Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

WELCHE AUSWIRKUNGEN HATTE DIE CORONA-KRISE AUF DIE Sportlichkeit VON KINDERN?


Logo von schule
schule - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 05.05.2022

Florian Nuxoll: Welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise auf die Sportlichkeit von Kindern?

Martin Schall: Die Zeit der Lockdowns hat sich auf Kinder und Jugendliche ganz anders ausgewirkt als auf Erwachsene. Wenn man als 40-Jähriger im Lockdown ist, dann verpasst man u. a. Freizeitaktivitäten oder Urlaube. Bei Kindern ist es aber so, dass man in ihrem Alter Bewegungserfahrungen macht, die nicht mehr einfach nachzuholen sind. Siebenjährige, die strotzen vor Energie, die würden zum Fußball gehen oder zum Kinderturnen. Sie machen diese Bewegungserfahrung in einer ganz sensiblen Phase. In solchen Fällen kann man nicht sagen, das machst du einfach jetzt ein oder zwei Jahre später. Das kann man später nicht nachholen.

Das sieht man auch bei unseren AG-Angeboten, die wir jetzt langsam wieder hochfahren. Wir sehen bei diesen Angeboten Kinder mit so wenig Bewegungserfahrungen wie noch nie. Es ist ...

Artikelbild für den Artikel "WELCHE AUSWIRKUNGEN HATTE DIE CORONA-KRISE AUF DIE Sportlichkeit VON KINDERN?" aus der Ausgabe 2/2022 von schule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von schule. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Initiative PRO BILDUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Initiative PRO BILDUNG
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von DER BEIRAT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER BEIRAT
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von LESENLERNEN DIGITAL – APPS ZUR SPRACH-UND LESEFÖRDERUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESENLERNEN DIGITAL – APPS ZUR SPRACH-UND LESEFÖRDERUNG
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Die richtige Nachhilfe für unser Kind
Vorheriger Artikel
Die richtige Nachhilfe für unser Kind
WAS WIR VON UNSEREN Kindern LERNEN KÖNNEN
Nächster Artikel
WAS WIR VON UNSEREN Kindern LERNEN KÖNNEN
Mehr Lesetipps

... offensichtlich, dass bestimmte Bewegungsabläufe nicht gelernt und Bewegungserfahrungen nicht gemacht wurden, weil in den letzten zwei Jahren einfach sehr, sehr viel auch in diesem Bereich auf der Strecke geblieben ist.

Persönlich gehe ich davon aus, dass man die Auswirkungen langfristig noch merken wird. Und ich gebe Martin komplett recht, dass sich die Bereitschaft von Schülerinnen und Schülern, sich im Sportunterricht anzustrengen, enorm verringert hat.

„DAS THEMA BEWEGUNG MUSS GLEICHBERECHTIGT NEBEN DIESEN KOGNITIVEN FÄHIGKEITEN SEIN.“

Florian Nuxoll: Welche Konsequenzen muss man als Schule ziehen? Muss Sportunterricht in den nächsten Jahren anders aussehen als vor Corona?

Martin Schall: In der Schule muss man aufpassen, dass man jetzt den Fokus nicht ausschließlich auf Mathematik, Deutsch, die Fremdsprachen und das Verpassen von binomischen Formeln oder von Grammatik legt und lediglich die kognitiven Inhalte nachholt. Das Thema Bewegung muss gleichberechtigt neben diesen kognitiven Fähigkeiten sein. Konkret bedeutet das, dass man nicht nur vermeintliche Lernrückstände, sondern auch Bewegungsrückstände aufholen muss. Kinder und Jugendliche brauchen zusätzliche Bewegungsangebote.

Isabelle Baumann: Das geht natürlich nur, wenn eine Schulleitung auch dahintersteht. Es gab Schulleitungen, die in den bisherigen Lockdowns oder Phasen des Wechselunterrichts sofort den Sportunterricht eingestellt und die SportlehrerInnen in anderen Funktionen eingesetzt haben. Der Bewegungszeitraum von Kindern ist generell schon viel, viel, viel zu gering. Wenn mir ein Fünftklässler oder eine Fünftklässlerin sagt, er bzw. sie gehe zum Fußball und spiele Tennis, dann muss man überlegen, dass es vielleicht zweimal Fußballtraining und einmal Tennis sein werden. Das sind vier Stunden pro Woche. Wenn dieses Kind sich nicht anderweitig bewegt, motiviert durch Eltern oder eben durch den Sportunterricht in der Schule, dann ist das viel zu wenig.

