Lesezeit ca. 9 Min.
arrow_back

WEITES LAND


Logo von Bücher
Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 13.10.2021

KANADA SPEZIAL

Artikelbild für den Artikel "WEITES LAND" aus der Ausgabe 6/2021 von Bücher. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bücher, Ausgabe 6/2021

Die Melody Bar in Toronto ist in warmes Licht getaucht. Rund 100 Besucher sitzen dicht gedrängt an kleinen Tischen, tuscheln und füllen Zettel aus. Die Moderatoren tragen Wollpullis und funkelnde Filz-Rentiergeweihe, nach und nach lesen sie ihre Quizfragen vor, die die Teams eifrig versuchen zu beantworten. Kurz vor der Pause kündigen die Hosts in der Bar des Gladstone Hotels einen Überraschungsgast an: Plötzlich ertönt Mariah Careys Klassiker „All I Want for Christmas is You“ und eine Dragqueen wirbelt durch den Raum. Die Gäste bejubeln ihren Lip Sync und den gekonnten Outfit-Wechsel ins goldglitzernde Kleid. Es ist Mitte Dezember 2019, und dies mein erster Abend in Kanada.

Einige Wochen zuvor erlebte ich auf der Frankfurter Buchmesse bereits eine andere Queen: Margaret Atwood. Die feministische Schriftstellerin, die in Bestsellern wie „Der Report der Magd“ eine dystopische ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Bücher. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2021 von AUS DER REDAKTION. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUS DER REDAKTION
Titelbild der Ausgabe 6/2021 von LITERATUR LIVE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LITERATUR LIVE
Titelbild der Ausgabe 6/2021 von BOOK NOTES – ON GENDER PRONOUNS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BOOK NOTES – ON GENDER PRONOUNS
Titelbild der Ausgabe 6/2021 von LESEZEICHEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESEZEICHEN
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
UNSERE TOP 5 DIE FAVORITEN DER BÜCHERMAGAZIN-REDAKTION
Vorheriger Artikel
UNSERE TOP 5 DIE FAVORITEN DER BÜCHERMAGAZIN-REDAKTION
WIR BRAUCHEN VERSÖHNUNG
Nächster Artikel
WIR BRAUCHEN VERSÖHNUNG
Mehr Lesetipps

... Gesellschaft aus weiblicher Sicht erzählt, gilt als eine der bedeutendsten Stimmen unserer Zeit.

An jenem Sonntag im Oktober saß die zierliche Frau mit den grauen Locken auf der Bühne im norwegischen Pavillon kurz vor der GastRollen-Übergabe, die den offiziellen Startschuss von einem Ehrengast zum nächsten markiert. Im Gespräch mit dem norwegischen Schriftsteller Erlend Loe blitzte immer wieder ihr Humor auf. Die beiden lieferten sich ein Battle, welches Land denn nun gefährlicher, wilder oder einsamer sei. Atwood: „Wie viele Bärenarten habt ihr?“ – Loe: „Zwei.“ Atwood: „Wir haben drei“, und hakte nach: „Habt ihr Tornados?“ – Loe: „Nicht wirklich.“ Auch bei der geringsten Bevölkerungsdichte liegt ihre Heimat mit vier Personen pro Quadratkilometer vorne. (In Norwegen sind es 16, in Deutschland 234.)

Ewige Weiten, extreme Natur – das verbinden wohl die meisten mit Kanada. Der zweitgrößte Staat der Erde ist ein beliebtes Einwandererland und die Heimat Hunderter indigener Völker, die in drei große Gruppen eingeteilt werden: die First Nations, Métis und Inuit. Sie erzählen ihre Geschichten in über 70 verschiedenen Sprachen, hinzu kommt die englischsprachige und frankophone Szene. Das passende Motto des aktuellen Gastlandes: „Singular Plurality – Singulier Pluriel“.

