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Weisende Wege


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Blonde - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 06.05.2022
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Bildquelle: Blonde, Ausgabe 1/2022

„At the end of the day, you can be bitter or better. Please don’t be bitter today!”, sagt der Busfahrer am Eingang zum Park Torres del Paine in Patagonien, Chile. Wir entscheiden uns für „better“.

„WIR WURDEN IN DER WILDNIS FREIGELASSEN.“

JOANNA ———— In der kleinen Hafenstadt Puerto Natales bereiten wir uns auf den W Trek vor. Unsere Reiserucksäcke haben wir dabei, alles andere müssen wir leihen oder besorgen. Nach einer langen Packaktion und einer kurzen Nacht in einem Nicht-so-Queen-Size-Doppelbett eines Hostels begeben wir uns auf die Reise. Der Bus ist voll, alle sind ruhig. Patagonien streckt sich in aller Wucht vor uns aus: gelb, blau, grün, flach. Am Eingang zum Park werden wir kurz gebrieft: „Passt auf die Pumas auf. Füttert die Lamas nicht. Hinterlasst keinen Müll. Und vor allem: Zündet kein Feuer an.“ Wir sind drin. Es fühlt sich an wie bei „Die Tribute von Panem“: Wir wurden in der ...

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... Wildnis freigelassen.

CAROLIN ———— „Wir sind seit heute Morgen im Park unterwegs, Tag 1/6. Ich fühle viel weniger, als ich dachte.“ Die ersten Zeilen in meinem Reisetagebuch nach unserer Ankunft nahe der Südspitze Südamerikas. Nach zwei Tagen Anreise aus Santiago de Chile über die kleine Stadt, in der wir unsere vorerst letzte Nacht unter festem Dach verbracht haben, bis fast nach Feuerland. Jetzt haben wir zum ersten Mal unser Zelt aufgebaut und schauen auf einen perfekten türkisblauen See und eine Bergkette. Die Torres sind die Wahrzeichen des Gebiets und geben dem Park seinen Namen: „Paine“ heißt in der Sprache der indigenen Völker Südamerikas „himmelblau“, steht also nicht etwa für Schmerz (auf Englisch „pain“), obwohl das der erste Gedanke ist, den wir haben, als wir uns vorstellen, diese Berge auch abzulaufen: auf dem W Trek, der sich in genau der Form des Buchstabens durch die Bergkette zieht, um an den berühmten Torres del Paine zu enden.

„NUR LANGSAM BEGINNT EINE RUHE, SICH AUSZUBREITEN.“

CAROLIN ———— Wir haben festgestellt, dass uns ein Plan fehlt: die Reise strukturieren, Campingplätze vorbuchen und Profiproviant einkaufen. Haben wir nicht. Aber das ist auch nicht unser Anspruch. Wir sind einfach hier und wollen jetzt in diesen Nationalpark. Weil tatsächlich alle Campingplätze belegt sind, wir aber sofort unter freien Himmel wollen, starten wir einfach auf unserer eigenen Route. Die führt uns abseits vom W Trek zu genau dem Ort, von dem wir nun auf die Berge gucken, und ich versuche, sie mit Bleistift in mein Tagebuch zu zeichnen. Ich fühle also viel weniger, als ich dachte. Okay. Und ich schreibe weiter: „Kein so großes Glück. Nur langsam eine Ruhe, die beginnt, sich auszubreiten.“

JOANNA ———— Am Campingplatz checken wir eine Karte, um die Route zu planen. Unser Handy ist zwar an, aber wir haben kein Netz. Brauchen wir auch nicht. Wir schaffen es, uns einzurichten, unser kleines Zelt aufzubauen, die Umgebung zu erkunden. Beim Abendessen besucht uns ein Reh. Kein Puma in Sicht. Ich habe Angst. Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber ich fühle mich schlecht. Ich habe eine Migräne, einen Knoten in meiner Brust und frage mich die ganze Zeit: „Was haben wir uns dabei gedacht, zu zweit bis an das Ende der Welt zu reisen?“ Aber so sind Caro und ich. Wir können uns den Kopf über nichtige Dinge zerbrechen, aber bei so einer Entscheidung machen wir einfach.

CAROLIN ———— Morgens packen wir ein und wir ziehen unseren #lookoftheday an, der täglich gleich ist, wenn man sich abseits der Zivilisation befindet, nicht duschen kann und seinen ganzen Besitz selbst tragen muss. Der eine Luxus, den wir uns gönnen, ist ein kleiner Bialetti-Kocher, mit dem wir morgens Kaffee machen, bis Joanna ihn versehentlich in Brand setzt. Ich wusste nicht, wie gut Kaffee in der Wildnis schmeckt, bis ich wieder darauf verzichten musste.

