer betont. War das alles nur gespielt?

Bei Hof durfte man sich nicht anmerken lassen, was man wirklich dachte. Jedenfalls besaß Maria Theresia ein besonderes Talent zur Liebenswürdigkeit. Sie setzte ihr Charisma offenbar mit großem Erfolg strategisch ein.

Wie unterschied sich ihre Inszenierung von jener männlicher Herrscher wie etwa Ludwig XIV.?

Das französische Zeremoniell war durch eine sehr große Öffentlichkeit gekennzeichnet, man inszenierte das Intime, im Boudoir, im Bett. Das spanische hingegen, das auch am Wiener Hof galt, entrückte den Herrscher, umgab ihn mit sakraler Würde. Maria Theresia hat es aus pragmatischen Gründen gelockert. So mussten die Hofleute beim An- und Abtreten nicht mehr drei Kniefälle machen. Ihr Obersthofmeister, ein Zeremonialfreak, dachte, nun sei der Untergang des Abendlands gekommen. Ganz schlimm fand er es, dass sie bei ihren Ent bindungen die Hofdamen nicht mehr dabeihaben wollte, sondern nur noch bürgerliche Ärzte.

Mit ihrem Gatten Franz Stephan(l., Gemälde von Martin van Meytens) , Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, verband Maria Theresia innige Zuneigung. Das Herrscherpaar hatte 16 Kinder, darunter Ferdinand und Maria Carolina(Gemälde von Anton Raphael Mengs, um 1756) .


Wollte sie sich mit diesen Reformen ihren Untertanen annähern?

Im Gegenteil, in dieser Hinsicht hat sie die Regeln eher verschärft: Leute, die sich ihr unbefugt näherten, wurden verhaftet.

Manchmal aber wurden Bürgerliche zu ihr vorgelassen: die Familie Mozart etwa, oder der deutsche Schriftsteller Johann Christoph Gottsched und seine Frau.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen hatte keinen Zugang. Sehr selten und gezielt aber ließ sie Einblicke zu. Dann faszinierte Maria Theresia mit ihrer Warmherzigkeit, mit charismatischer Ausstrahlung, das muss ein überwältigender Eindruck gewesen sein, der sich natürlich herumsprach.

Sie ist immer als Landesmutter beschrieben worden – war diese Art der Herzlichkeit gegenüber gemeinen Untertanen damit gemeint?

Ich glaube nicht. Wenn sie sich als Landesmutter bezeichnet hat, dann in dem Sinn, wie auch Fürsten Landesväter genannt wurden: Die Unter - tanen waren wie Kinder, die gehorchen müssen.

Auch ihre eigenen Kinder mussten spuren. Hatte sie irgendein anderes Verhältnis zu diesen Kindern – von den 16 überlebten sie 10 – als ein dynas - tisches?

Auf ihre Weise hat sie die Kinder sicher geliebt. Noch als sie erwachsen waren, hat sie ihnen extrem viel Aufmerksamkeit gewidmet. Sicher, in erster Linie ging es darum, den Nachwuchs möglichst vorteilhaft zu verheiraten, überall in Europa die Fäden zu spinnen. Aber ihre Briefe lesen sich zum Teil sehr herzlich. Dann wieder konnte sie auch ganz schnell umschalten zu einem eiskalten Kontrollton. Was davon authentisch war? Man kann nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen. Man kann nur beschreiben, was sie nach außen zeigen, und auch die Widersprüche deutlich machen.

Gab es denn so etwas wie Fürsorge in unserem Sinne?

Die kleinen Kinder wurden sofort einer Amme gegeben, das war damals üblich. Sie selbst hat genaue Instruktionen entworfen, wie die Kinder zu behandeln waren, was sie zu essen bekamen, jede Stunde des Tages war geregelt. Sie durften sich nicht an das Personal gewöhnen, sollten deshalb keine körperliche Zuwendung bekommen. Heute klingt das schrecklich, aber es gab noch keine moderne Pädagogik oder die Vorstellung, dass Kinder Schaden nehmen, wenn man sich mit ihnen nicht liebevoll beschäftigt. Immerhin: Die Kinder sollten nicht geprügelt werden. Das Kammerpersonal war schließlich standesniedriger.

Die Beziehung der Kinder untereinander war schwierig, sie konkurrierten auch als Erwachsene um die Gunst der Mutter, waren fürchterlich zerstritten. War das damals üblich in adeligen Familien – oder Folge der Kontrollwut ihrer Mutter?

Die Verhältnisse in ihrer Familie waren schon extrem, so etwas kenne ich von anderen Höfen nicht. Als Herrscherin und Mutter ihrer erwachsenen Kinder hatte Maria Theresia sicher eine Sonderrolle. Sie konnte ihre Gesandten zur Bespitzelung der Kinder einsetzen. Ich war ganz erschüttert, als ich das Tagebuch von Leopold las, ihrem zweitältesten Sohn. Er beschreibt die Familien - verhältnisse als Schlangengrube und unglaublich intrigantes Spiel. Er hat diese Aufzeichnungen in Geheimschrift verfasst, also nur für sich selbst, und darin kein Blatt vor den Mund genommen.