MARGARET ATWOOD: Survival Übersetzt von Yvonne Eglinger Piper, 336 Seiten, 22 Euro

PIONIERARBEIT IN HIGHSHOOL-SPORTHALLEN

Zurück nach Toronto, der Metropole in der kanadischen Provinz Ontario. Auf der anderen Seite des riesigen Sees Lake Ontario liegt der US-Bundesstaat New York. Niemand ahnte im Dezember, dass uns ab Anfang 2020 eine globale Pandemie in Atem halten würde. Eine Woche lang habe ich davor noch Zeit, ein erstes Gefühl für den Ehrengast zu bekommen.

Wer die kanadische Literaturszene verstehen will, sollte Atwoods Buch Survival lesen, das sie 1972 für House of Anansi Press schrieb. Zu dieser Zeit war sie Mitglied der Geschäftsführung des von zwei Kollegen gegründeten Literaturverlages. Atwood sagte mal, dass es in ihren Anfängen nur wenige Schriftsteller:innen gab. Für die meisten Kanadier wirkten sie, egal ob Frauen oder Männer, gleich seltsam. Deshalb existierten in ihrer Branche keine großen genderspezifischen Unterschiede.

Auf Lesungen wurden ihr damals immer wieder zwei Fragen gestellt: „Gibt es überhaupt kanadische Literatur? Und falls es sie gibt, ist sie dann nicht bloß ein zweitklassiger Abklatsch der echten Literatur aus England und den USA?“ Da House of Anansi Press, wie die meisten kleinen Verlage, finanziell strauchelte, und sich eine Ratgeberreihe sowie das Handbuch über Geschlechtskrankheiten besser verkauften als die Lyrik, kam Atwood eines Tages bei einer Krisensitzung die Idee: „Machen wir doch ein Geschlechtskrankheiten-Handbuch über kanadische Literatur!“

Das Werk, samt Anhang mit weiterführender Literatur, wurde zu ihrer Überraschung ein Bestseller. Es verschaffte dem Verlag von ambitionierten Individualisten auch Jahre später noch gute Einnahmen. Und sicherte so wohl dessen Überleben.

Da die Buchläden-Dichte in den 1970ern im großen Kanada noch gering war, fuhren Atwood und ihre Kolleg:innen meist mit Kartons voller Bücher auf ihre Lesungen oder verkauften die Werke in Sporthallen von Highschools. Ihre Pionierarbeit hat sich gelohnt, mittlerweile sind kanadische Schriftsteller:innen bestens vertreten.

House of Anansi Press ist über die Jahrzehnte mehrmals innerhalb von Toronto umgezogen, im neuen Gebäude 128 Sterling Road gibt es sogar einen eigenen Shop. Wer den hellen Buchladen betritt, steht direkt vor Atwoods ersten Werken – darunter „Survival“, das, wie in der Übersetzung des Berlin Verlags, durch aktuelle Anmerkungen ergänzt wurde. „Wir verkaufen hier nur unsere eigenen Titel“, erzählt Matt Williams, Vizepräsident des Verlags. „Dadurch können wir im Geschäft die neuen und früheren Werke unser Autor:innen zeigen. Für sie ist es wichtig zu sehen, dass wir alle ihre Bücher bewerben und verkaufen, nicht nur das neueste.“

AUFARBEITUNG DES KULTURELLEN GENOZIDS

House of Anansi Press gilt als einer der beliebtesten unabhängigen Verlage Kanadas, der zahlreiche gesellschaftskritische Bücher veröffentlicht und regelmäßig soziale Debatten anstößt. Dafür haben sie im Shop einen eigenen Tisch, der mit „Discussion starters“ markiert ist. Etwa wenn es um eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas geht: die Residential Schools und deren Folgen. Jahrzehntelang wurden mindestens 150 000 indigene Kinder in staatlichen Internaten systematisch gefoltert und sexuell missbraucht sowie ihrer Identität, wie Sprache und Kultur, beraubt.

Die letzten Residential Schools mussten 1996 schließen, doch die Wunden sind noch lange nicht verheilt. Zahlreiche ehemalige Internatskinder betäuben ihren Schmerz mit Drogen oder Alkohol, und übertragen

so das Trauma in die nächsten Generationen. Tanya Talagas preisgekrönter Bestseller „Seven Fallen Feathers: Racism, Death and Hard Truths in a Northern City“ steht im Anansi-Shop auf diesem Diskussionstisch. Die investigative Journalistin, die selbst indigene und polnische Wurzeln hat, schreibt darin über sieben ungeklärte Todesfälle von indigenen Jugendlichen in Thunder Bay, einer Stadt im Norden Ontarios. Sie gibt den vergessenen Opfern eine Stimme.