„AUCH PAUSEN SIND EINE SEHR GUTE MÖGLICHKEIT, MEHR BEWEGUNG ZU ERMÖGLICHEN.“

Florian Nuxoll: Müssen Eltern also darauf achten, dass man Lernrückstände nicht auf Kosten von Bewegung oder Sport aufholt, sondern vielmehr auch gezielt Bewegungsrückstände der Kinder angehen?

Isabelle Baumann: Ich glaube, in diesen jungen Jahren, in denen die sportmotorische Entwicklung die allgemeine Entwicklung nicht nur unterstützt, sondern massiv vorantreibt, ist Bewegungsarmut ein sehr großes Problem.

Florian Nuxoll: Was können Schulen ganz konkret machen, um mehr Bewegung nicht nur in den Sportunterricht, sondern in den Schulalltag an sich zu bekommen? Sollte man längere Pausenzeiten einführen, sodass die Kinder länger draußen sind beim Spielen?

Martin Schall: Ein Schulbetrieb, gerade bei großen Schulen wie unserer, kann nicht einfach über den Haufen geworfen werden. Bewährte Programme, wie z. B. Jugend trainiert für Olympia, pausieren, ebenfalls viele Sport-AGs. So bald wie möglich muss man diese Angebote wieder ermöglichen und zusätzliche attraktive Angebote machen. Und ja, auch Pausen sind eine gute Möglichkeit, mehr Bewegung zu ermöglichen. Während der Pandemie haben viele Schulen, genau wie wir, die Schülerinnen und Schüler während der Pausen nach draußen geschickt. Das wurde zwar aus Infektionsschutzgründen gemacht, hatte aber sehr positive Auswirkungen auf die Bewegung. Man sollte zumindest überlegen, diese Pflicht, nach draußen zu gehen, beizubehalten, und zusätzlich den Aufenthalt außerhalb des Schulgebäudes attraktiver gestalten. Wir überlegen gerade, z. B. alle Klassen der Jahrgangsstufen 5, 6 und 7 mit einem Klassen-Fußball und einem Klassen-Basketball auszustatten. Zusammen mit dem Hinweis, dass die Pause draußen auch eine bewegte Pause sein sollte. Hier ist jede einzelne Schule gefordert, zu schauen, wo man hier zehn Minuten und da zehn Minuten Bewegung für die Schülerinnen und Schüler ermöglichen kann. In der Summe können solche kleinen Phasen viel bringen.

„ICH BIN IMMER FROH, WENN VERTRETUNGSUNTERRICHT, DER NICHT ORGANISIERT WURDE, GENUTZT WIRD, UM RAUSZUGEHEN.“

FOTOS: PRIVAT

Isabelle Baumann: Spielen in den Pausen ist das eine. Das andere wäre die sinnvolle Nutzung ungeplanter Vertretungsstunden. Ich bin immer froh, wenn Vertretungsunterricht, der nicht organisiert wurde, genutzt wird, um rauszugehen. Entweder zum Spielen oder einfach zum Spa-zierengehen. Lieber ist man eine Stunde draußen in einer leichten Bewegung, als dass man sich mehr oder weniger ziellos im Klassenzimmer aufhält. Das gilt natürlich nur für Vertretungsunterricht, der nicht organisiert worden ist.

Wenn es Material und Arbeitsaufträge für die Klasse gibt, sollte natürlich Unterricht stattfinden. Aber ich weiß genau, es kommt immer mal wieder aus verschiedenen Gründen zu Vertretungsstunden, für die nichts im Vorfeld organisiert wurde.

Florian Nuxoll: Haben Sie noch weitere Vorschläge, wie man Schülerinnen und Schüler zu mehr Bewegung in den Pausen animieren kann?

