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Weihnachtsglanz in deinen Augen


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Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 25.11.2022
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Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 12/2022

SSchwungvoll legte Ulrike ihrer besten Freundin den Arm um die Schultern und zwinkerte ihr zu. Seit einer halben Stunde schlenderten die zwei Frauen in der Nähe von Manuelas Wohnung über einen nostalgisch anmutenden Weihnachtsmarkt. Strahlende Lichterketten und geschmückte Holzbuden, an denen Kunsthandwerk und Süßigkeiten verkauft wurden, boten ein bezauberndes Bild. Dazu tanzten Schneeflocken durch die Luft und vermittelten eine Stimmung wie in einem alten Bilderbuch. „Hier ist es wunderschön“, musste Manuela denken, betrachtete dabei die glücklich wirkenden Leute um sich rum. Nur sie selbst hatte Mühe, ihre Mundwinkel nicht allzu sehr hängen zu lassen. Ehrlich gesagt hatte sie gar nicht richtig hingehört, was Ulrike eben verkündet hatte. Die sagte nun noch mal: „Prima, dass wir uns endlich wiedersehen.“ Gespielt beleidigt stupste sie die andere in die Seite. „Du hast dich in den letzten Monaten ...

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... ganz schön rar gemacht!“ „Das tut mir leid.“ Auf einmal musste Manuela lästige Tränen wegblinzeln. Herrje, was war sie seit dem Tod von Dirk aber auch nah am Wasser gebaut! Hoffentlich bemerkte Ulrike ihr Geheule nicht. Pech gehabt! Schon verdüsterte sich deren Miene. „Dirk hätte gewollt, dass du wieder glücklich wirst“, raunte die Sechzigjährige ihrer etwa gleichaltrigen Freundin zu, „wenn er wüsste, dass du zwei Jahre nach seinem Tod immer noch wie ein Trauerkloß rumläufst …“ Manuela fiel ihr ins Wort und musste unwillkürlich grinsen: „Ja, ich weiß, dann würde er mir wohl seine Asche eigenhändig in die Augen streuen.“ Ulrike hatte recht. Dirk, der nach einer schweren Herzerkrankung viel zu früh gestorben war, hatte sie kurz vor seinem Tod gebeten, nicht allzu lang zu trauern. Ihre große Liebe, mit der sie dreißig Jahre lang gemeinsam durchs Leben gegangen war, hatte ihr sogar einen neuen Partner gewünscht. Ein Gedanke, der für Manuela lange Zeit völlig abwegig geklungen hatte. Doch dann war ihr im Sommer Anton begegnet, ein Jugendfreund, für den sie als Teenager heimlich geschwärmt hatte …

Manuela sollte nicht allzu lange um Dirk trauern

Ulrike schien ihre Gedanken zu erraten. „Dass Anton und du euch gefunden habt, hättest du als Geschenk sehen sollen.“ Offensichtlich verärgert, war sie stehen geblieben und stemmte die Hände in die Hüften. „Und was machst du? Du schießt ihn nach kürzester Zeit in den Wind!“ „Es war zu früh für eine neue Beziehung“, verteidigte sich Manuela und stopfte sich dabei verlegen eine dunkle Locke unter ihre rote Wollmütze.

Den wahren Grund für ihre überstürzte Trennung hatte sie ihrer Freundin bis heute nicht gebeichtet. Nun guckte diese sie inmitten des Trubels so warmherzig an, dass es plötzlich aus ihr herausplatzte: „Sophie fand es schrecklich, dass ich ihren Vater so schnell ersetzt habe …“ Nun kullerten vollends die Tränen. „Und sie hat ja recht.“