„Der kulturelle Genozid und deren Auswirkungen wurden bis heute noch nicht aufgearbeitet, das muss jetzt passieren“, sagt sie an diesem Morgen im Besprechungsraum von House of Anansi Press, der an den Buchladen grenzt. Während wir uns unterhalten, signiert sie stapelweise Exemplare ihres Bestellers und des Nachfolgewerks „All Our Relations – Finding the Path Forward“. Darin ergründet sie die Ursachen für die erhöhte Selbstmordrate bei indigenen Jugendlichen weltweit. Die Mutter von zwei Teenagern möchte aufklären, vermitteln und Hoffnung geben.

Anderthalb Jahre später, im Sommer 2021, werden auf früheren Schulgeländen Hunderte anonyme Gräber indigener Kinder entdeckt. Die Funde schockieren und machen international Schlagzeilen. Vielleicht ist es sogar eine Chance, dass ausgerechnet jetzt, wo Kanada sich im Oktober auf der literarischen Weltbühne präsentiert, die Residential Schools ein fester Diskussionspunkt sind. Auch Tanya Talaga leistet weiter ihren Beitrag zur Aufklärung, sie arbeitet an einem Buch über die Internate. Das Werk erscheint 2023 jedoch bei HarperCollins Canada. Es ist das Schicksal vieler kleiner Literaturverlage, dass ihre erfolgreichsten Autor:innen eines Tages von größeren Häusern abgeworben werden, die höhere Honorare zahlen können. Atwood schrieb darüber in „Survival“, und auch sie verließ House of Anansi Press. Trotzdem bleiben beide dem Verlag verbunden.

Immerhin werden die indigenen Kulturen in Kanada nicht mehr unterdrückt, zahlreiche Aktivist:innen und Kreative erheben lautstark ihre Stimmen und präsentieren ihre vielseitige Kunst. Während meines Aufenthalts zeigt die Art Gallery of Ontario, das wichtigste Museum Torontos, eine Retrospektive mit Arbeiten von Künstler:innen der First Nations, Métis und Inuit aus der museumseigenen Kollektion.

Und das Harbourfront Centre feiert beim „Festival of Cool“ die Arktis-Region. Am Premierenabend von „Ikumagialiit“ ist der große Saal ausgebucht. Der Titel der Performanceart-Band bedeutet auf Inuktitut „diejenigen, die Feuer brauchen“. Vier Künstlerinnen verbinden darin den traditionellen Kehlkopfgesang mit elektronischen Cellobeats, während des Maskentanzes erhellen im Hintergrund auf einer Leinwand live handgemalte Bilder die Bühne. Die Show thematisiert, wie man sich der Angst stellt, wenn der Druck übermächtig wird. An einem Punkt stürmt die maskierte Tänzerin ins Publikum, springt über die Sitzreihen und reibt ihren Schoß in die Gesichter einzelner Zuschauer. Sie provozieren, überraschen und ziehen das Publikum mit ihren spirituellen Bildern und Klängen in den Bann.

KANADISCHE LITERATURSTARS

Alice Munro ist die bisher einzige Literaturnobelpreisträgerin Kanadas. „Ferne Verabredungen“ vereint einige der schönsten Kurzgeschichten der 90-Jährigen.

Übersetzt von Heidi Zerning Fischer TB, 448 Seiten, 13 Euro

Douglas Coupland sorgte 1991 mit „Generation X“ für Furore. 20 Jahre später widmete sich der Zeitgeist-Deuter mit dem Bienen-Ökothriller der „Generation A“, neu aufgelegt bei Blumenbar.

Übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann Blumenbar, 333 Seiten, 24 Euro

Sheila Heti zählt zu den jüngeren Literat:innen, die Weltbestseller schreiben.