„UND GANZ OFT SCHWEIGEN WIR EINFACH.“

JOANNA ———— Wir brechen früh auf. Die Wanderung der ersten Etappe beginnt: vom Refugio Paine Grande zum Grey-Gletscher. Die ersten Schritte sind nicht so einfach. Mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken klettern wir erst mal gefühlt nur über Steine. Dann werden die Wege ebener. Es geht nur noch hoch und runter, hoch und runter, hoch und runter. Die Zeit bewegt sich mit uns. In unserem Tempo. Die erste Station ist erreicht, unser Zelt aufgebaut. Wir laufen zusätzliche Meter, um den Gletscher zu bewundern. Vor uns erstreckt sich der größte Eisteppich, den ich in meinem Leben bisher gesehen habe. Wir setzen uns hin und bewundern ihn. Beobachten ihn beim Schmelzen. Ich habe mich an die Natur gewöhnt. Meine Angst ist weg. Inmitten von Bäumen schlafen wir ein. Eng nebeneinander in unserem Zeltchen, Caros Füße an meinem Kopf, eingekuschelt in unseren Schlafsäcken.

CAROLIN ———— In fünf Tagen laufen wir durch Wälder, klettern über Felsbrocken, an Bächen entlang, gehen über Hängebrücken und an riesigen, eiskalten Seen vorbei. Wir laufen durch Regen, durch Sonnenschein, durch Nebel und über eine völlig abgebrannte, surreale Ebene, auf der Wildblumen blühen. Vor ein paar Jahren hat hier ein Tourist versehentlich Feuer gelegt. Zum Glück sind wir (im Moment) keine Raucherinnen. Ab und zu trinken wir einen Schluck des chilenischen Nationalgetränks Pisco aus unserem Flachmann und schauen in die Ferne. Ich fühle mich wie Lucky Luke, als ich auf einem Grashalm kaue. Es ist interessant, wohin der Geist wandert, wenn es keine Ablenkung und keinen Handyempfang gibt. Wir singen Fantasie-Lieder, denken uns Fragespiele und schlechte Witze aus und werden dabei von (mehr oder weniger) wilden Tieren beobachtet. Vielleicht ja auch von einem Puma. Und ganz oft schweigen wir einfach, hängen eigenen Gedanken nach und hören Patagonien zu. „Heute habe ich zum ersten Mal diese warme Stille in meiner Brust wahrgenommen. Seitdem kommt das Glück immer mehr, im Moment zu sein. Meine Gedanken sind so klar wie sonst nie und viel mehr im Hier und Jetzt.“

„WIR SIND GANZ KLEIN IN DIESEM UNIVERSUM.“

JOANNA ———— Um vier Uhr morgens weckt mich Caro. Es ist immer noch dunkel. Nach zwei Minuten erinnert sie mich daran, erstens dass sie Geburtstag hat und zweitens dass wir losmüssen. Der Weg geht durch einen Wald. Wir haben unsere Taschenlampe an und sehen nur das, was vor uns liegt. Baumwurzeln, Bäume, die sich wie Gespenster zum Himmel strecken, Steine. Unser Atem ist schwer, ich muss die ganze Zeit an „The Blair Witch Project“ denken. Wir reden nicht. Meine Angst ist wieder da. Zwei Stunden geht es so weiter, bis wir an eine Lichtung kommen, die aus weißen Steinen besteht. Es sieht aus wie auf dem Mond. Wir sind fast da, ich kann es spüren. Die Sonne geht auf, hinter dem Berg ist ein pinker Streifen. Am Himmel fliegt ein Condor. Ein gutes Zeichen, finden wir. Die drei Granittürme recken sich vor uns in den Himmel. Torre Sur (2.850 m), Torre Central (2.800 m) und Torre Norte (2.600 m). Unten liegt ein See, der sich im Sonnenlicht türkis färbt. Wir haben es geschafft! Wir schreien vor Freude. Drei hohe Türme, die durch Wind, Wasser, Schnee und Zeit geformt wurden. Wir machen viele Fotos, aber keines davon kann beschreiben, wie der Ort auf uns wirkt. Wir sind ganz klein in diesem Universum. Caro wird ein Jahr älter, wir sind an einem Ort am Ende der Welt, der unendlich alt ist, und wir haben das Privileg, diesen besonderen Sonnenaufgang zusammen zu erleben.

CAROLIN ———— Zum Ende der Woche wird mir klar, dass das Laufen in den Bergen stellvertretend für mein vergangenes Jahr stand, in dem viel in meinem Leben und mir selbst passiert ist. Ich bin noch einmal alles abgelaufen, die Höhen und die Tiefen. Als wir an unserem Ziel, den Torres del Paine ankommen, haben wir einen Aufstieg im Dunkeln und das Überwinden unserer Angst hinter uns. Dass ich meinen ersten gemeinsamen Urlaub mit Joanna am Ende der Welt in fast kompletter Einsamkeit verbringen würde, wird mir erst beim Schreiben dieses Textes klar. Vermutlich ist gerade dies das Wesen unserer Freundschaft. Die absolute Spontaneität und Freiheit, mit der wir uns beide auf die Welt und aufeinander einlassen. Patagonien fühlt sich an wie der Anfang und das Ende eines Wegs zu uns selbst. Ich schaue noch mal in mein Notizbuch auf den letzten Eintrag von dort. „Mein ganzer Körper fühlt – alles.“

„We admire your independence. Please stay this way“, sagt eine Frau zu uns auf 900 Höhenmetern. Gracias, Patagonien!