Nicht alle Kinder fügten sich den Plänen ihrer Mutter – vor allem Joseph: Ihr ältester Sohn widersetzte sich ihr ständig. Es war offenbar möglich, die dynastische Logik infrage zu stellen und gegen die Familie zu rebellieren?


„Sie selbst hielt sich immer für gescheitert.“


Am 2. Januar 1743 ließ Maria Theresia in der Winterreitschule der Wiener Hofburg ein „Damenkarussell“ austragen, bei dem Reiterinnen nachgebildete „Türkenköpfe“ abschlagen mussten. Maria Theresia verheimlichte ihren Ärzten, dass sie schwanger war, und ritt selbst auf einem Schimmel voran. Die Darbietung war eine Anspielung auf den Amazonen-Mythos(Gemälde von Martin van Meytens) .


Friedrich II. von Preußen war Maria There sias ärgster Feind(Gemälde von Johann Heinrich Christian Franke, um 1763) . Ihr ältester Sohn Joseph (in der Mitte, zwischen seinen Brüdern Ferdinand und Leopold,Maler unbekannt) imitierte ihn dennoch in vielem. Nach dem Tod ihres Mannes 1765 verfiel Maria Theresia in Depressionen und rieb sich in Konflikten mit Joseph auf(r., Gemälde von Joseph Ducreux) . 1780 starb sie.

Ja, aber Joseph hatte auch einen besonderen Status: Er war der Thronfolger. Nach dem Tod ihres Mannes machte Maria Theresia ihn zum Mitregenten. Er wurde zugleich Kaiser, hatte de facto also einen höheren Rang als seine Mutter. Allerdings hat Maria Theresia ihre Herrschaft nie wirklich mit ihm geteilt, das war das Grundproblem.

Gab es damals schon so etwas wie Generationenkonflikte?

Bei Joseph kommen sicher zwei Dinge zusammen: ein Konflikt zwischen Mutter und Sohn, der gleichzeitig auch ein Epochenkonflikt war. Zwei Weltanschauungen prallten aufeinander. Joseph war von seinen Erziehern im Geiste der Aufklärung erzogen worden. Hätte seine Mutter davon gewusst, hätte sie das verboten, sie war total gegen diese Ideen. Aus Opposition, aus Hass gegen den Hofadel, hat Joseph einen dezidiert anderen Kurs eingeschlagen als Maria Theresia. Und, das war für sie das Schlimmste, er hat es verbunden mit seiner Verehrung für Friedrich den Großen von Preußen.

Und bisweilen hat er offenbar nur aus Prinzip gegen seine Mutter opponiert.

Ja, den Eindruck habe ich. Nach einer furcht - baren Hungersnot in Böhmen liebäugelte Maria Theresia mit einem erstaunlich radikalen Plan zur Bauernbefreiung, der sich gegen die adeligen Grundherren richtete – also eigentlich genau das, was Joseph immer gewollt hatte. Aber in dem Moment rückte er plötzlich davon ab und blockierte den Plan. Nach ihrem Tod hat er die Bauern - befreiung sofort veranlasst.

War Maria Theresia eine erfolgreiche Herrscherin?

Wenn man es mit den Maßstäben ihrer Zeit misst, hat sie die Ansprüche, die man damals an einen guten Herrscher stellte, ziemlich perfekt erfüllt. Anders als viele männliche Herrscher, die immer nur auf die Jagd gegangen sind. Angesichts der verzweifelten Situation bei ihrem Regierungsantritt hat sie sich erstaunlich gut behauptet. Und tatsächlich hat sie auch Reformen angestoßen, ohne die das Habsburgerreich wohl schon sehr viel eher als 1918 zugrunde gegangen wäre.

Sah sie das selbst auch so?

Ihre Kinder haben ihr nicht gehorcht, sie hat Schlesien an Preußen verloren, sie hatte Reich und Hof und Kinder nie so unter Kontrolle, wie sie es sich gewünscht hätte. In den letzten Jahren ihres Lebens, nach dem Tod ihres Mannes, ist sie darüber wirklich schwermütig geworden, heute würde man sagen, depressiv. Sie selbst hielt sich immer für gescheitert, auf ganzer Linie, das hat eine gewisse Tragik.

Das Gespräch führten Bettina Musall und Eva-Maria Schnurr.

Barbara Stollberg-Rilinger ist Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster. Sie untersucht vor allem die symbolischrituellen Formen von Kommunikation im Heiligen Römischen Reich. Ihre Biografie über Maria Theresia, erschienen bei C. H. Beck, wurde 2017 auf der Leipziger Buchmesse als bestes Sachbuch ausgezeichnet.