Ulrike, die von alldem keinen blassen Schimmer gehabt hatte, starrte ihre Freundin fassungslos an. Sie war die Patentante der vierundzwanzigjährigen Biologiestudentin, und sie liebte diese sehr. Doch nun sah Manuela, wie sich Ulrikes Wangen vor Entrüstung röteten. „Wie kann Sophie nur so egoistisch sein?“, murmelte sie, „sie sollte sich freuen, wenn ihre Mama noch mal ihr Glück findet.“ „Das sieht sie völlig anders“, gab Manuela stirnrunzelnd zurück, „für sie ist ihr geliebter Papa immer noch präsent und eine neue Liebe purer Verrat …“ Entschlossen putzte sie sich die Nase, sie wollte hier nicht in Selbstmitleid versinken. Leise fügte sie hinzu: „Und nun spricht sie seit Monaten nicht mehr mit mir. Da hat es nicht mal geholfen, dass mit Anton Schluss war.“ „Das ist ja schrecklich“, stammelte Ulrike, gleich darauf straffte sie den Rücken und zog ihre Freundin zu einem Glühweinstand. „Jetzt stärken wir uns erst mal und dann sehen wir weiter.“

Sie wollte auf keinen Fall in Selbstmitleid versinken

Sie positionierte die Freundin an einem leeren Stehtisch, drängte sich gleich darauf durch die Menge in Richtung Verkaufstheke. Manuela, die immer noch völlig neben sich stand, starrte ihr hinterher. In der nächsten Sekunde tippte ihr jemand von hinten auf die Schulter. „Entschuldigung, ist hier noch frei?“, hörte sie eine männliche Stimme fragen.

Alarmiert drehte sie sich um und schnappte in der nächsten Sekunde nach Luft. Kein anderer als Anton stand vor ihr und guckte sie völlig baff an. „Oh, du bist es!“, rief er nach einigen peinlichen Sekunden des Schweigens, „von hinten habe ich dich gar nicht erkannt. Wie nett, dich zu sehen!“ Sie bemühte sich um einen heiteren Gesichtsausdruck. „Ja, wie schön“, sagte sie leichthin, lächelte sogar der blonden Frau neben Anton zu, die ein wenig verwirrt wirkte. „Er hat sich also bereits mit einer anderen getröstet“, schoss es ihr durch den Kopf, in ihrem Hals saß plötzlich ein dicker Kloß. Trotzdem sagte sie zu der Blondine, die ein paar Jahre jünger als Anton und sie zu sein schien, im fröhlichen Ton: „Anton und ich kennen uns seit der Schulzeit. Und immer wieder mal laufen wir uns zufällig über den Weg.“

Die andere lachte, wie es Manuela schien, erleichtert auf. „Manchen Menschen begegnet man immer wieder. Ich bin Katrin. Wir arbeiten seit Kurzem in der gleichen Anwaltskanzlei.“ Ein wenig besitzergreifend legte sie ihm die Hand auf den Unterarm. „Ich glaube, wir drehen noch eine Runde. An einem Stand weiter hinten habe ich wunderhübschen Silberschmuck gesehen …“ Sie warf Anton einen vielsagenden Blick zu, der schien ebenfalls froh zu sein, der unangenehmen Situation zu entkommen. „Noch einen schönen Nachmittag“, sagte er, bevor er mit Katrin in der Menge verschwand.

Kurz darauf schilderte Manuela ihrer Freundin diese seltsame Begegnung. Sie bemühte sich, gelassen zu klingen. Doch Ulrike, die langsam an ihrem Glühwein nippte, durchschaute sie sofort. „Du klingst wie ein verliebtes junges Mädchen, deren Freund plötzlich eine andere hat.“ Manuela zuckte mit den Schultern. „Ich habe doch Schluss gemacht. Er kann tun und lassen, was er möchte. Und ich will ihn ohnehin nicht …“ „Weil deine erwachsene Tochter es dir nicht erlaubt und dich mit Liebesentzug bestraft.“ „Die Dinge sind kompliziert“, murmelte Manuela und fühlte sich wie das sprichwörtliche Häufchen Elend.