„ES IST AUCH WICHTIG, DASS ES AUF SCHULHÖFEN BASKETBALLKÖRBE, TISCHTENNISPLATTEN UND ANDERE ANGEBOTE GIBT, DIE VON DEN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN FÜR VERSCHIEDENE SPIELE GENUTZT WERDEN.“

Martin Schall: Es hilft sehr, wenn es in der Pause ein angeleitetes Angebot gibt. Bei uns an der Schule setzen wir dies mit unseren Sport-Profilklassen um. Sie organisieren in den Pausen Turniere und kleine Wettkämpfe. Es ist auch wichtig, dass es auf Schulhöfen Basketballkörbe, Tischtennisplatten und andere Angebote gibt, die von den Schülerinnen und Schülern für verschiedene Spiele genutzt werden. Man kann in den Pausen auch z. B. Badmintonschläger oder Spikeball-Sets ausgeben. Gerade Spikeball hat sich bei den älteren Jahrgängen als sehr beliebtes Angebot etabliert.

Florian Nuxoll: Solche angeleiteten Angebote kann man sicherlich auch an Schulen durchführen, die keine Sport-Profilklassen haben, oder? Könnte man einfach ältere Jahrgänge bitten, Turniere für jüngere zu organisieren?

Martin Schall: Ja klar, das können höhere Klassen machen oder die SchülerInnenmitverwaltung. Jede Schule sollte schauen, welche SchülerInnengruppen dafür aktiviert werden können.

Isabelle Baumann: Ich möchte noch einmal herausstellen, dass das verpflichtende Nach-draußen-Gehen in den Pausen sehr wertvoll ist. Solch eine Schulregel ist zwar, gerade am Anfang, mit einem gewissen Aufwand verbunden – Pausenaufsichten sind die ganze Pause damit beschäftigt, Schülerinnen und Schüler, die in irgendwelchen Ecken sitzen, nach draußen zu schicken –, aber seitdem die Pausen draußen verbracht werden, bewegen sich die Kinder und Jugendlichen wesentlich mehr. Inzwischen sehen wir, dass es auch sehr gut angenommen wird. 90 bis 95 Prozent der Schüler und Schülerinnen gehen sofort zügig raus und halten sich dann auch gerne draußen auf.

Florian Nuxoll: Wie sollte aus Sicht eines Sportlehrers oder einer Sportlehrerin Schule in fünf bis zehn Jahren aussehen?

Isabelle Baumann: Da wird sich leider nicht viel ändern lassen. Mein Wunsch, unabhängig von der Pandemie, ist schon seit Jahren, dass wenn man Ganztagsunterricht hat, wenn Schülerinnen und Schüler also schon von 8 bis 16 Uhr oder länger in der Schule sind, dann sollte das Sportangebot in der Schule dem angelsächsischen System angeglichen werden. Am Nachmittag ist man dort entweder mit Schauspielen, Musizieren oder Sporttreiben beschäftigt, und Schulmannschaften verschiedener Schulen treffen sich zu Wettkämpfen. Solch ein Konzept wäre aus schulischer Sicht und aus gesundheitlicher Sicht wünschenswert. Es würde übrigens auch dem Leistungssport in Deutschland helfen.

Martin Schall: Zunächst muss man überhaupt wieder den Zustand herstellen, wie er vor der Pandemie war. Das wird deutlich mehr Zeit kosten als die zwei Jahre, die wir in Lockdowns und Wechselunterricht selbst verbracht haben. Bis wir das frühere Niveau an Bewegungsintensität, schulischen Wettkämpfen und Aktivitäten in Sportvereinen wieder erreichen, brauchen wir doppelt so viel Zeit, wie die Pandemie dauert.

Hier sind besonders die Grundschulen gefragt. Dort ist der Spielraum etwas größer, und es sollte darauf geachtet werden, vermehrt Bewegungsangebote zu machen. Die Kinder müssen sich daran gewöhnen, dass Sport auch außerhalb des Sportunterrichts stattfindet. In dem Alter werden jegliche Angebote sehr positiv aufgenommen und sind bei den allermeisten Schülerinnen und Schülern mit Spaß verbunden.

ISABELLA BAUMANN

Abteilungsleiterin an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen, verantwortlich für den Sport an der Sportprofilschule.

MARTIN SCHALL

Schulleiter des Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen.

FLORIAN NUXOLL

Beiratsmitglied bei Pro Bildung Schule. Englischund Gemeinschaftskundelehrer am Gymnasium der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen.