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WELCOME TO WANDALAND


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 13.09.2022
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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2022

ZURÜCK ZU HAUSE Manuel Poppe, Reinhold Weber, Marco Wanda und Valentin Wegscheider (von links) im Chelsea ? wo vor acht Jahren alles begann

Marco Michael Wanda, 35, sitzt in geripptem Unterhemd und Ankle Boots an der Bar. Er sieht sich um und grinst. „Es ist wirklich sehr arg, wieder hier zu sein, weil mein Leben von damals nichts mehr mit dem von heute zu tun hat.“

Marco, bürgerlich Michael Marco Fitzthum, ist der Frontman von Wanda, der erfolgreichsten Band Österreichs. Für The Red Bulletin kehren Wanda an den Ort zurück, an dem alles begonnen hat: in den Indie-Club Chelsea in den Wiener Gürtelbögen.

Im Chelsea haben Wanda vor acht Jahren ihr Debütalbum „Amore“ präsentiert. Vor etwa 200 Menschen. Die Band gab ihre ersten Autogramme. „Wir dachten, mehr geht nicht, mehr kann man als Musiker in Österreich nicht erreichen“, sagt Marco. Heute füllen Wanda ganze Stadthallen in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Und am 30. September erscheint ihr fünftes Album, „Wanda“. Im Herbst geht es auf ausgedehnte Tour.

Aber – wer ist Wanda? Und ...

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... wie viel haben die Musiker heute noch mit der Band von vor zehn Jahren gemein? Wir sprechen zunächst mit Marco Wanda über das neue Album, Existenzängste und das Verhältnis zu seiner Mutter. Dann mit der ganzen Band über toxische Beziehungen und darüber, wer sie heute wohl wären, wenn das mit der Musik nichts geworden wäre.

THE RED BULLETIN: In wenigen Wochen kommt euer neues Album „Wanda“ heraus. Zufrieden damit?

MARCO WANDA: Ja, zum Glück. Unser letztes Album „Ciao!“ finde ich aus heutiger Sicht schlecht, die neue Platte ist wieder ganz gut. Ich habe mich lange gefragt, ob ich überhaupt noch etwas zu sagen habe. Die Frage kann ich definitiv mit „Ja“ beantworten. Ich habe mir mit den Texten so viel Mühe gegeben wie schon lange nicht mehr. Ich hoffe, dass das auch andere so wahrnehmen. Das Setting bei diesem Album war auch ganz besonders. Wegen Corona mussten wir unsere Tour abbrechen, wir sind nach Hause geflogen – und plötzlich stand ich vor den Trümmern meines Lebens.

Wieso war alles so schwierig bei dir?

Ich konnte plötzlich nicht mehr auf der Bühne stehen – doch das war für mich davor alles. Also habe ich mich in mein Privatleben gestürzt und bemerkt, dass es kein Privatleben mehr gibt. Ich musste mir also eine neue Existenz erkämpfen, wieder in ein Leben zurückfinden und mich mit meinem Inneren konfrontieren. Darüber habe ich auf dem neuen Album geschrieben. Der Prozess war ergiebig, jetzt habe ich fast schon wieder ein weiteres neues Album fertig. In Wahrheit ist mein ganzes Leben eine ewige Suche nach dem nächsten guten Song. Dieses Gefühl befriedigt mich wie nichts anderes.

„Unser letztes Album war schlecht, das neue ist gut. Aber ich fragte mich: Habe ich noch was zu sagen?“

MARCO WANDA, FRONTMAN

„Wenn Wanda nicht geklappt hätte, wäre ich bei der Gemeinde Wien – zuständig fürs Blumengießen.“

Bassist Reinhold Weber, hier ganz links mit dem Knie in der linken Hand, über seine beruflichen Interessen jenseits der Musik

Spürst du heute noch so etwas wie Erfolgsdruck?

Nein. Nach all den Jahren bin ich vor allem dafür dankbar, dass wir ein fünftes Album bei einem deutschen Major-Label herausbringen dürfen. Es gibt den Anspruch, gute Songs zu machen und Texte zu schreiben, die etwas über das Leben aussagen, die so noch nicht formuliert wurden. Ich möchte, dass unsere Musik den Menschen einen Gewinn bringt, geistig, seelisch oder auch körperlich. Sonst haben wir keine Berechtigung, auf der großen Bühne zu stehen. Du musst den Leuten etwas bieten, eine Stütze sein. Ich höre bei Autogrammstunden so oft Geschichten von Fans, denen die Musik in gewissen Momenten über schwere Krisen hinweggeholfen hat. Wenn mir alles zu viel wird und ich keine Lust mehr auf das Musikbusiness habe, denke ich an genau diese Leute.

Was machst du eigentlich als Ausgleich zum Musikbusiness?