Am nächsten Tag machte sie nach Büroschluss einen ihrer häufigen Besuche auf dem Friedhof. In einem Blumenladen hatte sie einen leuchtend roten Weihnachtsstern besorgt, steuerte nun mit raschen Schritten auf Dirks Grab zu. Dort erblickte sie die schmale Gestalt ihrer Tochter, die mit hängenden Schultern vor der letzten Ruhestätte ihres Vaters stand. Sofort wurde ihr warm ums Herz, egal, wie sauer ihre Tochter auf sie war. Auch Sophie sah ihre Mutter. Der kurze Moment der Überraschung, in dem sie die kornblumenblauen Augen, die sie von ihrem Papa geerbt hatte, weit aufriss, wich sofort einer trotzigen Miene. „Was machst du denn hier?“, fragte sie schroff, „wartet nicht dein Anton auf dich?“ Manuela schluckte. In den letzten Gesprächen mit Sophie und den unzähligen Nachrichten, die sie an sie geschickt hatte, war sie völlig reumütig gewesen. Sie hatte ihre Tochter angefleht, sich wieder mit ihr zu versöhnen. Das schlechte Gewissen war so tief gesessen, dass sie Sophies harte Haltung bedingungslos hingenommen hatte. Natürlich durfte sie wütend auf ihre abtrünnige Mutter sein! Doch die Gespräche mit Ulrike am Vortag hatten bei Manuela einiges zurechtgerückt.

„Dirk ist seit zwei Jahren tot“, hatte die Freundin ihr ins Gewissen geredet, „du betrügst und verrätst ihn nicht, wenn du wieder glücklich wirst. Er würde es sich sogar wünschen. Und deine, sorry, ziemlich egoistische Tochter sollte das auch tun.“ Diese Worte waren ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und nun sagte sie recht entschlossen: „Wie du weißt, haben Anton und ich uns längst getrennt. Aber das war keine gute Idee.“

Sophie plusterte sich vor ihr auf. „Dann renn doch zu ihm zurück! Mich siehst du ohnehin nie wieder!“ Schlagartig füllten sich Manuelas Augen mit Tränen. Sie war schrecklich wütend auf ihre Tochter, gleichzeitig voll unbändiger Liebe für sie. Ein Gefühlswirrwarr, das wohl nur Eltern für ihre Kinder verspüren konnten. „Sophie“, sagte sie leise, „ich habe Papa sehr geliebt und trauere nach wie vor um ihn. Aber nun muss ich mein Leben ohne ihn schaffen.“

Als sie sah, dass ihrer Tochter Tränen über die Wangen liefen, fügte sie sanft hinzu: „Das müssen wir beide.“ Für einen Moment sah es für sie so aus, als ob sich Sophie in ihre Arme stürzen wollte, doch stattdessen stürmte die junge Frau davon. „Ach, Dirk“, flüsterte Manuela und strich über den Grabstein, „deine Tochter macht es mir nicht einfach.“

Unwillkürlich musste sie schmunzeln. Ihr Mann und sie hatten sich stets gegenseitig geneckt, es war vermutlich wie bei vielen Eltern zu einem Running Gag geworden: Verhielt sich die kleine Sophie wie ein Engel, hieß es „meine Tochter“, war das Mädchen stur und bockig, war sie „deine Tochter“. Danach hatten beide gelacht, glücklich darüber, eine so wunderbare Familie zu haben.

Später am Abend rief Ulrike an und lud sie ein, den Weihnachtsabend bei ihr und ihrem Mann Holger zu verbringen. „Das ist irrsinnig lieb“, erwiderte sie, „aber ich möchte zu Hause sein, falls Sophie doch noch kommt.“ Am anderen Ende der Leitung war ein Räuspern zu hören. „Deshalb möchtest du Weihnachten allein daheimsitzen und vor Kummer vergehen?“ Ich weiß, es klingt albern, aber sie ist meine Tochter“, verteidigte sich Manuela, „ich möchte nicht, dass sie an Heiligabend bei mir klingelt und niemand öffnet ihr die Tür.“