„Mutterschaft“ ist ein kluges Buch über die Frage nach einer möglichen Familiengründung.

Übersetzt von Thomas Überhoff rororo, 320 Seiten, 12 Euro

NEUE HEIMAT, NEUE PERSPEKTIVEN

Kim Thúy erzählt in „Großer Bruder, kleine Schwester“ vom erschütternden Schicksal vietnamesischer Kriegskinder.

Übersetzt von Brigitte Große Kunstmann, 155 Seiten, 20 Euro

Edem Awumey wirft in „Nächtliche Erklärungen“ einen kritischen Blick auf seine Exilheimat aus der Perspektive eines afrikanischen Migranten in Québec.

Übersetzt von Stefan Weidle Weidle, 208 Seiten, 22 Euro

Ahmad Danny Ramadan, der selbst von Syrien nach Kanada geflohen ist, eröffnet uns in die „Die Wäscheleinen-Schaukel“ die ungewöhnliche Perspektive queerer Menschen im Nahen Osten.

Übersetzt von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair Orlanda, 288 Seiten, 22 Euro

KIM THÚY: Der Klang der Fremde

Übersetzt von Andrea Alvermann, Brigitte Große Kunstmann (2010), 160 Seiten, 14,90 Euro

JOSHUA WHITEHEAD: Jonny Appleseed

Übersetzt von Andreas Diesel Albino, 256 Seiten, 18 Euro

Eine der Zuschauerinnen an diesem Abend ist Tanya Tagaq. Die 46-jährige Sängerin feierte bereits international Erfolge und kollaborierte mit Stars wie Björk. Bei ihren eigenen Performances unterlegt die Innu ihre Gesänge, die tief aus der Kehle kommen, gelegentlich mit Pop- oder Hip-Hop-Sounds. Oft improvisiert sie. Tagaqs Musik geht ins Mark, genau wie ihr belletristisches Debüt Eisfuchs, das biografische Züge trägt. Darin verarbeitet sie ihr Trauma der Internatszeit, erzählt aber auch poetische Geschichten aus ihrer Jugend in Nunavut, im einsamen Norden Kanadas.

EINHEIT DURCH VIELFALT IN TORONTO

Inzwischen wohnt Tagaq rund 3100 Kilometer entfernt in Toronto. Die Metropole gilt als eine der multikulturellsten und tolerantesten Städte der Welt, die Hälfte der Bevölkerung ist außerhalb Kanadas geboren und prägt nun die neue Heimat. Besonders auffällig wird das im Viertel Kensington Market, wo man in Imbissen, Tür an Tür, eine kulinarische Weltreise antreten kann. Von kanadischen Poutine (Pommes mit Käse und reichlich Bratensoße), jamaikanischen Pastetchen in Kokosbrot und tibetischen Dumplings bis hin zu schwedischen Zimtschnecken. Dass man beim Essen einen Einblick in die Seele und Kultur eines Landes bekommt, weiß auch Kim Thúy. Die Schriftstellerin, die mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Montréal lebt, hat bereits ein Kochbuch herausgebracht. Wenn sie gefragt wird, ob sie mehr Kanadierin, Québecerin, Vietnamesin oder Frankophone sei, sagt sie: „Das hängt davon ab, mit wem ich spreche. All diese Kulturen bereichern mich.“ Thúy floh als Zehnjährige mit der Familie aus Saigon und wuchs fortan in Kanada auf. Sie arbeitete bereits als Rechtsanwältin, Gastronomin und Kritikerin für Radio und Fernsehen.

Die Schriftstellerin setzt sich immer wieder mit ihrem multikulturellen Background auseinander. Ihr preisgekröntes, sinnliches Debüt Der Klang der Fremde ist eine autobiografische Verarbeitung ihrer eigenen Reise ins vermeintliche Wunderland, das wie jeder Ort seine Schattenseiten hat. Trotzdem sagt die Autorin in der Doku „Die Kanada-Saga“: „Wir kamen nicht als Immigranten. Wir kamen als eine Art Adoptivkinder, es war, als wenn eine Familie auf uns wartete. Ich liebte dieses Land vom ersten Moment an.“ Thúy sieht es als ihre Verantwortung an, eine Stimme für Flüchtlinge und Einwanderer zu sein.

„Einheit durch Vielfalt“, lautet das Motto der Kanadier. Multikulti wird hier nicht als Gefahr angesehen, sondern als Bereicherung. Dazu zählt auch die Queer Community. Einer der erfolgreichsten Schriftsteller in diesem Genre ist Joshua Whitehead, sein Buch Jonny Appleseed erschien 2020 auf Deutsch. Er möchte das Konzept des „Two-Spirits“ normalisieren. „Diese Geschlechtsidentität jenseits des männlich-weiblichen Schemas gibt es seit jeher in indigenen Volksgruppen“, sagt Whitehead in einem Interview für das Ehrengast-Magazin. „Die Aufgabe des Geschichtenerzählers ist es, durch das Erzählen von Geschichten Orientierungshilfe anzubieten und Ethik und Moral zu lehren.“ Der Autor kämpft dafür, Homophobie oder Transphobie zu entstigmatisieren. Denn so

tolerant die meisten Kanadier sein mögen, es kommt bis heute vor, dass LGBTI-Mitglieder beschimpft oder angegriffen werden. Das Gladstone Hotel, in dem ich eine Woche lang wohne, ist nicht nur Übernachtungsstätte samt Café und Bar, es dient auch als zentraler Ort für die lokale Kreativszene und Queer Community. Sie nennen es ihren „safe haven“, sicheren Hafen, in West Queen West, wie dieser Abschnitt der belebten Queen Street heißt.

Jedes Zimmer im Hotel wurde von einem ansässigen Künstler individuell gestaltet, die drei Etagen sind zugleich Kunstgalerien und neben Quizabenden gibt es regelmäßig Non-Binary Cabarets und Drag Shows. Besonders beliebt ist der Family Drag Brunch von Miss Moço, einer Dragqueen mit portugiesischen Wurzeln.

Am Samstagvormittag sitze ich wieder in der gut gefüllten Melody Bar. Dieses Mal ist es taghell und ich schaue Miss Moço zu, wie sie neben gekonnten Lip Syncs die Familien durch ihre frechen Sprüche unterhält. Einige Kinder klettern auf die Bühne, verkleiden sich mithilfe der Dragqueen und tanzen. Ihre Eltern singen und machen Fotos. Seit RuPaul’s Drag Race insbesondere in Nordamerika zum Mainstream gehört, werden auch Entertainer vermehrt zu Botschafterinnen für Toleranz und Diversität.

Meine Zeit in Kanada endet, wie sie begann: bunt, laut und unterhaltsam. Miss Moço schenkt mir zum Abschied einen rotglänzenden Handschuh. So fühle ich mich für einen Moment wie eine kleine Queen.

Das aktuelle Programm der Frankfurter Buchmesse wird pandemiebedingt kurzfristig bekannt gegeben. canadafbm2021.com

Alva Gehrmann besuchte kurz vor der Pandemie Toronto, erlebte dort die multikulturelle Gesellschaft. Sie recherchiert meist im hohen Norden und ist Autorin der Bücher „I did it Norway!“ und „Alles ganz Isi“ (beide dtv)

INDIGENE STIMMEN

Michel Jean stellt in der Anthologie „Amun“, was in der Innu-Sprache „Versammlung, Zusammenkunft“ bedeutet, ausgewählte Autor:innen wie Joséphine Bacon vor.

Übersetzt von Michael von Killisch-Horn Wieser, 120 Seiten, 21 Euro

Paul Seesequasis porträtiert in „Unter der Mitternachtssonne“ acht indigenen Gemeinschaften in Kanada. Er zeigt darin besondere Archivbilder.

Übersetzt von Leon Mengden btb, 192 Seiten, 25 Euro

David A. Robertson erzählt in seiner Jugendbuchtrilogie „Strangers“, „Monsters“ und „Ghosts“, wie der indigene Teenager Cole Harper durch die Rückkehr zu seinen Wurzeln seine psychischen Verletzungen überwindet.

Übersetzt von Michael Raab Merlin, 268 Seiten, 12,80 Euro