Zeit mit sehr wenigen, ausgewählten, lieben Menschen verbringen. Das ist die einzige Möglichkeit, um nicht den Verstand zu verlieren. Trotzdem kann ich fast nie aufhören, an Musik zu denken, Songs und Texte zu sammeln. Ich weiß gar nicht, wie sich eine Pause anfühlt, weil ich so etwas in den letzten zehn Jahren gar nicht hatte, aber das ist okay. Ich habe immer noch die Freiheit, das zu tun, was ich wirklich will. Vielleicht werde ich nie sagen können, dass ich übermorgen auf Mallorca und die Woche darauf in der Toskana bin. Dafür werde ich aber übermorgen auf einer Bühne stehen – und das ist am Ende alles, was ich will.

„Viele mochten uns nicht – wir waren großkotzig und haben uns an keine Regeln gehalten.“

MANUEL POPPE, GITARRIST

Gibt es dennoch so etwas wie einen Sehnsuchtsort, über den du sagst: Da würde ich gerne einmal in meinem Leben hinreisen?

Ich habe gar nicht die Zeit, mir so etwas zu überlegen. Ich bin dort zufrieden, wo ich gerade bin, habe die Welt schon bereist.

Tatsächlich?

Ich war vor Wanda ein Tramper, bin per Autostopp quer durch Europa gefahren, war in England, Frankreich, habe einige Zeit in Kairo gelebt. Am Ende ist die Welt überall gleich. Menschen stehen auf und überlegen sich, wie sie den Tag durchstehen, und dann gehen sie wieder schlafen. Ich bin kein welthungriger Mensch, das war ich vielleicht einmal. Heute suche ich viel mehr die Ruhe, einen Hafen, eine Art Heimat.

Im Song „Rocking in Wien“ erfahren wir, dass jetzt alle um dich gesünder leben und im Park joggen gehen. Du machst selbst keinen Sport?

Man darf die Rolle, in die ich schlüpfe, nicht mit meiner Person verwechseln. Oft beobachte ich die Welt aus der Sicht eines anderen Menschen. Aber ehrlich: Einen Rockmusiker zu fragen, ob er Sport macht, finde ich schon sehr langweilig.

Ich glaube, dass das manche Leute da draußen interessieren würde, wie weit die Bühnenfigur vom echten Marco Wanda entfernt ist.

Mag sein, ich finde es endlos langweilig.

Die berühmten italienischen Wortfetzen gibt es auch auf dem neuen Album. Wie gut kannst du die Sprache eigentlich?

Nicht gut. Ich war mal in einem italienischen Kindergarten, aber ich habe fast alles verlernt. Ich verstehe zwar noch fast alles, kann aber nicht gut reden. Ich wünschte, ich könnte Italienisch so gut wie meine Mutter.

Auf dem neuen Album wird übrigens nur ein einziges Mal die „Mama“ besungen. Hat sich da etwas in deinem Leben verändert?

Tatsächlich? Das weiß ich gar nicht. Wahrscheinlich hatte ich ein unglaublich großes Problem mit meiner Mutter, das mittlerweile aus dem Weg geräumt ist. Nur so kann ich mir das erklären.

Wir sind im Chelsea. Fast jeden Tag spielen hier Bands vor einem kleinen Publikum. Was würdest du einer Band mitgeben, die auch so erfolgreich werden möchte?

Spielt jedes Konzert, als wäre es das letzte. Das ist die Attitude, die du brauchst. Wir haben damals alles aufgegeben: die einen Jobs, die anderen die Uni. Aber es ist alles noch viel komplizierter. Wenn du erfolgreich sein willst, muss jeder in der Band daran glauben. Wir sind damals tief eingetaucht in den Kosmos der Wiener Indie-Clubs, wie dem Chelsea. Das war unsere Welt, für uns gab es nichts anderes, wir haben das geatmet und sind auch abseits unserer Konzerte immer dort gewesen. Aber so etwas kann ich ja auch niemandem raten, das muss in deiner DNA stecken. In Wahrheit brauchst du ganz viel Glück, musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, mit den richtigen Menschen arbeiten und mit den richtigen Menschen Musik machen.

„Und dann ist Marco runter an die Bar auf einen Drink – und wir spielten weiter, bis er wieder da war.“

REINHOLD WEBER, BASSIST

Welchen Job hattest du, als du noch kein Geld mit der Musik verdient hast?

Einige Zeit habe ich bei McDonald’s gejobbt, dann wieder für eine Firma Aufzugteile von A nach B geschleppt. Als ich das alles geschmissen habe, um nur noch Musik zu machen, habe ich mich vorübergehend bei Freunden oder meiner Familie, so gut es ging, durchgeschnorrt.

Gibt es Leute, die sagen würden: „Früher war Marco Wanda ein netter Typ, heute ist er völlig abgehoben.“

Es ist umgekehrt: Vor zehn Jahren war ich ein unausstehlicher Typ, der die Kunstfigur Marco Wanda auch abseits der Bühne gelebt hat. Ich war eine saufende Rock ’n’ Roll-Maschine. Wanda hat immer den Exzess gelebt und die Szene damit gewaltig provoziert. Wir waren großspurig, laut, unfreundlich, schrecklich arrogant. Während andere schüchtern mit dem Rücken zum Publikum auftraten und sonst unglaublich nette Typen waren, standen wir breitbeinig da, taten so, als seien wir die Allergrößten. Das war natürlich alles gespielt. In Wahrheit hatten wir Todesangst, dass das alles nicht funktioniert. Ich würde sagen, dass wir heute einigermaßen reasonable sind.

Jetzt tut sich was. Die anderen Bandmitglieder trudeln ein. Der Gitarrist Manuel „Manu“ Poppe, 36, der Bassist Reinhold Weber, 32, und der Drummer Valentin Wegscheider, 33, der vor dem Durchbruch von Wanda die Band verlassen hatte und 2020 wieder eingestiegen ist. Nur einer fehlt: der Keyboarder Christian Hummer. Vom Wanda-Management gibt es kein Statement, bloß eine kurze Erklärung: Wanda bestehe aus vier Mitgliedern, Marco, Manuel, Reinhold, Valentin. Die Band möchte nicht darüber sprechen.

Im Chelsea habt ihr euer Debütalbum „Amore“ präsentiert. Könnt ihr euch überhaupt noch an den Gig erinnern?

REINHOLD WEBER: Dunkel. Wir haben hier unsere ersten Autogramme geschrieben, jemand hat für uns Platten und Wanda-Stofftaschen verkauft. Im letzten Song ist Marco einfach zur Bar gegangen und hat Schnaps getrunken. Wir haben einfach so lange weitergespielt, bis er wieder da war.

MANUEl POPPE: Ich hatte Angst, dass nicht genügend Leute kommen, und hab ständig nachgesehen, welche Konkurrenzveranstaltungen es in Wien an dem Abend gibt. Die Sorge war unbegründet.

MARCO WANDA: Wir haben damals in so ziemlich allen Clubs am Wiener Gürtel gespielt, nicht nur im Chelsea. Die Message war klar: Punk und Rock ’n’ Roll – sei du selbst – mach dein eigenes Ding. Der Rest war egal. Dass wir das Chelsea ausverkauft haben und nachher die ersten Autogramme gegeben haben, war für mich der absolute Höhepunkt meiner Musikkarriere. Ich hatte keine Vorstellung davon, wohin die Reise noch gehen würde. Ehrlich gesagt haben wir nicht nur gute Erinnerungen an diese Anfangszeit von Wanda.

Was waren die negativen Seiten?

MANUEL POPPE: Wir haben uns schwergetan mit der Indie-Szene, die immer Toleranz und Individualität gepredigt hat, aber einen sehr engen Horizont hatte. Viele mochten uns nicht, weil wir großkotzig waren und uns an keine Regeln gehalten haben.

MARCO WANDA: Viele Clubs am Gürtel wollten nicht, dass wir bei ihnen spielen, obwohl das Publikum gekommen wäre. Das war schon verrückt. In Wahrheit wollten wir aus dieser Welt fliehen, wollten so schnell wie möglich weg von hier, weil uns diese elitäre Art der Szene so angekotzt hat. Viele haben uns gehasst und wollten uns am liebsten scheitern sehen.

Zehn Jahre sind seither vergangen. Wie würde heute eine Familienaufstellung von Wanda aussehen? Wer ist konfliktfreudig, wer geht den Diskussionen eher aus dem Weg?

Reinhold Weber: : Das lässt sich nicht so leicht sagen, die Rollen innerhalb der Band wechseln ständig.

„Eigentlich habe ich schon alle Jobs ausprobiert, war sogar im Brückenbau beschäftigt.“

VALENTIN WEGSCHEIDER, DRUMMER

MARCO WANDA: Es gibt viele Bands, die in toxischen Beziehungen leben. Man kann dort schnell landen, wenn der Erfolg da ist und Alkohol und Drogen im Spiel sind. Wir waren einmal an diesem Punkt, das haben wir überwunden. Es gibt bei Wanda keine Lager mehr, keine Psychologie mehr, bei uns hat das aufgehört, warum genau, kann ich auch nicht sagen. Es ist einfach passiert, und das ist gut so.

Was wären die Mitglieder von Wanda, wenn das mit der Musik nichts geworden wäre?

REINHOLD WEBER: Ich sehe manchmal Mitarbeiter der Gemeinde Wien, die den ganzen Tag mit einem Auto mit Wassertank herumfahren und Bäume und Blumen gießen. Das würde mir sehr gefallen.

VALENTIN WEGSCHEIDER: Ich habe ohnehin schon alle Jobs ausprobiert, war jahrelang in der Gastro, habe auch Brücken gebaut, das Schlagzeugspielen ist aber der rote Faden in meinem Leben.

MANUEL POPPE: Ich wäre gerne Tischler, würde gerne mit Holz arbeiten, aber das geht nicht nebenbei. Die Gefahr, dass ich mir dabei die Hände verletze, ist zu groß.

Marco Wanda: Also, ich wäre ganz sicher kein Krimineller, dafür habe ich zu hohe moralische Werte. Ich glaube aber nicht, dass das mit mir ein gutes Ende genommen hätte. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich mich als ein funktionierendes Rad eingliedere in diese Arbeitswelt und durchgeplante Gesellschaft.

Am 30. September erscheint ihr fünftes Album, „Wanda“. Infos zur Tour auf: wandamusik.at