Seufzend dachte sie an die Zeit zurück, als Sophie und sie noch ein Herz und eine Seele gewesen waren. „Manu, ein wenig verstehe ich dich sogar, aber du musst auch an dich denken“, hörte sie ihre Freundin eindringlich sagen. „Aber auch an Sophie“, antwortete sie bestimmt, „Dirk und sie hatten ein sehr inniges Verhältnis. Seinen Verlust überwindet sie nicht so leicht.“ „Klar“, räumte Ulrike ein, fügte, bevor sie sich verabschiedete, noch hinzu: „Du kannst es dir ja noch mal überlegen.“

Gleich darauf meldete sich ihr Telefon erneut. Manuela dachte schon, ihre Freundin hätte etwas vergessen. Doch stattdessen erschien ein anderer Name auf dem Display. Mit zittriger Hand drückte sie auf den Annahmeknopf, stammelte dann: „Hallo Anton.“

„Wie schön, du hast zumindest meine Nummer noch nicht gelöscht“, sagte er, die Hoffnung in seiner Stimme war geradezu greifbar. Ihr Herz machte einen Satz und sie hörte sich plötzlich sagen: „Es tut mir leid, dass ich alles beendet habe.“ „Das muss dir nicht leidtun“, antwortete er, „vermutlich ging alles viel zu schnell. Mich hat es einfach umgehauen, die Frau wiederzusehen, in die ich bereits als Teenie verliebt war.“

Ihr Herz machte einen Satz, als Anton sie anrief

„Du warst damals schon in mich verliebt?“, fragte sie, musste auf einmal kichern. „Und wie! Und jetzt wäre ich schon glücklich, wenn wir einfach Freunde bleiben könnten.“ „Was sagt Katrin dazu?“, fragte sie, hielt gleich darauf vor Anspannung die Luft an. „Wir sind nicht zusammen“, sagte er, „denn ehrlich gesagt möchte ich keine andere als dich. Das wäre wie Weihnachten und Ostern zusammen.“ Sie lachten beide, dann sagte sie aus tiefstem Herzen: „Und ich möchte dich.“ Sie hörte, wie er erneut auflachte. „Also doch nicht nur Freunde?“ „Nein“, sagte sie schlicht und war selbst ein wenig verwundert, dass sie keinerlei Zweifel spürte.

Eine Stunde später stand der charmante Rechtsanwalt vor ihrer Tür. Mit pochendem Puls schaute sie ihm tief in die Augen, kleine Stromstöße jagten durch ihren Körper. „Na, du“, sagte er leise und nahm sie sachte in die Arme.

Sie schmiegte sich an ihn, drängte alle Gedanken an ihre Tochter beiseite und küsste Anton, was sich einfach wundervoll anfühlte. Am nächsten Morgen wachte sie beseelt auf, neben ihr schlief der Mann, in den sie bis über beide Ohren verliebt war. Doch in der nächsten Sekunde traf sie die Erkenntnis, dass ihre Tochter nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, wie ein Schwall eiskaltes Wasser. Anton war nun ebenfalls aufgewacht, zog sie an sich. Ihre gedrückte Stimmung schien er sogar im verschlafenen Zustand wahrzunehmen. „Wenn es dir lieber ist, warten wir noch, bis wir unsere Beziehung öffentlich machen“, raunte er ihr zu. „Mal sehen“, murmelte sie und schloss die Augen. Es war höchste Zeit, dass sie etwas unternahm.

In den nächsten Tagen rief sie immer wieder bei Sophie an. Doch ihre Tochter ging nicht ran. Natürlich hätte Manuela in deren kleiner Studentenbude auftauchen können, wie sie es in den letzten Monaten mehrmals getan hatte. In Erinnerung an die erhitzten Streitgespräche, die rein gar nichts gebracht hatten, hielt sie sich diesmal zurück. Stattdessen schrieb sie einen langen Brief an Sophie, in dem sie sogar von ihrer Beziehung zu Anton erzählte. Auch Weihnachten erwähnte sie. „Ich werde bei Ulrike sein. Falls du kommen möchtest, würden wir uns sehr freuen. In Liebe, deine Mama“, schloss sie den Brief.

Anton würde wie geplant mit seinem erwachsenen Sohn und dessen Familie feiern, was Manuela gut und richtig fand. Er und sie trafen sich mehrmals die Woche, und sie war selbst überrascht, wie wohl sie sich mit ihm fühlte. Am 24. Dezember, nachdem er am Vormittag zu sich nach Hause gefahren war, kam ihr ihre gemütliche Wohnung plötzlich kalt und leer vor. Fast so wie in den ersten Monaten nach Dirks Tod. Sie versuchte, das dunkle Gefühl abzuschütteln, bemühte sich, nicht an Sophie zu denken. Natürlich tat sie es doch. Ohne jeglichen Ärger, sondern nur voller Sorge um ihr Kind, das sich an Weihnachten womöglich sehr einsam fühlen würde. Ihr fiel ein, dass ihre Tochter im Sommer einen attraktiven Kommilitonen erwähnt hatte. Er studierte im selben Semester wie Sophie, hieß Sascha und schien genau auf ihrer Wellenlänge zu liegen. Danach hatte Manuela nichts mehr von dem jungen Mann gehört. Wie auch, Sophie hatte von Anton erfahren und war völlig außer sich gewesen. Kein einziges Wort hatte sie mehr von sich erzählt, stattdessen ihre Mutter mit Vorwürfen überschüttet. „Ach, Sophie“, murmelte sie, als sie sich in der Küche eine Tasse Kaffee eingoss, „lass uns doch wieder zusammenfinden.“

Huch, jetzt führte sie bereits Selbstgespräche! Und noch schlimmer: Eine imaginäre Sophie antwortete ihr: „Mama, ich bin doch hier.“ Erst einen Moment später, als sie sich umdrehte, begriff sie, dass tatsächlich ihre Tochter in die Küche getreten war. „Sorry, ich habe mit meinem Schlüssel aufgeschlossen“, sagte die junge Frau verlegen, „ich wollte dich nicht erschrecken.“ „Das war ein guter Schreck“, sagte ihre Mutter mit bebender Stimme und streckte die Arme nach ihrer Tochter aus. Die warf sich sofort schluchzend an ihre Brust. „Es tut mir so leid. Ulrike hat mir den Kopf gewaschen, aber mir ist auch allein klar geworden, wie egoistisch und ungerecht ich war.“ Sie gab einen tiefen Seufzer von sich. „Sascha ist auch dieser Meinung.“ Manuela konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wie schön, hatte sich da also tatsächlich etwas angebahnt. Wieder ernst sagte sie: „Ich weiß, wie sehr du um deinen Papa trauerst und ihn vermisst. Ich werde ihn niemals vergessen, das kannst du mir glauben.“

„Ich weiß. In meinem Kopf muss das absolute Chaos geherrscht haben, sonst hätte ich mich nicht so dumm verhalten“, sagte Sophie und fügte hinzu: „Ich wäre heute auch ohne Weihnachten zu dir gekommen.“ „Schön“, antwortete Manuela, „aber so ist mein größter Weihnachtswunsch in Erfüllung gegangen.“ Sophie grinste. „Wenn es okay ist, hätte ich einen Vorschlag für unser Weihnachtsfest …“ „Na, dann lass mal hören!“

Sophie ließ sich nicht lang bitten: „Wir fahren gemeinsam zu Ulrike und Holger, essen dort, und später kommen Anton und Sascha noch auf ein Glas Wein dazu.“

Manuela blinzelte verwirrt, da sagte ihre Tochter vergnügt: „Ist mit den dreien abgesprochen. Die fanden meine Idee megagut.“

Ihre Mutter konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln. „Dann kann Weihnachten ja kommen!“